Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228390--56552-3292861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hanau. Düsseldorf je 1. Die ärztliche Leitung der Anstalt war auch dieses Jahr wieder Herrn Dr. med. Hirsch in Nauheim auvertraut. In besonderen Fällen hat wie seither Herr Professor Schott seine Dienste wohlwollend zur Verfügung gestellt. Der Vorstand besteht aus folgenden Herren, sänimtlich in Frankfurt a. M.: Joseph Bender. I. Dreyfus, Sallh Goldschmidt. Hermann Maier. Michael Moses, Mainz. Salomon Niedermayer, Adolf Stern. Oesterreich -Ungar». □ Wien, 11. Juni. Mit dem gewaltsam herbeigeführten Schluß der Reichsraths-Session ist unseren Christlich-Sozialen auch die letzte Stätte genommen worden, wo sie — wenn die Czechen sie zu Worte kommen liehen — Judenhetzeu veranstalten konnten. Zum Glück für die radaulustigen Herren wird ja bald der Gemeinderath tagen, in dem sie sich aber gar nicht wohl fühlen werden, da diese Korporation ja meist aus ihren Parteigenossen besteht — wen werden sie denn da beschimpfen? Eine österreichische Gemeinderaths-, Parlaments- oder Landtags-Sitzung ohne weibliche Schimpferei auf die Inden ist ja wohl nicht denkbar! — Im Gegensatz zu dem Ausgang der hiesigen Wahlen haben iit dem benachbarten Vöslau die fortschrittlichen Kandidaten den Sieg davongetragen — ja die guten Vöslauer bangten um die fetten Einnahmen der jüdischen Sommerfrischler, die ihnen, hätten sie antisemitisch gewählt, vielleicht entgangen wären — vielleicht auch nicht, denn unsere guten Wiener Juden lassen sich so manches bieten. — Das sieht man jetzt u. a. auch in Genieindeangelegeuh eiten , denn in ihren letzten Sitzungen hat die Vertretung unserer Kultusgemeinden dieser eine neue Wahlreform ohne weiteres oktroyirt, die von schwerwiegender Bedeutung für die ganze Zukunft ist. Es sollen nämlich statt 24 wie bisher, künftig 36 Gemeindevertreter gewählt werden; das Wahlrecht wird auch auf die Fünf Guldenmänner ausgedehnt, aber auch eine neue Kurie mit 12 Mandaten für jene Steuermänner geschaffen, welche mehr als 100 fl. zahlen. Also eine nrreaktionäre Wahlreform, die mit der Begründung auftritt, daß man dieses Privilegium den Neichen für ihre Stenerleistung gewähren und dadurch ihr Interesse für die Gemeindeangelegenheiten wecken will. Nach diesen Heldenthaten hat unser Kultus-Vorstand in seiner letzten Sitzung noch ein großes rettendes Werk vollführt; er hat nämlich mit allen gegen drei Stimmen beschlossen, die laute Recitation des gesammten Schemone-Eßre-Gebetes durch den Kantor wieder einzuführen. Nun ist das Wiener Judenthum gerettet und kein Lueger kann ihm noch etwas anhaben! Rußland. L. T. Odessa, 31. Mai. Vor kurzem starb in Zhtomir Dr. med. Ewsei Mendelewitsch Sack im 83. Jahre seines Lebens. Der Verblichene war eine populäre und originelle Erscheinung, die jedes Kind in Zhtomir kannte. Er wurde 1817 in Kremenez geboren und verbrachte seine jungen Jahre in Erlernung der talmudischen und althebräischen Litteratur. Schon als erwachsener Jüngling machte er die Bekanntschaft des in Kremenez lebenden bekannten, jüdischen Gelehrten Isaak Beer Lewinsohn s. A. Unter seinem Einflüsse begann der junge Talmudist allgemeinwissenschaftliche Gegenstände zu erlernen, und im Jahre 1843 reichte er eine Bittschrift an den Kaiser ein, uni die Erlaubniß zum Eintritt ins Gymnasium zu erwirken. Bald erfolgte die Allerhöchste Bewilligung, den 2 6 jährigen Sack im Zytomirer Gymnasium „nicht als Beispiel für Andere" aufzunehmen. Sack trat in die dritte Klasse des Gymnasiums ein. welches er im Jahre 1848 beendigte. Hierauf bezog er die Universität in Kiew und beendigte die medizinische Fakultät mit dem Grade des Doktors; dann ließ er sich in Zhtomir nieder, wo er im Laufe von 47 Jahren seine Praxis ausübte. Es muß hierbei bemerkt werden, daß Dr. Sack hauptsächlich bei der armen Bevölkerungsklasse praktizirte und niemals Jemandem seine medizinische Hilfe verfugte. Leider wurde die Güte und die Selbstlosigkeit des Verewigten nicht nur von den Armen exploitirt. und er selbst verbrachte Zeit seines Lebens im Kampfe mit Noth und Elend. In den letzten Lebensjahren, als der Greis nicht mehr im Stande war zu arbeiten, wurde er von Allen verlassen, mit Ausnahme der Wolhynier „Gesellschaft der Aerzte", die ihn mit einer kleinen Pension unterstützte. Zum Leichenbegängnisse des braven, ehrlichen Mannes war, mit Ausnahme einiger Kollegen und intelligenter jüdischer Freunde fast Niemand erschienen — selbst nicht aus jener Masse, die er im Laufe fast eines halben Jahrhunderts gratis geheilt und gepflegt hatte. Segen seinem Andenken! Don Nah und Fern. — Zu den Mitgliedern der geplanten, seitens des Deutschen Reiches snbventionirten Expedition nach Baalbek gehört auch Dr. Moritz So beruh ei m. Der jugendliche Gelehrte, dessen lebhaftes Interesse für Juden und Judenthum sich aus den mannigfachsten Gebieten bethätigt, hatte die Auszeichnung, mit den übrigen Expeditionsmitgliedern am 6. d. M. vom Kaiser empfangen zu werden. — Der Rentner Kasper Lichten st ein hier, ein in jüdischen Kreisen wohlbekannter und allgemein geachteter Mann, feierte mit seiner Ehefrau Jeanette, geborene Apolant. am 13. d. M. die goldene Hochzeit. Beide Gatten erfreuen sich einer guten Gesundheit im Kreise von Kind und Kindeskindern. Ad multos annos! — In Kempen ist am 5. d. M. der Rabbinatsassessor N. Dzialowski im 79. Lebensjahre gestorben. Er hat dort seit Jahrzehnten gewirkt und allgemeiner Beliebtheit sich erfreut. — In Wilkowitz (Schlesien) verstarb am Sonnabend eine alte israelitische Bettlerin ohne nähere Angehörige. Auf Anordnung der Gemeindeleitung wurde die Leiche Nachts auf einen Wagen geladen und, der „Silesia" zufolge, heute früh zeitig auf der Straße bei dem Zaune des Lipniker Israelitischen Friedhofes abgeladen und liegen gelassen! — In O s w i e n c z y m bei Oderberg ist abermals ein „Ritualmord" — entdeckt worden, d. h. eine verlorengegangeue Dienstmagd, wegen der man schon die dortige jüdische Bevölkerung verdächtigt hatte, ist durch einen Polizeisergeauten ausgefuuden und unter dem Jubel der Bevölkerung nach Oswienczym gebracht worden. — Nach dem „Anhaltischen Staatsanzeiger" hat der Herzog von Anhalt der Frau Julie Oppenheim, geb. v. Cohn, welche nach dem kürzlich erfolgten Tode ihres Vaters, des bekannten Hofbankiers und Vertrauensmannes des Kaisers Wilhelm I.. Barons v. Cohn in Dessau, ihren Wohnsitz von Berlin nach Dessau verlegt hat, gestattet. Namen und Adelsprädikat ihres Vaters anzunehmen und fortan den Namen Baronin v. Cohn-Oppenheim zu führen. — Großes Aufsehen erregt die Affäre des Rittergutsbesitzers List in Saalfeld, der sich in öffentlicher Schöffensitzung weigerte, vor einem jüdischen Richter den Eid zu leisten und deshalb zur Tragung der Kosten für die vertagte Verhandlung sowie zu einer Geldstrafe von 200 Mark ev. 14 Tagen Gefängniß verurtheilt wurde. — Kommerzienrath Rudolf Bamberg er, Seniorchef des Bankhauses Bamberger u. Co. in Mainz, Bruder des verstorbenen Parlamentariers Ludwig Bamberger, ist nach kurzer Krankheit in Baden-Baden am 6. d. M. hochbetagt gestorben. — Der Kantor und Religionslehrer Lazard Leopold in Bolchen i. L. hat das Allgemeine Ehrenzeichen erhalten. — In Czern o Witz ist der Reichsraths- und Landtagsabgeordnete kaiserl. Rath David Tittinger im 61. Lebensjahre nach langem Leiden gestorben. Der Verewigte, welcher immer ein treuer! Sohn des Judenthums war. zählte zu ben allgesehensten Bürgern des Landes. — Unter den Theilnehmern der zur Beobachtung der letzten Sonnenfinsterniß nach Algier entsendeten deutschen Expedition befand sich ailch der Astronom Dr. B. C o h n von derS t r a ß b u r g e r Sternwarte. — Pros. Hartwig D e rellbour g in P ari s ist zum Mitglied der Aeademie des Inscriptions et Belles-Lettres gewählt worden. Mit ihm ist, wie die „Arch. Jsr." witzig bemerkt, das Miujan im Institut komplet- Die anderen Mitglieder sind I. Oppert, A. Breal, S. Reinach, H. Weill, Mallrice Levy, G. Lippmann, A. Loewy, Michel Levy, Lyon-Caen. — Die rumänische Regierung verbot den auswanderndell erwerbslosen Juden, in Gruppen zu Fuß an die Grenze zu ziehen. Mittellose Auswanderer sollen freie Bahnfahrt bis zur Landesgrenze erhalten. Minderjährige dürfen ohne elterliche Erlaubniß keinen Paß zur Reise iu§ Ausland erhalten.— Der russische Senat hat soeben folgende Erlasse bezüglich - des Aufenthalts der Juden in Rußland verfügt: Die Israeliten, ebenso! wie ihre Kinder, lvelche vor dem Jahre 1882 ihrer Militärpflicht genügt haben, sind eclllächtigt lvordeil, frei im ganzen Reiche zu wohnen, außer in den Gouvernements von Moskau und des Don. Sie könrlen außerdenr Immobilien erwerben, Handel treiben nach den allgemeinen j Gesetzen des russischen Reiches. Nach dem Gesetz vonl 22. März 1891 j können alle Personen ohne Unterschied Kinder adoptiren. Der Senat hat , soeben das Gesetz durch einen Zilsatz vervollständigt. Hiernach haben die! Juden, die außerhalb des Territoriums wohnen, nur das Recht,Glaubensgenossen zu adoptiren. die wie sie das Recht haben, im ganzen Reiche sich aufzuhalten. — Amerikanische Blätter melden: Seit dem 1. Jalluar I960 bis zum 10. Mai haben 688 Israeliten in New York allein Selbstmord begangeil. Und diese sind fast sämnltlich arme Einwanderer. Elltsetzlich, Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.