Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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I gemeinden unterfertigte Pro testerklär»» »lg gegen die 2HuU beschuldigung überreicht. — Pfarrer D e ck e r t hat sich gedrängt gefühlt, in einer Broschüre wieder einmal „Die Memoiren des St. Simon von Trient" zu besprechen, um dabei auf den Polnaer Mord Hinweise»» zu können. Die Staatsanwaltschaft kvnfiszirte jedoch die Broschüre. — Der Oberrechnungsrath Knljaneck wurde wegen antisemitischer Schmähungen eines Beamten zu einer Arresteventnett Geldstrafe vernrtheilt. — Ebenso, u. zw. zu einer Kerkerstrafe von sieben Monaten, wurden in Donaufeld Anton S t ö kl und dessen Neffe Thomas Stökl verurtheilt, weil sie aus Gehässigkeit gegen den jüdischen Hausbesitzer Weiuwurm die fälschliche Denunziation einer Majestätsbeleidignng erstatteten. — Dr. Paul Neu m a n n. ein Soh»r des hiesigen Universitätsprofessors Hofrathes Nenmann, wurde zürn amerikanischen Konsul in Königsberg er»»an»»t. — Als Kuriosum mag die Thatsache erwähnt werden, daß der antisemitische Stadtrath Pichler beantragt, den altehrwürdigen „In den platz" in „Luegerplatz" umzntanfen. — Unr 6 Uhr Abends versuchte gestern ein besser gekleideter Mann in einer jüdischen Schenke irr Podgorze bei Krakau, ein todtes. in blutige Fetzen gehülltes Kind, unter einer Bank abznlegen. Er wurde dabei jedoch ertappt und sofort der Polizei übergeben. Dem Kornmissar gegenüber behauptete er, das todte Kind sei sein eigenes, das er aus der Kirche brachte, um es in Wieliczka zu begraben; den Erlaubnißschein dazu habe er verloren. — Dem Budapest er Großhändler- Jakob v. Fürst und dessen Nachkommen win'de vom Kaiser das Adelsprädikat Marothh taxfrei verliehen. B. Budapest, 13. November. Die Gründüng einer neuen Gemeinde wird in unserer Hauptstadt angestrebt. Eine Gruppe auf der Basis des eine so schändliche Niederlage erlittenen „freien Israels" stehender Männer hat nämlich dem Ministerium einen Statutenentwnrf behufs Bestätigung vorgelegt, welcher die Circmncision einfach verwirft. Wie es heißt, sott das Gesuch abgewiesen worden sein. — Aus Preß bürg wird ein beherzigenswerther Aufruf versendet. Schon vor Jahresfrist hat nämlich der „Heilige Verein" der dortigen Kultusgemeinde beschlossen, ein Institut zur Heranbildung jüdischer Krankenpfleger und -Pflegerinnen zu errichten. Nachdem aber das Komitee nur über den bescheidenen Betrag von etwa 12 Kronen verfügt, wurde an die Opserwittigkeit der Juden Ungarns appellirt. Es wäre wünschenswerth. wenn die Errichtung dieser gemeinnützigen Anstalt durch zahlreiche Spenden ermöglicht würde. — An der anläßlich des internationalen Kinderschutzkongresses veranstalteten Ausstellung haben die jüdischen Franenvereine in Budapest. Miskolcz. Nagykanizsa, Neupest mld Szegedin, der jüdische Handwerkerverein in Budapest und die hiesige Kultusgemeinde theilgenommen. Namentlich die Ausstellung letzterer (tabellarischer Ausweis ihrer Leistungen auf dem Gebiete deS Kinderschutzes, Kinderjpital. Knabenwaisenhaus. Knabenschule. Taub- _ stummeninstitut) hat viele Bewunderer gefunden. In der Gruppe der aus dem Auslände gekommenen Ausstellungsobjekte waren auch die von den jüdischen Mädchenschulen in Firenze sehenswerth. — Der Redakteur einer hiesigen jüdischen Wochenschrift wurde von der Oberi staatsauwaltschaft des preßpolizeilicheu Vergehens angeklagt, weil er in seinem Blatt Artikel politischen Inhalts veröffentlicht haben sott. Der Strafgerichtshos stellte sich aber auf bm Standpunkt des Redakteurs. der zu feiner Entschuldigung vorbrachte, nur gegen den Antisemitismus als soziales Nebel losgezogen zu haben, und sprach ihn frei. Sämmtliche Instanzen bestätigten das freisprechende Urtheil. — Eine Gedächtnißfeier für Professor Dr. David Kaufmann war am 2. d. M. voll der Landes-Nabbinerschule in ihrem Bethause verallstaltet worden. Eine große Anzahl im öffentlichen Leben stehender Männer nnb Frauen war erschienen. Von der Familie war die Wittwe. dann Frau S. Gouiperz, die Herrei» Karl, Ludwig und Max Gomperz, Herr und Frau L. König anwesend. Nach der Abendandacht hielt Prof. Dr. L. Blau eine Denkrede, in der er ihn als Gelehrten, Lehrer und Menschen feierte. Das Seelenheilgebet und ein Trauerpsalm schloß die schlichte Denkfeier. Von Nah und Fern. ----- Professor Dr. I. Barth, Dozent am Rabbinerseminar, feierte das 25 jährige Jubiläum seiner Thätigkeit in dieser Anstalt unter allgemeiner Theilnahme. — Herr Ferdinand Reichenheim feierte am 20. d. M. mit seiner Gattin die goldene Hochzeit. Der Magistrat hat dem Jubelpaar ein Glückwunschschreiben übersendet, worin zugleich die besten Wnnsche für das fernere Gedeihen des „MKdchenheimS", einer reich auSgestatteten Stiftung des Ehepaares, ausgesprochen wird; Das Kuratorium der Stiftung, die jetzt auf ein 25 jähriges Bestehen zurückblickt, war unter Führung des Bürgermeisters Kirschner im Reichenheimschen Hause zur Beglücklvünschung erschielleu. — Fabrikbesitzer N a t h a n in Nowawes ist einstinlmig zum Kreistagsdepntirten gewählt worden. — Wegeil Aufreizung zuGelvaltthätigkeiten durch Veröffentlichung G r a f P ü ck l e r 'scher Red e »i waren im Juni der Redakte»»r der „Staatsbürgerzeitung" zll 300 Mk. n»»d der Verleger an 100 Mk. Geldstrafe verurtheilt worden. Die Revision gegen diese Verllrtheilung ist anl 10. d. M. vom Reichsgericht verworfen worden. — Rektor a. D. Ahlwardt, der mit feinen antisemitischen Sondergeschäften Unglück hat, soll die Absicht haben, sich vom öffentlichen Leben zurückzuziehen. Er wird sich nach Ablauf seines Mandats wahrscheinlich nicht »vieder ansstellen lassen. Auch der Schwiegersohn des Herrn Ahlwardt. der „deutsche Gastwirth" Bodeck will keine praktische Pärteipolitik mehr treiben. Er hat jetzt wieder eine Gastwirthschast eröffnet, verkündigt aber zugleich, daß er öffentlich nicht mehr politisch agitiren werde. Das antisemitische Geschäft scheint doch zu wenig einträglich zu sein. -7 In Memel ist am 12. d. M. der Rechtsanwalt Dr. A u erb a ch im 38. Lebensjahre plötzlich gestorben. — Am 12 d. M. fand in N 0 r d e n b n r g i. Ostpr. in Anwesenheit der geistlichen und städtischen Behörde»» die feierliche Einweihung der neuen Synagoge statt, wobei Herr Kreisrabbiner Dr. Beerm ann- Jnsterburg die ergreifende Festrede hielt. — Ji» Chemnitz wurden am 14. d. M. auf den» israelitischen Friedhofe mehrere Grabdenkmäler umgeworsen und theilweise beschädigt. Ein Arbeiter wurde bei der That abgefaßt. Persönliche oder religiöse Motive irgend welcher Art liege»» der That nicht zu Grün de. — In bem Prozeß der Stadt Frankfurt gegen den antisemitischen Gasthofbesitzer Laaß ist vor einigen Tagen das.Urtheil ergangen. Es verbietet dem Laaß für die Zukunft jede Benutzung des städtischen Trottoirs znm Wirthschaftsbetrieb. Laaß hat sämmtliche Kosten zu tragen. Der ursprünglich gestellte Antrag ans Entfernung der Tische und Stühle vom Trottoir ist inzwischen durch die Jahreszeit hinfällig geworden. — Direktor Dr. Moritz Stern hat seine Stellung als Leiter der israelitischen Realschule in Fürth zum 1. Januar gekündigt. — Eine mehr als seltsame Nachricht bringen hiesige Blätter aus Lo ud on: Die zweite Tochter des Prinzen üoii Wales, Viktoria, soll sich in den Sohn Lord Rothschilds verliebt haben und diese»» zn heirathen beabsichtigen. Die Antisemiten regen sich schon jetzt über diese Nachricht fürchterlich auf — ehe sie dementirt ist! — Während die Münchener Antisemiten sich noch weigern, die Mähr von Scmttnlungen der deutsche»» Juden für Dreyfns zu demeiltiren, hat der Generalgouvernenr von Polen die dortigen Zeitungen auf ein Gesuch der Gemeinde Grodisk gezwungen, ein diesbezügliches Dementi zu veröffe»»tlichen. — Wie die „Petersburgski Wjedomosti" erfährt, hat der Minister des Innern den Antrag, die Fleisch- und Frachtsteuer, welche seit Nikolaus I. auf den Juden in Rußland lastet, abzuschaffen, abge- »viesen. Aber gewisse Nesoru»en nnb Aenderungen in dieser Angelegeriheit sollen dem Vernehmen nach dennoch durch den neuen Minister vorgenoinmen werden. — Die „Depeche timisieime“ meldet, daß in Tripolis wegen der A»»kündigung des Weltunterganges durch den Zllsammerrstoß der Erde mit dem Biela'jchen Kometen am 13. d. M. eine nilbeschreibliche Pa»»ik herrschte. Die Inden schickte»» ihre Frauen in die Synagogen, mn zn bete»» und Todtenlichter anzuzü»»den; zahlreiche Arbeiter feierten und wollten sich absolut nicht dazu verstehen, weiter zn schaffen, da das ja keinen Zrveck mehr hätte. — Dr. Jsaac I. Wis e, der greise Rektor des HebrewUnion College in Ci u c i nnati, richtet einen warmen Appell 011 die amerikanische Judeuheit, die Gelder zu beschaffen, baniit dieses Rabbinerseminar zu einer regelrechten Universität ausgebaut werden kann. — Ein bemerkenswerthes Ereigniß hat sich vor ei»»ige»» Woche»» in Police, Porto riko. vollzogen. Am 3. September traten sä»nmtliche dort ansässigen Jsraeliter» zusammen, um eine fest organisirte jüdische Gemeinde — die erste und bisher einzige auf der J»»sel — mit dem Name»» „The First Jewish American Congregation of Puerto Rico“ zu gründen. Znm Rabbiner »vnrde Rev. Dr. Adolf Spiegel gewählt. Druck und Verlag von Ruvots Mvsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.