Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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und tiefe Kelnitnih der jüdischer! Wisserrschasten und der hebräischerr Sprache so sehr aus. daß er kurze Zeit nach Absolvirung der Rabbirrerschule zu Wilna tm Jahre 1859 auf den Posten eines Rabbiners nach urrserer Schwesterstadt Mitau berufen wurde. Seine Studien irr der Bibelexegese und der talrnndischen Wissenschaft mit seltenem Fleiß und Ausdauer fortsetzeud, nahm sich der junge Rabbiner mit warmem Herzen und treuer Hingebung der ihm anvertrauten Gemeinde an, überall Ordnung schaffend und feste Prinzipien einführend. Sämmtliche jüdischerr Wohlthätigkeitsanstalten und Vereine Mitaus verdanken seiner rastlosen Thätigkeit und treuen Fürsorge ihre Wohleinrichtnngen, ihre bestätigten Statuten, ihre durch Stiftungen und Legate begründeten eisernen Fonds. Mit wahrem Feuereifer knltivirte er die Predigt und räumte ihr den ihr gebührenden Platz im Gottesdienste ein. Volle vierunddreißig Jahre hindnrch^hat der Entschlafene an der Spitze der Mitau'schen israelitischen Gemeinde segensreich gewirkt, bis er im Jahre 1893 auf den Posten eines Oberrabbiners hierher berufen wurde, welches Amt er bis zum Jahre 1898 inne hatte. Zugleich wurde er vom Herrn Minister des Innern' zum Beamten für jüdische Angelegenheiten bei dem Gouverneur von Liv- und Kurland ernannt. Sobald die jüdischen Genreinden in ben Ostseeprovinzen eines begabten Redners, eines würdigen Repräsentanten bedurften, fiel die Wahl allzeit auf den Verewigten. So wurde er seiner Zeit von der Gemeinde anfgefordert, die Deputation anznsühren, rvelche den Kaiser AlexanderII. bei Gelegenheit seiner Anwesenheit in Riga begrüßen sollte. Aus ähnlichern Anlaß wurde er nach Libau und Jnrjew berufen. Im Jahre 1864 begab sich Pucher als Delegirter der Ostseeprovinzen nach Petersburg. um in der Kommission mitzuwirken, welche die Regelung der Wohnrechte der jüdischen Harrdwerker zur Aufgabe hatte. Schließlich ist ihm die hohe Auszeichnung zu theil geworden, sich als einer der vier Abgeordneten der gesummten jüdischen Bevölkerung vorr Rußland unserem Kaiser vorstellen und das Geschenk der Juden arrs Anlaß der Krönung überreichen zu dürfen. Bieder und leutselig im Unrgang mit Jedermarrn, führte der Verewigte ein patriarchalisches rrnd sehr glückliches Familienleben. Ein tückisches Halsleiden bereitete seinem thateureichen Leben ein jähes Ende. Bei der unter großer Betheiligung stattgefundenen Beisetzungsfeierlichkeit war nicht nur die hiesige Gemeinde in großer Anzahl vertreten, sondern auch viele Leidtragende ans unserer Schwesterstadt Mitarr und aus anderen Städten waren erschienen. Vor der aufgebabrten Leiche im Trauerhause sprach Staatsrath Dr. Feinberg aus Kowno und Dr. Brenson ans Mitarr. Dann setzte sich der imposante Trauerzug in Bervegrrng, wobei die Bahre von Studirenden des Polytechnikums abwechselnd bis zur Syrragoge getragen wurde. Dort wurde ein feierlicher Gottesdienst abgehalten, bei dem der Libau'sche Rabbirrer Dr. Kanter in längerer Rede ein Bild von dem Leberr des Verstorbenen in rnarkigerr Zügen entwarf und von der großen Lücke sprach, die sein Scheiden besorrders hier urrd in Kurland zurückgelassen hat. Auf denr Friedhofe hielt Rabbiner Dr. Segal aus Mitau eine rrach Inhalt und Form gediegene Rede, daun sprach Lehrer Mendelsohn tief empfundene Abschiedsworte, ferner spracht Dr. Schönfeld im Namen der Schüler des Verervigten mrd Studrofüs Lamm im Namen der studirenden Jugerrd, während der Nechtsanwaltsgehilse Weinberg am offenen Grabe der Verdienste des verehrtrrr Mannes rühmend gedachte. Ruhe und Friede seiner Asche! r Australien. 8. Melbourne, im November. Die hiesige jüdische Genreinde hat einen schweren Verlust durch den Tod von Ephraim Lamen Zox erlitten, der seit vielen Jahren eines der führenden Mitglieder dieser Gemeinde war. Aber der Verstorbene spielte nicht nur in der Judeuheit, sondern auch in den politischen Verhältnissen von Viktoria eine große Rolle. In England im Jahre 1837 geboren, kanr er. 21 Jahre alt, nach der Kolonie und etablirte dort ein erfolgreiches Konfektionsgeschäft, sehr bald^ schloß ersieh den mannigfaltigsten Wohlthätigkeitsanstalten an und nahm bei vielen derselben rasch eine führende Stellung ein. Besorrders bei der „Discharged Prisoners Aid Society“, der Gesellschaft sür entlassene Gefangene, war er viele Jahre hindurch Vicepräsident und die Seele des Vereins. Nicht welliger eifrig nahm er ag den speziell jüdischen Anstalten und Vereinen Antheil; er lvar nacheinander Schatzmeister und Präsident der Hebrelv Congregatiou, Gründer der „Jewish Philantropic Society“ und Präsident des Zweigvereines Her „Anglo Jewish Association“ in Melbourne. Im Jahre 1877 wurde er sür East Melbourne in das Parlament von Viktoria gewählt und behielt dies Mandat bis zu seinem Tode 22 Jahre hindurch. Von der großen Achtung und Verehrung, die er sich im Parlament zu erwerben gewußt, spricht am besten das Benehmen des Parlaments bei der Nachricht von seinem Tode. In der Sitzung vom 24. Februar nahm vor Eintritt in die Tagesordnung der Ministerpräsident das Wort, um des zwei Tage vorher verstorbenen Zox zu gedenken. Er feierte seine Thätigkeit in dem Parlameirte, besonders seine Arbeit in so vielen Kommissioneil und hob in erster Linie seine Leistungen in der Kommission für Wohlthätigkeit und-in finanziellen Angelegenheiten hervor. Nach dem Ministerpräsidenten sprach in gleichem Sinne der Führer der Opposition und vier verschiedene Mitglieder des Hauses sowie zum Schluß noch der Vorsitzende des Parlamentes; alsdann vertagte sich das Haus zum Zeicherr seiner Trauer auf einen Tag. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß auch das Begräbniß des verdienten Mannes unter allgemeiner Theilnahme stattfand. Ehre seinem Andenken! Von Nah und Fern. — Am 4. d. M. ist hier der ehemalige Stadtverordnete, Zeitnugsverleger und Bnchdrnckereibesitzer Leopold Ullstein im Alter von 73 Jahren einenr Herzschlage erlegen. Ullstein, einer der ältesteir Zeitungsverleger Deutschlands, war in den 80 er Jahren Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversannnlung. — Am 3. d. M. feierte Herr H. Jtzkowski sein fünfzigjähriges Jnbiliäum als Buchdrucker und zugleich das süufundzwanzigjährige Bestehen seiner Offizin, die er aus kleinen Arrfängen,. rramentlich was den hebräischen Buchdruck betrifft, zu einem der angesehensterr und leistungsfähigsten seiner Art emporgehoben hat. — Die praktischen Aerzte Dr. Adolf Michaelis hier und Dr. N. Jacoby in Wendisch-Buchholz sind zu Sanitätsräthen ernannt worden. — Der spanische Konsul A lbert Meher in Danzig hat das Kommandeurkrenz II. Klasse des spanischen Ordens Jsabella's der Katholischen erhalten. — Ferdinand Sander irr Darmstad t hat das Ritterkrenz I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen erhalten; der ordentliche Professor an der Technischerr Hochschule zu Darmstadt. Dr. S i e g m u n d G u n d e l f i n g e r, erhielt den Charakter als Geheimer Hofrath, und Moses Baruch in Worms, Präsident der Handelskamnrer. wurde zum Kommerzienrath ernannt. — In der gegen den Grafen Pückler und den Redakteur Wilberg anhängigen Strafsache ist der auf den 7. d. M. anstehende Hauptverhandlungstermin aufgehoben rvorden. Der Vertheidiger der Angeklagten hatte beantragt, die Voruntersuchung zu eröffnen, um den Nachweis zu führen, daß Graf Pückler nicht zu offenen Gesetzesverletznngen aufreizt. Dieser Antrag wurde von der Strafkammer des Landgerichts abgelehnt, die Entscheidung über die von dem Vertheidiger erhobene Beschwerde steht nunmehr bei dem Strafsenat des Kanimergerichts. — Die französische Akadenrie hat in ihrer feierlichen Jahressitzung einen ihrer sechs großen Tngendpreise dem jüdischen Kaufmann Enril Worms in Neuillh wegen seines wohlthätigen Wirkens verliehen. — Die Gesellschaft für Verbreitung von Bildung unter den Juden Rußlands hatte nach dem letzten Bericht, der jetzt publizirt wird, 2326 Mitglieder, die 137 510 Rubel anfbrachten, während die Ausgaben 117379 Rubel betrugen. — Der bekannte Orientalist und Alterthumsforscher Professor David Chwolsohn in Petersburg feierte am 3. Dezember d. I. seinen 80. Geburtstag. — Bekannt ist die entsetzliche Katastrophe am Versöhrmngstage irr der kleinen polnischen Gemeinde zu Lerrczycz, bei der zahlreiche Frauen und Kinder ihr Leben einbüßten. Wie man jetzt hört, hat der Kaiser von» Rußland einen genauen Bericht darüber verlangt urrd die Kaiserin die weitgehendste Unterstützung der in Mitleidenschaft gezogenen Familien ungeordnet. — Der Gouverneur der Krim hat den Juden den Aufenthalt in seinem Gouvernement während der Weinlesezeit gestattet. — Nach den neuesten Nachrichten ist die Znlassungsquote der jüdischen Studenten zu den Universitäten Rußlands folgendermaßen festgesetzt rvorden: Moskau urrd Petersburg je 3 Prozent, Kasan, Charkorv, Tomsk und Dorpat je5 Prozent, Warschau, Kiew und Odessa je 10 Prozent. Das technische Institut in Petersburg nimmt überhaupt keine jüdischen Studenten aus. An der Universität in Charkow sind außer der Quote noch 45 jüdische Studenten in der chemischen Fakultät zugelasseu. In Kiew beträgt jetzt die Zahl der jüdischerr Studenten 97 gegen 2200 Andersgläubige. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.