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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-03-17 · Heft 33 (17.3.1838) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 33 (17.3.1838)
Date
1838-03-17
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 schen Volkes, es wird Ihnen nimmer gelingen, sie zerrinnt Ihnen dann Ln der Hand. Dis Judenthum ist nichts anderes, als das fortgesetzte Lebm'desselben Volkes ury dse Offenbarung umher. Israel ist die Stiftshütte der Offenbarung; und wenn nun auch auf dem langen Wege durch die rauhe Wüste des letzten Jahrtausends die äußere Bekleidung gelitten hat und unscheinbar geworden, darf ich sie darum niederreißen, und so das „Allerheiligste" den Winden und Stürmen freigeben?" „Gut. Es sei so. Müssen wir dann aber ewig das Gefäß in seiner zerstoßenen Gestalt, müssen wir diese Stifts- Hütte mit ihrer zerrissenen und verfalbten Bekleidung erhalten, wie sie sind? Ich fühle, Jonathan, und es gehört hierzu nicht mehr, als Mensch zu sein, ich kann das „Atlerheiligste" in mein Herz verpflanzen, und es soll da vor den Stürmen der Außenwelt wenigstens, wenn auch nicht der Schicksale, verwahrt sein." „Das kann und muß es auch, Julie, so weit wir uns selbst angehören. Aber da Sie die geheiligten Bande, die den Menschen an Verwandte, an Familien-, Stamm- und Glaubensgenossen knüpfen, gewiß anerkennen und mit aller Zartheit des schönen weiblichen Herzens pflegen — werden Sie es auch nicht verkennen, daß wir die Erscheinungen des Lebens auch in ihrem allgemeinen Bezüge zu nehmen haben. Nun gebe ich recht gern zu, Julie, daß es an der Zeit ist, dem Judenthume wieder Frische und Reinheit zu geben, den Rost der Zeit abzureiben, und den alten verborgenen Glanz zum fröhlichen Tageslicht zu fördern — aber das kann ja nicht der Einzelne allein, sondern nur die Gesammtheit, und um in diese den Impuls der Bewegung zu bringen, muß man wot auf ihren Standpunkt zuvor zurückkommen, um von da aus das neue Leben zu verbreiten und organisch zu entwickeln." „Jonathan, ich fange an, Sie zu verstehen, und es enthüllt sich mir eine große Idee Ihres Lebens. Werden Sie aber darum den, der es für sein eigenes Seelenheil für nothwendig halt, sich möglichst am reinen Menschenthum zu halten, und so alles, was die Geschichte nur dem Lebendigen aufgehestet und umgefchlagen, von sich abzuweisen, der Abtrünnigkeit und Treulosigkeit beschuldigen?" „Gewiß nicht, Julie. Abtrünnig ist nur der, welcher falsch und ein Heuchler ist. Jeder darf nur dem nachstreben, was er für wahr und heilig erkannt, so ist er wahr und heilig. Aber da der Jrrthum so leicht ist, so muß wol ein Jeder Zusehen, nicht allein zu wandeln, und das, was Leben und Erfahrung lehrte, zu befragen und aufWnehmen. Weit eben, Verehrte, das reine Menschertthum nur Ideal und noch^ nirgends erschienen ist., dürfen wir nicht hoffen, es selbst zu erschaffen, sondern müssen von der Wirklichkeit aus darnach streben." „Und was halten Sie demnach mit einem Worte von den Juden, die sich vom Judenthume entfernt, und Nur auf die Lehre halten, die in der Offenbarung gegeben, als Gesetz ihres Lebens aber nur das Gesetz der Moral erkennen?" „Unter denen, Freundin, die sich vom Judenthume entfernt hatten, sind zwei verschiedene Klaffen. Solche, die nur vom bürgerlichen, materiellen Leben wissen wollen, und überhaupt alle Religion als Geschöpf der Phantasie, also auch das Judenthum, ansehen, dem sie höchstens in den Augenblicken der Schwache einigen Raum gönnen wollen — diese sind freilich sehr verächtlich und wir sprechen allerdings von diesen gar nicht. Die aber, wie Sie sagen, nur die Lehre und Erkenntniß aus der Offenbarung ziehen, als Gesetz ^nur , das Gesetz der Moral anerkennen — ich habe die höchste Achtung für diese, aber ich glaube, sie stehen auf gefährlicher Höhe, wo ihnen das Verhängniß leicht den Boden unter den Füßen Hinwegrücken könnte. Denn die Menschheit ist noch langst nicht hingelangt, wo jene sich schon sicher glauben, und die bedeutendsten Fragen auf diesem Gebiete sind noch nicht erschöpfend gelöst. Abgesehen also, daß sie so manchen Schaden ihren schwächer gebildeten Mitmenschen und Glaubensgenossen zufügen, haben sie sich aller der Hilfe im Leben entschlagen, welche für das Seelenleben aus der äußern Veranschaulichung, aus sinnbildlicher Darstellung, aus von außen kommender Erinnerung und Mahnung kommt." — „Sie haben heute Vieles in mir angeregt, Jonathan, sprach Julie nach einer kleinen Pause. Ich fühle um so dringender das Bedürfniß, an Ihrem kräftigen Worte mickweiter aufzurichten. Ich fühle, wir müssen einen Weg der Vermittelung finden. Jetzt erscheint mir noch Alles in zu kraffem Gegensätze." Sie waren während dieses Gesprächs in einen abgelegenen Theil des Lustwaldes gelangt, kaum bemerkte man in der Ferne den nachfolgenden Diener. Da ergriff Jonathan mit Feuer die Hand Juliens, und rief aus voller Seele: „Wie wäre ich glücklich!" — Dann sich fassend, fügte er hinzu: „Lassen Sie uns offen über die Verhältnisse sprechen. Unsere Väter, wissen Sie, stehen sich leider in unfreundlichem Verhältnisse gegenüber. Je innigere Freundschaft sie früher verband, desto mehr mögen sie jetzt Grund haben, sich von einander abgestoßen zu fühlen. Es könnte die Ruhe unsrer beiden Familien kosten, sollten wir uns innerhalb derselben nähern wollen. Lassen Sie uns jetzt nur hoffen. Was die Zukunft bringt, dem wollen wir entge-

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