Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 aus den Herren: Dr. Daniel Mayer, Rechtsanwalt, Vorsitzender. Dr. Reckendorf, Professor, Rechner. A. H. Dreyfuß, Kaufmann. A. Heidingsfeld. Hanptlehrer. L. Pollack, Vorsteher. Dr. Rosin, Hofrath in Freiburg. H. Epstein, Vorsteher, Eichstetten. D. Dreyfuß, Vorsteher, Osfenblirg. E. Rothschild, Vorsteher, Konstanz. H. Weit. Vorsteher, Emmendingeu. ll'. Straßvurg i. 15. März. Ans den Verhandlungen des Landesansschusses erfahren wir, daß die israelitische Bevölkerung im Reichslande Elsast-Lothringen seit 25 Jahren jährlich um 1 Prozent abnimmt, sodaß mehrere Rabbinate und Vorsängerstellen, weil die Gemeinden keine 200 Seelen mehr zählen, wegsallen mußten. Bezüglich der Abnahme der israelitischen Bevölkerung in den Landgemeinden findet sich in der Schrift des Dr. Geiszenberger (Das Hausiergewerbe in Elsaß-Lothringen) folgende beachtenswerthe Notiz: Unter 245 Landgemeinden Elsaß-Lothringens mit relativ hoher Jsraelitenziffer haben in der Zeit 1880 bis 1895 nur 45 eine Zunahme der israelitischen Bevölkerung von 430 Seelen aufzuweisen, dagegen 200 Gemeinden eine Abnahme von insgesammt 5307 Israeliten. — Ueber die Geb urteil, und St erbe fälle in Straßbnrg und seinen Vororten im Jahre 1899 theilt das hiesige statistische Amt Folgendes mit: Im vergangenen Jahre 1899 betrug die Zahl der Geburten 4643, der Sterbesätle 2968. Unter den Geborenen befanden sich 136 Totgeburten, sodaß die Zahl der Lebendgeborenen 4507 beträgt. Bezüglich des Religionsbekenntnisses der Eltern ehelicher lebendig geborener Kinder ist zu bemerken: Alls Ehen gleichen Bekenntnisses der Eltern gingen hervor bei Katholiken 1578, Evangelischen 1104, Israeliten 73, Sonstigen 1. Aus gemischtell Ehen stammen 894 Kinder und zwar iti folgendem Verhüttniß: Vater katholisch, Mutter evangelisch 379, Vater evangelisch, Mutter katholisch 511, Vater israelitisch, Mutter christlich 1, Vater christlich. Mutter israelitisch 2 und sonstige 1. Voll den unehelich geborenen Kindern gehörten 630 Mütter dem katholischen. 354 dem evangelischen lind 9 deul israelitischen. Bekenntnisse an. — Der hiesige zweite Kantor, Herr C a h u . hat einen ehrenvollen Ruf uarfi Paris erhalten, und zum großerl Bedauerll unserer Gemeinde wird er uns noch vor Pessach verlassen. — In Zabern (Unter-Elsaß) wurde vorigen Freitag die neue Synagoge mit großer Feierlichkeit eingeweiht. Dieser Tag war nach den: Zaberuer Wochellblatt ein Festtag für die israelitische Gerneillde, dem auch alle anderen Alldersglänbige theilnahmsvoll gegenüberstanden, die an einem friedlichen Nebeneinanderwohnen der einzelliell Konfessionen keinen Anstoß ilehmen. Die Feier ging in folgender Weise vor sich: Am Vormittag wurde beim Morgengottesdienst voll der alten Synagoge, die 124 Jahre lallg ihrer Bestimmuilg gediellt hatte, Abschied genommen. Oberrabbiner Ury übergab an der Pforte der neuen Synagoge den Schlüssel dern Präsidenten der Gemeinde, der ihn dem Ortsrabbiner überreichte. Dr. Staripolsky ersuchte nun in einer kurzell Ansprache den Herrn Bezirkspräsidelltell Halm, als deil Vertreter des Kaisers, die Eröffnung des Hauses, das unter dem Schutze Gottes unb dem Beistand der Regierung entstanden, vorzunehmen. Nach dem Umzllg mit der Thora-Rolle hielt Oberrabbiner Ury eine Allsprache, in der er die Verdienste des seligell Nabbillers Dreyfuß und die des jetzigen Stadtrabbiners feierte. Hieraus hielt Rabbiner Dr. Staripolsky die Weihepredigt, die, lvie allgenreill anerkannt lvird, sprachlich und inhaltlich eine Mnsterleistung war und großell Eiildrllck machte. Die llene Synagoge lvurde zum großell Theile alls eigerlen Mittelll der israelitischen Genleillde gebaut. Der Staat spendete einen Beitrag von 16 000 Mk., die Stadt einen solchen von 5000 Mk. Oesterreich Ungarn. □ Wien, 19. März. Der christlich soziale Abgeordnete S ch u ei d er, der ill der vorgestrigen Sitzullg des Gewerbeausschusses sich überaus roh benahnl itub unziemliche Allsfälle gegen ben Kaiser machte, hat von seiner Partei eine Rüge erhalten; es verlautet sogar, er solle alls der Partei ausgeschlossell werdell, und wolle mit seinem gleichwerthigen Freunde Gregorig einen eigenen radikal-antisemitischen Klub gründen. Sehr gut! — Der bekalnlte Kämpfer gegen den Aberglauben, Professor Masaryk in Prag, hat eine ileue Broschüre über den Polnaer Moyd erscheinen lassen, welche die Resultate fortgesetzter Studiell über diese Affäre enthält und voll größter Bedeutllllg ist. In der Vorrede des Werkes sagt der Verfasser: „Die Antisemiten sehen im Polnaer Verbrechen die stärkste Bestätigung des Ritualaberglaubeus. Das hat mich belvogetl, den Polllaer Prozeß llach alleil Seiten genau zll überprüfen, llnd das Resultat dieser Prüfullg lautet: Das Polllaer Verbrechen ist keill Ritnalverbrechen, im Gegeutheil ist es ein schlagender Beweis dafür, daß der Ritlralaberglaube ill der Thal im vollstell Siune des Wortes eill Aberglaube ist. Dieser Aberglalibe ist eine Schmach der Zeiten, eine brennende Anklage des offiziellen Christellthllms, die offene Thür alles übrigen Aberglaubens, die hohe Schule uatiollaler lmd sozialer Verblellduug llud Gelvaltthätigkeit." Die eiuzellleu Kapitel der Broschüre lauten: 1. Eill lleues Gutachtell der Polnaer Gerichtsärzte. 2. Ein Beispiel ailatoulischer Philologie. 3. Die angebliche Allsblutuug der Leiche. 4. Zeit lmd Ort des Polnaer Berbrecheils. 5. Zur psychologischen Motivation des Polnaer Verbrechens. 6. Die logische Konstrllktion der Schllld des Angeklagten. (Schlußwort.) Beilage: Der Text des gerichtsärztlichen Obdukliovspl otokolls und Glltachtens. — Vor einigen Tagen wurde voll mehreren Vereinen unb Korporationen, in denen Oberbaurath Taus si g schon seit Jahren eine verdiellstliche Thätigkeit entfaltet, der 60. Geburtstag des hervorragenden Gelehrten gefeiert. Beim Festballkett feierte Professor David He ill rieh Müller die sachnlällnische Bedeutung des Jubilars sowie das lllliverselle Wissen desselbeil. — Dem Ministerialsekretär im Eisellbahlllilinisterillm. Dr. Julius Schlag, ist vom Kaiser anläßlich dessen Erneilnnug znm Archivdirektor I. Klasse der Titel ulld Charakter eines Regierllngsrathes verlieheil worden. — Der Kaiser hat, lvie amtlich gemeldet lvird, deni österreichischen Staatsangehörigen Gotthold Neu da ill Wien die Allnahme des itjm verliehenen Postens eines Generalkonsuls der Republik Haiti in Wien bewilligt ulld deni Bestallungsdiplome desselben das Exequatur ertheilt. Gotthold Nerrda, rvelcher durch mehrere Jahre in Port-au-Prince auf Haiti lebte, war dort Leiter des österreichisch-nllgarischeil Geileral- Koilsulats. — Unter militärischem großem Geleite fand in Budapest das Leichenbegünglliß des k. k. Oberstabsarztes i. R. Dr. Salomon Lederer, Ritter des Franz Josefs-Ordens, Inhaber zahlreicher militärischer Auszeichnungen statt. Den Kondukt führte der Oberst des 38. Jllfanterie-Negiments. die Beerdigung fand nach streng jüdischem Ritlls statt. — Hier ist Herr Michael Pollak, Oberinspektor der kaiserlich-königlichen Staatsbahnen, eine in Eisenbahukreisen hochgeschätzte Persönlichkeit im 70. Lebensjahre verschieden. Don Dah und Fern. — Anläßlich der Jubelfeier der Berliner Akademie der Wissenschaften haben den Rothell Adlerordell IV. Klasse erhalten die Prof. Herma ll n Dessau hier mld Harry Breßlau ill Straßburg. Zum korrespoilbivenben Mitgliede der physik.-math. Klasse lvurde der Physiker Gabriel Lippulanll in Paris ernanilt. — Die köiligliche Akademie der Küllste ladet, nachdeni der am 2. September 1899 für Bildhauer ausgeschriebene Preis der zweiten Michael Be ersetz eil StistlUlg wegen Unzulällglichkeit der eillgereichten Bewerbnllgsarbeitell zur Zeit nicht verliehell worden ist, zur Bewerbung uul das Stipeildium der zweiten Michael Beerschen Stistullg für Michaelis 1900/1901 von Neuem eill. — Das Fest der golden e n Hochzeit feierte am 19. d. M. Glasermeister M a n a s s e S i n b e m a n n und dessen Ehefrau Christiane geborene Caro ill Berlin unter allgemeiner Theilnahme. — III Magdeburg ist der Lalldgerichtsrath Julius Briske am 15. nach laugemLeidell im Alter von 49 Jahren gestorben. — In Hamburg wurde der alltisenlitische Schriftsteller Alexander Wald lvegen Wechselfälschung und Betruges zu 1 Jahr 3 Mollat Gefängiliß mld 2 Jahren Ehrverlust vernrtheilt. — Professor Dr. Z. Oppenheimer in Heidelberg wurde zuni Hofrath ernannt. — Am Geburtsfeste des Königs erhielt Hosrath Dr. Ed. Pfeifer ill Stuttgart das Ehrenkreuz des Ordens der Wnrtt. Krolle. — Universitätsprofessor Dr. Jgliatz Goldziher hat all der Lalldesrabbinerschnle zu^ Budapest die Vorlesungen über jüdische Religionsphilosophie an Stelle des seligell David Kauflnann über llvnlmen. — Im Kölligreich Polen gehören den Judell 455700 Acres Lalld und zwar im Gouvernemeilt Kalisch 69122, Warschau 61225 Radom 28341. Kjeletz 51500, Petrikow 38832, Lomza 26712, Sunaim 45370, Siedletz 54429, ßnblin 33 335 und Plotzk 47248. In Rußland giebt es im Ganzen 96930 Juden, die Ackerball treiben, und außerdem 10274 Tabakpflanzer, Weinbauer und Obstzüchter. — Der Board oi Guardians, also die jüdische Armenkornmission in Loildoil hat im abgelanfeilell Jahre 1200000 Mk. für wohlthätige Zwecke ailsgegebeil. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.