Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Debreczins kommenden Berichte. Wie „Pesti Hirlap" meldet, werden die Juden in Szalok beschuldigt, ein Mädchen Namens Nosalie Pentek zn rihtefleit Zwecken abgeschlachtet zu haben. Vor der Wohnung eines jüdischeil Händlers Namens Moses Brüll, den die Gendarmerie verhaftete, fand eine Zusammenrottung statt, und Fenster und Thüren wurden demolirt. Die inzwischen ausgefundene Leiche läßt Lustmord vermuthen. Um die Juden gegen die Ausschreitungen des Volkes zn schützen, mußte die Geudarnieriewache verstärkt werden. Nähere Berichte fehlen noch. — lieber einen empörenden Fall, der das Gewissen der Volkspartei belastet, schreibt „Szabad Sz6": In Dere eske waren eine jüdische Familie und fünf Talmudjüuger in Gefahr, bei lebendigen! Leibe verbrannt zu werden. Die fünf Knaben — der jüngste ist 12 Jahre alt — schliefen in ihrem Ziuuner nach mehrstündiger geistiger Arbeit sehr fest. Erst das Prasseln von Flammen lind das Krachen berstender Balken weckte sie ans dem Schlafe. Das Zimmer war voll Rauch erfüllt und t>te Thnre war von außen verranimelt, so daß an ein Flüchten gar nicht 311 denken war. Lange Zeit dauerte es, bis ihr Geschrei um Hilfe gehört ivurde. Ein Schuhmacher Namens O. Bökönyi warf sich todesmuthig in die Flammen und rettete die in Todesgefahr schwebenden Knaben. Auch die Thüre des Hausherrn war verrammelt. Nur der Geistesgegenwart eines der geretteten Talmudjüuger war es zu verdanken, daß die Familie mit heiler Haut davougekonimen. Die eingeleitete Untersuchung konstarirte, daß der Brand von antisemitischer Seite gelegt wurde, nachdem alle Thüren verbarrikadirt worden waren. — Der H 0 n v ö d m i n i st er Baron Gäza Fejürvary hat der Temesvür-Fabliker Kultusgemeinde hundert Kronen für den im Bau begriffenen Teuipel gespendet. — Deul Holzhändler D a v i d H 0 r n wurde als Anerkennung für seine Verdienste ans dem Gebiete der Wohlthätigkeit das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens verliehen. — Die israelitische Gemeinde Al tosen feierte arn 17. d. M. die Weihe ihres neurestanrirtett Tempels in sehr feierlicher Weise. In einer Festsitzung schilderte der unermüdliche Gemeiudepräses S. Ehrlich die Geschichte des Tempels. Dann erschien der Bürgermeister-Stellvertreter, dem Herr E. für die Gabe von 7000 Gulden, welche die Stadt zu dein Bau spelldete, innigen Dank votirte. Die Festrede im Tempel hielt nach den üblichen Umzügen Oberrabbiner Dr. Elias Adler, deren Eindruck ein tiefer und nachhaltiger war. Mit denl Gesang der ungarischen Nationalhymne schloß das schöne Fest. Von Nah und Fern. --- Vor dem Schöffengericht wurden gestern Mittag zlvei Herren, welche in der Nacht zum 20. Februar d. I. im Antisemitischen Wirthshaus I in der Friedrichstraße die Fensterscheiben eillschlugeu ulld Wirth und Wirthinbeschilnpftell, verurtheilt, und zwar Alex. Nelken zn einem Mollat, Nathan Lindemann zu einer Woche Gefüngniß. Was haben Inden in einem antiseulitischen Wirthshaus zu suchen? — Unter der hübschen Ueberschrift: „Der Juden Dank" theilt das hiesige Antisemitenblatt Folgendes mit: „Der Berliner Privatdozent Dr. ined. Georg Puppe ist jetzt zum gerichtlichen Physikus für die Stadt Berlin ernannt worden, womit selbstverständlich eine hübsche Nebeneinnahme verknüpft ist. Puppe ist derjenige Arzt, welcher in dem Jsraelski-Prozeß in Könitz über den Leichenbefund ein den Juden sehr günstiges Gutachten abgegeben hat." Sollte man dergleichen fürmöglich halten? — Haussuchungen fanden am 25. d. M. in den Redaktionsräumen der „Staatsbürgerzeitung" und in den Privatwohnuugen des Verlegers Bruhn und des verantwortlichen Redakteurs Dr. Bötticher statt. Es handelte sich um die Beschlagnahme der Abschrift des Berichtes des Staatsanwalts Settegast in Könitz all den Justizminister und weiterhill um die Abschriften der Postkarten, die eill jullges Mädcherl an Ernst Winter noch kurz vor seiller Ermordung geschrieben hat. Die Durchsuchungen verliefen resultatlos. — Wie das „Konitzer Tageblatt" meldet, sind auf dem jüdischen Friedhofe in Czersk zehn Denkmäler total demolirt lvorden; sogar eine Kindesleiche wurde blosgelegt. Es sind jugendliche Bnrschell als Thäter zur Anzeige gebracht worden. — In Tuche! wurde die Vorlage des Magistrats, betreffend Ersatzleistung für den durch den Aufruhr in der Nacht zum 11. Juni den jüdischell Bewohnern verursachten Schaden, welcher etwa 2000 Mark beträgt, von den Stadtverordneten mit der Begründung abgelehnt, daß es sich im vorliegenden Falle nicht „um einen Ausruhr im Sinne des Gesetzes" handelt. Es muß hiernach jedem Geschädigten überlassen bleiben, gegen die Stadt klagbar zu werden. — Die folgende Mittheilnng der „Schlesischen Zeitung" in Breslau ailläßlich der Debatte über die Kohleniloth dürfte auch fürweitere Kreise von Interesse sein: „Fr i h Fri e dlän d er ist katholischen Glaubens — ein Umstand, der es ihm wohl erleichtert hat, die Gesammtförderung einer Anzahl derjenigen oberschlesischen Gruben in seine Hände zu bekommen, bereu Besitzer entschiedene Centrumsmänner sind. Da Herr F. F. für katholische Anstalten, für Klöster. Stiftlmgen u. s. w. seit langem stets eine offene Haild gehabt hat, so ist Seine Heiligkeit schließlich ans den Herrn Kommerzienrath aufmerksam geworden und hat ihll durch Verleihuilg des päpstlichen Adels ausgezeichnet. Daß Herr F. F. den Wunsch und das Bestreben hat, seinen päpstlichen Adel voll Preußen allerkannt zu sehen, darf man ohne Weiteres glaubell. — Alls dem jüdischen Friedhofe in Ullna i. W. wurden 28 Denkmäler voll ruchloser Hand ganz zerstört. Der Thäter hatte einen Stock zurückgelasseu, der zum Verräther wurde. Der Mann ist sestgenommen, es ist ein Halldlauger aus Niederlvasser. — Herr Jos. Feiiler Lehrer an der Stiftullgsschnle (Realschule) von 1815 in Hamburg hat vor der Prüfullgskommission des Königlichen Prvriuzial-Schulkollegiums in Münster i. W. das Examen als Rektor bestailden. — Wie die „Nelle Bayerische Landeszeitung" — allerdings eine sehr trübe Quelle — mittheilt, soll die Wahl des Rabb. Dr. S. Bamberger-Schrimm zum Distriktsrabbiner von Kissingen kassirt worden nnb die Akten der Vorerhebuugen sollen von der Regierung an das Strafgericht geleitet lvorden sein. Hoffentlich bestätigt sich die Nachricht nicht. — Wie der „Fränkische Courier" berichtet, ist gegell den bekannteil alltisemitischen Redakteur Weber von Fürth abernrals eine Untersuchung wegen Vergehens wider die Religion, verübt durch die Presse, eiugeleitet worden. — Die Antisemiten suchen nun auch die Bllltlüge in Bayern einzuschmuggeln. Aber es dürfte ihneil dies kallm gelingen. Der Mord eines zweijährigen Killdes in Ueberma tzho fe n bot ihnen willkomluene Veranlassuilg, die dortige friedliche Bevölkerung in schändlichster Weise aufznhetzen. Natürlich haben die Münchener Antisemiten schon eine „Untersnchungskommission" in das Dorf geschickt. — In Metz ist am 16. d. M. der Präsidellt des israelitischen Konsistoriunls von Lothringen, Sylvaiil Caen, Inhaber der bedeutendell Metallwaarenhandluirg Lion & Caen im 65. Lebensjahre gestorben. Herr Caen war ein sehr geachteter, wohlthätiger Mann, dessen Tod in weiteil Kreisen tief bedauert wird. — Seinerzeit war der Universitätsprofessor Dr. Julius Schwarz in Bud apest zum Staatssekretär im Ministerium des Innern designirt. Die Stelle wurde aber all die Bedillgung gekllüpft, daß er seinen Glaubell verlasse. Der Herr Professor lvarf nuil in derThat feinen Glauben über den Hallfen. Das Resultat war — daß mau einen Juden zum Staatssekretär llicht haben wollte! — Bei dem Festmahl der franzöfischen Regierlmg 311 Ehren der Bürgermeister kam es zu Kundgebungell für und wider ben Bürgermeister von Algier, den braven Max Rüg is. als dieser im „Namell Algeriens" die Regierung beschinlpfte. Es wllrden heftige Worte gewechselt, llnd Regis wurde von der Polizei weggeführt. — Das Rochef ortffche Organ „Jlltransigeant" leistet sich die Nachricht, daß, sobald die Kammer das Amnestiegesetz angenommen hat. auch Dreyfus reaktivirt und als Hauptmann zu seiner Brigade llach Caell einritcfeu wird; nach einigen Wochen würde er dalln zuur General ernannt werden, um in Pellsion gehen zu können. Von diesem Projekte habe man sogar Dreyfus schon verständigt, wozu er auch feine Zustimmung gab. Und dabei sind doch die Hnudstage längst vorüber. — In Carpelltras ist Adrien Valab regne, früher Stadtpräsident, Mitglied des israelitlschen Kollsistoriums von Marseille und der Handelskammer von Avignon, gestorben. — Einer Erläuterung des russischen Senats zufolge sind die verabschiedeten jüdischen Ulltermilitärs, die llach dem früheren Rekrutirllngsgesetz zirm Militärdienst ansgehoben wurden, falls sie ihre Dienstzeit auch nach der Einführung des Gesetzes über die allgemeine Militärpflicht beendigt haben, zum Aufenthalte im ganzen Reiche und zn einer beliebigen Gemeinde berechtigt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.