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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-03 · Heft 44 (3.11.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 44 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Kr. 44 Berlin, 3. November 1899. Ein unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Begründet von . .. Nabbiver Dr Lu-mig PhttippsonKonn. Vertags-Grpe-ition: Gerlin, Lernfalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Red a eteur: Guftav Karpeles. Inhalt. Leitartikel r Zudentaufen. — Die Woche. — Zur Statistik der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Posen. Von Moritz Grünfeld. — Reflexionen. V. — Die Frauen im Talmud. Von Rabbiner Dr Tobias Cohn.— Eine neue französische Bibelübersetzung. Von O. NeüschM de. I a s s h. — Feuilleton r Mirjam. II. Eine Geschichte aus dem römischen Ghetto. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Eharlottenburg, Aus Westpreußen, Hannover, Hamburg, Kassel, Frankfurt a. M., Wien. — Bon Rav und Fern. — Sprechsaal. — Miserllerr. Iudentaufen. Berlin, 31. Oktober. f n der letzten Sitzung der Brandenbnrgischen Provinzial- . shnode hat eine interessante Debatte über die Thätigkeit der Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden während der letzten drei Jahre stattgefunden. Nach diesem Bericht haben sich mehr als hundert Tanfbewerber gemeldet. Verschiedene seien von vornherein zurückgewiesen worden, weil ihre unlauteren Absichten offenkundig waren. Andere seien nach längerem oder kürzerem Unterricht selbst zurückgetreten, im Ganzen seien 52 Juden (28 Männer und 24 Frauen), darunter 43 in Berlin, in die christliche Kirche ausgenommen worden. Unter den Täuflingen seftn die verschiedensten Berufe vertreten gewesen. wie Kutscher, Tapezirer, iKauflente, Bankiers. Buchdruckereibesitzer, Baumeister, Bautechniker, Architekten, Dr. med., Stud. jur., Stud. mach. u. s. w. Das sind unzweifelhaft recht interessante Mittheilungen, und wir wundern uns über die Genügsamkeit der Provinzialsynode, die dann einen Erfolg sieht. Von höherem Interesse aber für uns ist die Debatte, die sich an diesen Bericht anschloß. Der Berichterstatter. Superintendent Krückeberg, wies nämlich darauf hin, daß bei manchen Geistlichen „sich eine, laxe Handhabung der Taufe bei Juden zeige", und sprach den Wunsch aus. daß die Taufbewerber auf den Weg der geordneten Judenmission verwiesen werden würden. Er stellte deshalb mehrere Anträge, von welchen namentlich der zweite und dritte für uns besonderes Interesse bieten. In denn einen soll den Berliner Geistlichen empfohlen werden, falls sie nicht selbst in der Lage sind, den Unterricht und die Taufe der Proselyten zu vollziehen, die Letzteren an die Gesellschaft zur Beförderung des CWstenthuins unter beii Juden zu verweisen; in dem anderen soll das königliche Konsistorium dringend ersucht werden, mit allen gesetzlichen Mitteln einer mißbräuchlichen Ertheilnng der Proselytentaufen entgegen zu treten. Beide Anträge sind angenommen worden. -■ ■■■ . - ■ Wie weit auch unsere Anschauungen und Ziele von denen der Brandenburgischen Provinzialsyuode abweichen, in diesem Punkte können wir ihrem Beschlüsse nur unsere volle Zustimmung geben. Die Empörung über die laxe Art, in der von manchen Geistlichen .Judentaufen vollzogen werden, ist sogar eine viel zu schwache gewesen. Wir könnten den Herren von der Shnode recht erbauliche Geschichten erzählen, in welcher Weise solche Taufen vollzogen werden. Auch selbst wenn man di« Hälfte des Erzählten auf Rechnung des Schamgefühls stellt, das der Täufling seinen früheren Glaubensgenossen gegenüber empfindet, bleibt immer noch genug übrig, um die Entrüstung über diese Art von Taufen zu billigen und zu theilen. Einen besonders markanten Fall hat Professor Heffter in der Debatte selbst vorgebracht, den „der schnellen und stillen Taufe" einer jüdischen Lehrerin, die, nachdem sie sich im Herbst das Zeugniß zur Ertheilnng des jüdischen Religionsunterrichts erworben hatte, bereits im Frühjahr die Befähigung zum evangelischen Religionsunterricht erhielt, da sie inzwischen getauft war. Es ist wirklich schwer zu entscheiden, auf wessen Seite das größere Unrecht ist, auf Seiten der Lehrerin oder des Geistlichen. Aber es ist charakteristisch, daß bei Erwähnung dieses Falles der Generalsnperintendent seftstellte, daß „die christliche Reife bei der Lehrerin vorhanden war. da sie seit ihrer Kindheit in christlichen Glaubensanschauungen erzogen >var". Das ist jedenfalls ein sehr merkwürdiger Fall von „christlicher Reife", wenn man sich zuerst um das Zeugniß zur Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichts bewirbt und ein halbes Jahr später die christliche Glaubensanschauung lehren will! Noch merkwürdiger aber ist es/ daß sich auch aus der Synode ein Vertreter dieser „schnellen und stillen Taufe" gefunden hat. Herr Stadtsyndikus Weise billigt diese Art von Uebertritten. Er meint, daß ja meistens Juden aus gebildeten Ständen übertreten, „in solchen Fällen sei eine gewisse Schnelligkeit der Taufe nicht wunderbar". Es ist schade, daß es Herr Stöcker sein mußte, der diesen Herrn darauf aufmerksam, machte, daß gerade bei gebildeten Juden der Nachweis eines gründlichen Unterrichts nothwendig sei. Zum Schluffe kam noch ein geistlicher Vertreter „der schnellen und stillen Taufe" zu Worte. Er erhob aus sehr begreiflichen Gründen Einspruch gegen tzgs Monopol, das die Gesellschaft zur Beförderung des Christenthnms unter den Juden durch jenen Antrag erhalten würde. Vielleicht gerade infolge dieses Einspruchs wurde der Antrag angenommen. . Das Interessanteste an der ganze Geschichte ist aber, daß dieser Einspruch auf der Shnode wie in der Presse von liberalen

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