Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 3. Gertin, 1!». Januar 1^-00. Weitcrge zur „Akkgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. ££ä Berlin, 7. Januar. Die Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur Unterstützung ill Krankheitsfall en versendet an die Mitglieder unserer Gemeinde den nachsolgellden beherzigenswerthen Aufruf: „Seil länger als einem halben Jahrhundert hat die Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur llnterstützullg in Krankheitsfällen in Ihatkräftiger Liebe den sozialell Schäden des Jndeilthums entgegengearbeitet und segensreich gewirkt. Sie hat ihren ordentlichenMirgliedern außerunentgeltlicher ärztlicher Behandlung alle Heilmittel, ein wöchentliches, gut bemessenes Krankengeld, und sogar in bringenbeit Fallen größere Summen zu Sommerreisen und Badekuren gewährt, wodurch llicht selten der Familie ihr Ernährer erhalten und lvieder arbeitsfähig genlacht wurde. Die Gesellschaft hielt es stets für ihre vornehinste Aufgabe, selbst größere Beträge snr diejenigen Handwerker anszuwenden, welche ill ihrem Betriebe zurückgekommen waren. So geschieht nach Möglichkeit alles, was unsere ordentlichen Mitglieder in den Stand setzen könnte, ihrem schönen Berufe als Handwerker obzuliegen. Wo aber auch ein Mitglied unserer Gesellschaft vor vollställdiger Arbeitsunfähigkeit nicht bewahrt werden konnte, da ist durch einen staatlich genehmigten Jnvaliditäts- Paragraphen für eitle lebenslängliche Neilte gesorgt. Kann auf das Erreichte mit Genugthuung zurückgeblickt lverden, so erfüllt es mit um so größerer Wehlnuth, daß die Gesellschaft ben erhöhten Ansprüchen. die an ihre Hilfsbereitschaft herantreten, nicht mehr gewachsen ist. So groß das Vertrauen auf unser hvchedles Werk, einell jüdischell Handwerkerstand zu erhalten ulld enlpor zu bringen, auch ist, so groß ist auch ullsere HoffllNllg, daß alle Freunde dieser Bestrebungen uns Helfer sein werden, das Werk weiter zu fördern. Wir sind überzeugt, daß es nur weiterer Bekanntgabe unserer Ziele bedürfen wird, um uns außerordentliche Mitglieder zuzuführen, und wir bitten Sie herzlich: „Treten Sie nllserer Gesellschaft bei!" Diejenigen aber, welche wir bereits 51t unseren Mitgliedern zählen, bitten lvir möglichst um Erhöhung des Beitrages, während wir unseren immerwährenden Mitgliedern für Zeichnung eines jährlichen Beitrages dankbar wären. Der Vorstand der Gesellschaft besteht gegenlvärtig aus den Herren: Herrnianil Landsberger, Ignatz Holz, Julius Bodenstein. Hugo Heil- Ulann, M. D. Feilchenfeld. Joseph Frankel, B. Mirauer, M. Bleistein, S. D. Perl, Ph. Arndt. Berlin, 11. Januar. Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur sprach am 9. d. M. Professor Dr. Ludwig Geiger vor einer sehr ansehlllichell Versammlung über den Dichter Michael Beer. Der Vortragende schilderte zunächst das Milieu des Hauses von Jakob Herz und Amalie Beer, aus denl der junge Poet hervorgegailgen. Dann ging er zu der Besprechung seiner lyrischen Gedichte, insbesondere. der Ballade „Der fromme Nabbi", die jedoch keine besondere Eigenart verrathen, und endlich zur Charakteristik feiner Dramen über. Der „Paria", in dem der jung verstorbene Dichter ben „altersgrauen Judenschmerz" beweint, bildete natürlich den Mittelpunkt dieser Besprechung. Alle Vorzüge, die den Litterarhistoriker auszeichneu: Lichtvolle Darlegung des Stoffes, fein abwägende Kritik, objektive Beurtheilnng des Kunstwerkes ans sich selbst und aus der Zeit heraus, in der es entstauden, schmückten auch den interessanten Vortrag Geigers, der den warmen Beifall des ganzen Auditoriums mit vollen! Rechte gefunden hat. Berlin, 16. Januar. Herr Dr. M. Worms von der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthnms" ist einstimmig zum Rabbiner der Synagogengemeinde in Reuftettiu gewählt worden und tritt sein Amt bereits am 1. Februar an. Dr. Worms ist seit einer Reihe von Jahren Lehrer an der zweiten Religionsschule sowie an den hohen Festtagen Hilfsprediger bei der jüdischen Gemeinde gewesen. Auch leitet er seit Beginn dieses Semesters innerhalb des „Vereins fürjüdische Geschichte und Litteratur" den Fortbildungskursus in jüdischer Geschichte und hat sich durch seine Thätigkeit in Berlin viele Sympathien erworben. u. Berlin, 12. Januar. Der Stadtälteste und Rentier Herr E. Sachs hier hat vor Kurzem anläßlich seines 70. Geburtstages dem Magistrat von Kattowitz (seinem früheren Wohnort) den Betrag voll 10000 Mark mit der Maßgabe geschenkt, daß die Zinsen hiervon alljährlich an die jüdischen und christlichen Armen der Stadt zur Vertheilnng gelangen sollen, wobei wegen der Auswahl der jüdischen Armen her Synagogenvorstand gehört lverden muß. Auch hat Herr Sachs detn jüdischen Waisenhaus in Rybnick (Oberschlesien) einen Betrag zugewendet, und zwar in Höhe von 2000 Mark. Berlin, 14. Januar. Der antisemitische Drucks ch r i f t e n h ä n d l e r Reu m a n n stand gestern lvieder wegen Verübung groben Unfugs vor der achten Strafkammer hiesigen Landgerichts l. Er pries eines Tages an der Ecke der Jäger- und Friedrichstraße seine Druckschriften laut und unter Auweudullg von Krastausdrücken, wie „Jlldenpack" u. dergl. an. Zwei Männer jüdischen Glaubens nahmen daran Aergerniß und veranlaßten die Strafanzeige. Das Schöffengericht erkannte s. Z. auf Freisprechung, der Staatsanwalt legte jedoch Berufung ein. Die gestrige Verhandlung vor der Berufungskammer endete mit der Vernrtheilung des Angeklagten zu einer Woche Haft. Der Staatsanwalt hatte vier Wochen Hast beantragt. K. BltS Westprensterr, im Januar. Ein seltenes Fest, ein D 0 p P e l j u b i l ü u tu, ist dem Rentier L i p P m a n n H i r s ch f e l d'schen Ehepaare in Dirschau. unigeben von Kindern und Enkeln, am 4. v. M. zu feiern beschiedelt gewesen, nämlich das Fest der goldenen Hochzeit und zugleich das 50jährige Bürgerjllbiläutn. Der Herr Bürgermeister überreichte die von Sr. Majestät verliehene Ehejubilänmsmedaille mit einer den noch rüstigen Jubilar ehreltdeu. von der bekattnten edlen Gesittnung des Herrn Bürgermeisters Zeugnis; ablegendetl Ansprache, dem ehrwürdigen uttd gottessürchtigen Paare herzliche Wüllsche darbringend. Im Namen der Syliagogengenteinde erschien eine Deputation, an deren Spitze Herr Vorsteher I. Goetz Glückwüilsche darbrachle. Wegen dauernder Kränklichkeit der 7ljührigen von wahrer Frömmigkeit und Gottesfurcht durchdrnngeuell und ihr Schicksäl geduldig tragenden Jubilarin, wurde von einer Feier beziehutlgsweise Einsegnung im Gotteshause abgesehen. Viele Gratulanten, darunter viele christliche Mitbürger, und zahlreiche telegraphische und briefliche Grattllatiouen erfreuten das Jubelpaar. Ani Abbild brachte der Männergesangvereill Dirschau, beffen Ehrenmitglied der in Berlin wohnende sangeskundige Sohn des Jubelpaares ist, ein Ständchen, worauf der Vorsitzende des Vereins, Herr Stadtverordnetenvorsteher Monath eilte von Herzen kommende und von dem friedlichen Zusammenleben der Konfessionen in Dirschau zeugende Ansprache hielt. Als der 81jährige Jubilar, der noch regelmäßig die „liebe Schul" besucht, am Chanukah zur Thora gerufen wurde, gelobte er eine Spende für die Genteinde. — Die Synagogengemeinde in Briesen hat beschlossen, für Eheschließungen und Gemeinden Gebühren in Höhe von 100 beziehungsweise 50 Prozent der Einkommenstetter zu erheben. — Zn Ehren des kürzlich von Malva scheidenden Amtsrichters Cohn fand ein Abschiedsessen statt. Votn „Gemischten Chor", dessen Dirigent Herr Dr. Cohn längere Zeit gewesen ist, wurde ihm ein Gruppenbild überreicht. — Ruchlose Hände haben auf detn jüdischett Friedhofe inSchweh erheblichen Schaden durch Zertrümtnernng von Grabsteinen verursacht — Detn israelitischen F r a u e n v e r e i n in Osterode ist vom Ober-Präsidenten die Verloosung von Gegeltständen unter Verausgabung von 500 Loosett zu 30 Pfennig für den Kreis Osterode geuehtnigt worden. — Der aus Briefen stanunettde Advokat Alfred Cohn in Johannesburg (Transvaal) hat seine Entlassnng aus dem preußischen Staatsverbande genommen, tun am Kantpfe gegen die Engländer theilnehmen zu können.