Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 34 (20.3.1838)
- Date
- 1838-03-20
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Corresp'ondenzen, Anszüge, Repliken. Paris, den 20. Februar. Anm. Die Redaction bemerkt vor der weitern Mittheitung dieser Correspondenzsrtikel, daß daö Princip, auS welchem sie geschrieben sind, den geehrten Lesern wol klar ist, nemlich daö der unerbittlichen Strenge gegen alle Hindernisse der CultuS- und Schul-Reformen. Etwaige Entgegnungen, aber nur aus Frankreich selbst, ist sie aufzunehmen gern gewittig, da sogar der Correspondent selbst dies wünscht, weil die Discussion nicht ohne bedeutsamen Erfolg bleiben kann. Die Rcdaction. Französische Israeliten *)♦ Dritter Artikel. Der Elsaß. Dieses Land ist, verglichen mit Frankreich, ein Land für sich; nicht etwa nach Verhältnis des Patriotismus seiner Bewohner — es sind berühmte Generäle, rechtliche und aufgeklärte Beamte, geschickte Administratoren und Dichter, deren sich die deutsche Muse rühmt, und die Frankreich durch Denkmäler ehrt °°), daraus hervorgegangen. Aber der Elsaß, obgleich mit Frankreich seit 1697 vereinigt, unterscheidet sich von diesem durch seine Sitten, durch seine Sprache, durch seine Gebräuche; Alles erinnert an den deutschen Ursprung. Die Israeliten nehmen an dieser Verschiedenheit Theil und im Allgemeinen nicht eben im besten Sinne. Dort findet man, um kurz zu reden, das schöne Ideal deS Mittelalters; einige Individuen haben zwar dem Fanatismus entsagt, aber sie gehören nicht mehr der Synagoge an, und über den Gewissensstand wollen wir allerdings hier keine Prüfung anftellen; andere leiden an der Krankheit des Jahrhunderts, dem Indifferentismus, jedoch besitzt der größere Theil der Juden im Elsaß ein Judenthum ohne Aufklärung und die Gegenwart verspricht wenig für die Zukunft. Der Elsaß besteht aus dem Departement des Oberrheins und dem Departement des Niederrheins. Die Hauptstadt des Oberrh<ins ist Colmar; dort befindet sich der Sitz eines Consistoriums. Der Großrabbiner, Herr Seligmann, früher Rabbiner in Pfalzburg, gilt für einen tüchtigen Hebräer, er hat zwar bis jetzt noch nichts veröffentlicht, und im Elsaß selbst glaubt man, daß er nicht fortschreite. Die Mitglieder des Consistoriums sind Conflstorialmitglieder, d. h. ein für allemal gesagt, Leute, welche Vermögen, Ungezwungenheit und eine starke Dosis Selbstgenügsamkeit, verbunden-mir gänzlicher Unzulänglichkeit, erlangt haben. Man urtheile nun, ob sie auf diese Weise die nöthigen Einsichten haben, um eine vernünftige Reform dieses Culrus leiten zu können! Eine israelitische Schule mußte man haben, weil eS in Metz, in Paris, in Nancy rc. eine solche gibt, und weil in Frankreich auf den Dörfern, in den Flecken Elementarschulen bestehen; aber Colmar hat noch nichts über seine Schule veröffentlicht, und dieses Schweigen ist beredsam genug. Straßburg, Hauptstadt des Departements Niederrbein,ist ebenfalls der Sitz eines israelitischen Konsistoriums im Bezirke dieses Namens. Hinsichtlich der Mitglieder dieses Consistoriums gilt ebenfalls das schon oben Erwähnte. Der Name des Großrabbinen ist Herr Albert Acon; er ist noch jung, und ihm dient nicht, wre seinem Collegen in Colmar, daö Alter zur Entschuldigung, daß er nichts von dem Allen thut, was man von einem Großrabbinen der heutigen Zeit zu erwarten berechtigt ist; man sagt, er sei tolerant und ein rechtlicher Mann, das will aber nicht genug sagen. Wir müssen eines Schrittes erwähnen, der durch einige Straßburger Israeliten vor einigen Jahren gethan wurde. Sie hatten Dem Central-Consistorium eine Denkschrift eingereicht, . worin sie mehrer, im CultuS vorzunehmenden nützlichen Reformen, und namentlich der Abschaffung des zweiten Tages bei den Festen gedachten. Ihre Denkschrift ist in dem Archiv deS Confistoriumö liegen geblieben, wenn sie überhaupt noch existirt, und eine Antwort hätten sie doch wol verdient. Die Israeliten in Straßburg scheinen mehr Eifer zu zeigen, die Jugend zu unterrichten, als in Colmar. Auf ähnliche Weise wie in Metz und Paris haben sie eine Stiftung gegründet, um arme junge Glaubensgenossen in die Lehre zu bringen; die öffentlichen Berichte über diese Stiftung beweisen einen günstigen Fortgang. Doch der wahre Elsaß zeigt sich weder in Straßburg^ noch in Colmar; eine Menge kleiner Städte, als: Weißenburg, Hagenau, Pfalzburg, Winzenheim, Mühlhausen, Altkirch, und Dörfer wie: Mutzig, Westhofen, Bischweiler rc. sind der Sitz des hartnäckigsten Bigottismus und der krassesten Ignoranz. Dort herrschen Rabbinen, an denen die Civilisation unbeachtet vorübergegangcn ist; dort Haffen die Christen den Juden, der ihnen mit Gleichem vergilt. Der Haß des crsteren hat sich schon in Tbatsachen kund gegeben, der der letzteren hat sich häufig in Handlungen gezeigt, denen die Justiz nicht immer etwas anhaben, welche aber die öffentliche Moral nicht laut genug verdammen kann, und welche der französische Israelit mit nicht genug Energie brandmarken würde. Mögen indeß die Feinde der jüdischen Emancipation nicht triumphiren. Wir wiederholen es, der Elsaß ist ein Land für fich. So langem die Bewohner des Elsaß nicht von dem Gefühle der Gleichheit durchdrungen sind, welches dieFranzosen beseelt,so lange die israelitische Autorität in Uebereinstimmung mit der Landesautoritat nicht alle ihre Mittel aufbictet, um den Ideen zur Cultusreform in diesen Zusammenhäufungen israelitischer Familien, welche des Unterrichts entbehren und aus diesem Grunde den brennenden Herd des Fanatismus' bilden, mit Gewalt Eingang zu verschaffen, so lange endlich in der Hauptstadt nichts versucht werden wird, den israelitischen CultuS in französischer Sprache möglich zu wachen, so lange wird man über die Israeliten des Elsaß zu klagen haben. Wir stimmen nicht für harte Maßregelnwir wollen nicht, daß man in daö Lebendige hinein schneide, aber daß man von der Gleichheit Nutzen ziehe, eine Reform zu versuchen, die Israeliten des Elsaß auö ihrer Trägheit zu wecken, ihnen als Muster zur Nachahmung ihrer Glaubensgenossen in Deutschland, welche eines bessern Lohnes würdig sind, aufzustellen. Nichts steht zu hoffen von den Israeliten des Elsaß, so lange nicht von der israelitischen Kanzel herab die Worte, mit religiöser Ueberzeugung ausgesprochen, ertönen. „Unterscheidet in eurer heiligen Religion t daö „Wesentliche von dem Unwesentlichen, Lokalen und Temporären, „erfaßt den Kern deS Judenthums, um daraus ein zeitgemäßes „Israelitenthum zu bilden, seid Israeliten, aber seid eS, wie man „eS im 19ten Jahrhundert sein muß, wendet eure Capitalien an, „den Ackerbau zu beleben, die müßigen Hände so vieler eurer „Glaubensgenossen, die kein Gewerbe haben, zu beschäftigen." Befolgt man diesen Rath, so wird fich Alles anders im Elsaß gestalten; Alles wird sich dann von selber machen. Den Herd deS Fanatismus zu zerstören, nicht durch rohe Gewalt, sondern durch die Kraft deS Beispiels und durch das dem Menschen so natürliche Verlangen, eine ehrenvolle Beschäftigung zu finden, daö ist das Mittel, die Wiedergeburt des israelitischen Elsaß zu bewerkstelligen, Die Moral der Menge zu erheben, ihnen in einem Lande, denen Fruchtbarkeit anerkannt ist, Geschmack am Ackerbau einzuflößen, in diesem Geiste Preise auSzusetzen, das find die Pkirtel zum Heil; darin liegt die Reform des CultuS. — ») Vergl. No. 16 u. 19. D. Ned. ••) Pfieffel, dem seine GeburtLftadt Colmar ein Denkmal setzt. Der Corresp. Rcdacteur: vr. L. Philippson. — Verlag von Baumgärtners Buchhaudlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.