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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-15 · Heft 50 (15.12.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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hatte, stand seine Gesangskraft noch aus ihrer früheren Höhe. Eine Reihe von Jahren hindurch war der Entschlafene der Vorsteher der hiesigen Chewra, daneben auch Rendant deS ArmenvereinS gewesen. Auch ei,; siädtisches Ehrenamt: dasjenige eines Bezirksarmenpflegers, hat der Dahingeschi ebene bekleidet und. in der bürgerlichen Gesellschaft geachtet und beliebt, wurde ihn, das köstliche Gut eines guten Namens zu ThejL. Allen diesen hervorragenden Eigenschaften des von seiner ganzen Gemeinde betrauerten biedern Mannes gab Herr Rabbiner Dr. Cohn in seiner von Herzen komn,enden und daher um so mehr ergreifenden Rede an der Bahre des Verklärten einen entsprechenden Ausdruck. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 11. Dezember. Noch immer treffen Nachrichten ein von Fenstereinwnrfen und Bedrohungen der jüdischen Bevölkerung in den kleinen Gemeinden Böhmens und Mährens. Die Blätter bringen eine kurze trockene Mittheitung darüber; wovon die Tagesblätter jedoch nichts berichten, und ,vorüber Ihrem Korrespondenten von mehreren verläßlichen Personen aus der gefährdeten Gegend Mittheilungen gemacht wurden, ist das jetzige Leben in einer dieser Städte: es ist dies ein^ewiges^ Bangen vor einem etwaigen Wiederanstauchen der Exzesse, ein stetes Angstgefühl, von lauter Feinden umgeben und ihrer wilden Haßlust preisgegeben zu sein. So schildert mir ein Privatbries aus dem stark mitgenonnnenen Holleschau die dortigen Zustände als geradezu haarsträubend. Die Juden ,verden von allen Gemeinden, Familien, die früher mit den besseren jüdischen Bewohnern einen regen freundschaftlichen Verkehr unterhielten, jetzt gemieden, kaum daß unsere Glaubensgenossen es wagen, sich auf den Plätzen zu zeigen; überall und stets wird der Name Hilsners, jenes Unseligen, schmähend ihnen zugerufen. Einer Privatmittheilung aus Prerau zufolge sind die dortigen Zustände womöglich noch schlimmer! Und zwar sind es da mehrere tschechische Advokaten, die das Feuer schüren und das Volk aufhetzen, dabei bangt unseren schwergeprüften Glaubensgenossen noch mehr vor dem Unheil, das die nahe Zukunft birgt. Bezeichnend hierfür ist die Aentzerung einer angesehenen Person in Prerau. „Wehe den Juden!" lautet diese gräßliche Warnung, „wehe allen Juden; wenn Hilsner nicht aufgehäugt wird, dann erst wird es über die Inden losgehen!" Hoffen nur, daß unsere gequälten Glaubensbrüder vor noch ärgerer Unbill behütet sein mögen, als sie bereits erduldet! —.... Der Prozeß wegen der Ausschreitungen und Demonstrationen in Wsetin wurde von, Kreisgericht Neutitschein zu Ende geführt. Es wurden 29 Personen verurtheilt, und zwar ein Theil der Angeklagten wegen Vergehens zn 7 bis 14 Tagen Arrests, der andere Theil wegen. Verbrechens zu einem Monat bis zn 15 Monaten Kerkers. Großbritannien. B. London, 10. Dezember. Die Anglo Jewish Association hielt ihre diesmalige Monatsversammlung am 3. Dezember unter dem Präsidium von Philipp Magnus ab, da Claude Montefiore' indisponirt war. Nachdem man die übliche Gedenkfeier für den v.er-' storbenen Mr. Zox in Melbourne, der dem dortigen Zweigverein präsidirte. gehalten hatte, trat man in die Geschäfte ein und mußttz^ wieder konstatiren, daß das Defizit von Tag zu Tag wächst und jetzt bereits die respektable Höhe von 25 000 Mark erreicht hat. Zur Deckung dieses Defizits soll im März ein Zweckessen stattfinden. Die^ Alliance israelite universelle hat auf die neuen Grenelthaten in^ Marokko, welche gegen die Juden von Sefron verübt worden sind, hingewiesen und die Intervention der Anglo Jewish Association bei' der englischen Negierung erbeten, in der heutigen Versammlung wird aber nütgetheilt, daß die englische Regierung ihren Vertreter in Marokko ein für alle Mal angewiesen hat, bei der marokkanischen Negierung einziischreiten. so daß es genügt, ihn einfach von den vorgekommenen Verfolgungen in Kenntniß zu setzen, um ihn zu Beschwerden bei der Regierung von Marokko zu veranlassen. Unter dem Ausdruck des Dankes für diese humane Stellung der englischen Regierung beauftragt die Anglo Jewish Association den Direktor bei*, nächstgelegenen Schule der Alliance die Vorgänge dem englischen Gesandten in Marakesch rnitzutheilen. Alsdann werden an Subventionen 800 Mark für die Knabenschule in Adrianopel bewilligt, in der jetzig auch Deutsch als Unterrichtsgegenstand eirigesührt ist, ferner dE Schulen in Monastir 200 Mark und in Rüstfchuk 600 Mark. Eine§ lebhafte Diskussion entspann sich sodanN bei der Frage, in wieweW die Anglo Jewish Association sich um die Vorgänge in -Oesterreichs kümmern solle. Während von der einen Heite chervorgehoben wurde, daß die Gemeinde in Wien nicht einmal auf den Brief der A. J. % geantwortet habe, hielt doch die Mehrzahl der Redner eS für absolut geboten, daß auch der englische Verein an her Bekämpfung der Blutbeschnldigung, unter der zur Zeit die österreichischen Inden leiden, theilnehmen müsse. Nach langer Diskussion einigte man sich endlich, dahin, ein Komitee zu wählen, welches die weiteren Schritte beratheu solle. Um jede Verzögerung zu vermeiden, wurde dem gewählten Komitee Vollmacht zu selbständigem Vorgehen ertheilt, ohne daß dasselbe^noch einmal genöthigt feilt soll, wie üblich an die Exekutive zu berichten. Von Nah und Fern. — Am 2. d. M. ist hier Rechtsanwalt Mühsam!, gestorben, dem seine Kollegen hervorragende Fachkenntnisse, tiefes Wissen und einen lauteren und ebleii Charakter nachrühmen. — Professor Wolf Wilhelm Graf v. Bandissin in Marburg ist als Ordinarius für alttestamentliche Theologie nach Berlin berufen worden. Sein bedeutendstes Werk ist die „Geschichte des Priesterthums in Israel". — Kommerzienrath Adolf Werther in Breslau, der seit vierzig Jahrell dem Vorstände der dortigen Gemeinde angehört, feierte fein 50-jähriges Bürgerjubiläum. — In Ko bürg wählte die Stadtverordnetenversannnlung den Geheimen Kommerzienrath Freiherr» v. Mayer zunl Magistratsrath. Damit ist zum ersten Male ein Israelit' in die städtische Korporation gewählt. — Die bekannte Buchhandlung I. Kaufmann irr Frankfurt a. M. hat die Hebräische Buchdruckerei und Buchhandlung I. Lehrberger in Rödelheim und gleichzeitig das dortige Haas'sche BesitzthllNl angekauft, in das Buchdruckerei und Buchhandlung verlegt werden sollen. — In Ober-Ungarn wurden ffeine Broschüren, die den Polnaer Mordprozeß behandeln, massenhaft vertrieben. Die Behörde ordnete die Beschlagnahme derselben an. — Am 28. v. M. starb in Baja (Ungarn) der als Philanthrop in weiten Kreisen hochgeschätzte Großgrundbesitzer Sa mu el Fischer. Er war mehrfacher Millionär, und noch zu seinen Lebzeiten schenkte er der israelitischen Gemeinde fein Haus im Werthe von 150000 fl. zu wohlthätigen Zwecken. — In Paris ist ein früher viel-. genannter Journalist, Joses Cohen, im 82. Lebensjahre gestorbstn. Er hat sich für jüdische Angelegenheiten lebhaft interessirt und die erste jüdische Wochenschrift in Frankreich „V6rit£ israelite“ herausgegeben/" Später wurde er Chefredakteur der „France“. Monsieur Drumont hat bei ihm als Hilfsredakteur gearbeitet. Cohen war ein Verwandter Heinrich Heines. — Colonel Goldsmid in London ist zum Afsistent-Adjutaut-Geueral bei der 6. Division der nach Südafrika gesandten Armee ernannt worden. — In der Schlacht bei Modder River hat sich Major G. F. Leverso n ganz besonders ausgezeichnet, er leitete die Kriegsoperationen der Sappeurs. — Dem Bericht der Londoner Jndenmission entnehmen wir. daß im vergangenen Jahre die Geschäfte recht schlecht gingen. Die Gesammtziffer der zur Taufe Gelangten ist freilich nicht angegeben, aber doch nütgetheilt, daß in London 28 Inden die Taufe nahmen, in Warschau 20. in Jerusalem und in Hamble J1. in Bristol 6 und au einigen anderen Plätzen noch weniger. —Dr. Adolf Neubauer hat auf seinen Posten als Bibliothekar der Bodlejaua, den er seit mehr als 30 Jahren bekleidete, resignirt. — Zu Ehren des Andenkens des verstorbenen Philanthropen Baron Hirsch sott im Ceutralpark von New-Uork ein Denkmal errichtet werden, das ein Kunstwerk ersten Ranges werden wird. Dem Komitee, zu welchem der Ex? Generalpostmeister James, der Ex-Gouvernenr Morton, Professor Seligman, Univerfitätsprästdent Seth Low. Ex-Mahvr Hewitt u. A. gehören, sind bereits bedeutende Summen in Anssicht gestellt worden. — Die Lage der Juden in T e h er a n hat sich seit dem Amtsantritt des neuen Ministers der aMÄisrtigen Angelegenheiten wesentlich gebessert. Die Krisis ist vorüber, und sie dürfen wieder ihre Geschäfte und Läden in allen Straßen osfenhalten. Auch der neue Gouverneur von Ha ma d a n ist ihnen freundlich gesinnt. — In Baltimore feierte der durch seine Gelehrsamkeit und Wohlthätigkeit bekannte Rabbiner Dr. Benjamin Szold am 15. v. M. unter lebhafter Theilnahme feiner Gemeinde den 70. Geburtstag. Drück Und Verlag hon Rub ö lf Masse' in Berlin.; Deimntworttich für die Redaktion: Mar Banchwitz in Berlin.

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