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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-01 · Heft 22 (1.6.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 22 (1.6.1900)
Date
1900-06-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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64. Jahrgang. Ar. 22. Berlin, 1. Juni 1900. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet Rabbiner Dr Ludwig Vkrlaas-Grpedition: Gerlin, Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. von Plhilippson-Konn. Jernsalemerstr. 48149. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ttl|ltlt. Leitartikel: Zum Wochenfeste. — Die Woche. — Festgrutz.!?on Jda Oppenheim. — Brief aus Oesterreich. — Die Vivisektion und .-ie jüdischen Aerzte. Von Dr. med. Simon Scherbel. — Die Juden und -er Schiffbau. Von Prof. Dr. Martin Philippson. — Das- Judenthum in der Musik im 19. Jahrhundert. III. Von Dr. Adolph Kohut. — Feuilleton: Die Tscherkessenbraut. II. Von I. Herzberg. — Besuch bei iner Hundertjährigen. Von Lina Morgenstern. — Moses. Von -Gustav St einert. Der Geweindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, 2tolp, Kempen i. P., Breslau, Tarnowih i. Schl., Osterode a. Harz. Wien, aris. — Bon Nah und Fern. Znm Wochenfeste. Berlin. 31. Mai. /sÄ^ine doppelte Bedeutung hat das Fest, dem wir entgegen- J+jjb) gehen. Die ursprüngliche Bedeutung desselben war die eines Dankfestes für die Ernte der Erdfrüchte; auch als Tag der Erstlinge wird es in der heiligen Schrift bezeichnet, an dem die erstgereiften Früchte am Schluß der Ernte als Dank an Gott geopfert wurden. Es gehörte zu den drei Wallfahrtsfesten, wo alle Männer in Israel vor Gott erschienen. Die andere Bedeutung des Festes, die späterhin aber auch viel höhere, ist Ae als Tag der Gesetzgebung. So ist das Schabuothfest in seiner Doppelbedeutung ein Geschichts- und Naturfest zugleich. Der Mensch erhebt die Natur und Geschichte in ihren Werken ut Gott, dem Quell aller Schöpfung, Entwickelung und Verengung, daß er sie auch ferner segne und dem hohen Ziele ihrer Vollendung nahe bringe. Schon zur Zeit des Talmuds ourde die Frage aufgeworfen: Jetzt, da es keine Ernte mehr siebt, sollte da noch das Wochenfest gefeiert werden? Die Antwort der Gesetzeslehrer lautete: „O ja, denn es heißt: dn sollst feiern das Wochenfest dem Ewigen, deinem Gotte," ". h. das Fest gilt nicht der Ernte, sondern Gott allein. In -er That feiert die Synagoge denn auch dieses Fest sowohl nach der älteren lvie nach der jüngerer: Auffassung. Daß die letztere eine unendlich tiefere Bedeutung gewonnen hat, ist so clbstverständlich, daß kaum noch ein Wort darüber verloren m werden braucht. Aber nur, wer den Inhalt des Judenthums und vor allem den Inhalt der Festgebete nicht kennt, kann davon sprechen, daß die Bedeutung des Schabuothfestes als Erntefest in den Hintergrund getreten sei. Freilich, dieser Anlaß zum Feste rvar blos auf eine Nation beschränkt, der andere dagegen war nicht ein Fest für Israel allein, sondern für die Menschheit. Denn die Offenbarung ist nicht für ein einzelnes Volk, nicht an eine bestimmte Nation ergangen. Sie war keine abgesonderte göttliche Erscheinung, sondern eine Offenbarung für alle Zeiten, deren tiefer Inhalt sich ja bis heute noch nicht über die ganze Erde verbreitet hat. Wir verstehen den Sinn des Festes nur dann, wenn wir es als ein Berklärungsfest der Menschheit betrachten. Hat doch Israel durch diese Offenbarung den Glauben an ein einzig-einiges ewiges Wesen, diesen höchsten Gedanken der Menschenvernnnft, diese reinste Idee der menschlichen Vollkommenheit,- empfangen. Lehrt uns doch diese Offenbarung, daß er allein der Herrscher aller Welten, der Ordner und Lenker aller menschlichen Geschicke, indem sie uns zeigt, daß außer ihm Keiner, den wir verehren. Keiner, den nur anbeten sollen; indeiu sie uns verkündet, lvie wir seinen Nalnen an den hierfür bestimmten, geheiligten Tagen und Zeiten anbeten und wie wir unsere Eltern, die sichtbaren Stellvertreter Gottes auf Erden, verehren sollen. Hat doch Israel zugleich das nicht minder wichtige Gesetz der Menschheit empfangen, den Nebenmenschen zu lieben, jedes Leben, jede Ehe, jedes Eigenthnm, jedes Wort und jegliche Gesinnung als heilig und unverletzlich zu betrachten. Einerlei Gesetz, einerlei Recht und einerlei Lehre für den Fremden wie für den Einwohner des Landes. Das Fest der Gesetzgebung ist daher ein Verklürungsfest der Menschheit, lveil in demselben das höchste Recht, die reinste Liebe zur Tugend und der tiefste Abscheu vor jedem Laster geboten wurden. Mit Recht hat man als einen Beweis für die geschichtliche Offenbarung die Thatsache angeführt, daß auch alle Kulturvölker des Alterthums vorher dem Heidenthum und dem Götzendienst verfallen waren, sowohl die Aegypter wie die Inder und die Assyrer, daß ferner alle Völker, zu denen die Offenbarung an Israel nicht gelangte, und zu denen sie bis jetzt noch nicht gelangt ist, auch heute noch dem Heidenthum und Götzendienst verfallen sind, und daß endlich alle Volker, lvelche einen reinen Begriff von Gott haben, solche sind, zu denen die Offenbarung an Israel gelangt ist und die sie als Grundlage ihrer religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Existenz anerkennen. Gewiß hat es Einzelne gegeben, die schon damals eine höhere Erkenntnis; ahnten, aber auch diese Einzelnen erkannten nicht die wahre Gottheit. Ist Ahnen Bewußtsein, sind unbestimmte und unentwickelte Begriffe religiöse Klarheit? War es nicht vielmehr der niedrigste Grad der Erkenntnis;, wenn sie blos die Vernunft Gott nannten, die Vernunft, die sie nicht einmal deutlich begriffen, weil sie die Folge als das Wesentliche, als die erste Ursache ansahen und lehrten? Fürwahr, der Sternenschimmer der Gedanken und Betrachtungen, die in jener Nacht des Allerthums am Himmel der Menschheit hier imb da anfstiegen

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