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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-27 · Heft 30 (27.7.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 30 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Schritte zur Wiedererlangung ihrer Tochter hat Chane Weiser nicht unternommen, da sie in eine schwere Krankheit verfiel, die einen großen Theil ihres Vermögens aufzehrte. Den Nest verlor sie durch einen Brand. — Die 15 jährige Tochter Feigel des Handelsmannes Elie Mendel Siegel tu de in Dobczyce wurde vor einiger Zeit von zwei christlichen Schneiderinnen aus Mszan zur Flucht aus dem Ellernhause überredet und in das Kloster der Felieianerinnen in Krakau gebracht. Elie Mendel Siegeltude war einige Male im Kloster, man wollte ihn jedoch nicht zu seinem Kinde lassen und empfahl ihm zum Fürstbischof zu gehen. Der Fürstbischof hingegen wies ihn an den Krakauer Magistrat. Nach Angabe eines 20jährigen Mädchens Namens Gelb aus Swierezow, dem es mit großer Mühe gelang, nach -^/-monatlichem Aufenthalte aus dem Kloster der Felieianerinnen in Krakau zu entkommen, werden daselbst zioei jüdische Mädchen aus Russisch-Polen, 'Namens Altmann und Ledermann, sestgehalten, die unausgesetzt jammern, daß sie sich aus dem Kloster hinaussehnen. Unglaubliche Zustände! — Der große Zug der jüdischen Emigranten arls Rumänien hat noch immer Nichtsein Ende gesunden. Nachdem vorige Woche einige kleine Trupps auf ihrer Wanderung nach Amerika Wien berührt hatten, kam heute Nachmittag eine ungewöhnlich große Zahl von Auswanderern — 326 Personen — uw hl die größte Gruppe, die bis jetzt ihren Durchzug genommen hat, mit deni Schiffe „Vesta" der Douau-Dampfschifffahrt-Gesellschast aus dem Handelskai an. Sie stammen aus den Städten Bukarest, Galatz und Vaslui und haben sich an der Grenze zusammengefunden. Unter den Auswanderern befinbet sich ein Professor aus Bukarest, Michael. Stern; dem alten Mann wurde schon zum zweiten Male von der Regierung unter einem nichtigen Vorwand die Schule, die er leitete, gesperrt. Er mußte seine Kinder und Frau vorläufig in bitterer Noth Zurücklassen, um in weiter Ferne sein Glück zu versuchen. — Am 7. d. M. fand in Polna ein Lokalaugenschein des Piseker Gerichtes unter Zuziehung zweier GerichtsÜrzte statt, welche der Ueberprüfuug der Aussage des Zeugen Peschak galt. Mit dieser Besichtigung des Thatortes ist nunmehr auch die neue Untersuchung gegen Hilsner, formell 3u Ende, und das gesammte Material wurde an die Prager Oberstaatsauwaltschaft gesendet, wo in erster Linie entschieden werden wird, ob gegen Leopold Hilsuer auch die Anklage wegen Ermordung der Maria Klima, deren Leiche bekanntlich im Juli 1898 in der Nähe voll Polna ansgefunden wurde, erhoben werden wird. Die Eltern der Klima lmnbeu veranlaßt, für diese Eventualität in der Person des Dr. Pewnh aus Prag einen zweiten Privatvertreter neben Dr. Baxa zu bestellen. Hilsuer wird in dem zweiten Prozesse, der Anfangs November für vierzehn Tage in Aussicht genommell ist, von Dr. Antedlliczek und dem Piseker Advokaten Dr. Vodicka vertreten fein. — Ailläßlich des 70 jährigen Geburtstages des Kaisers beschloß die israelitische Liesillg-Atzgersdorfer Bethaus-Genossenschaft einen Tempel für 400 Persollen nach den Plänen des Wiener Architeften Richard Esriel zu bauen. Die feierliche Grulldsteinlegung erfolgt ani 18. August. — Das Kuratorium der freiherrlich v. Rothschild'scheu Künstlerstistllllg verlautbart, daß aus den Erträgnissen derselben Nlehrere Stipendiell im Mindestbetrage voll je 800 Kronen für das Jahr 1900 zur Berleihling gelangen. Kompetenzberechtigt für diese Stiftullg erscheillerl mittellose jüdische in Oesterreich wohnhafte Künstler oder Künstlerinnen österreichischer oder ungarischer Staatsbürgerschaft, die ihren Beruf aus dem Gebiete der Architektur, der Bildhauerei, der graphischell Künste, der Malerei oder der musikalischen Komposition selbständig auszuüben befähigt sind. — Gestern wurde der kaiserliche Rath Leopold Alt mann zu Grabe getragell. — Die Herren Dr. G u st a v Adler, Norbert H a n d l und Herrulann Fischer wllrdeli zu Polizei-Bezirksärztell der IX. mib X. Rangsklasse ernannt. Asien. L. T. Jerusalem, im Juli. Vor einigen Wochen lvurde in Jerusalem ein kleines Fest gefeiert. Es wurde der erste Stein zum Fundament der hebräischen Bibliothek gelegt. Die die Bibliothek verwalten, haben viel und schwer gearbeitet, bis ihnen dies möglich lvurde. In der letzten Zeit erwarben sie viele werthvolle Bücher, alterthümliche Photographien und Gravüren ans dem jüdischen Leben. Ihren Ausruf versandten sie in 600 Exemplaren, aber wir müssen die Thatsache konstatiren, daß das Resultat davon — Null war. Als sie au ihr Werk herantraten, eine Centralstelle für alle Werke und Schöpsunge»l des jüdischen Geistes zu schaffen, hofften sie auf die Sympathie und Mitwirkung seitens unserer Glaubensgenossen, aber bis zur Stunde erhielten sie lveder materielle lloch moralische Unterstützung- In deir letzten Jahren lvurde viel über jüdische Kultur geschrieben und gesprochen. Gehört etwa der Tempel der Wissellschaft, beit unsere Männer in Jerusalem zu errichten sich bestreben, nicht zu den Kultnraufgaben ullseres Stammes? Das Hauptsächliche, was sie in dieseln Momente bellöthigen, das ist — materielle Hilfe, um den schon begonnenen Bibliotheksbau zu beeildigen. Wir bitten unsere Brüder, sich diesem Werke anzuschließeu. damit das schöne Unternehmen 31t gedeihlichem Ende geführt werden kann. Don Nah und Fern. -- Am 16. d. M. ist der durch verschiedene große Bilder bekannte Maler I. Brasch im 44. Lebensjahre nach lailgen Leiden gestorben. — Der tu weiten Kreiselt bekannte Weiuhäitdler Julius L ub 0 w s k y, Begrüttder tlnd Settiorches der seit Anfang der fünfziger Jahre bestehenden Weitlfirma Lnbowsky & Co., vollendete aut 25. d. M. iu voller Rüstigkeit seilt 80. Lebensjahr. — Herr Etnil Bo deck, der Schwiegersohn Ahlwardt's hat mit feinen „deutschen Wirthshänsern" recht schlechte Geschäfte gentacht. Er wurde, wie das „Berl. Tagebl." mittheilt, illfolge seines wirthschaftlichen Niedergangs gemüthskrank und mtlßte voll seineut letztelt Aufettthalt in Schlachtensee dieser Tage eine Heilanstalt int Harz aufsuchen. — Angesehene Bürger iu Königsberg haben sich mit der Bitte an die Regierung gelveitdet, keine weiterett Ausweisuttgsbesehle über russische Inden in Königsberg zu verhängen: sie betheuern, daß dieselben hochachtbare Leute sind, die Den Handel iu der Stadt fördern, und mit wohlthätigen Spelt den nicht nur ihre Glaubensgenossen, sondern auch nichtjüdifche Alistalteu bedellken. — Dr. Richard Stern, Privatdozent für innere Medizin und Titular-Professor iu B r e s l a u , ist zum außerordentlichen Professor ernanttt worden. — Geheimer Sanitätsrath Dr. Elias in Breslau hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Nach der letzten amtlichen Zählung giebt es im Königreich Sachsen 3611670 Lutheraner, 10 538 Reformirte, 140285 Nöntisch-katholische, 1428 Deutschkatholische, 9902 Jsraeliteti. — Der als eifriger Antisemit bekatmte Bürgernreister Prött in Nerzen ist, wie das „Hamb. Fremdenbl." mittheilt, wegen Veruntreuung im Amt verhaftet worden. — In Mehlem wurde am 6. d. M. Julius Eltzbacher aus Amsterdam, der am 5. d. M. in Wildlrugett gestorbett, beerdigt. Der Verstorbene war als Großindustrieller und als Vorsitzender des deutschen Hilfsvereins in Amsterdam bekannt. Der Kaiser hatte ihm den Krottettorden III. Klasse verliehen. Dr. Frauk-Költt hielt die Grabrede. — Der ungarische Kultusminister hat deu jüdischen Oberrealschulprofessor Dr. H e i n r i ch K ö r ö s i zum königlich ungarischen Schulittspektor in Bud ap est ernannt. — Der Kaiser hat dem Hosbuchhältdler Arthur W 0 d i a n e r d e V a s a r h e l y den Titel eittes köttiglichett Rathes verliehen. Wodianer hat auf dent Gebiete des Erziehrntgs- und Ultterrichtswesens, sowie als Buchhältdler uttd Verleger Hervorragendes geleistet. — Die erste Kammer des Civilgerichtes in Algier hat die Entscheidung gefällt, daß die städtischett Genteindett von Algier und Mustapha für die Verluste solidarisch haftbar sittd, welche den jüdischen Einwohnern durch die Exzesse der Antisemiten erwachsen sind. Für beit enormen Verlust freilich, der ihtten durch dett Boykott seitens der verhetzten Bevölkerung zngefügt wird, kann Niemand auskommen. — Ein jüdischer Luftschiffer, Michaels, verunglückte neulich in Kapstadt, indem er beim Aufstiege mitsammt dem Fallschirme in das Molteno-Reservoir stürzte, welches Kapstadt 311111 größten Th eile mit Wasser versorgt. — Das 25 jährige Jubiläum des „Hebrew Union College" in Cittcinnati wurde am 16. d. M. gefeiert, wobei 11 Abiturienten die Rabbinerweihe empfingen. Es war ursprünglich beabsichtigt worden, das Jubiläum in großartiger Weise zu begehen. Infolge des vor einigen Monaten erfolgten Hinscheidens des greisen Rabbi Jsaac M. Wise wurde jedoch davon Abstand genommen. Dr. Mielziner, der fungirende Präsident des Kollege, vollzog die Weihe, und Rabbi Joseph Stoltz von Chicago hielt die Weiherede. — In Philadelphia ist S i in 0 n Ez eki e l im Alter von 79 Jahren gestorben. Er war 1821 in Posen geboren und kam 1845 nach Philadelphia, wo er als Kleiderfabrikant ein bedeutendes Vermögen erwarb. Ezekiel war einer der Gründer und eifrigsten Förderer des jüdischen Hospitals. Im Orden B'nei Brith war er seit 1853 thätig und 1859 war er Präsident der Großloge. Seit 25 Jahren und bis kurz vor seinem Tode war er Sekretär der Beth Israel-Gemeinde. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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