Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 56 (sequence 10)
- Language
- German
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56 großen Einfluß auf die .Zusammensetzung der Handelskammern, Aeltesten der Kaufmannschaft" und ähnlichen Korporationen. Es ist ihre Pflicht, diesen, in einem großen Theil der Monarchie in legaler Weise wahrzuuehmen und die genannten Interessenvertretungen in Verbindung mit der „Centralstelle zrrr Borbereitung der Handelsverträge" zu Petitionen an die gesetzgebender: Körperschaften, Bundesrath und Reichstag, zu veranlassen, damit bei Neuabschluß der Handelsverträge im Jahre 1903 endlich die Schranken fallen, wodurch sie in Rußland zu Menschen zweiter Klasse degradirt werden. Was vor zwei Jahren gelegentlich des internationalen medizinischen Kongresses in Moskau, Dank dem mannhaften Auftreten der Elite der deutscher: Aerzteschast, ausnahmsweise möglich war, daß auch die jüdischen Aerzte aus Deutschland überall im russischen Reiche unbehelligt umherreisen konnten, das mit Beginn des neuen Jahrhunderts ein für alle Mal für alle deutschen Juden zu ermöglichen, ist ein Ziel, das „des Schweißes der Edler: wohl rverth" ist. Mus können nur znr Verbreitung guter Lektüre in der Gemeinde thun? Bon Herrmanrr Becker. or einiger: Jahren hat der Christliche Zeitschriftenverein in Berlin eine fast gleichlauterrde Preisfrage für die christliche Schule, bezw. Gemeinde gestellt. Wie schwer die Beantwortung dieser Frage ist, geht daraus hervor, daß keine der eirrgegarrgerrer: Arbeiten mit einem der drei ersten Preise gekrörrt werden konnte, vielmehr wurden diese drei Preise unter die bester: vier Arbeiten zu gleichen Theilen vertheilt. Wern: ich es trotzdem versuche, in diesen:' Blatte diese Frage für urrsere Glaubensgemeinschaft zu bearrtrvorten, so karn: ich mich selbstverständlich nicht an die in jener: Preisarbeiten gemachter: Ausführurrger: Halter:. Dem: der Unterschiede zwischer: guter Lektüre irr jüdischer: ur:d guter Lektüre in christlichen Gemeirrden giebt es gar viele. Nicht als ob urrsere Glaubensgemeinsehaft andere Gesetze des Schörren hätte, als die allgerneirren Schönheitsgesetze aller Kulturvölker. Die Lektüre, die wir indes; zunächst —- also unabhängig vor: der: Zieler: der allgemeinen Volksbildung — irr der: jüdischen Schuten und Gerueiuderr zu sehen wünsche::, unterscheidet sich nach Zweck, Inhalt und Art der Verbreitrrrrg doch sehr weserrtlich von derjenigen, welche der Christliche Zeitschriftenvereir: bei seiner Preisfrage im Auge hatte. I. Der Zweck unserer Lektüre ist zunächst die Verbreitung religiöser und geschichtlicher Keuutrüsse. Seit der Begründer dieser Zeitung, der unvergeßliche Ludwig Philippson, sein Institut zur Förderung der jüdischer: Litteratur ins Leber: rief, bis auf die Gegenwart, haben die Besten unserer Glaubensgemeinschaft unermüdlich nach Mitteln und Wegen gesucht, die erschreckend zunehmende Unkenntnis; unserer Glaubensgenossen in der Religion und Geschichte des Judenthums zu bekärrrpfen. In Wort und Schrift suchte rnan dieser:: betrüberrderr, unserer Glaubensgenossenschaft rächt zum Ruhme gereichenden Umstande abzuhelfen. Wir können es aber offen eingestehen: Trotz aller Predigten, Fortbildungskurse, Religionsunterricht - Inspektion und Litteraturvereine zeichnet sich noch immer die gvofce ütciffe | der Bekenner des Judenthums durch eine haarsträubende Unwissenheit auf ihren: eigenster: Gebiete vor den Bekennen:! anderer Religiorrer: aus. Neben der Unkenntniß über die Vergangenheit unseres Volkes ist die Unkenntnis; der Gegenwart ein trauriger Vorzug unserer Glaubensgenossen. Wer kennt heutzutage die hervorragenden Männer der Politik und Wissenschaft, der Kunst, Litteratur und sogar der Kriegskunst, welche unseren: Volke noch angehoren oder wenigstens entstammen? — Wer kann bei einer solchen Unkenntnis; apologetisch wirken, wenn die Böswilligen von geistiger Impotenz des jüdischer: Volkes sprechen, das jüdische Volk ausschließlich eir: „handeltreibendes" nennen und nur auf diesem Gebiete nicht neidlos,' sondern haßerfüllt ur:s die Palme reichen? — Aber auch was christliche Schriftsteller und Philosophen über Inder: ur:d Judenthun: gesprochen und geschrieben haben, rvas christliche Künstler aus der Geschichte nrrseres Volkes geschöpft und zur Darstellung gebracht haben, das zn Verbreiter: ist gleichfalls ein Zweck der guter: Lektüre ir: jüdischen Gemeinden. Denn gerade die objektive Betrachtung unseres Glaubens und unserer Geschichte von Andersgläubiger: ist viel geeigneter, die fluchtverdächtiger: Glieder unserer"Gemeinschaft zu fesseln, als die beredtesten Mahuurrgen und Ausrufe der Propheten in: eigene:: Lager. Fassen wir die obiger: Aussührrrngen zrrsarrurrerr, so ergiebt sich als Zweck der guter: Lektüre in jüdischer: Genreinden Folgendes: a) die Lektüre soll die Kenntnis; der Religio:: urrd Geschichte unseres Volkes verbreiten helfen, b) sie soll der: Lesern Kenntrüß vor: den hervorragendster: Männern auf den: Gebiete der Politik, Wissenschaft, Kunst und Kriegskunst geben, welche gegenwärtig noch urrserer Glaubeusgemeinschaft angehörerr oder dem Judenthurne erüstarruueu, c) sie soll den Lesern Kenntrüß von solchen andersgläubiger: Gelehrten, Schriftstellern und Kürrstlern sowie von ihrer: Werken geben, welche über Juden und Judenthurrr geschrieber: urrd gesprochen oder Gegenstände aus dieser: Gebieten zur Darstellung gebracht haben. II. Wern: der Ir: halt unserer Lektüre in der Hauptsache auch bereits durch der: Zweck bestimmt ist, so bedarf dieser Punkt doch noch einiger näheren Ausführungen. Sie betreffen vor allen: die Form. Zunächst ist es klar, daß lvir nicht an gelehrte, religiouswissenschaftliche und geschichtliche Werke denken, rveru: rvir wünschen, daß gute Lektüre in der: jüdischen Gemeinden verbreitet werde. Aber ebensowenig sind rvir der Meirurug, daß die jüdische Weisheit in Reklambäudcher: verzapft werden und eine jüdische Gemeindebibliothek nur aus solchen dünnen Bändchen bestehen könnte. Die Volksbibliothekeu, insbesondere diejenige::, rvelche die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung in rreuester Zeit in so rühriger Weise an vielen Orten eirrgerichtet hat und die durch einen Erlaß des Kultusministers Dr. Bosse vorn 18. Juli v. Js. der freien Vereinsthätigkeit so warm empfohlen wurden, könrrer: uns das beste Muster für jüdische Volksbibliotheken sein. Nicht Geschichten des jüdischen Volkes, sondern „Geschichten aus der Geschichte", wie das Philippson'sche Institut sie in so segensreicher Weise jahrelang herausgegeben hat, gehören in die jüdische Gemeindebibliothek. Israels Kultur unter König Salomo, Ein Lebensbild des Jesaias, Die Makkabäerkämpfe, Vernichtungs-