Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 29 (8.3.1838)
- Date
- 1838-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224886--00871-3292212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ii. z-hrg-ng. Allgemeine R». ss. Zeitung des Zudcnthums. Ein rrnpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit Königl. Eächsischer allergncidiqster Cencession.) Leipzig, den 8. Marz 1638. Zeitungsnachrichten. Stuttgart, 10* gebe. (Privatmitth.). Der seit sieben Jahren bestehende Verein zur Versorgung armer israelit. Waisen und verwahrloster Kinder ist im blühenden Gedeihen, und derselbe hat sich, sowol von Seiten der wohllöbl. Regierung als auch von Seiten der Israeliten und vieler menschenfreundlicher Christen, einer regen Theilnähme zu erfreuen. Am 2 7. Sept. 1834 wurde zur Feier des Stiftungstages von dem Ausschüsse des Vereines in öffentlicher Versammlung, im Saale des obern Museums, Rechenschaftsbericht erstattet, dem zufolge der Fonds des Vereines aus 6487 Fl. 22 Tr. besteht. Die Einnahmen betrugen wahrend des verflossnen Etatsjahres 2847 Fl. 44| Tr., die eigentliche Ausgabe 2047 Fl. 49Tr., derUeberschuß der Einnahmen über die Ausgaben, nach Abzug der Zinsen, ungefähr 600 Fl. Der Verein hat seit seiner Gründung im Ganzen 39 Pfleglinge ausgenommen* Hiervon sind bis jetzt 6 ausgetreten, und im Laufe des Jahres treten 5 aus, so daß der Verein noch 28 Zöglinge hat, die bei 12 Lehrern in Verpflegung stehen. Die austretenden Knaben werden Handwerker, wo möglich, den schweren, welche tüchtige kötperliche Thatkgkeit verlangen, zugewendet. Einer wird, nach weiter nöthigen Vorstudien, der hohem Chirurgie sich widmen, weil er zu diesem Berufe große Neigung zeigt. Für das austretende Mädchen sorgt der weibliche Hilfsverein. Bei dieser Gelegenheit hielt der' Vorstand des Vereines, Herr Dr. Med. S. Dreifus einen sehr gemüthlichen, Theilnahme, Wohlwollen und Liebe für die Anstalt erweckenden Vortrag, der seinen heiligen Zweck nicht verfehlen kann. Herr Assessor, Dr. Weil, Secretair und Mitglied des Ausschusses, erörterte die Frage: ob die jetzige Art, die Waisen zu verpflegen, auch die zweckmäßigste sei, obet ob man suchen müsse, bald möglichst ein eigenes Haus zu gründen und unterdessen die Kinder, so viel thunlich, in wenigen Localitäten und bei geringer Zahl von Pflegeeltern zu vereinigen? Der Plan, sagte er, sobald wie möglich ein eigenes Haus für die Erziehung und Verpflegung armer Israel. Waisen und verwahrloster Kinder zu gründen, spricht das Gemüth ungemein an. Wir hätten den Gegenstand unsrer Sorgfalt stets vor Augen, könnten alle einzelne Verhältnisse selbst beaufsichtigen, und die Freunde der Anstalt übersähen die glücklichen Folgen ihrer Wohlthaten mit Einem Blicke. Es wäre rührend, alle diese vom Verderben geretteten Kinder täglich versammelt zu sehen, ihr Gedeihen und ihre Fortschritte zu beobachten. Und könnte vorerst, bis zur Erstarkung dieses Fonds, dieser Zweck nicht erreicht werden, so würde es doch die von uns geleitete Aufsicht erleichtern und vielleicht theilweise dasselbe, wie die Gesammtvereinigung in einem Haufe bezwecken, wenn sie in größerer Zahl bei wenigen, erprobten Pflegeeltern untergrbracht würden. ES sind uns die Vortheile nicht entgangen, welche aus einer solchen Vereinigung entspringen könnten; allein nach reiflicher Erwägung sind wir noch immer der Ansicht, daß die bisherige Art der Verpflegung und Erziehung unsrer Massen und Verwahrlosten bei mehren rechtschaffnen Familien den ehcn angegebenen Erziehungsweisen bei Weitem vorzuziehen sei. Könnte es uns freilich gelingen, ein israel. Waisenhaus zu gründen, mit so musterhaften- Einrichtungen für Schul- und 'Erziehungswesen, wie das hiesige allgemeine Staats-Waisenhaus sie besitzt, mit solchen Bürgschaften der Dauer, unter solcher ausgezeichneten Leitung — dann freilich wate das schönste Ziel unseres Vereines erreicht, und wir könnten beglückt und freudig der Zukunft der Anstalt entgegensetzen. Allein für die nächsten Decennien ist das für die jüdischen Waisen im Vaterlande nicht zu erhoffen, und daß die Erziehung in einem Familienkreise der in einer mangelhaften Anstalt bei weitem vorzuziehen ist, bedarf wol kaum weiterer Erörterung. Wir können nicht jene Gleichförmigkeit der Verpflegung und Erziehung herbeiführen^ wie in einer gemeinsamen Anstalt, aber ist nicht — bei Einheit in den obern Leitungen — diese Mannigfaltigkeit selbst Vortheil zu nennen? Gewiß wird der eine Pflegevater die Kinder mit größerer Strenge, der andere mit größerer Liebe behandeln; aber ist das nicht der Fall bei allen denen, welche das Glück haben, von eigenen Eltern erzogen zu werden? Im Hause der Pflegeeltern herrscht freilich nicht die strengabwiegende Gerechtigkeit in der Behandlung der Kinder, welche guten Anlagen eigen ist. Aber herrscht sie denn in der Welt überhaupt, und ist es nicht auch nützlich, wenn das Kind früh schon merkt, daß in diesem Leben gar manches Unrecht stillschweigend ertragen, manche — nach strenger Erwägung nicht veroiente — Straft geduldig hingenommen werden muß? Und versammelten wir unsre Kinder in größerer Zahl bei einzelnen noch so erprobten Psiegeeltern, welcher Vortheil in Verpflegung oder Ausbildung könnte ihnen das Glück des engeren Familienkreises, das natürliche Wohlbehagen ersetzen, welches eben darin liegt, daß das Kind sich ausschließlich in dem Hause der Pflegeettern heimisch fühlt? Denn darin-liegt ja die beglückende Erinnerung .an die Kinderzeit, an das Elternhaus, daß Liebe und Zuneigung frei und freudig eutgegen kam, und die Kinder fühl-