Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 29 (8.3.1838)
- Date
- 1838-03-08
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m Judentbum und jüdische Verhältnisse' hitizmvirken, und besonders diesen Zweck durch Anschaffung und Circularion aller wichrigeren, hierin einschlagenden literarischen Erzeugnisse, periodischen Schriften zu erreichen sucht, (die ein theologisches Studium voraussetzen, werden nur in die Bibliothek ausgenommen). So circufo ren von Ihrem Predigt- und Schul-Magazin 2 Exemplare, von der Allg. Zeit, des 2ud. sechs. Außerdem hält Herr vr. A. MoLff für. diese Gesellschaft Vorlesungen. Die Gesellschaft zahlt bereits 120 Mitglieder, bestehend aus Geschäftsleuten, Handwerkern, Aerzten und Lehrern; an den Vorträgen nehmen auch Damen Antherl. Es ist leider zu wahr, daß unser Zeitalter das Hervorheben einzelner Persönlichkeiten durchaus nicht leiden kann. Man sucht stets in dem Lobe eine Schmeichelei, in dem Tadel eine persönliche Antipathie. Man kann dies zwar damit verteidigen, daß es unsrer Zeit wehr um die Sache, um Thaten und Wirkungen zu thun ist; aber man versagt sich doch dadurch jede unschuldige Freude an dem reinen Menschenthüme — und mag dies Grund genug sein, daß man wirklich jetzt mehr auf Eigennutz und eigennützige Naturen stößt, als auf rein geistiges Wollen und Streben. Hr. vr. A. Wolff verdient die höchste Achtung, und die Lauterkeit seines Charakters hat sich wahrend der acht,Jahre, die er bereits hier verweilt, in allen Verhältnissen bewährt. Dabei ist er von einer wahrhaften Bescherdenheit, die in Kopenhagen zum Sprichworts geworden. Dadurch hat er. sich auch die hartnäckigen Naturen zu Freunden gemacht, und wer ihm widerstrebte, gehörte wirklich zu denen, die sich keines Grundes bewußt sind, warum sie dies thäten. Der Sohn des verstorbenen Rabbinen, hoch in den Sechzigen, der sowol durch Fähigkeit als Ansehn seinem Vater im Amte gefolgt wäre, wenn die Zeit nicht einen vielseitiger gebildeten Mann gefordert hätte, fühlte sich an einem jüngst verfioffenen Sabbate von der Predigt des vr. Molff so ergriffen, daß er noch im Gotteshause dessen Hand ergriff unh küßte, als er kaum die Kanzel verlassen.— ES ist daher um so angenehmer, versichern zu Können, daß auch unter den Christen vr. Wolff der herzlichsten Ächtung genießt. Er ist als Nntarbeitendes Mitglied von der k'ön. Gesellschaft für nordische Alterthumskünde ausgenommen worden; bei der hier im vor. Jahre stattgefundenen Einweihung des. neuen Üniversitätsgebjudes wurde er eingeladen, im Ornate zu erscheinen; so ist eS demselben auch erlaubt, in diesem über die Straße zu Sehen, was nicht allen Glaubenspartheicn gestattet ist. — Auch für die von Ihnen projectirte Fakultät illtetessftt er sich lebhaft, und er wird Ihnen wvl zur Zeit Kennmiß davon geben. — Posen, Februar. Wahl eines Rabbinen. In Folge der seit einigen Jahren in der hiesigen Corporation, eingeführten und von einer wohllöblichen Regierung gebilligten Verwaltung, die den seit so geraumerZistt bestehenden Schlendrian ein Ende machte, sind Partheiungen entstanden, die einander jetzt feindlich gesinnt gegenüberstehen. Obgleich Jedermann daS Zweckmäßige unserer jetzigen Verfassung einsieht, so können es doch die frühem Machtinhaber nicht verschmerzen, daß sie die früher ausschließlich besesseneMacht unerwartet haben Andern überlassen müssen. Nun ist man wol zur Erkenntniß gekommen, daß die.frühere Gemeindesührung keineswegs wohltätig auf das Bestehen der meinde gewirkt habe, und njast sucht daher auf alle mögliche Weise Vorzubeugen, daß derEinfiuß jener nicht wieder vorwiegend werde. Je mehr dies Letztere zu billigen ist, so sehr muß man eS doch bedauern, daß unsre Gemeinde dadurch in Zwietracht gerathcn, in Zwistigkeiten verfallen, die sich bis in den Schooß der Familien erstrecken. Bis jetzt zwar hat diese Entzweiung keinen sichtbar vers -erblichen Einfluß geübt, vielmehr war man Nur vorsichttg, den Gegnern keinen wirklichen Grund zur Klage zu geben; und am Ende war es gleichgiltig, wer die Macht habe, da daS wachsame Auge der wohllöbl. Regierung keinen Mißbrauch derselben zuließ. Jetzt aber, wo eine Sache von der größten Wichtigkeit alleGemuther aufregt und in Spannung seht, eine Sache, die den größten Einfluß auf die nächsten Jahrzehende und die Gestaltung^unsrer religiösen Angelegenheiten haben wird — die Wahl eines Rabbinen — jetzt darf selbst der Parteiloseste nicht unthätig sei, wenn ihm das Wohl seiner Mitbrüder nurirgend am Herzen liegt. Einige Wochen nach dem Tode unseres hochseligen Rabbinen, Herrn Akiba Eg er, hieß eS allgemein, die jetzigen Vorsteher wollten dessen Stelle mit einem Manne besetzen, der mit ächt religiösem Sinne und gründlichen Kenntnissen des Talmud auch eine dem jetzigen Zeitgeiste entsprechende Bildung verbände. Da sie jedoch mir der Ausführung dieses Vorsatzes zögerten, und einige andere Angelegenheiten nach eigener Willkür gegen dm Wunsch der Gemeinde ausfübren wollten, gaben sie selbst ihren Gegnern die Waffen in die Hände, um mit Kraft gegen sie austrcten zu können. Die Gegenpartei verband sich alsbald mit der sogenannten Schass Chebra, welche wähnt, daß sie nur allein fähig sei, einen Rabbinen zu wählen. Beide benutzten die Aufregung, die gegen die.Vorsteher herrscht, und beschlossen den Sohn deö verstorbenen Rabbinen, den jetzigen Rabbinen zu Ka lisch, Herrn S. Eg er, zu der diesigen RabbinatSstelle zu berufen. Zu diesem Behufs haben sie durch allerhand Mittel 500. Mitglieder, denen selbst größtentheilS sehr wenig an dem wahren Wöhle unsrer Gemeinde gelegen ist, zur Unterschrift eines zu diesem Zwecke ausgearbeiteten Circulairö bewegen. WaS nun den Herrn Eger zu Kalisch betrifft, so versichern seine Freunde, daß seine talmudischen Kenntnisse eben so groß sind, sein Charakter eben so edel und bescheiden, als es bei seinem sel. Vater der Fall gewesen, dem deshalb vor 23 Jahren die RabbinatSstelle anvertraut wurde. Sie lassen aber dabei ganz außer Acht, daß zwar damals, wo die Verhältnisse noch ganz im Alten waren, ein Mann, mit den genannten Eigenschaften ausgerüstet, einer Gemeinde mit Kraft vorstehen konnte; daß aber seit dem Verlaufe dieses Vierteljahrhunderts sich so Mannigfaches geändert, daß die gedachten Eigenschaften allein keine Bürgschaft für die Beförderung unsres Wohles mehr abgeben. Für viele Israeliten ist daS letzte Menschenalter zwar eine Zeit der religiösen Aufklärung und des wahren Heils gewesen; aber einen bei weitem großem Tbeil hat dasselbe der Irreligiosität immer näher geführt, der abschreckendsten Gleichgültigkeit für alle Religion, für alles höhere Interesse. Da können denn die Mahnungen selbst des frömmsten Rabbinen, wenn sie nicht der Zeit angemessen sind, nicht anders als fruchtlos sein. Da bedarf es einer kräftigen Hand, einer gewaltig erschütternden Sprache, eines hellen, durchdringenden Geistes, der nicht Alles gehen läßt, wie es der Welt gefällt; sondern der, ausgerüstet mit tiefer Wissenschaft und noch tieferer Bildung, es vermag, die Geister aus ihrem Schlummer zu erwecken. Ein tüchtiger, ein begeisterter Redner, der die Bedürfnisse der Zeit und der Religion kennt, und sie seinen Hörern ans Herz zu legen versteht. — Einem solchen Manne nur kann es gelingen, die Religion in den Herzen unserer Jünglinge wieder anzufachen und ins Leben zu führen. Nur ein Solcher wird den unsäglichen Mißbräuchen in unfern Schulen, in denen die Kinder in religiösem und moralischem Unterrichte ganz vernachlässigt werden, ein Ziel zu setzen verstehen. — Dies, ist unser Bedürfniß — hienach muß daS Bestreben jedes rechtlichen Mitgliedes unserer Gemeinde gehen — und wer hierauf nicht seine Theilnahme lenket, begeht eine wahrhafte Sünde an der jetzigen und zukünftigen Generation. So mögen diese, einem für das Wohl seiner GlaubenSbrüder wahrhaft begeisterten Kerzen entsprungenen Worte nicht ungehört und unbeachtet vorübergehen. Besonders Euch meine ich, die Ihr bis jetzt Eure wahrhaften Gesinnungen aus Furcht, fürNeuerer zn gelten, unterdrücktet. An Euch ist eS jetzt, hervorzutrctcn, wenn nicht 'durch Eure Schuld uns alle günstige Aussicht für die Zukunft geraubt werden soll. Setzet den verderblichen Umtrieben durch Euer freimütiges Einschreiten ein Ziel, belehret die Unwissenden, öffnet den Geblendeten die Augen, damit wir einen Mann an die Spitze stellen, der eben so für die Reinheit unsres Glaubens glühet, wie für das Wohl seiner Gemeinde. Ihr seid verantwo rtlich, und habet eine große Schuld zu lösen! Redacteur: vr. L. Philippson. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.