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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-03-13 · Heft 31 (13.3.1838) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 31 (13.3.1838)
Date
1838-03-13
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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124 Auch in Wohlthatigkeitsanstalten steht die hiesige Gemeinde andern nicht nach; vielmehr kann sie sich einer Vorzugs rühmen. Außer den in allen Gemeinden gewöhnlichen philanthropischen Anstalten, als: BiKiir Choliin, Gemilat Cliasadim und Talmud Tora (letztere ist freilich seit einer kurzen Zeit der gänzlichen Auflösung nahe), hat sie auch ein Hoöpital für in- und ausländische der hiesigen Heilquellen bedürftige arme Israeliten, in welchem selbe unentgeltlich Wohnung, Bäder, Verpflegung, ärztliche Behandlung und Arzneien empfangen; und obwol die Direction, wegen Mangel an Mitteln, noch nicht großartig wirken konnte, bekundet sie dennoch den schönsten Willen. . Das Hospital, dem Se. Majestät Kaiser Ferdinand 1. bei allerhöchst Ihrer Anwesenheit im Jahre 1835 ein Gnadengeschenk von500Fl. verliehen, ist von der Negierung sanktionirt, von der Grundobrigkeit Sr. Durchlaucht dem Herrn Fürsten Edmund von Clary protectirt, und dankt sein Gelingen großen Theils den Bemühungen des menschenfreundlichen k. k. Herrn Raths An d. Eich ler. Auch Se. Majestät der König von Preußen unterstützte den Bau durch ein jährliches Gnadengeschenk und durch einen Erlaß an sämmtliche israelitische Gemeinden zu Beiträgen, wodurch ein Betrag von 850 Thlr. eingegangen ist. Herr Naphtaly Ka tz als Stifter und Director dieses Instituts, der sich dadurch einen Tempel der Unsterblichkeit errichtete, hat im Jahre 1836 dem neu erbauten Hospitale, welches den übrigen Instituten angereiht ist, und am 1. Juli 1836 im Beisein des durchlauchtigsten Herrn Protectors, des Herrn Gubernial-Vicepeäsidenten Freiherrn von Prochazka und'mehrer Honoratioren eingeweiht wurde, die Tischler- und Schlofferarbeiten auSEigenem Herstellen lasten. Herr S. Bein aus Warschau hat dem Institute jährlich 100 Fl. p W. mittelst eines schriftlichen Dokuments zugesichert. Gott gebe ferner Gedeihen, und laste alle Wohlthäter, die diese menschenfreundliche Änstalt mir ihren Spenden beglücken, in dem Bewußtsein für die armen Leidenden einen Heiltempel erbaut zu haben, ihren Lohn finden. Ferner hat unser Rabbiner einen Frau en-Verein gestiftet, dessen Tendenz ist: die Localarmen mit Quartier, Kost, Heizung, Bett, Wäsche und Kleider zu versorgen. Mit Nächstem werde ich auch über den vonHerrn A. Stern, bei Gelegenheit desConfirmanonsfestes seines einzigen Sohnes, gegründeten Fond zur jährlichen Bekleidung armer fleißiger Schüler einen genauen Bericht erstatten. B. Paris, 20. Febr. Lettres Tsarphatiques *) —. Da Ihre „Mg. Zeit, des Judenthums" sich willig auch in das Leben der Juden anderer Länder als unsres deutschen Vaterlandes versenket, will ich Ihren Lesern heute nähere Kunde von einer Erscheinung geben, die hier von Zeit zu Zeit auftaucht, seit 15 bis 16 Jahren, die höchst charakteristisch ist und allmalig eine bedeutende Einwirkung auf die französischen Juden gewinnt. Denn früher weniger beachtet, hat sich jetzt, durch einige Gegenschriften veranlaßt, die öffentliche Aufmerksamkeit in hodem Maße auf sie gelenkt. Es 'sind dies die Bittres Tsarplmtignes, die Anfangs unter dem Titel: Lettres d’un Israelite francais a ses correligionnaires erschienen, und mit Tsarplrati unterzeichnet waren. Lassen Sie mich einige Worte zum Verständniß der Erscheinung voranschicken. Mehr als in irgend einem Staate mußte sich in Frankreich der Conflict des gesellschaftlichen Lebens mit dem orthodoxen Judenthume Herausstellen. Denn einen Tlreils war der hier völlig emancipirte Jude ganz in die Socialität eingerückr, und mußte sich deshalb einem Juden hundertfältig die Frage aufdnngen, wie' den Pflichten des Staats, als Munic'ipal- und Staatsbeamter rc. *) Dieser Artikel ist nicht von unserm pariser Correspoudcnten, sondern von einem Deutschen in Paris. D. Revact. und den Vorschriften des orthodoxen Judenthums genügen? wie an allen Vorgängen des socialen Lebens und zugleich an den Gesetzen des orthodoxen JudenthumS Theil nehmen? — Andrerseits har bekanntlich das öffentliche Leben und die öffentliche Meinung, diese stärkste Macht in Frankreich, jedes Gewand positiver Kirchenreligion abgcstreift, daß man bei jedem Schritte in die Oeffcnrlichkeit, die Eigentbümlichkett des Judenthums, die gerade die prägnanteste, und dabei im Allgemeinen mißachtetste ist, auffällig finden, und zur Schau zu bringen sich scheuen mußte. — Diesem gegenüber war die Masse der französischen Juden noch sehr zurück, und ist noch, gegen die deutschen Juden gehalten, wenig vorgeschritten. Was die Folge hiervon war, die Rabbinen und Lehrer, die immer theils aus dem Schooße der Maste hervorgingen, theilS von ihr abhängig sind,accomodirten sich eher dieser als dem allgemeinen Stande der Gesellschaft an. Daher blieb der Cultuö ohne Reform, die Schulen verbesserten sich nicht, der Religionsunterricht blieb ohne Erhebung und Veredlung. So fand sich denn ein solches Verhältniß ein, wie es auch vor einem halben Decennium in Deutschland war, seit dieser Zeit aber in Deutschland sich an den meisten Orten glücklich gehoben hat: eine Parthie indifferenter, geist- und religionsloser, nur den materiellen Interessen huldigender Juden stand einer Masse noch t in dumpfer Orthodoxie versunkener, strebloser Juden gegenüber; jene bekümmerten sich nicht um diese, diese gingen ihren alten Weg. Nur wenige, sehr wenige höhere, gehobenere Geister standen in der Mitte, bedauerten beide, und betrübten sich um die Religion des einigen Gottes. Diese Wenigen suchten eine Vermittelung, sie erstrebten einen Mittelpunkt, wo beide Partheien sich wieder finden konnten, sie wollten eine Bahn ebnen, auf der daö Judenthum sich der Staatsgesellschaft anschließen, und sich erhalten konnte, ohne daß seine Anhänger ihm entweder abtrünnig, oder von ihm in alter Trostlosigkeit gelassen werden mußten. Ob diese Wenigen immer das rechte Mittel getroffen, ob sie nicht bisweilen über das rechte Maaß hinausgeschrittcn? diese Fragen will und kann ich nicht entscheiden. Es gibt Dinge, und das will man immer noch nicht erkennen, die kein Einzelner, und wäre er deS Geistes und Wissens voll, und kein einzelnes Collegium entscheiden kann, die sich nur in der Zeit aus der Gestammt heit entwickeln dürfen. Darin also fehlen gewiß jene Männer, daß sie sich durchaus als Schiedsrichter derlei Fragen, und mit aller Heftigkeit, aufwerfen. Aber daß sie die Tendenz des Vorwärtöschreitenö in die Masse kräftig hineinwerfen, daß sie die Schlummernden und Trägen mir mächtigem Worte erschüttern, das ist ihr unsterbliches Verdienst, und darin besteht auch ihre eigentümliche Mission. Darum wird vielleicht ihr Wort vergehen, aber ihr Werk bauern. Sie werfen sich in das Rad der Zeit, dieses zermalmt sie, aber dem neuen Anstoß, den sie ihm gegeben, folgt es, daß es rascher seine Dahn verfolgt. Werden Sie nicht ungeduldig. Ich komme gleich zur Sache. Nur noch eine kleine Bemerkung will ich mir erlauben, vielleicht ift sie nicht ohne Wichtigkeit. Sie hat sich mir aufgedrangt, je näher ich mit dem Zustande derfranzösischen Juden bekanntgeworden. Ich glaube, daß e6 für die allgemeine und religiöse Bildung der deutschen Juden nicht ohne Gewi n n i st, daß i hn en die Emanzipation so schwer wird. Es ist nun einmal das Gesetz der menschlichen Natur, daß aus dem Drucke der Gegendruck entsteht, und der letztere durch den ersteren an Kraft gewinnt. Wohl verstanden, nicht durch totale Niederdrückung, sondern nach dem Gesetze der Elasticität, wo der elastische Körper Kraft gewinnt,'wenn der Druck nach läßt, ohne ganz zu schwinden. Die französischen Juden sind zu schnell aus dem Zustande der Unfreiheit in den der Freiheit geschleudert worden. Sie sind dadurch nicht geweckt worden. Aber in Deutschland, wo die Juden sich immer noch zu wehren, immer noch zu vertheidigen, immer noch dasGegentheil der Beschuldigungen, die auf ihnen lasten, zu erweisen haben: da ift idr Geist auch zu einer Gediegenheit und Kraft erwachsen, wie noch nimmer. — Diese Bemerkung enthalt so viel Tröstendes für mich, daß ich sie nicht unterdrücken mochte. (Schluß folgt.) Rcvacieur: vr. L. Philipps»«. — Berlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.

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