Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228384--56411-3292714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
64. Jahrgang. Nr. 18. Srrlin, 4. Mar 190V. Zeitung des Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbkner Ludwig PHNippson-ÄMln. Verlays-Crpedition: Gerlin, Icrnfalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition inBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel: Noch eine Lüge. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Das Drama von Könitz. — Ein Stück soziale Frage, mit besonderer Rücksicht auf die Bibel. 11. Bon Dr. Max Hirsch. — Zur Geschichte der Juden in Westfalen. I. Von Dr. Lew inskv-Hildeshemi. — Feuilleton: In der Kinderstube. Bon R. Brainin. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Westpreußen, Dessau, Hannover, Hamburg, Brakel (Kr. Höxter), Köln, Ems, Frankfurt a. Bi., Wien, Odessa. — Bon Rah und Fern. Noch eine Füge. Berlin, t. Mai. in geistreicher Publizist hat einmal die Idee angeregt, die Geschichte der Juden ulld des Judenthums aus der Litteratur und der Volkskunde heraus zu schreiben. Die Regungen der Volksseele, welche Widerwillen gegen die Juden im Mittelalter wie tu der neueren Zeit hervorgerufen, lvürden dabei freilich eille sehr traurige Rotte spietell. Es sind nicht die Phantasie oder der religiöse Trieb des Volkes, sondern in den ineiften Fällen damals wie heute recht häßliche Regungeli, nämlich Neid, Mißgullst ulld Aerger über die Konkllrrenz, welche im Mittelalter den Judenhaß und in unserer Zeit den Antisemitismus gezeitigt haben ulld fortdauernd nähreu. Man kann das in jeden: eilizelnen Falle verfolgen, aber vielleicht tu keinem deutlicher als in dem, mit welchen: wir uns heute wiederuln einmal trotz des tiefen Ekels, der: wir dabei empfinden, zu beschäftigen haben. Seit einige:: Jahren wird an: Rhei:: und in Frankel: die nichtswürdige Lüge verbreitet, daß die Inder: das Fleisch, welches für sie als zur Nahrung ungeeignet erscheint, rrach der Vorschrift des Talmuds besudeln müssen. Durch die Vervreitung dieser Lüge sir:d zahlreiche Fleischer :im ihre Existenz gebracht und verschiedene Prozesse bereits geführt worden. Ir: sittlicher Entrüstrmg über die maßlose Agitatior:, die dllrch jene skrupellose Bezichtigung Erwerb u::d Ehre vieler Menschen )U vernichten droht, hat ein edler, katholischer Geistlicher, der durch seine sozialen, religiösen :u:d kunstgeschichtlichen Werke bereits rühmlichst beka::nte Pfarrer D r. I o h a n:: e s I a e g e r in Ebrach, Obersrankeu, das Wort ergriffen, tun jene Verleumdungen in ebenso würdiger lvie gründlicher Weise zu widerlegen. Seine eben erschierwue Schrift: „Steht i::: TalllUld etrvas aber Fleischu::d Fettbesudelrurg?" (Gerolzhofen. F. N. Büchner 1900) ist ein Zeugniß dafür, daß dieser fronune Ma:n: nicht i:ur den Si::u echter Mensche::liebe besitzt, die es verschmäht, innerhalb des Geheges der eigenen Allschauungen zu verharren, sondern daß er auch über den gerade in unseren Tage:: nicht hoch genug zu veranschlagenden Mannesmuth verfügt, trotz der ihm zll Theil gelvordelle:: und noch zu erlvartendeu Schmähungen imb Verunglimpfungen seitens antisemitischer Demagogen, als Arnvalt der mit Unrecht Beleidigten ur:d ü: ihrer Existenz Bedrohter: die Waffen des Geistes zu führen. Den äußerer: Anlaß zr: dieser Schrift gab ein Aufsatz der bereits rviederholt gekennzeichneten „Neuen Bayrischen Landeszeitung". Aber schon vorher rvurde allenthalben unter Berufung auf der: Talmud in Franken behauptet, daß die Juden das „Fleisch und Schmalz, das sie an die Christen verkaufe::, besudeln müßte::". Diese Behauptung hatte einen gerichtlicher: Austrag zur Folge. Vor mehr als drei Jahren kan: vor dem Landgericht in Schweiufnrt ein ähnlicher Beleidigungsprozeß zur Verhandlung, in den: ein Gerileindediener wegen des Vergehens der Beleidigung zu dreitägiger Gefängnißstrafe verrrrtheilt wurde. Aber die Nerleumdrulg ruhte nicht ur:d das oben gekennzeichnete Blatt erklärte ausdrücklich: „Irr: Talmud stehlls ja drill, daß die Juden das Fleisch ru:d Schmalz, das sie an die Christen verkaufe::, besudeln rnüßterr, denr: für die Gojillr ist alles gut genug." Lediglich in: Dienste christlicher Nächstenliebe nrrd Wahrheitsliebe hat der katholische Pfarrer Dr. I. Jaeger schon irr: Februar eir: Flugblatt erlassen ulld jetzt die Broschüre veröffentlicht, dem: die antisemische Beschuldignng hat in einzelnen Bezirke:: Ober¬ und Unterfranke::s ungeheure Erreguilg u::d der: vollständigen Boykott der jüdische:: Metzger hervorgerufen. Sch oit nach seinem Flugblatt hat der würdige Ma:m alwuylne Briefe und Zuschriften erhalten, vor: derlei: er sagte: „Mich genirt das nicht den:: ein Strafanstaltsgeistlicher ist an Manches gewöhnt, aber z::r Ehre meiner Strafgefallgeller: muß ich sagen, daß mir in de:: zehr: Jahren meiner Thätigkeit am Zuchthaus Ebrach ::och keine solche sittliche Rohheit und schmutzige Gesinnung entgegengetreten ist, als sich in jenen Briefen offer:bart." Pfarrer Jaeger ließ sich aber in seinen: wissenschaftlichen Urtheil und in seiner sittlicher: Ueberzeugung drrrch Rohheit und Niedertracht iricht erschüttern. In: Interesse der Beruhigurrg und der Volksaufkläruug hat er es mm unternommen, den Nachweis der Verlogenheit jener Beschuldigung in überzeugender Weise zu führe»:. Er schlägt dabei folgender: Weg ein: Nachdem er zunächst das Wesen des jüdischen Ceremonialgesetzes, die Bedeutling des Talmud und des Schulchar: Arruh ir: klarer und populärer Weise erläutert, zeigt er u::s die Quelle jener oben erwähnter: Beschuldigung, des berüchtigter: Eiseun:enger „Entdecktes Juderrthlllu", der dieselbe aus der: Schriften