Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Eiwiiilg fortzusetzen, war er gezivnngen, nach Wien zu.gehen. Nach Mendignng seines Studiums, das Diplom in Händen habend, befaßte sich der Jüngling mit seltener Energie mit seinem Fache und liebttz. besonders die Kinder. Er arbeitete in einem kleinen Kinderhospital', umgeben bald von freudigel, Gesichtern der Genesenden, bald von den herzbrechenden Seufzerid der Sterbenden, hier die Segenswünsche der Mütter, dort ihr herzerschütterndes Schluchzen vernehmend In einem solchen Milien verbrachte der junge Arzt sein so kurzes MW, so floß seine Jugend dahin; hier ergriff ihn die ansteckende tückische Krankheit. nr,d erstarb. Das ist das eurrieulum vitae des kleinen bescheidenen. unbemerkten Arbeiters, der die heiligen Pflichten des Menschen und Arztes voll und ganz erfüllte. Schatunowkys giebt es i,l der Welt viele; in jeden, Stande und in jeder Korporation werdet Ihr Menschen finden, die immerlvährend nur an sich selbst denken, sich bereichern, Und die vor keinem Mittel, dies zu erlangen, zurückschrecken. Schatunowsky ist eine der typischsten Natnren; in seiner Person allein sind so viele Verbrechen konzentrirt. deren Anzahl für zehn Verbrecher genügend wären. Aber nicht sehr oft begegnen wir im Leben solchen vollkommenen Typen und Charakteren. ,vre Boris Fanjonng einer ,var. Schatunowsky. wird öffentlich gerichtet werden, und alle Welt wird seine haarsträubenden Verbrechen kennen lernen. Aber über das selbstanfgeopferte Leben von Boris Fanjonng werden blos Wiens Kinder -und die Mütter dieser Kinder wissen. Nur seineeigene schwergeprüfte Mutter allein wird ihn heiß beweinen und betrauern. . . . Die hiesige Gesellschaft der Aerzte möge eine Sitzung veranstalten, nn, das Andenken ihres würdigen Kollegen zu ehren. Nicht allzu oft sehen sich die Aerzte veranlaßt, sich zu ähnlichen Sitzungen zu versammeln. Desto nothwendiger wäre esdiese sich ihnen darbietende Gelegenheit zu benutzen." Großbritannien. 8. London. 24. November. Unter den Kriegsausregungen, dir Z gegen,värtig das Londoner Publikum beherrschen, hat mau der Feier : viel zn wenig Aufmerksamkeit geschenkt, bei der Lord RoseberrHdie E n t hü ll n n g der Cro ni,v e l l st a t n e vörnahn,. Bekanntlich ist diese Kolossalbttste ein Geschenk eines Juden Mr. Charles Wertheimer, und es war daher wohl nicht unpassend, daß Lord Roseberry bei seiner Festrede auch der Verdienste gedachte, die Cromwett um die Inden erworben, indem er ihnen wieder England öffnete. Viel bemerkt ,v,irden auch die liebenswürdigen Worte. mit denen er die anwesenden jüdischen Notabilitäten Lörd Rothschild. Sir Montagu und Mr. B. L. Cohen begrüßte. Mit vollen. Rechte betonte der Redner zürn Schluß, daß Cromwell ein wärmer und gläubiger Anhänger der Bibel war und daß die Persönlichkeiten des alten Testaments seine Vorbilder gebildet haben. — Die „Maccabaeans" eröffneten ihre diesjährige Saison mit einer Diskussion über die Reinheit der jüdischen Rasse, hei der Mr. Joseph Iacobs die bekannte Theorie verfocht, daß die Inden zun, großen Theile von den Chazaren abstammen. — Der Board off Guardians Hielt seine diesmalige Monatsversämmlnng am Montag, 13. November, ab. Der Board hat von der Jewish Colonisation Association, wieder 10,000 Mark erhalten. Ans dem Nachlaß des verstorbenen Alexander G. Joseph fallen den, Board of Guardians 40.000 Mark zu. — Der Board of Deputies hielt am 19. November eine Sitzung ab, in der wieder die Frage der Einwanderung zur Sprache kam. Mit Rücksicht ans die bald wieder zu erwartende Agitation gegen tue jüdische freie Einwanderung wurde beschlossen, statistisches Material zn sammeln, das eventuell veröffentlicht lind jeden, Parlamentsmitglied zugestellt werden soll. Der Board hat jetzt den in London noch von früher her bestehenden Maroccofonds erhalten, dessen gesännnte Verwaltung nach und nach verstorben ist. In dieser Sitzung kam cmlb das Dankschreiben zur Verlesung, das der Board of Deputies gemeinsam mit der Anglo Jewish Association an die englische Regierung richtet, um derselben für das thatkräftige Eingreifen des englischen Gesandten in Teheran zn Gunsten der verfolgten Inden zu danken. Unter den neu nach Afrika gegangenen Soldaten befinden sich wieder 9 jüdische Soldaten, darunter ein Fahnensergeant, davon 3 Artilleristen, 4 Füsiliere, ein Schütze und ein Trainsoldat. Damit steigt dA Zahl der Inden, welche auf englischer Seite an dem Feldzuge theiynehmen. ans 8 Offiziere ,md 100 Mann bei der Armee ni,d ebenfalls 8 Offiziere und 75 Mann bei der, Kolonialtruppen. Dabei sind sicher noch viele Inden in den Truppen, welche man garnicht als solche kennä. --- Bei den, Preisausschreiben für beu Neubau * der königlichen Kuustgewerbeschnle und des Kuustgewerbeinnseums in Dresden ist unter 30 emgegangenell Entwürfen der erste Preis von 2500 Mark dem Entwurf des Regiernirgsbaumeisters Emannel Hein,ann in Nenb a b el s b er g zuerkannt worden. Das wird den sächsischen Antisemiten sehr angenehm sein! — In Ratel wurde am 26. d. M. ein jüdischer Literat u rv.e rein begründet. — Der antisemitische Journalist W a l d, der in Hamburg Betrügereien verübt hat, ist von Dresden, wo er verhaftef worden war, an das hiesige Untersuchnngsgefängniß ausgeliefert ,vorder,. — Vorn Centrälausschuß der antiseinitischen Bürge rverein e in Hamburg ist an die Medizinalbehörde eine Eingabe gerichtet worden, in der gebeten wird, bei der Erledigung der Ausschreibung einer Jmpfarztstelle für den 1. Januar nur nicht jüdische Aerzte zu berücksichtigen. Die Medizinalbehörde dürfte sich um dies ungebührliche Ansinnen wenig kümmern. — Bankier Joseph Kirch - berger zn Ems, stellvertretender Vorsitzender des „Israelitischen Central-Waisen- und Mädckenheims". spendete neuerdings anläßlich ' der Geburt seines ersten Sohnes eine namhafte Summe, stiftete für den Sitzungssaal des Heims eine herrliche Kaiserbnste und schenkte für sänuntliche 31 Kinder Stoff zu warmen Winterkleidern. — Das „Siglffche Vaterland" nennt den jüngst verstorbenen Dr. M ori tz Bu s ch Bismarcks „Leibjnden" und fügt hinzu, er sei ursprünglich Rabbinatskandidat gewesen. Busch war aber Christ und von christlicher Herkunft, ja er war strammer Antisemit! — Gemeinderath Lncian Brun n e r in Mitzn hat einen Rechtsanwalt in München beauftragt, Beleidigungsklage gegen das „Bayrische Vaterland" und das „N. Münchener Tageblatt" zu. stellen, weil diese Blätter ihn, fälschlich nachgesagt haben, Brunner habe in einer Sitzung des Wiener Rathhauses seinen antisemitischen Gegnern zugerufen, er verachte alle Christen. - An, 17. v. M. wurde der senior der Aerzte in Fürth. Dr. Samson L and mann . Ehrenbürger der Stadt Fürth, zn Grabe getragen. 22 Jahre lang war er Vorsitzender des Gemeindekollegiums und nach seinen, Austritt aus den, Kollegium, den er nach zurückgelegtem 70. Lebensjahre vor nunmehr 13 Jahren bethätigte, hat er die Interessen der Stadt in hohen, Maße gefördert. — Bei den hessischen Landtagswahlen gewannen die Antisemiten zwei Sitze. Es sitzen jetzt 5 Antisemiten darin. Rechnet nian den Antisemiten die mit ihrer Unterstützung auf das Programm des Bauernbundes gewählten, sowie die übrigen Abgeordneten der sogenannten bäuerlichen Opposition hinzudann zählt diese. Gruppe zusammen sogar 9 Mitglieder. —^Jn Ancona ist der Oberstleutnant F r e der i e d e A n g e li vom 33. italienischen Infanterieregiment gestorben. Derselbe stammte aus einer alten jüdischen Familie und hat deren Traditionen bis znm'Tode treu bewahrt. — In.große,, Nöthen befindet sich die Filiale B i x iw i u g h a m der Londoner Gesellschaft zur Bekehrung der Juden. Das Defizit' von 1897 im Betrage von 1570 Pfund ist Ende 1898 auf 11,087 Pfund gestiegen.. Seitdem wurde, das Defizit durch freiwillige Beiträge ans 4017 Pfand revuzirt-aber der Betragist. inunerhin noch sehrgroß,— Major Geo rg F r öit c i s Lev er son, der als englischer Militärattache den Feldzug auf Kuba mitgemacht hat. ist von der Königin-Regentin von Spanien der Spanische Militärverdienstorden zweiter Klasse verliehen worden: — In New.-Iörk wurde die. erste Dame zur Vertretung vor den Gerichten zugelassen. Fräulein Al i ce S e r b ex ist eine Jüdin, die vor acht Jahren mit ihren Eltern ans Rußland nach Amerika kam, ohne der Landessprache mächtig zu. sein. Nach fünf Jahren hatte sie ihre Studien an der New-Uorker Universität beendet und. trat in eine Advokaturkanzlei als Gehilfin ein. Jetzt hat sie die Erlaubniß zur Ausübung aller Zweige der Rechtsanwaltspraxis erlangt. Als rühmendes Zengniß für die Moralität der Inden in C a n a d a soll erwähnt Werden, daß in dem Gefängniß und den Besserungshänsern von Montreal kein einziger Jude sich befindet, und im ganzen Staate nnv vier Juden im Gefängniß oder ähnlichen Anstalten sich zur. Zeit befinden. — Iw Gefängniß in Mogador liegt ein junger Jude, der angeblich ejumäl seine Bereitwilligkeit erklärt haben sott, den mühamedauischen Glauben ^anznnehmen. dann aber sich die Sache überlegt hat,: und jetzt standhaft. trotz seiner langen Krankheit dabei bleibt, im Judenthnm zu verharren. Im Aufträge der Ä.Eglo Jewish Association hat sich exn Mr. Aflalo an den Großpezier gewendet, um dessen Freilassung zu erwircken. Der Großvezier hat noch keine bestimmte Entscheidung lletrpffen. i Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Ierantw örtlich für die Redattion: Max Bauch Witz in Berlin.