Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- Seite 128 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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128 einen großen Philosophen gehalten habe. „Wie sehr wollte er sich also wundern, wenn er erfahren könnte, daß gleichwohl eine berühmte Akademie diesen falschen Bart für werth gehalten habe, ernsthafte Untersuchungen darüber anzustellen." Lessing hielt aber die Einreichung dieser Schrift an die Akademie nicht für zweckmäßig. Zehn Jahre später bewarb sich Mendelssohn wieder um den Preis einer Aufgabe, die die Akademie der Wissenschaften gestellt hatte über das Thema: „Ob die metaphysischen Wissenschaften einer solchen Evidenz fähig sind wie die mathematischen." Die Arbeit wurde von der Akademie in öffentlicher Sitzung gekrönt. Am Sonnabend den 4. Juni 1763 verkündete die Berliner Zeitung: „Donnerstag hielt die Akademie ihre öffentliche Sitzung. Den Preis erhielt der schon zur Genüg« durch seine Schriften bekannte hiesige Jude Moses Mendelssohn." Es ist interessant, daß Mendelssohn über keinen geringeren als über Jmanuel Kant bei jener Preisbewerbung den Sieg davvngetragen hat. Die höchste Genngthuung, welche ihnr zn Theil geworden, war im Jahre 1771 die Erwählung zum ordentlichen Mitglieds der Akademie der Wissenschaften. Snlzer, der sein Freund war, theilte ihm das Resultat der Wahl im Namen der Akademie in einein interessanten Briefe mit, den Kayserling veröffentlichte. Jndeß die Zustimmung des Königs ließ lange auf sich warten. Den Akademikern selbst erschien die Verzögerung der Antwort unbegreiflich. Sulzer zog bei dein Hofpostamt Erkundigung ein und eruirte, daß das Schreiben der Akademie allerdings wirklich an den König gelangt war, aber dieser war ärgerlich geworden, als er Mendelssohns Namen ans der Liste fand, und erklärte den Akademikern in „einer nicht allzuhöflichen Zuschrift," künftig mit mehr Sorgfalt die Aktenstücke anzufertigen, welche man ihm zuschicke, und trug ihnen aus, neue Kandidaten in Vorschlag zn bringen. Aber auch auf der neuen Liste wurde, wie es heißt, Mendelssohns Name bridehalten, vom Könige jedoch dnrchstrichen. Mehrere Akademiker fielen deshalb in Ungnade, und Begueli», der sich außer Snlzer am meisten für Mendelssohns Wahl interessirte, soll für diesen Uebereifer dadurch bestraft worden sein, daß ihm der Posten eines Direktors der philosophischen Klaffe der Akademie verweigert ivnrde. Die Meinungen sind darüber gespalten, ans welchem Grunde Friedrich der Große der Wahl Mendelssohns die Zustimmung versagt hat. Man behauptete schließlich, daß der König auf die zu jener Zeit in die Akadeinie aufgenommene Katharina, Kaiserin von Rußland, nicht den Namen eines Juden folgen lassen wollte. Aber alle diese Gründe sind, wie Geiger richtig bemerkt, nicht stichhaltig. Der Grund zur Ausschließung Mendelssohns lag einfach darin, daß der König beit Inden einfach als »»ebenbürtig ansah. Man kann sich denken, welchen Unwillen die Nichtaufnahme in den Kreisen aller Bornrtheilsfreien erregte. Kästner verlieh diesem Unwillen Ausdruck in dem Epigramm: Ei» neuer Dionys ries von der Seine Strande Sophistenschwürnie her für seinen Unterricht; Ein Plato lebt i» seinem Lande, lind diesen kennt er nicht. Nur Mendelssohn nahm die kränkende Behandlung mit philosophischem Gleichmnth auf; er konnte sich nicht genug darüber verwundern, daß eine königlich preußische Akademie es sich auch nur einfallen ließ, einen Juden zum Mitglied zn wählen. In seinen letzten Lebensjahren kümmerte sich der König weniger um seine Lieblillgsschöpfung, und die Akademie konnte in ungestörter Ruhe ihre Arbeiten fortsetzen. Freilich, einen Juden nahm sie auch ferner nicht auf, und Markus Elieser Bloch konnte seine Arbeiten über die allgemeine Naturgeschichte der Fische nicht in den Akademieschrifteil druckeil lassen, sondern er mußte das kostspielige Werk auf eigene Kosten herausgeben. Die Akademie verschloß ihnr ihre Pforten, während zahlreiche auswärtige ihn anfnahmen. Veranlassimg, sich mit der Frage der Aufnahme von Juden zu beschäftigen, bot sich in den folgenden Jahren für die Akademie oft genug. Die Kant'sche Philosophie hatte sich in Berlin eine große Gemeinde erobert, in der die Juden, man kanii es wohl sagen, eine ansehnliche Rolle spielten. Unter diesen Kantianern steht in erster Reihe Salomo» Maimon, der berühmte Pole, der in neuerer Zeit so vielfach behandelt wurde. Schon als die Akademie 1791 eine Preisanfgabe: „Ueber die Fortschritte der Metaphysik seit Leibnitz rliid Wolff" gestellt hatte, betheiligte sich Maimon an der Bearbeitung. Später hatte er sogar den Muth, der Akadeinie eine „Ankündigung und Anfforderung zu einer allgemeinen Revision der Wissenschafteil" zn überreichen, u»ld man kann sich denken, >vie die gelehrten Perrücken der Akademiker über die Ketzereien, die in dieser Abhandlung enthalten ivaren, gewackelt haben mögen. Biel ernster gestaltete sich die Frage der Aufnahme bei Markus Herz, dem bekannten Arzt,dem Manne von Henriette Herz. Sein Gesuch lim Aufnahme in die Akademie wurde, obwohl es von dem Minister Herzberg, den Reorganisator der Akadeinie, warm unterstützt worden >var, abgelehnt, eine Abweisung, die an diejenige Mendelssohns erinnert. Noch mehr Berechtigung als Herz hätte Lazarus B e n dav i d gehabt, Anfnahme in die Akademie zu beanspruchen. Seine Arbeit: „Ueber den Ursprung unserer Erkenntniß" Berlin 1802, wurde voll der Akademie mit einem Preise gekrönt; aber es ist mir nicht bekannt, ob die Aufnahme Bendavids überhaupt einmal ernstlich in Erwägung gezogen wurde. Es dauerte sehr lange, fast bis in die Mitte unseres Jahrhunderts, ehe die Pforten der Berliner Akademie sich einem Juden erschlossen. Dieser Mann war Dr. Peter Rieß, ein bekanriter Physiker, dessen Aufnahme im Svmmer 1842 erfolgte. In dem Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und Barnhagen von Ense, am 7. April 1842, schreibt Humboldt an Barn- Hagen: „Ich bin heute nicht nach Potsdam gegangen, um die Wahl in pleno des talentvollen jüdischen Physikers Rieß zu betreiben. Sie ist für die Akademie sehr ehrenvoll ausgefallen, nur drei schwarze Kugeln". Und am 27. Juni 1842 schreibt Barnhagen in sein Tagebuch: „Humboldt erzählte mir, er habe den König im Voraus benachrichtigt, daß die Akadeinie der Wissenschaften den Herrn Rieß, einen Juden, als Mitglied anfnehnien wolle; der König habe erwidert, er würde die Wahl ohne alles Bedenken bestätigen. „Ich hoffe doch nicht, fügte er hinzu, daß Ihr Bruder die Dummheit begangen und in die Statuten gesetzt hat, es dürfe kein Jude in der Akademie sein?" Der Minister Eichhorn wußte, daß der König keine Bedenken habe; ihm selbst aber war die Sache unangenehm, und er glaubte sie auch Thielen, Rochow, Stollberg und anderen mißfällig, daher ließ er das Gesuch der Akademie um die königliche Pestätigung erst sechs Wochen liegen, und schrieb dann an die Akadeinie, ob sie auch gewußt habe, daß Rieß ein Jude sei Die Akadeinie war aber über diese Frage sehr aufgebracht I