Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 weiter Blick, sicheres Urtheil. Initiative, unbeugsame Konsequenz und eine staunenswerthe Arbeitskraft, dazu ein jüdisches Herz. Wir beglückwünschen die badische Israeliten zu einem solchen Manne, der allen gebildeten deutschen Juden zum Vorbild bienen kann. Möge ihm noch eine lange Reihe voll Jahren segensreicher Wirksamkeit beschieden sein, uild nlöge er in der Arbeit, die er so sehr liebt, Genugthuung finden für manchen Angriff, der keinem führenden Geiste erspart bleibt- Möge insbesondere das große Hilfswerk für die minderbegüterten und hilfsbedürftigen Glaubensgenossen, das gegenwärtig in allen badischen Gemeinden vorbereitet wird, und das der hochherzigen Initiative des Herrn Dr. Mayer entspringt, von reichstem Erfolge gekrönt sein! Oesterreich - Ungarn. □I Wien, 29. Oktober. Die grenzenlose Spanilung, mit der wir die Ereignisse des Prozesses Hilsn er in Pisek begleiten, wo ein Unseliger um seine Freiheit kämpft, ein Ausgestoßener, ein Auswürfling der Gesellschast, ein verdorbenes Reis am Stamme Israels, drängt das Interesse an allen anderen Ereignissen in den Hintergrund. Es ist bis jetzt noch glücklicherweise nirgends zu Ruhestörungen gekommen, obwohl die antisemitischen Wühler stark an der Arbeit sind und keine Gelegenheit unbenützt lassen, ohne den Gang der Verhandlung zu ihrem Nutzen anszubeuteu imb die haarsträubendsten Lügen zu erdichten. (Seiber ist es nils nicht nlöglich, die Verhandlungen in extenso zu bringen, aber ein Resümee derselben iverden wir nach Abschluß des Prozesses veröffentlichen. Die Red.) Die Erwartung, daß der Prozeß einen nngestörten Verlaus nehmen werde, erwies sich als irrig. Scholl aur ersten Tage begann eine demollstrative Parteillahme und Einmischung des tschechischen Publikums in der Gerichtsverhalidlung durch höhllische Zwischenrufe und lärmende Kundgebllngen gegen den Vertheidiger. Ein tschechischer Journalist aus Prag gab dazu das Sigllal. Namentlich die weiblichen Zuhörer begailnen sich einzunleugerl. Auch die Vertreter der Mütter der beidell ermordeteil Mädchell, der bekannte Abgeordllete Dr. Bara und Dr. Pevny, reizen das Pliblikuni auf, indem sie fortwährend unter Zllstimnluug des Publikums audeuteten, daß beide Morde jüdische Ritualmorde seien. . Die Vertheidiger wurdell voll den Zellgen und Zuhörerll verächtlich behandelt; ein Zeuge rief denl Vertheidiger Hilsllers 31t: „Sie lügen!" Er wurde dafür in gerichtliche Untersuchung gezogell. Der Präsident des Gerichtshofes konnte diese Ausschreitungen nicht verhindern. Wie rnan sieht, läßt sich die Sache genau so an ivie in Tisza-Eßlar. wo eine gewisse Clique den ganzen Prozeß nach ihreur Wunsch zu dirigiren suchte. Ob Hilsner schuldig ist oder nicht, das werden die Verhandlungen erweisen; als lügnerische und gemeiile Verleumdungen müssen die AllsstreulUlgeil der Antisenliten gelten, daß die Juden selbst einen Mörder, wenn er zli ihnen gehört, voll der Strafe befreien loollell. Die Jlldell haben unl so weniger Grund dies zil thun, als sie, wiedie Krinlillalstatistik aller Lällder nachweist, voll alleil Elationen Diejenigen sind, welche den kleinsteil Prozelltsatz von Verbrechern am nlenschlicheil Leben lieferil, abgesehell davoil, daß Hilsner durch feine Abstammung — fein Vater ist nicht Jude — eigentlich gar nicht 311 ihneir gehört. Großbritannien. 0 Bradford, 28. Oktober. In der letzten Woche starb hier Moritz Fürst eil h ei m, ein Mann der alten Gard" und ein Typus derjeiligeu Juden, die. aus Deutschland ilach Englaild ausgewandert, das Judenthum in sterilelil Bodeii anpflanzten und zur Blüte uild Frucht brachten. Vor nngesähr vierzig Jahreil ausKüstrin, ivo er das Gymnasiunl besuchte, und Berlin nach Bradfort komnlend, arbeitete er sich uiiter schlvierigen Verhältnissen ziml hochgeachteten Kaufmann empor. Er schloß sich bald einigen gutgesinnten Israeliten an, um eitlen jüdischell Begräbnißplatz inld eine Syilagoge zu errichterl. Er schellte keilte Mühe, fein Opfer an Zeit und Geld, um diese hohen Zwecke zu befördern. Nicht wie so mancher der ilach Eilgland Ausgelvanderten, düllkte er sich größer, illdem er fein Judenthunl derleugnete, sondern überall, wo es galt, der jüdischen Religion Anerkelllliliig und Ehre zn verschaffeil. war er in vorderster Reihe thätig. Seit Grütldling der jüdischell Gemeillde — über 28 Jahre her — veHwaltete er eisrigst das Anit des Ehrensekretärs. All den hohen Festtageil trug er die Musaphgebete in englischer und hebräischer Sprache vor. Als er vor einigen Jahren seilte silberne Hochzeit in Gemeinschaft mit seiner ihll überlebeilden Gattin — einer geborenen Jakobi — feierte, überraschten ihn die Gemeindeorgane mit einem silbernen Tafelallssatze. Sein Hans ivar offeil für junge Deutsche, die hier Stellung suchteil, und seilte Gastfreundlichkeit wie die seiner Gattin sind bekaiint. Eiil guter Deutscher wie er war. ilahm er stets regelt Antheil an den Allgelegeilheiten des deiltschell Ktllbs, Schillervereill genallnt. Trotzdeill war er weitherzig geilug. als englischer Bürger das Große lind Schöne im politischeil Leben Englands anzuerkeilnen. Ein Feiild aller religiöseil Halbheit nub Heuchelei, die des Glaubeits gaiizes Wesen in Aeußerlichkeiten sucht, trat er für ein fortschrittliches verllünftiges Jndenthum ein. Herr Rabbiner Dr. Strauß lieh in seiner ergreifenden Grabrede den guten Eigenschafteil des Dahiugeschiedenen beredten Ausdrllck. Eilt Quartett der Choralgesellschaft sang das Lied aus der Seelellseier „Seele, was betrübst du dich". Die letzten drei Jahre waren eilte schreckliche Heimsuchllllg für ben Dahingegangenen, da er all einem schweren Ftlßleidelt darniederlag. Er starb in seinem siebzigsten Lebensjahre. Ehre seinem Andellkell! Von Nah und Fern. Der Geh. Regiernngsrath Prof. Dr. C. ß i e be r in a n 11 hier hat den Rothen Adlerordeu III. Klasse mit der Schleife, der Fabrikbesitzer C. L. Netter den Kronellordeil IV. Klasse, der praktische Arzt Dr. I. Kamllitzer in 2111 en ft e i 11 die Rothe Krenzmedaille III. Klasse erhalten. — Am 26. d. M. starb hier der Brauereibesitzer Oslvald B erlitt er nach langem, schwerenl Selben im 68. Lebensjahre. Der Verstorbene hat die voll ihln gegründete Brauerei aus kleineil Anfängen zu hoher Elltlvickelung gebracht und erfreute sich allgemeiner Werthschätzung und Beliebtheit. — Herr Leopold Alexander tu Memel, Vorsteher der dortigen Genleiilde, hat ben Titel „Kommerzienrath" erhalteil. — Der langjährige Vorsitzende des Vorstalldes der Synagogengemeinde in S1 argardt i. P.. Rentier Zachan, wllrde zunl Stadtrath gelvählt ulld voll der kölliglichen Regierung bestätigt. — In Beuthen O.-Schl. feierte am 24. d. M. das allgemein geachtete Moritz Dresdllersche Ehepaar 11 ntev allgemeiner Theilllahme die goldene Hochzeit. Deputatiolleil des Vorstallds ulld der Repräsentanten, deren ältestes Mitglied der Jubilar, Abordnungen aller jüdischen Vereine, zahlreiche Adressen ulld Telegramme, eine erhebende Feier in der Syilagoge, bei der Rabbiner Dr. Kopfstein eine ergreifende Rede hielt, legten Zeugniß ab von denl Ansehell, dessen das geistig frische Jubelpaar in der Gemeinde sich zu erfreuen hat. — Der vor einigen Tagen in Bassenheim verstorbene frühere preußische Gesaildte v. Kusserolv hat seit 1888 das Schloß und Rittergut besessen. Seine erste Frau ivar die Adoptivtochter des bekanlltell Kölner Bankiers Freiherrn v. Oppenheim. — Dr. med. u. Phil. Jak. Rülf. ein Sohn des bekannten Rabbiners Dr. Js. Rülf, hat sich an der Hochschule zu Bonn als Privatdozellt für das Fach der Philosophie habilitirt. — In Bingen lvnrde Dr. I. Neuwirth aus Frankfurt a. M. zum Rabbiner der orthodoxen Neligionsgesellschaft gewählt. — Die schwedische Akademie der Wissellschaft hat ihre Bibliothek mit dem ihr Anfallenden Nobelinstitut vereinigt. und zum Vorsteher der Bibliothek den Professor der Aesthetik, der Litteratur- und Kunstgeschichte an der Hochschule in G 0 thenburg, Professor Dr. Karl Marburg ernannt. — Der Stadtrath Abraham Leon Elualluel ist in der lebten Sitzung der städtischen Behörden eiilstimmig zum Mayor von Portsnlouth gewählt worden. Stadtrath Emanuel hat schon früher einnlal dasselbe ehrenvolle Amt bekleidet. — Wie der „Temps" meldet, wurde der Varlkier Graf Raphael Cahen d'Anvers bei einenl Automobilunfall in der Nähe voil Me zier es getödtet. — Der französische Kriegsminister hat sechs wegen antisemitischer Treibereien besonders berüchtigte Offiziere der Schule von Fontainebleau zu sich besohlen, ihneil lvegen ihres Verhaltens gegen ben Hanptmann Coblentz Vorhaltungen genlacht und ihneil eingeschärst, sich bei Strafe aller Agitationen zu enthalten. — Dr. Nacht in Jassy ist zum Nabbiller, Prediger und Schuldirektor in Fokschan gewählt worden und hat mit der Eröffnung einer Kllabenschule sein Amt angetreten. — Nach denl Berichte der Wohlthätigkeitsgesellschast von New-Uork (Associated Jewish Charities) betrug die Zahl der jüdischell Einwanderer, welche iul abgelaufellen Jahre iu New-Uork lalldeten, 53 687. Sie kamen säst ausschließlich ans Rußland, Galizien uild Rumänien. Infolge dessen steigerte sich die Anzahl der Hilfesucheildell auf mehr als dreißigtansend, und die Ausgaben derGesellschaft betrugen 135,668 Dollars. — Herr L. B. M a r k s aus New-Iork hat für eine Verbesserung elektr. Bogenlampen eine goldene Medaille auf der Pariser Weltausstellung errungen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. VeÄmtwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.