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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-21 · Heft 38 (21.9.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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4 fand am Mittag statt, während Rabbiner Schlesinger am Nachmittage zur letzten Ruhe bestattet' wurde. Außer dem Herrn Oberrabbiner widmeten noch die Herren Rabbiner Weiß, Dr. S. P. Nathan und Dr. Schlesinger den Verblichenen Worte des Nachrufes. Die beiden Amtskollegen, die Jahrzehnte lang neben einander gewirkt, fanden auch neben einander in der Ehrenreihe des Friedhofs ihre letzte Ruhestätte. F. Bruchserl, 11. September. An: vergangenen Freitag Abend fand die feierliche Jnstallirung unseres neugewählten Bezirks- Rabbiners Dr. M. Doctor aus Breslau statt. Vor Beginn des Gottesdienstes versammelten sich die Herren Gemeindevorstände mit dem Herrn Rabbiner in dem an die Synagoge sich unmittelbar anschließenden Betsal und begaben sich von hier unter Orgelklang und Chorgesang in das Gotteshaus, wo unser Gemeindevorstand, Herr Louis Marx, den Seelenhirten seiner Gemeinde vorstellte und sie ermahnte, ihm die gebührende Hochachtung entgegen zu bringen und dazu beizutragel'. das bisher so lobenswerth allerkannte friedliche Verhältniß in der Gemeinde lveiter zu pflegen. Andächtig stehend vernahmen die zahlreich anwesenden Shnagogenbesucher die herzlichen Worte des Redners, wie die in Form eilles Gebetes vvrgetragelle Erlviederullg des Herrn Rabbiners, die mit der: Worteil des Psallllisten 25, Vers 4 und 5 schloß. Anderen Tages — es war zugleich die religiöse Feier des Geburtstages des Großherzogs — hielt Herr Dr. Doctor seine Antrittsrede, deren Hauptgedanke lvar, Liebe und Gerechtigkeit zu pflegen. Eigeuschasten, wie solche von feinem verehrten Vorgänger, dem jetzt in Berlin wirkenden Herrn Dr. Eichelbacher, in uneigennütziger Weise ausgeübt wurden, beit Frieden in der Geineinde zu wahrell, den Unterricht der Iligeild zu einer seiner lvichtigsten und edelsten Angelegenheiten zu machen. Mit großem Beifall wurde die vortreffliche Rede allgehört. Möge es ullsereul Nabbiller in feiner neuen Gemeinde wohl ergeherl und nlöge er ebeilso viel Liebe ulld Verehruilg fillden, wie solche seineln Vorgänger in so reichlichem Maße zu Theil gelvordell. Oesterreich - Ungarn. □ 17. September. Eine Interpellation, die der Abgeordnete Dr. Mittler in der Gemeinderathssitzullg vom 14. d. M. einbrachte. verdient saulmt der Antwort des Bürgeruleisters in meiilem heutigen Korrespondenzbericht erwähllt zu werdell. Der Jnterpettallt fragt zuerst, ob der Bürgermeister von ben allen Begriffen von Humanität und Gerechtigkeit widersprechenden Behandlung der armen magistratischen Beamten jüdischer Kollfession wisse lind sodann: Anerkennt der Herr Bürgernleister, durch die Ueberllahme des Amtes eines Bürgermeisters von Wien alich die Pflicht übernommen zu habell, auch die jüdische Bevölkerung in ihreul Rechte, zu leben, zu schützen? Hierauf ailtwortete Dr. Lueger: „Der Herr Jnterpellallt weiß sehrgenau. daß ich auf die Beförderung der Beaulten nur jenen Einfluß habe, den jedes Mitglied des Stadtrathes besitzt. Der Herr Jnterpellailt weiß sehr gellau, daß die Beförderullgen der Beaniterl voll Seite des Stadtrathes vollzogen werdell. Die Berathungen des Stadtrathes sind geheim, und ich bin nicht berechtigt, über einzelne Debatten und Abstimmungen des Stadtrathes dem Herrn Interpellanten Kenntniß zu geben. Jnl Stadtrathe herrscht volle Freiheit der Allschauungen, und das Gerede, daß der Stadtrath das thllt, lvas der Lueger lvill, ist ullrichtig. Uebrigens habe ich nach uleillem besten Wissen ulld Gewissell der jüdischen Bevölkerung nie ein Unrecht zugefügt. Ja, ich anerkenlle, sie hat allch ein Recht, zll leben, aber allch die Christeil haben ein Recht, zu leben. (Lebhafter Beifall bei der Mehrheit.) Der Herr Interpellant nlöge an gewisse Herren seiner Konfession die Frage richten, wieso sie es mit ihren humanen Anschauungen vereinbarell, daß sie allzuviel ans den Einnahmen und Verdienstell wegnehmen lind sich selbst sehr bereichern, währelld der andere Theil der Bevölkerung, zumeist Christell, arul ist." lLebhafter Beifall und Händeklatschen bei der Mehrheit.) — Der Kaiser hat den außerordentlichen Professor all der Universität in Wien Dr. Otto Fried mann zunl ordentlichen Prosessor des österreichischen Strafrechtes und Strafprozesses an der deutschen Universität in Prag ernannt. — Bei den Vorstellungen der Deputationen in Jaslo berührte der Kaiser im Gespräche mit dem Staatsanwalte Stawiarski die Affaire der vor zwei Jahren in Jaslo vorgekommenen Judenexzesse, welche zur Verhängullg des Ausnahmezustandes und zur Verurtheilung zahlreicher bäuerlicher Plünderer geführt hatten, und fragte, ob bereits die Beruhigung der Gemüther in Galizien erfolgt sei. Der Staatsallwalt erwiederte, daß gegeilwärtig uilter der Bevölkerung feine Spur mehr von jenen Aufhetzungen zu Ausschreitungen llnd Ruhestörungen vorhallden sei. — Der für Oktober in Aussicht genommene Prozeß Hüls ll er sott neuerlich vertagt werden. Die Untersuchllllgsakten befindeil sich gegenwärtig bei der Oberstaatsanwaltschaft in Prag welche sich, wie befannt, das gesammte Material erbeteil hat, um festzustellell, ob die Erhebung der Allklage auch auf die Ermordung der Marie Klima anszudehnen sei. Von Nah und Fern. --- Der Geheime Medizinalrath Professor Dr. Hermann Seil ator. der llllter den ärztlichen Autoritätell Berliils mit in erster Reihe steht, feierte am 14. d. M. das sünfnndzwauzigjährige Jubiläum als Berliner Universitätslehrer. — Wie antisemitische Blätter meldeil, hat der Staatsallwalt in Könitz gegeil das freisprechende Urtheil im Prozeß Jsraelski Berufung eingelegt. Bestätiguilg bleibt abzllwarten. — In S e e s e n a. H. fctnb am 14. d. M. an der I a c o b s o ll s ch n l e (berechtigte Realschiile) llllter dem Vorsitz des herzogl. Negierllllgskonililissars. Ghnlilasialdirektors Prof. Dr. Brandes aus Wolfeubüttel, die Reifeprüfung statt. Sämmtliche 11 Prüflinge haben dieselbe mit Erfolg bestanden. — Dem Relltier Max Meh erfel d in A a chell, der vor einigen Tageil in Oftende mit eigener Lebensgefahr einen Menschell vom Tode des Ertrinkells rettete, wlirde voul Köllig der Belgier das belgische Ehrenkreuz in Silber als Anerkeilnung für diese muthige That verlieheil. — In Worms lvllrde die eiferne Hochzeitsfeier des hochbetagten, aber lloch rüstigen Ehepaares Dalliel G u g ge llh eim er am 25. v. M. gefeiert. Als einer der erstell Glückwüilsche traf ein Schreiben aus dem Kabinet des Großherzogs ein, der sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift überreichen ließ. Auch die nationalliberale Partei, bereu ältestes Mitglied Herr Guggeuheimer ist. ließ durch eine Abordnung ihre Glückwünsche darbrillgen. Zur Erillllerung all ben Tag stifteten die Eheleute der Stadt Worms 4000 Mark; die Zinsen der Stiftung sollen alljährlich am 25. August zum Bestell von Waiseilkindern jeder Kollsessioll verwelldet werden. — In Eperies ist der Hauptmann Kasiiuir P i etrz yko w ski vom 67. Jnfallteriereginlent alls der rönlisch-katholischen Kirche allsgeschieden nnb tu aller Form zu nt Jndellthum übergetreten. — Am Geburtstage der Kölligill wurde der schwedische Geueralkotnrnissär Thiel in Paris zum Kommandeur des Wasaordens erster Klasse ernallllt. — Bei der Aufzählung der siedelt jüdischen Generale in Frankreich in voriger Nummer ist der bekannte, int Dienste seines Vaterlandes gefallene General Hinstill versehentlich ausgelassen wordeil. — In No nt ist am 29. v. M. der Direktor der Bibliothek der Akademie voll S. Cecilia, Prof. Adolf B erlv i n, ein gebürtigerPosener, im 55.Lebensjahre gestorben. — In der Garnison von Dünaburg richtete ein russischer Offizier an einen jüdischen verheiratheten Soldaten die Frage, ob er bereit sei, als Freiwilliger nach China zu gehen. Die Antwort lautete: „Jawohl, Herr Leutnant, aber unter der Bedingung, daß im Falle meines Todes es meiller Frau ulld meinell Killdern gestattet werde, in Petersburg — betteln zu gehen." Die Bedingung konnte nicht erfüllt werden, ulld der betreffende Soldat wurde nicht genommen! —- Indem griechischen Städtchen Cavalla suchte eine christliche Frau aus der Straße nach ihrem Kinde, das ihr seit Morgens früh verloren gegallgert war, und eine Nachbarin erzählte ihr. sie habe das Kind vor Kurzem gesehen, wie es voll einer Jüdin all der Hand geführt wurde. Die Frau dachte gleich an das Blutnlärchen und erhob auf offener Straße eill großes Geschrei. Sofort warell die Griechen bei der Hand, drangen gegen die Wohnung der beschuldigten Jüdin vor und machten Anstaltell, deren Haus zu demolirett. Da erschien der Gotiverneur Emin Pascha tlnd beruhigte die Menge durch die Versicherung, daß das Kind sich heil und gesund in seinem Palais befindet. In der That hatte Dieser gleich bei Begintt des Lärms zwei seiner geschicktesten Polizisten auf die Suche nach dem Kinde ausgeschickt, das nach kaum einer halben Stullde friedlich all einem Hügel spielend gefunden und schleunigst nach dem Palais des Gouverneurs gebracht wurde. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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