Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1899)
- Date
- 1899-11-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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gemeinde angekauft und der Stadtbibliothek zum Geschenk überwiesen. Der bekannte Palästinaforscher Dr. Kornad Furrer (Dekan und Pfarrer an der Peterskirche tu Zürich) ändert sich in einen» Fenilletonart.ikel der Neuen Züricher Zeitung vom 3. d. M., in welchen! er der Gerneinde und Herrn Rabbiner Dr. Littmann hierfür den Dank aller züricherischen Freunde der historischen Wissenschaft ansspricht, dabei folgendermaßen über die jüdische Litteratnr: „Fremdartig und seltsain wie die Kaktuswälder Mexikos mag ihm (b. h. Denrjenigen. der sich mit der jüdischen Litteratnr beschäftigt) anfänglich die Geisteswelt Vorkommen, welche die scharfsinnigen und phantasievollen Nabbiner im Laufe der Jahrhunderte geschaffen haben. Hart lieben einem Grübeln, was ins Kleine und Allerkleittste geht, wird er ein Denken und Sinnen treffe»!, das niit Adlersflügeln zur Unendlichkeit emporstrebt, »»eben schroffer, herber Abweisung alles Fremden eine erstaunliche Innigkeit und Zartheit der sittlich-religiösen Gefühle. Es »vird ih»n klar »verden, wie ein Volk in den ihn! thenren Büchern eine Heimath hatte, in der es den Harm der Welt zu vergessen suchte. Er wird aber auch erkennen, daß mehr, als die Meisten es ahnen, die Synagoge die Lehrmeisterin der Kirche des Mittelalters gewesen ist. Wie immer er sich persönlich zn den Anschauungen der alten jüdischen Litteratnr stelle, das wird er gern zugestehen, daß sie religions- und kulturgeschichtlich ein ungewöhnlich hohes Interesse beanspruchen darf." — Ueber die Bibliothek, die auch mehrere Handschriften enthält, soll später, »venn sie geordnet und ausgestellt ist. berichtet werden. Schwede». gr. GolheublN'g, 3. November. Am 20. v. Mts. fand in der feierlich geschniückten Synagoge in Gegenwart der gesammten Gemeinde und vieler hervorragerider Bürger der Stadt eine Abschi edsfeier für unseren verehrten Nabbiner Dr. M. Wolf statt. Herr Dr. Wolf hatte am 5. Februar d. Js. sein Abschiedsgesuch eingereicht und erhalten, da er, wenn auch geistig völlig rüstig, doch wegen seines hohen Alters (75 Jahre) sich nicht mehr kräftig genug fühlt, sein Amt, dem er 42 Jahre vorgestanden, zu verwalten. Sein Nachfolger wurde im Laufe des Sommers gewählt, und Herr Dr. Wolf hatte die Absicht, diesen an» Noschhaschanah in das Amt einzusühren. Da er jedcM erkrankte und sich auch in den nächsten Wochen nur langsam erholte, so nmßte die Abschiedsseier verschoben werden. Dieses Fest bestapd nur in feierlichen! Gesang und einer rührenden Abschiedsrede des greisen Predigers. Sie sprach den Dank an Gott aus, der ihn sein Leben lang beschützt, und legte seinen Abschiedsworten an die Gemeinde das Bibelwort zu Grunde: Was verlangt der Ewige von euch? Daß ihr Gott fürchten sollt, ferne. Wege wandeln und. ihn lieben mit ganzen» Herzen .und ganzer Seele. Er empfahl, seiner Gemeinde.ein Leben und Wirken in Gottesfurcht, Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit, und beschwor sie, auf den! Altar des Herzens und der Seele stets ein heiliges Jener lodern zn lassen. Er begrüßte seinen Nachfolgerund schloß rnit Gebeten für Vaterland, König, Stadt und Gemeinde.. D.ie Feier machte, »vie die Gothenburger Tageszeitungen bestätigen, auf alle Anwesenden einen großen Eindruck. Als ein Zeugnitz für die ganz nngelvöhnliche Verehrung, die der nun von seinen! Amte Geschiedene innerhalb seiner Gemeinde genießt, mögen die Worte hier folgen, die nach der Ertheilung des Entlassnngsgesuches von den» Vorsitzenden des Gnneindevorstandes gesprochen rmd zu Protokoll gegeben wurden: Der Beschluß, der jetzt gefaßt »vorder», erweckt naturgemäß ernste Gedanken. Während 42 Jahre hat Dr. Wolf sein . Leben unserer Gemeinde gelvidmet, den Enthusiasmus der Jugend, die ganze Kraft des Mannes, die reiche Erfahrung des mehr vorgeschrittenen Alters, alles, was er an» »värmsten empfunden, all das Beste, was er gedacht hat als Prediger, Lehrer der Jugend, Stütze und Vorbild der Aelterei». In Freude und in Leid hat Dr. Wolf »nit inniger Liebe und hewnndernswürdiger, nie schwankender Pflichttreue in seinem hohen Perufe gewirkt. Alle, welche mit Dr. Wolf in Berührung komnwn, können nicht unterlassen, seine edle ehrfurchterweckende Persönlichkeit tief zu bewundern, und daß unsere Ge»neinde jetzt hochsteht, daß Pe ein großes Ansehen genießt, dazu hat sicherlich Dr. Wolf in h.oWn Grade beigetrageu. Aus fremden» Lande hierher gezogen, dcmerte.es nicht lange, bis er die ganze Liebe seines »varmen Herzens auf das neue Vaterland übertrug. de»n er ein »vürdiger, treuer Mitbürger lvurde, wozu er auch seine Söhne erzogen hat. Für all das Gryte, das Dr. Wolf innerhalb der Gemeinden ausgerichtet, für all die Liebe, die er ihr gewidrnet hat, verbleiben wir in großer unaWlöschlicher Dankbarkeitsschuld bei' Dr. Wolf. Diese schönen Worte rührender Anerkennu»!g werden gewiß auch in Deutschland ein lautes Echo finden. Alle Die, welche das Glück hatten, den würdigen Mann kennen zu lernen,' ftiib einig in dem Rühmen seiner Geistes- und Charaktereigenschaften, seiner Treue und feines Pflichtbewußtseins. Er ist ein Seelsorger in» wahren Sinne des Wortes gewesen, dabei ein kenntnißreicher Gelehrter, der still und emsig für sich arbeitete, ohne häufig an die Oeffentlichkeit zu treten, ein reiner und guter Mensch, -er sich frei zu halten »vußte von allein Unedlen. Er genießt das Glück einer schönen Häuslichkeit, die seine Gattin ihm bereitet. Seine sechs Söhne, alle im »nännlicksen Alter, bekleiden als Juristen, Kauflente und Aerzte geachtete und ehrenvolle Stellungen, leben in seiner un»nittelbaren Nähe und sind in innigster Weise ihm verbunden. Möge es de»»! edlen Greise wergönnt sein, sich des inneren und äußeren Glückes, das ihm in» Leben so reichlich beschieden war, noch lange in körperlicher und geistiger Frische zu erfreuen. Von Nah und Fern. — In» großen Sitzungssaal der Reichsbank ist in Gegenwart des Präsidenten Dr. Koch und des Direktoriums eine Marmorbüste von Dr. Ludwig Bamberg er ausgestellt »vorder», die der Berliner Bildhauer Hugo Rh einhold geschaffen hat. — Bei den Berli ner Stadtverordneten»»» ah len haben die Antisemiten trotz großer Arbeit einen Mißerfolg gehabt. Stöcker ist ganz ausgefallen. In einen» Bezirk kommt Rechtsanwalt Ullrich rnit den» Sozialisten Glocke in eine völlig aussichtslose Stichwahl. Professor Dr. Bagi ns k h wurde kürzlich vom Sultan in besonderer Weise ausgezeichnet. Auf spezielle Veranlassung des Sultans hatte Professor Baginsky die Pläne zu einen» den Anforderungen der rnodernen Hygiene entsprechenden Kinderkrankenhaus geliefert, und das Kraukenhaus. welches genau nach dern hiesigen Kaiserin Augusta- Hospital erbaut ist, wurde kürzlich in Konstäntinopel eröffnet. Der Sultan hat Professor Baginsky den Medjidje-Orden verliehen und ihm außerden! die Medaille für Kunst und Wissenschaft überreicht. — Die Rothe Kreuz-Medaille III. Klasse wurde der Frau Ernestine Freund, geb. Kraemer. verliehen. — Seinen 70. Geburtstag und zugleich sein 50jähriges Amtsjubiläum feierte a»n 8. d. der rühmlichst bekannte Kantor A. W. Finkelstein in Posen, der bereits seit 27 Jahren in dieser. Gemeinde segensreich »virkt. Ausführlicher Bericht folgt. — In D r es den wurde der. auch in Berlin bekannte antiseinitische Schriftsteller Karl Alexander Wald auf Grund eines von der Staatsanwaltschaft in Hamburg wegen »licht unbedeutender Wechselsälschungen und Unterschlagungen gegen denselben erlassenen Steckbriefes verhaftet. — Der Bibliothekar Professor Dr. Behrend Pick in"Gotha lvurde zum Vorstand des herzoglichen Münzkabinets ernannt. Pick wirkt auch seit einigen Jahren als Lehrer an der Universität Jena. — Nun ist in Hessen doch ein Jude — Notar gelvorden, nämlich Rechtsanwalt Katz in Gießen. — In Frankfurt, a. M. starb Professor Dr. Robert Steinhard, der nahezu 27 Jahre ander Realschule der israelitischen Gemeinde »nit hingebendern Pflichteifer gelvirkt hat. Herr Dr. Adolf Brüll widmete ihm einen tiefempfundenen, schwungvollen Nachruf. — Der zu»»! ordentlichen Professor der österreichischen Geschichte ernannte Dr. Ludwig Finkel in Lemberg iströ»nisch-katholischenGlaubensbekenntnisses, nicht Jude. — In Malmö und den dazu gehörige»» sechs Gemeinden wurde Dr. I. Wo hl sie in aus Schüttenhofen zu»»! Nabbiner gewählt. — In der französischen Expedition Bretönnet zur Erforschung Afrikas, die von den Rabbah getödtet lvurde, befand fick auch der jüdische .Marineleutttant Salomo»» B ran n.— E n g ei» e Manuel, der bekannte Dichter, bisher Generalinspektor des öffentlichen Unterrichts in Frankreich, hat nach langer und ehrenvoller Bernfs.thätigkeit sein Amt niedergelegt. — In Vincennes ist der Artillerieleutnant Mathieu Weil im 28. Lebensjahre gestorben und nrit großen militärischen Ehren beerdigt worden.— Herr Julius Weiß in New-Orleans hat den» israelitischen Altenheim, welches daselbst in Verbiildung mit der berühmten Touro Jnfirmary besteht, am Versöhnungstage Jom Kippur 25 000 Dollars geschenkt. — Nicht die Schüler desHedrevr Union Collage irr Cine i »»na t» Haber» die Büste des verehrten Dr. J. M. Wise von M. Ezekiel der Fa»nilie des Jubilars geschenkt, sondern, die Gemeinde daselbst. Früher schon hat die Eentralkonfereliz anierikanischer Rabbiner eine'Miniaturbüste von Wise, die der talentvolle Herr Leo Mielziner ausgefnhrt, de»»! Hebrew Union Lollege geschenkt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.