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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-13 · Heft 15 (13.4.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 15 (13.4.1900)
Date
1900-04-13
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Er war eine von der deutschen wie von der czechisclien Partei gleich hoch geachtete Persönlichkeit. Reich wurde vom Kaiser durch den Franz Josefsorden, von mehreren Städten durch das Ehrenbürgerrecht ausgezeichnet. Nußland. L. T, Odessa, 2. April. Am 22. März starb in Petersburg im 59. Jahre seines Lebens der Photograph K. O. Sehapiro, der in der Nesidellz sich großer Popularität erfreute. Der Verewigte war in der hebräischen Litteratur durch seine hervorragenden poetischell Schriften hinlänglich bekannt. Seine Dichtungen erschienen in den meisten jüdischeil periodischen Zeitschriften und Sammlungei,, die in den letzten fünfzehn Jahren veröffentlicht wurden. Vor Kurzem erst erschien von ihm die historische Dichtung „Sodom", welche eine allegorische Darstellung der Affäre Dreysns enthält. Wie die jüdischen Zeitungen berichten. hat der Heimgegangene viele handschriftliche Arbeiten zurückgelassen. Schapiro trat in seiner Jugend znr Kirche über, aber in den letzten zwanzig Jahren hat er diesen übereilten Schritt aufrichtig bereut nild in seinen Liedern wie durch seine Thateu seine glühende Liebe zum alten Väterglanbeu in überzeugender Weise darge!Han. Sein sehnlichster Wunsch lvar in den letzten Jahren, nach Palästina auszuwandern. um dort sein Leben zu beschließen. Amerika. D. Cincinnati (Ohio), 25. März. Ich muß Ihnen heute die traurige Mittheilung „lachen, daß Herr Dr. Jsaac M. W i se, der Vater und Führer des amerikauischen Judeuthums, am 26. d. M. gestorben ist, einen Tag vor Vollendung seines 81. Lebensjahres. Er hat vorgestern, Sonnabend, in der Synagoge eine Stunde gepredigt. Nachmittags unterrichtete er noch im College, wurde dann unwohl und nach Hause getragen, wo er sich erholte, Sonntag aber das Belvußtsein verlor und heute starb. — Henry Cohn, Professor der deutschen Sprache an der Universität zu Evanston, Illinois, starb am 21. d. M. im Alter von 52 Jahren. Er war in Breslau 1847 geboren, kam als Kind nach den Vereinigten Staaten, wo er seine Studien machte. Seit 1893 war er in seiner gegenwärtigen Stellung, wo er sich besonders durch die Organisation des größten deutschen Vereins, der bisher unter amerikanischen Studenten und Studentinnen zu Stande kam, ein unvergängliches Nuhmesdenkmal gesetzt hat. Dabei lag ihm jeder Erlverbssinn fern, weshalb ihn auch der Nachruf der „Illinois Staats-Zeitung" treffend mit Baruch Spinoza vergleicht, der mit freudigem Verzicht auf die Schätze der Welt ganz in seiner höheren Gedankenwelt aufging. Er bekleidete gleichzeitig das Amt eines Lehrers in der Religionsschule des Sinai-Tempels in Chicago. Ehre seinem Andenken! — Der höchst merkwürdige. vielleicht einzig dastehende Fall hat sich hier ergeben, daß bei der auf den 2. April angesetzten Wahl zwei j ü d i sch e Kandidaten f ü r das Amt d e s M a h o r s n u s e r e r S t a d t einander gegenüberstehen. Die Wählerversammlnng der republikanischen Partei hat am 16. d. M. Herrn Julius Fleischmanu als Kandidaten aufgestellt, lvorauf die demokratische Partei am 17. d. M. sich für Herrn Alfred M. Co heu erklärte. Beide sind Inden. Fleischmanu ist erst 29 Jahre alt und der Sohn des vor etwa einem Jahre verstorbenen Karl Fle-ischmauu, eines gebürtigen Ungarn, der sich um die Begründung der Preßhesefabrikation in Amerika hervorragende Verdienste erworben hat. Er steht, obwohl er mit einer Jüdin verheirathet, dem Judenthnm fern. Auch sein Vater wurde — ein seltener Ausuahmefall — nicht auf dem jüdischen Friedhofe begraben. Julius Fleischmanu hat von seinem Vater ein aus mehrere Millionen geschätztes Vermögen ererbt. Alsred M. Cohen ist von aus England eingewanderten Eltern in Cincinnati geboren, ist ein angesehener Rechtsanwalt, steht im Alter von 41 Jahren und bekleidet gegenwärtig das Amt eines Senators in der Legislatur des Staates Ohio. Er ist auch seit längerer Zeit Vorstandsmitglied der hiesigen Bene-Jsrael-Gemeiude. Seine Frau hat sich durch Gründung einer Religionsschule in dem von den russischen Juden bewohnten Stadtviertel Verdienste erworben. Ueber den Ausgang der Wahl werden wir seinerzeit berichten. Von Nah und Fern. --- Rabbiner Dr. Josef Eschelbach er hat vor seinem Scheiden aus dem früheren Wirkungskreise das Ritterkreuz des Ordeus vom Zähringer Löwen I. Klasse mit Eichenlaub erhalten. — Herr Ahlward ist wieder flott geworden. Amerikanischen Blättern entnehmen wir die sicher erfreuliche Nachricht, daß er jetzt wohlhabend sei, fleißig Schulden bezahlen und den Versuch machen soll, Theilhaber des Berliner Antisemitenorgaus zu werden. Es heißt. Ahlwardt habe eine Bergwerksgesellschaft zu Stande gebracht, welche sich den Betrieb eines verfallen gewesenen ungarischen Bergwerks angelegeil sein lasse. Als Gründergewinn seien ihm 15 oder 16 Antheilscheine zu Theil geworden, wovon er einen für 20 000 Mark verkauft habe. — In Altona feierte am 1. d. M. Herr M. D eu t sch lä n d er sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Lehrer der hiesigen jüdischen Gemeindeschule. — Herr Gustav Heyne mann, in Firma Junker und Heynemann in Magdeburg, ist, wie bereits in früheren Jahren bei ähnlichen Ausstellungen von der Deutschen Landwirthschafts-Gesellschaft zu der in Posen am 7. Juni d. I. stattfindenden landwirtschaftlichen Ausstellung mit zum Preisrichter erwählt worden. — Dem Lehrer Cornelius zu Rothenburg a. F. ist anläßlich seines am 1. d. M. erfolgten Uebertritts in den wohlverdienten Ruhestand der Adler der Inhaber des Kgl. Hausordens von Hohenzollern verliehen worden. — Der Antisemitenführer Ludwig Wengg in München wurde zu 100 Mark Geldstrafe verurtheilt. weil er dem Fabrikbesitzer Ignaz Bachrach in seinem Blatte indirekt vorgeworfen hat. Vachrach habe einen Brand seiner Fabrik absichtlich veranlaßt. - In Heidelberg wurde der Student Alfred Lublin ans Neidenbnrg. der von mehreren christlichen Studenten als Jude verhöhnt worden war und sie deshalb gefordert hatte, wegen Zweikampfes zu drei Monaten Festungshaft verurtheilt. Sein Gegner erhielt vier Monate und der Kartellträger ein Woche Festungshaft. — Die Inden Badens bilden 1,5 Prozent der Bevölkerung. In der Landwirthschaft sind sie mit 0,1, in der Industrie mit 0,6, im Beamtenberuf mit 1,1, im Handel mit 8.6 Prozellt betheiligt. Bernflos sind 3,3 Prozent bei den Männern, 2,9 Prozeilt bei den Frauen. Von 1000 badischeil Juden widmen sich 7 der Lalldwirthschaft, 25 dem Beamtellberus, 68 der Jlldustrie. 250 dem Handel, wahrend 85 ohne Beruf siild. — Dr. Eulil S ch lest llg er vom Breslauer Seminar lvurde zum Rabbiner der israelitischen Neligionsgenossenschaft in St. Gallen gelvählt. — Der Präsident der fralizösischell Republik hat n. A. auch die beiden jüdischen Studenten begnadigt, welche im vorigen Sommer anläßlich des Brandes in der St. Josephskirche verurtheilt worden waren. — Der jüngst verstorbene Baron Adolf v. Rothschild hat der jüdischen Gemeinde zu Neapel 250 000 Frallcs vermacht. —In Paris ist Levll Cahull, Bibliothekar der Lidliotvegne Mazarin, gestorben. Er hat mehrere pädagogische Schriften für die jüdische Schule ulld den Text zu bem Prachtwerke „Scenes de la vie juive“ verfaßt. — Edouard Drumont, hat eine „Das verjudete England" betitelte Broschüre veröffentlicht, in der die Juden als die Anstifter des Transvaalkrieges bezeichllet werden. Die Broschüre filldet in Paris natürlich reißenden Absatz. — In dem Prozesse wegen der im vorigen Jahre in Jassy versuchteil antiselnitischell Ruhestörungen wurden 31 Allgeklagte zu Gefällgnißstrafen zlvischeu 5 Tagen uub 6 Monaten verurtheilt. Die angeklagten Stlldenten und 18 andere Angeklagte wurden freigesprochen. — Jil Manchester ist Rev. L. M. Simm o u § plötzlich gestorben. Die Trauer ist m der Gemeinde eine allgemeine, da der Verstorbene als Prediger wie als Seelsorger anßerordelltlich beliebt und angesehen lvar. Simmolls war einer der gelehrtesten Rabbiner des Landes, ein Schüler des Breslauer Seminars lllld ein Schlviegersohll des sel. Landrabbiller Dr. Herzfeld in Brannschweig. Ehre seinem Andellken! — Professor Berilard Moses von der Kalisornia-Universität hat, nach einer Unterredung mit Präsident Mac Kinleh, die ihm augetragene Stelle als Mitglied der Philippineu-Kommission allgellommeu. — Oberst Goldsmith hat das Gefecht bei Paardeberg mitgemacht; sein Pferd wurde zweilnal verwundet, er selbst erhielt zwei Streifschüsse, ohlle erilstlichen Schaden zu leiden. ZnrZeit ist erKoulmandant ill Naaulvport, dem bekannten wichtigen Eisenbahnkllotellpnukt. — Bei dem Korps von Cronje, befinden sich eine große Anzahl Jllden. — Zum Bürgermeister des wichtigen Platzes Aliwal North im Gebiete der aufständischen Kapburell haben die Engläilder Mr. Joseph Levh, einen dortigen Kaufmann ernannt, dessen Bruder Benjamill Levh in den Jahren 1883 bis 1885 dasselbe Amt schon bekleidet hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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