Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Gemeinde" . . ., unterbrach ihn der Erzbischof, nicht stehen bleibend, und sagte in höchst schroffer Weise: „Ich verstehe nicht, wozu diese Begrüßung Ihrerseits! Welche Beziehungen können zwischen uns bestehen? Wir sind Menschen verschiedenen Glaubens, und ich, als Vertreter einer Ihnen vollkommen fremden Religion. habe mit Ihnen nichts Gemeinschaftliches!" Der hiervoll vollkommen erstarrte Deputirte, dem Erzbischöfe mtt dem Brode und Salz folgend, antwortete: „Entschuldigen Sie. Ew. Eminenz! Wir wünschten bloß, in Ihrer Person den hohen Vertreter jener Lehre zu begrüßen, auf bereu Basis der Allfang der Liebe zilm Nächstell begrülldet ist. unabhängig voll feinem Stamnie und Glauben!" „Dies Alles ist recht schöll." erwiederte hierauf der Erzbischof, „aber Ihr habt doch nichts Gemeillschastliches mit dieser Lehre! Uebrigens." schloß der Erzbischof, sich zum Depntirtell halb umwendend, „für das Brod und Salz — meinen Dank." — Man kann sich leicht die Lage dieser jüdischen Deputatioll mit dem zurückgewiesenen Brod urld Salz denken — inmitten einer tausendköpfigen Menge, welche mit Neugierde auf die jüdischen Vertreter blickte, die mit gebeugten Häuptern traurig sich durch die Reihen „der fremden mit ihnen nichts Genleillschastliches habellden Menschell" davonschlichen . . Als wir diesen Akt der Intoleranz eines hohen russischen Kirchellsürsten lasen, stiegen in uns unwillkürlich die Erinnerungeil all jene hervorragenden Vorgänger des jetzigen Erzbischofs hervor, die eine Zierde der Menschheit und der russischen Kirche waren. Bekanntlich zeichnet sich die hohe russische Geistlichkeit von jeher durch ihre Tolerallz ruld Meilschellfreundlichkeit aus. Aber andere Zeiten, andere Lieder! Vor einem halben Jahrhnllderte lvar es, da bekleidete den hiesigen Posten des Erzbischofs der berühmte, gelehrte Kanzelredner Jnokentjh, der einen hohen Ruf weit über die Grenzen feiner Diözese genoß. Das war ein Mann von milbeit, toleranten Anschauungen, ein Kenner und Verehrer der hebräischen Sprache; er verkehrte mit Juden, besonders mit dem verewigten Redakteur des „Hameliz", dem vielfach verdieiltell Alexailder Zederbaunl, der den Erzbischof fast jeden Freitag Abend besuchte, und mit denl er sich über jüdische Litteratur unterhielt. Herr Zederbaum führte bei dem humanen, aufgeklärten Erzbischöfe mehrere seiner Glaubensgenossen. ullter Alldern auch den berühmten emeritirten Oberkantor N. Blumenthal ein. Der Nachfolger des verewigten Jllokentjy war der wahrhaft gottessürchtige, fromme und edle Dmitry s. A., der während der Judenkrawalle im Jahre 1871 (Allg. Ztg. d. Jud. 1871. Nr. 18 vom 2. Mai) eine Predigt in der Kathedralkirche hielt, die später in tausenden von Exemplaren vervielfältigt wurde, worin er seines Zorn über diese unerhörten Ausschreitullgen in flammenden Worten Allsdruck gab. Als der humane Dmitry in hohem Alter das Zeitliche segnete, da zeigten sich die Juden diesem hoheil Kirchellfürsteu dankbar und aus Anregung des leider viel zu früh dahingeschiedenen Rabbillers Dr. Schwabacher s. A. widmete die hiesige Gemeinde einen Kranz mit passender Jllschrift; Schwabacher selbst, mit seineil beiden Rabbinatsassessoren. alle drei in vollem Ornate, erschiellen zum Leichenbegäng-* nisse in der Kathedralkirche. Wir Juden haben ein gutes Gedächtniß und silld ein dankbares Volk. Zunl Gedächtllisse des edlen Wirkens des humanen Erzbischofs Dmitry s. A. gründete die hiesige Gemeillde im jüdischen Waisenhause eine Stiftung, die den Namen dieses Menschenfreundes trägt. Außerdem veröffentlichte der selige Dr. Schwabacher eine Gedächtnißrede auf den heimgegallgenen Erzbischof. Nach dem Ableben des von der gallzen Stadt tiefbetrauerteu ebleu Dmitry, wurde zu seinem Nachfolger Platon (der spätere Metropolit von Kiew) ernannt. Auch er verkehrte mit Juden und war sehr tolerant. Aus der Reihe jener Kirchenfürjten. die den hiesigen Bischofssitz einnahmen, wollen wir llvch den Heimgegangenen Nikanor erwähnen, der die Gabe der Rede in hohem Maße befaß und der ein edler Mensch in vollem Sinne des Wortes war. Wir erillnern uns von ihm eine Predigt gelesen zu haben, worin er die Juden mit Lobeserhebungen überschüttet, ihren Familieusilln rühmt und sie als Beispiel den Russen gegenüberstellt. Wie man sieht, hat die hiesige Diözese eine Reihe edler Menschen als Erzbischöfe auszuweisen, die wahrhafte Diener dev „Religion" der Liebe waren. Doch genug von diesen unerquicklichen Ereignissen! Von Nah und Fern. ^. — Am 2. d. M. hat der Malermeister Julius Löwenstein sein 25jähriges Meisterllnd Geschäftsjubiläum zugleich mit dem 50. Geburtstag unter allgemeiller Theilnahme und vielfachen Ehrungen gefeiert. Herr L. hat stets ein reges Interesse für allgemeiinlützige und humanitäre Einrichtungen an den Tag gelegt und wirkt seit vielen Jahren in mehrereit^Vereiuen als wackeres und allgemein geschätzte? Mitglied. — Herr Julius Maggi. Theilhaber der Maggigesellschafl in Berlin und Singen und Erfinder der bekannten Maggierzengnissc (Maggi znm Würzen und Maggis Bouillonkapseln) wurde, wie schon im Jahre 1889, so auch diesmal wieder zum Mitglied des Internationalen Preisrichterkolleginms auf der Pariser Weltausstellung ernannt. — Um das Andenken ihres verstorbenen Vaters, des Barons Moritz v. Cohn, zu ehren, hat Frau Julie Oppenheim, geborene v. Cohn. der Stadt Berlin, wo ihr Vater lange gelebt hat, zu Händen des Oberbürgermeisters Kirschner 100000 Mark zugewendet. Die Zinsen sollelt in einer Weise, wie es je nach den Verhältllissen dem Kuratorium nutzbringend erscheint, doch möglichst jährlich und spätestens immer nach fünf Jahren, verwendet werden für wohlthätige, wissenschaftliche oder künstlerische Zwecke. — Der Abgeordnete Dr. Vielhaben in Hamburg, Vertreter des Reichstagswahlkreise? Rinteln-Hofgeismar und Mitglied der deutsch-sozialen Reformpartei, hat sein Mandat niedergelegt. — Oberlehrer Dr. FeiIchenselb in Hamburg ist zum Direktor der israelitischen Realschule in Fürth und der Direktor der Talmud-Thora in Hamburg. Dr. Gold schm i dt zum Direktor der orthodoxen höheren Töchterschule inFrankfur t a.M., gewählt worden. — In Dresden ist am 30. v. M. der Spezialarzt für Chirurgie. Dr. Richard Lehmann, ein Sohn Emil Lehmanns, s. A. im 38. Lebensjahre gestorben. — Am 1. v. M. wurde in Hagenau der in einem Alter von 92 Jahren Heimgegangene Rabbiner Josef Lippmann unter großer Betheiligung bestattet. Der Verblichene wirkte den größten Theil seines Lebens als Rabbiner und stellte zahlreiche Schüler aus. Unvergessen bleiben seine Verdienste als Direktor der Talmud-Thora-Schnle in Straßburg sowie seine Organisation bei den durch die „Alliance" im Orient gegründeten Schulen. In der Nacht auf den 30. Mai äscherte eine große Feuersbrnnst die Hälfte der Kreisstadt Wladimir - Wolynsk (Gouvernement Wolhynien) ein. 800 jüdische Familien sind obdachlos. — In Kiew wurde die Abtheilnng für zehn Betten bei der Recoucheurklinik, die ans den Mitteln des bekannten Philantropen Lazar Brodsky errichtet, eingeweiht. Der Minister der Volksanfklärung, Geheimrath Bogoljepof. wohnte der Feier bei. Dann besichtigte er das bakteriologische Institut, welches derselbe Philantrop gründete. Kommerzienrath Lazar Brodsky schenkte der Stadt Kiew 50000 Rubel für ein Jnfectionshospital. — Der Kurator des Od essaer Lehrbezirks hat, aus Vorstellung des Kuratoriums des jüdischen Waisenhauses, die Gattin des erblichen Ehrenbürgers. Frau Rosa Rabinowich. zur zweiten Knratorin in der weiblichen Abtheilung dieser Anstalt auf drei Jahre bestätigt. — Die Petersburger Zeitungen theilen folgende Nachricht mit: Ein reicher Jude hat ein Kapital von 300000 Rubel vermacht, damit von den Zinsen desselben ein Asyl für alte, zur Arbeit unfähige Künstler jüdischen Glaubens errichtet werden soll. — Bei den jüngsten belgischen Wahlen sind der frühere Deputirte Montefiore-Levi in Löwen und S. Wiener in Brüssel in den Senat gewählt worden. — Der Club der „Maccabeans" in London hat in jüngster Zeit zwei große Diners zu Ehren des früheren Attorely General (Generalstaatsanwalt) A. I. Jsaacs in Victoria und des Obersten David Harris, des Vertheidigers von Kimberley, gegeben. — Der nächste Zionistenkongreß findet vom 13. bis 16. August in London statt. — Zum Stab des Generals French gehört der Sergeant-Major Morris, der Sohn eines Rabbiners, der wegen seiner Tapferkeit von Lord Kitchener öffentlich belobt wurde. — Ein Hauptverdienst an der heldenmüthigen Haltung von Mafeking sieben Monate hindurch haben sich die Brüder Ben und Major Sam Weil daselbst erworben. — Die „Ethik des Judenthums" von Professor Lazarus wird von der Jewisli Publication Society, bereit Generalversammlung in voriger Woche zu Philadelphia stattgefunden. nunmehr auch in englischerUebersetznng herausgegeben. — New-Jork er Blätter koustatiren die merkwürdige Thatsache, daß die Insassen des jüdischen Altenheims ein bedeutend höheres Alter erreichen mie die ähnlicher nicht jüdischer Institute, was zweifelsohne der guten Pflege zuzuschreiben ist. Das Durchschnittsalter nimmt mit jedem Jahre zu, im abgelaufenen betrug es 78 Jahre. Der Aufenthalt variirt zwischen 13 und 23 Jahre. Es finden sowohl zahlende wie nichtzahlende Leute Ausnahme, die letzteren sind in der Mehrzahl. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.