Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 ekretär Unterzeichneten kurzen Alltlvort. Daher betonte der Referent, Hütte sich die dringende Nothwendigkeit ergeben, einen Verein 311 bilden, der es sich zur Aufgabe stelle, die Rechte Aller zu wahre»! und daß man alle Mittel und Hebel in Bewegung sehen müsse, um bei der Ende dieses Jahres stattfindenden Nepräsentantenwahl Männer in das Kollegium zu bekonnnen. die die Anschauungen der Wähler ninthig zu vertreten geneigt seien. Jeder Indifferentismus. alleLanheit gegen religiöse Interessen miisse unterbleiben mit der Devise am Wahltage: „Alle Mann all Bord!"; und danll würde der Friede in der Gerneinde ungestört bleiben. Die Rede des Herrn Dr. Callmailn wurde mit vielem Beifall ausgenommen und es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, worin noch verschiedene Uebelstände in den Gemeindeinstitntionen gerügt und von einen! anwesenden Repräsentanten Abhilfe versprochen wurde. Auch beabsichtigt mau, von Zeit zu Zeit von tüchtigen, liberal denkenden jüdischen Theologen und andere»! ivissenschaftlich gebildeten Männern Vorträge halten zu lassen. Es wurde ein Komitee gelvählt, welches die Aufgabe übernommen hat, für den Verein Propaganda zu machen resp. Mitglieder zu werben. — Heidelberg, 17. April. Am letzten Freitag wurde der an Stelle des verstorbenen Dr. Sondheimer neu gewählte Rabbiner D r. Pink ns; aus Breslau von deni Bezirksältesten und Vorstand des hiesigen Shllagogenrathes, Herrn Sigm. Netter, der Gemeinde in feierlicher Weise vorgestellt und mit einer Ansprache in sein Amt cingeführt. 2(11! Sonnabend Morgen hielt sodann der nelre Rabbiner seine Antritlspredigt, lvelche, da an diesen; Tage das Passahfest gefeiert wurde, gleichzeitig eine Festpredigt war. Die Rede machte einen ebenso tiefgehenden wie erhebenden Eindruck und die Gemeinde- Mitglieder beglückwünschten sich, einen so vortrefflichen Prediger erhalten zu haben. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 23. April. In Tarn 0 w ist zu Ostern Bischof Ign az Lvbos infolge eines Herzschlages plötzlich gestorben. Der Verblichene uxir seit Beginn der Neunziger Jahre katholischer Bischof von Tarnolv und eili Mann von »nahrhaft toleranter Gesinnung. Als ihm im April 1803 das Ehrenbürgerrecht von Tarnow verliehen wurde, hielt er eine vielkonnnentirte Rede, in der er unter anderen sagte: „Es freut mich, an dieser Stelle neuerlich betonen und erklären zu können, das; ich für ein einträchtiges Zusanimenleben mit den Mitbürgern mosaischer Konfession stets warm eingetreten bin und jede Animosität gegen diese unsere gleichberechtigten Landeskinder, dem erhabenen Gebote der Nächstenliebe entsprechend, entschieden perhorrescire. Die israelitischen Mitbürger rnögeu immer von ineiner wohlwollenden Gesinnung überzeugt sein." — Die Sitzungen des niederösterreichischen L a n d t a g e s jedoch lehren uns etwas anderes, denn da »vird von Schneider und ähnlichen Subjekten darauf los geschnräht und mit den schamlosesten Beschimpfungen nrnhergeworfen. — Der Kaiser hat den; Lehrer der Stenographie, Josef Schiff, den Titel eines Professors verliehen. — Im jugendlichen Alter von 26 Jahren ist hier der Assistent des zweiten chemischen Universitäts-Laboratoriums, Dr. Leopold Kohn, an den Folge»! einer Quecksilbervergiftung gestorben, die er sich in» Laboratorium bei den Arbeiten zngezogen. Der junge hoffnungsvolle Gelehrte, der in so jungen Jahren als Opfer der Wissenschaft hinlveggerafst wurde, erfreute sich bei Vorgesetzten und Kollegen allgemeiner Beliebtheit. Von Nah und Fern. — Am 15. d. ist in San Remo der bekannte hiesige Konzertdirektor Jules Sachs im 50. Lebensjahre am Herzschlag gestorben. — In H 0 lz m i 11 b e 11 wurde der Religionslehrer und Kultnsbearnte I. Schön da ch, der gleichzeitig auch Hilfslehrer an der herzoglichen Baugewerkschnle daselbst war, mit dem 1. April d. I. als ständiger Bangewerkschullehrer fest angestellt. Kuratorium, Stadtmagistrat, bezw. die städtische Bauschuldepntation hatten die feste Anstellung vorgeschlagen und das herzogliche Staatsministerium, Departement des Innern hat diese ohne Weiteres genehmigt. — Die hessische Regierung erlebt wenig Freude an ihren Schützlingen. So mutzte sie den autisemitischeu Bürgermeister We tteuh ei nier in Eichelsachsen wegen Beleidigung des Justizmiuisters, des Ortsgerichts und des Standesamts zur Verantwortung ziehen. — Justizrath Josephthal in Nürnberg hat den Titel „Geh. Hofrath" erhalten. — Die königl. ungarische Akademie der Wissenschaften hat deni Drama: „Die römischen Sklaven" von Ludwig Palaghi den Ehrenpreis znerkannt. Palaghi ist der Sohn eines jüdischen Lehrers. — In P aris wurde am 10. d. M. in der Opern Comique eine Oper „Le Juif polouais“ nach dem bekannten Rolnan von Erklnan-Chatriau mit Erfolg aufgeführt. Der Komponist Jules Erlanger ist Chordirektor einer Pariser Synagoge. — In Milopolie wurde der reiche jüdische Gutspächter S. Dawido wiez in seinem Wohnhanse Nachts überfallen und nebst seiner Frau, fünf Kindern, der Gouvernante und einen! Diener ermordet. Die Mörder raubten hieraus das ganze Hans aus und steckten es sodann in Brand. Der Ermordete soll stets bedeutende Barbeträge im Hause gehabt haben. Bisher fehlt jede Spur von den Mordbrennern. — Die jüdische Gemeinde hat bei dem Gouverneur von Berd i tsch e ff petitionirt um die Bewilligung von 4000 Rubel aus der Fleischsteuer für eine jüdische Mädchenschule, aber der Gouverneur hat die Petenten abschläglich beschieden. — In Libau ist wieder ein skandalöser Fall von religiöser Vergewaltigung vorgekommeu. Den jüdischen Mädchen, welche die dortige Schule besuchen, war aufgegeben worden, am Sabbath zu schreiben, und Diejenigen, die sich dieser Vorschrift nicht fügten, waren ans der Schule gewiesen worden. Die Eltern dieser Kinder haben nun an die höchste Instanz, den Senat appellirt, aber dieser hat die Entscheidung der Schulverwaltung bestätigt. — Wie es heißt, bemüht man sich wieder eifrig, neue Kolonisten für die argentinischen Kolonien zu gewinnen. Agenten durchreisen sogar schon Rußland, und im Gouvernement G r 0 d n 0 sollen 150 Familien bereit sein ansznwandern sobald das Reisegeld aus Paris ein triff t. — Dieser Tage besuchte der Bürgermeister Seleny das jüdische Hospital in Odessa,!vo er alle Räume, den Ausnahmesaal und die Kinderabtheilnng, die aus den Mitteln der Frau Louise Aschkenasy erbaut wurde, genau besichtigte. Er war von allem was er gesehen, sehr befriedigt und schrieb in das Visitationsbuch für Ehrengäste folgende Worte: „Ich nehme den erfreulichsten Eindruck von meinem Besuche des Hospitales mit. Ehre und Lob allen Denjenigen, die sich um das Wohl dieser Anstalt kümmern." — Die türkische Regierung hat einem Herrn Schwarz ein Grundstück in Bnkli-Eschir bei Eskichehir (Anatolien) zur Par zelliruug für 100 jüdische Answandererfarnilieu aus Runiänien überlassen hat. Die Regierung unterstützt diese Kolonisten bis zur nächsten Ernte mit einen! Geldbeträge von 30 Para täglich für jede Farnilie. Zwölf jüdische Familien ans der Umgebung von Jassy sind nach Japan gewandelt und beabsichtigt sich in der Stadt Nagasaki ansässig zu machen. Obgleich sie der Landessprache nicht lnächtig sind werden sie von der Bevölkerung und den Behörden in freundlicher Weise ausgenommen. Uebrigens giebt es in Japan bereits eine ansehnliche Zahl Inden, die aus Holland und England eingewandert sind und sich großen Wohlstandes, sowie aller Bürgerrechte erfreuen. Die japanischen Zeitungen schreiben oft über die Inden aber nienials gehässig, sondern stets inforniirend und wohlwollend. — Bei der Mayorslvahl in Cincinnati ist am 2. d. M. Julius Fleisch mann gewählt worden. — Die „ Deb 0 rah " ist ihrem Redakteur und Begründer bald ins Grab gefolgt. Am 5. d. M. ist ihre letzte Nummer erschienen. Der Versuch, eine andere jüdische Zeitung in deutscher Sprache in Amerika herauszugeben, wird wohl kaum gemacht werden. — „Jewish Chautaugua“ nennt sich eine über die Vereinigten Staaten von Nordamerika verbreitete Organisation zur Wiederbelebung der jüdischen Litteratur und des jüdischen Geistes. Ein Bericht über eine Sitzung der Verwaltung, die am 4. d. M. in Philadelphia stattgefunden, besagt, daß die Bemühungen vor allem darauf gerichtet seien, in jeder jüdischen Gemeinde Vereine zu gründen zur Hebung der Kenntnisse in jüdischer Geschichte. —Die Ameri. kanisch - Orientalische Gesellschaft will in Palästina ein Institut für Orientalin und für Erforschung Palästinas errichten. Bereits haben eine Reihe der größten Universitäten unseres Landes regelmäßige Beiträge auf eine Reihe von Jahren zngesagt, so daß die Verwirklichung dieses interessanten Planes in nicht zu ferner Zukunft erfolgen wird. - In Freem autle (Westaustralien) ist der Kaufmann William Frederick Samson gestorben, der zweimal Bürgermeister der Stadt war, und mit hohen Ehren begraben worden. An seinem Leichenbegängniß nahmen der Premierminister von Westaustralien, der Präsident des Parlaments, sowie alle städtischen und Militärbehörden Theil. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.