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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-09 · Heft 45 (9.11.1900) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 45 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
Seite 530 (sequence 4)
Language
German
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630 schiedenheit der Interessen heraus. Die Evangelischen dominiren hier in sämmtlichen Fächern. Alls dem geringen Interesse, das die Katholiken an der wirthschaftlichell Entwickelung lmd Wohlfahrt nehmen, will der Verfasser beweisen, daß ihre wirthschaftliche Schwäche kein Zufall ist, sondern mit ihrer religiösen Entwickelung in engem Zllsammenhange steht. Es wird durch diese Zahlen au sich wie auch im Vergleich mit bellen an den Universitäten der Eindruck erregt, als entbehrten die Katholiken vielfach der sicheren Fühlung mit den Vorgängen des Wirthschaftslebens, der wirthschaftlichell Kraft und damit des wirthschaftlichen Bedürfnisses ulld der lvirthschastlichen Nachhaltigkeit. Zum Schluß wird alsdann ill eingehender Weise vom Verfasser dargelegt, lvie im Einzelnen die verschiedenen Berufsstände als Wirthschaftsfaktoren über ihre Studienkräfte verfügen. Es kann gerade nicht behauptet werden, daß die Stände oder auch die Konfessionen von der Gelegenheit Gebrallch machen, die Schäden ihrer Art des Studienzugallges durch die Art ihrer Studiellwahl ill etwas zll mildern, wenngleich sie doch hierdurch die aus ihnen hervorgehenden Kräfte in Bahnen lenken könnten, auf beneu dieselben wieder entsprechenden Nutzen auf ihren Herknnftskreis auszuübell ilu Stailde sind. Die Söhne der Kaufleute wellden sich in der katholischen Kollsession noch stärker als in der evangelischen deiil juristischenStudillM zll. Weitstärker tretendieDisfererlzenill den Interessen beiderKollfefsiollen beim Handwerkerstande hervor. Mehr als die Hälfte der katholischen Studellten erwählt hier die Theologie zum Studium gegenüber nur V5 der evangelischen, wie denn im Ganzen der Handwerkerstand lllehr für die herkömmlichen, als für die im Vordergrlinde des modernen Entwickelungslebens steheilden Fächer eingenommen ist. Aus-dem Bauernstallde widmen sich zwei Drittel aller katholischen Studirendell der Theologie gegenüber schwach einem Drittel der evangelischen. Von sämmtlichen 109 all der Technischell Hochschule ftudirenden Landwirthssöhnen hat sich dagegen mrr ein einziger das Stlldiulll der Agrikultur zum Ziel gesetzt. Bei den Jndllstriellelr findet eine vollständige Umkehrung der Verhältnisse statt. Hier wird mit dell Faktoren der Produktion llnd des Umsatzes gerechnet, Thun und Lassen ist nach rationellen Prinzipien bemessen. Der Einfluß der Konfession auf die Studienwahl hört hier fast vollständig ans, während er bei den wirthschaftlich schlvächer stehendeil Berufen noch ein sehr starker war. Für die Beamten, Rentner. Lehrer und niederen Bediensteten ist ebeilsalls noch interessantes Zahlenmaterial beigebracht, alls bem klar hervorgeht, daß bei Betrachtung der Stndienzllgänge die wirthschaftliche Lage vor dem religiösen Antrieb allsschlaggebend ist. Zum ersten Male ist an der Halld statistischer Zahlen, die nur leider auf ein territorial eng begrenztes Gebiet beschränkt sind, ein innerer Zusammenhang zwischen Glalibensbekeniltniß und Studinlll aufgedeckt worden. Es wäre alißerordentlich wünschenslverth, weull dieses interessante Zahleunlaterial, das durch die lvisselischaftliche Pivnirarbeit zll Tage gefördert worden ist, eine Ergällzung durch gleiche Untersuchungen an anderen Universitäten finben würde, und hierdurch eine Besserung offellsichtlicher, von der Konfession aber völlig ullabhällgiger Schäden eingeleilet würde. Es kann nicht weiter Wunder llehnlen, daß der „Kreuzzeitung" die Kollstatirilng der wirthschaftlichell Sllperiorität der Juden und deren int Verhältnis; zll ihrer Eesammtzahl größere Betheiligung all den höherell Stlldien nicht genehm ist, ebenso wenig lvie die Erklärttng. welche der Verfasser hierfür angiebt. Das Organ der Junker ltiib Edelstell erachtet den Vergleich zwischen Juden und Christen als falsch behandelt, da es sich bei detl Juden unt die Verschiedenheit der Rasse handele und nicht um die Konfession wie zwischen Christen und Katholiken. Hätte der Verfasser diesen Weg eingeschlagen, so hätte dem Buche der Vorzug gefehlt, den es bei allen verständigen und vorurtheilsfreien Interessenten gelließen wird, daß dieFrequentirung der Hochschulen durch die einzelnen ffoufeffioiteit einmal von einer höheren Zinne als vom Standpunkte einseitiger und engherziger Parteikritik in klarer und beweiskräftiger Weise beleuchtet worden ist. Me Woche. Berlin, 7. November. f ie beiden Prozesse in Pollta und Pisek haben auch in dieser Woche ihren Fortgang genommen. Immer neue Zeugeil werden vorgeführt, und es ist schon die Klage laut geworden, daß sich die Sachen immer mehr verwirren, als entlvirren. Auch die Vermtlthung. daß es gewissell Kreisen gerade um eine solche Verwirrung sowie auch unl eine Verschleppullg der beiden Prozesse zu thun sei, ist lviederholt schon ausgesprochen worden. Wie dem aber auch sei, wir müssen mit unseren Ansichten zurückhalten, bis die Entscheiduilg gefallen ist. Bis dahin müssen wir ults an die Lehre des jüdischen Philosophen halten: Man muß die Dinge nicht belachen und nicht beweinen, solldern zu begreifen versuchen. Und von diesem Standpunkte aus begreifen wir es sehr wohl, wenlt die Gegner im Kouitzer Prozeß ailgesichts der j Sachlage sich mit aussichtslosen Anträgell sputen. Wie ihr Leiborgan schreibt, hat jetzt der Bauunternehmer Winter- Prechlau dem Rechtsanwalt Dr. Hahn-Charlottenburg die weitesten Vollmachten zllr Wahrrlehulung seiner Interessen in > der Angelegenheit der Ermordung seines Sohnes Ernst ertheilt.! „Aus Grund des in dem Prozesse gegen Maßlos neu hervor- 1 getretenen Belastungsmaterials hat Rechtsanwalt Dr. Hahn-Charlottenburg im Aufträge Winters dem Ersten Staatsanlvalt am Landgericht Könitz eine Strafanzeige gegen Fleischernleister Adolf Lewy wegen Mordes, beziehungsweise Beihilfe zum Morde und Meineides und gegen beu Fleischergesellen Moritz Lewh wegen Mordes beziehungsweise Beihilfe zum Morde überreicht. Gleichzeitig hat Dr. Hahn, da angeblich Fluchtverdacht und der Verdacht besteht, daß weitere Spuren der That vernichtet oder Zeugeil itnb Mitschuldige zu einer falschen Aussage verleitet werden, die sofortige Verhastllng des Adolf Lewy ln-an tragt." Ferner soll Winter beabsichtigen, ill der Angelegenheit, welche die Strafanzeige ulld den Haftantrag gegen dell Tempeldiener Nossek-Konitz und den Schlächter Eisenstädt-Prechlan betrifft, sich zur Beschleunigung des Verfahrens an den Justizminister zu wenden. Fleischerlueister Hoffnianll-Konitz hat nach derselben Quelle aus Anlaß der voll dem Oberstaatsanwalt Lantz im Prozeß Maßlos gegen ihn gerichteten Angriffe gegen diesen dell Rechtslveg beschrittell und mit seiner Vertretung gleichfalls den Rechtsamvalt Dr. Hahn betraut. Wie mau sieht, droht noch ein ganzer Rattellkönig von Prozessen in dieser Sache. Und das Alles verdankt die gute Stadt Könitz ihren Lieben Antisemiten! * @111 sehr lehrreiches Bild gewährt uns eine Nachwahl für den Reichstag, und zwar die in Meseritz-Bomst, wo ein Konservativer und ein Pole einander gegenüberstehen und ein Antisemit als dritter Kandidat aufgetreten. Natürlich ist in diesem Falle der Konservative ein warmer Freund der

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