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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-29 · Heft 52 (29.12.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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etwas zurück in ihrer Organisation, obgleich dieselben daS meiste Interesse hierfür hegen sollten. — Die Administrotur unserer Gemeinde sucht einen Friedhofsgärtner und Todtengräber. Da der Termin zur Einreichung von Offerten kurz gestellt, so wollen wir auch an dieser Stelle darauf Hinweisen und wünschen, daß die Anstellung jüdischer Gärtner Nachahmung bei anderen Gemeinden finden möchte. Grstrrreich - Ungarn. O Wien, 25. Dezember. In unserem Gemeinderath geht es jetzt thatsächlich wie in einer Kntscherkneipe zu. Am 20. d. M. arteten die stürmischen Vorgänge sogar in eine Schlägerei aus. Der Gemeinderath Dr. Goldman»» gerieth mit Dr. Mayreder. der als Abgeordneter Mitglied der Deutschen Volkspartei ist, ins Handgemenge. Mayreder hatte während der Rede Lncian Brunners etwa zehnmal gernfen: „Juden habe»» nichts zu reden!", dabei mit den Fäusten sein Pult bearbeitend. Goldman»» bemerkte hierzu, Dr. Mayreder mache den Eindruck eitles Betrunkenen. Dabei herrschte tosellder Lärm im Saale. Später lvurde Goldmann voll Mayreder mit den Worten angeschrien, ob es wahr sei, daß ihll Goldnlann einen Besoffenen genannt habe? Dr. Goldmann erwiderte: „Ihr Benehmen machte dell Eindruck eines Betrunkenen; übrigens stehe ich Ihnen zur Beringung!" Dr. Mayreder sagte hieraus: „Eill Jllde ist nicht satisklionssähig!" Nach anderen Berichten hat Dr. Goldmalm während es erregten Wvrtlvechsels seinem Gegner einen Schlag versetzt. Das Ellde dürfte sich beim Gerichte abspielen. In der letzten Sitzung des fortschrittlichen Parteiverbaildes im Gemeinderathe wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß die jetzige Lage im Gemeillderathe unhaltbar sei. --- Vor einigen Tagen ist die Entscheidung des Verwaltlmgsgerichtshofes über die Beschwerde des G e mein der a thes Luc i all Brullller gegen dell Gemeinderathsbeschluß vom 7. Februar d. I. publizirt lvorden, mit dem sich die Gemeinde bereit erklärte, sich an dem in neunzig Jahren rückzahlbaren Armuitäteii-Kircheubauanlehen per fünf Millionen Gulden mit dem Betrage von zwei Millionen Gulden zu betheiligell. Der Verrvaltungsgerichtshof hat auch diesmal konform seiner Entscheidung voul 8. März d.J. i»l Allgelegenheit der Subvelltionirnng des Kirchellbauanlehells St. Laurentius der Beschwerde stattgegebell und den Beschlllß des Gemeinderathes als ungesetzlich aufgehoben. — Der Kaiser hat dem Oberinspektor der Staatsbahnen Moritz Tischler das Ritterkreuz des Franz Josefordens verliehen. — Franz Smolka, der dieser Tage verstorbene, berühmte österreichische Staatslllann mld langjährige Neichsrathspräsident war als entschiedener Judenfreund bekanllt. Jene flammerlde Rede, die er anläßlich der Berathuug der Judenfrage im Lemberg er Landtage am 30. September 1868 im Interesse der Juden hielt, erlangte Weltberühmtheit. Snrolka erreichte ein Alter von fast 90 Jahren. — Am vorigen Diellstag wurde Major Israel Willi sch irr Wiell, technischer Vorstand im militärischgeographischen Institut a. D., der ein Alter von 77 Jahren erreichte, ans dem hiesigen israelitischen Friedhofe zur Erde bestattet. Derselbe hat auf allen militärischen Pomp verzichtet und auch sonst im Leben jüdisches Gefühl bekundet. Von seinen vier Söhnen ist der älteste sein lvürdiger Nachfolger im Amte. — Der Magistrat der Stadt Wien veröffentlicht allmonatlich statistische Mittheilungen und darunter aucl) die Anzahl der stattgefnudenen Konfessionsänder ungell. Im Monat Oktober silld hiernach in Wien aus dem Judenthum ausgetreten 58 Personen, wovon 34 Männer und 24 Frauen sind; eingetreten sind 3 Frauen. — Der Präsident der türkisch-israelitischen Gemeinde in Wien. Marcus M. Russo, hat bcn Medschidje-Orden 2. Klasse erhalten, eine Dekoration, die nur wenige Israeliten besitzen. Von Nah und Fern. ---- Dem Vorgehen allderer Berliller Krankenhäuser ist nun auch das Kranke uh a us d er jüdischen G em e i ll d e gefolgt. Es erhöht die Ktlr- und Verpflegungskostensütze vom 1. Januar ab für in Berlin ansässige Patienten von 2 Mark auf 2.50 Mark und für auswärtige Patienten voll 2,50 Mark auf 3 Mark. — Geh. Medizinalrath Prof. Dr. Brieger. der bisherige Leiter der Krallkenabthejlung des Instituts für Jnfektionskrallkheiten? übernimmt der v „Deutsch, med. Wochenschr." zufolge eine llene Professur für allgeuleiue Therapie all der hiesigell Uiliversitüt. — In K r o n i tz W.-Pr. nmrde Dr. Kellerlnalli, voil der Lehranstalt für die Wissenschaft deS Judenthums einstimmig zum Rabbiner gewählt.—Am 25. und 26. d. M. tagte in B e l g a r d die Konferenz der'Religionslehrer Pommerns, mit welcher ein gemeinsames Festessen verbunden war. — Herr G. Zander, Apothekenbesitzer in Berlin, spendete zum Andenken seines in Belgard ruhenden Vaters der Synagogen-Gemeinde dahier zum Bau einer Friedhofs-Mauer 1000 Mark. — Zu nuferer Notiz aus der Provinz Posen im Nr. 50 wird ulls ergänzend mitgetheilt, daß Herr Stadtrath Herzfeld in Grätz schon seit 1875 als Kreistagsabgeordneter seiner Heimathsstadt suugirt und vor Kurzem in gemeinschaftlicher Sitzung des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung einstimmig auf sechs Jahre wiedergewählt lvurde. — Am 25. d. M. feierte der Vorsitzende des Vorstandes der Gemeinde zu Köln, Herr Jacob de Jouge seinen 80. Geburtstag unter lebhafter Therlnahine aller betheiligten Kreise. Bericht folgt. — In E ls a ß-L o th ri n g e n besuchtell 1874 höhere Schulen 2245 Protestanten. 1471 Katholikell. 380 Israeliten, 1899 dagegen 3883 Protestantell, 4292 Katholiken. 796 Israeliten. Bei weitem aul stärksten haben also zugenommen die Katholiken um 191 pCt., die Protestanten nur um 72, die Israeliten um 109 pCt. — Die Akademie der Medizin in Paris hat in ihrer Jahressitzung folgende Preise vertheilt: De»l Preis von Argeuteuil im Betrage von 1500 Frcs. an Dr. W a sse r m au n . den Preis Capuron (1000 Frcs.) an die DDr- S eg all und Weillberg in Paris, den Preis Desportes (1000 Frcs.) au Dr. Scho ull, Chefarzt des französischen Hospitals in Tunis, den Preis Lavorie (500 Frcs.) au Dr. Weinberg. — Die Mutter des in Epinal verstorbenen jüdischen Kavalleristen. Bernard, demeutirt die amtliche Untersuchung. die eine Infektionskrankheit als Todesursache angiebt und erklärt, der Verstorbene habe keinen Vorgesetzten beschuldigt. Die Mutter verlangt vom Generalprokurator die Erlaubuiß zur Exhumirnug und bestätigt, daß ihr Sohn Bernard auf dem Sterbebette den Wachtmeister beschuldigt habe, seinen Tod durch Mißhandlungen und Beschimpfungen veranlaßt und beschleunigt zu haben. Der beschuldigte Wachtmeister will die „Aurore", welche diese Mittheiluugeu bringt, gerichtlich verfolgen. — Das Institut de France hat von den» wohlbekannten Philanthropen Osiris eine große Schenkung erhalten, deren dreijähriger Zinsertrag in der Höhe von 100 000 Francs dazu venveudet werden soll, einen Preis zu stiften. Dieser Preis ist bestimnlt für die bemerkenswertheste Entdeckung von allgemeinem Interesse; besonders soll das Gebiet der Medizi»» und Hygiene berücksichtigt werde»!. — Der Untersuchungsrichter hat jetzt gegen Max Negis und zehn seiner Begleiter die Untersuchung abgeschlossen. Dieselbe lautet auf Verlveisuug vor daS Korrektionsgericht wegen Gewaltsamkeit. Rebellion und Mordversuchs auf Bea»nte, 17 Spießgesellen von Regis sind aus der Untersuchung entlassen worden. — In Warschau ist der bekannte Cellist T h a l g r ü n, der mehr als 50 Jahre im dortigen Kaiserlichen Orchester spielte, gestorben. — Nach der neuesten Statistik leben im Gouvernement Wilna 240362 Juden, davon in den neun größeren Städten 107 756 Seelen, in 87 kleineren Städten ca. 115 000 und in den Dörfern etwa 18000. Allein in Wilna leben 79000 Inden, größtentheiS sehr arm, so daß am letzten Passah die Gemeinde au nicht »veniger als 23000 Personen MazzeS vertheilen mußte. In Warschau leben zur Zeit unter 645848 Einwohnern nicht »veniger als 231678 Juden. Unterricht wird ertheilt in 20 jüdischen Regierungsschulen und 396 Chedori»n, in denen insgesamt 13639 Knaben und 1444 Mädchen erzöge»» werden. — Der russische Senat hat den Gouver»»e»»r von Beßarabien. der die Hergabe von 4500 Rubeln aus der Fleisch- und Lichtstener für die armen Juden der Stadt Akker»nan verweigerte. gez»vungeu, diese Summe zu bezahlen und gleichzeitig denselben Gouverneur zur Rückgabe vo»» 20000 Rubeln angehalten, die derselbe für den Bau eines Gh»nnasiumS in Elisabethgrad verwendet hat. Bei diesem Prozeß kau» aber zur Sprache, daß ans diesem Fonds 288394 Rubel für de»» Bau von Straße»» und sonstige öffentliche Arbeiten verbraucht wurden. — Unter de»» armen Webern in Lodz, die jetzt durch Arbeitslosigkeit leide»», sind bisher ca. 25 000 Rubel vertheilt »vorde»». Doch sind noch »nindesterrs 40000 Rubel nöthig, soll die »virkliche Noth nur einigermaßen gelindert »verden. — Der bekannte große Ba»»quier und Philanthrop Jakob Poljakoff hat den Wladimirorden zweiter Klasse erhalten. Druck und Verlag von Rudolf Mo sse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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