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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-27 · Heft 43 (27.10.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 43 (27.10.1899)
Date
1899-10-27
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Güte und ihrer Herzenstugenden. Sie war die treue Gattin,- die liebende Mutter ihrer Kinder. Redner schloß : „So ziehe denn hin. Du .edle Sutamith, zum Berge der Myrrhen, zum Weihranchhügel, ziehe hin,.geschmückt mit dem Jmmortellenkranz der Unsterblichkeit zu dem Eden der Seele, in das Gefilde des ewigen Friedens. Amen." Der Sarg wurde hierauf von beu Beamten der Neuen Israelitischen Beerdigungsgefellschaft aus. den Leichenwagen gehoben, vor dem Hause hatte sich eine nach vielen Hunderten zahlende Menge eiugefnndeli, die Spalier bildete. Der Leicheukondukt. der aus vielen Fußgängern und zahlreichen Equipagen bestand, bewegte sich nach dem Israelitischen Friedhof in Ottensen, wo nach einem Gebet des Predigers die Leiche . im Erbbegräbniß beigesetzt wurde. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 23. Oktober. Die Ereignisse der abgelaufenen Woche waren abermals recht traurige. Theils für die Aufhebung der Sprachenverordnung. theils noch im Nachklang an die Polnaer Affäre hat der tschechische und antisemitische Pöbel in Böhmen und Mähren Judenhetzen angezettelt. die an manchen Orten, wie in Prerau und Holleschau, wo das Militär nicht leicht zu erlangen war, einen bedrohlichen Charakter annahlnen. Besonders arg wüthete der anfgehetzte Mob in dem mährischen Städtchen. Irr der Bezirksstadt Holleschau mit '">000 Einwohnern, darunter vielen Inden, tarn es Nachmittags zu Ausschreitungen des tschechischen Pöbels gegen die Inden. Es handelte sich nicht inn eine Demonstration für die Sprachenverordnnngen oder das tschechische Staatsrecht, sondern der Pöbel begann die Geschäfte der jüdischen Kausleute, die des Sonntags wegen geschlossen waren, zu erbrechen und zu plündern. Die Polizei war den Exzedenten nicht gewachsen. Die Gendarmen mußten einschreiten nud gaben Feuer aus Mannlicher-Gewehren. Drei Plünderer wurden getödtet, zwanzig verwundet. Um 9 Uhr Abends kam Militär aus Kremsier au. Erst jetzt wurde dem Plündern und Stehlen vollkommen Einhalt gethau. Die Fenster vieler Häuser sind ganz zertrümmert. Auch in Göding imifete Militär einschreiten, in Proßnitz kam es in der Judengasse zu argen Schlägereien, denen auch nur die ansprengeude Kavallerie ein Ende machen konnte, in Prerau drängten die Volksmassen sogar die Reiter zeitweilig zurück, indenr sie den Pferden Knallkapseln zwischen die Füße warfen, und begannen die jüdischen Häuser 31t stürmen, doch schritt sofort das Militär wieder energisch ein und zerstreute die Ansammlungen. Auch in Boskowitz fanf es zn bösartigen Tumulten, während in Kojetein und Trebitsch die Demonstrationen ruhiger verliefen. In Uugarisch-Hradisck dagegen rnnßte Militär requirirt werden, da am 18. Oktober die Tumulte in Plünderungen überzugeheu drohten. Dort herrscht noch immer große Erregung, und bei der jüdischen Bevölkerung sind die Befürchtungen für die nächste Zeit sehr groß. In Böhmen sind Prag und Pilsen voraugegaugell. In dieser Woche folgten Laun und Kuttenberg. Weniger heftig waren die Tumulte in Sobotka. Taus. Reichenau. Jiciu, Jarouler, Rakonitz, dagegen wieder sehr heftig in Elbkosteletz und Chlumetz. In Czaslau war es so arg, daß der Stadtrath von der Bezirkshauptmannschaft aufgefordert wurde, gegen die antisemitische Bewegung einzuschreiten. Auch Jurigbunzlau und Neustadt a. d. Mettau waren Schauplätze antisemitischer Ausschreitungen. Die sozialdemokratischen Organe haben ihre Parteimitglieder gelvarnt/ sich an diesen Exzesseil zu betheiligen, aber die tschechisch-nationale Arbeiterschaft nimmt lebhaften Antheil daran. — Hier ist Frau Marie Edle v. Mises geb. Nirensteiu, eine Dame'von wahrhaft vornehmem Sinn und echter Frömmigkeit, verschieden. — In einer hiesigen Tageszeitung erschien dieser Tage folgende charakteristische Annonce: „Taufpnthin. Für junge Dame adliger angesehener jüdischer Familie wird nur hochstehende Persönlichkeit'behufs Uebertrittes zum katholischen Glauben lvegell Mangels an Bekanntschaft in katholischen Kreisen auf diesem Wege gesucht. Geneigte Zuschriften unter „Seelenheil Nr. 91514" postlagernd 6. Bez., Gumpendorferttraße Nur gegen Schein".- Von Nah und Fern. — Anläßlich der Centenarfeier der königlich technischen Hochschule hat Geheirnrath Professor Liebernla nn den Kronenorden III. Klasse erhalten. — Herrn Joseph Schloßmaun, Inhaber der Firma „Wäsche-Industrie, Berlin, I. Schloßmann", Hoflieferant des Königs von Griechenland. ist der Titel eines Konunerzienraths verliehen worden. — Das von dem verstorbenen Fabrikbesitzer und Konsul A r ll 0 l d F r i e d m a n n hier der Stadt Berlin letztwillig gestiftete Legat voll 10000 Mark ist voll der Wittwe an ben Magistrat gezahlt lvordeu. Dieser ersucht jetzt 'in einer Vorlage die Stadtverordneten-Versammlung. ihre Genehmigullg zur Almahlne des Legats zll ertheilen. — Der frühere Börsenmakler Valentin Weisibach, einer uilserer wohlthätigsteu Mitbürger, ist im Alter von 57. Jahren am Herzschlag gestorbell. Weißbach hatte seit einer Reihe von Jahren seine ganze Zeit gemeinnützigen Zweckell gewidmet, bensn er auch seine Mittel in liberalster Weise zur Verfügung stellte. Besonders all den Bestrebungen um Herstellllllg billiger und gesullder Wohustättell für die kleinen Leute und an der Urania war er lebhaft betheiligt. — Am 21. d. M. ist hier Frau Direktor Rosa Ernst. die Gattin des früheren Theaterdirektors Adolph Ernst, im 47. Lebensjahre gestorberl. Sie war die Seele und Leiterin der Bühne, die ihr Gatte jahrelang führte. Ihre Wohlthätigkeit lvird allgenlein gerühnlt. — Der Verlagsbuchhändler S. Schottländer in Breslau hat beu türkischell Osmauieorden III. Klasse erhaltell. — Sein 50 jähriges Buchdrucker-Jubiläum feierte am 1. d. M. der Buchdrnckereibesitzer und kölligliche Lotterieeillnehnler Herr S i in 0 ll H a n f f in Schwerin a. W. — Der Kaiser voll Oesterreich hat alls Alllaß des Todes der Frau Charlotte Elllbden-H eine dem Sohne derselben, Baron Embden, ein eigenhändiges Beileidsschreibell durch den Harnbllrger österreichischell Gerleralkollsul überreicheil laffen. — Sein 25 jähriges Professorenjubilällm feierte ain 23. d. M. der Geheime Vtediziualrath Professor Dr. Wilhelm Ebsteill in Göttingeu, einer der namhaftesten inneren Kliiliker Delrtschlauds. Er wurde 1836 ili Jauer in Schlesiell geboren. — Der „Hessische Volksbot e" in K a s s e l. ein seinerzeit vom Abgeordneten Werner begründetes ailtisemitisches Blättchen, ist eillgegaugeü. Herr Lieberniaun v. Sounenberg scheillt mit seiner Bemerkung vom „tobten Punkt",, ans dem der Alltisenlitismlls allgelaligt sei, Recht zu behalten. — Wegen der Art der Besprechung des Polnaer Mädchen mordes hat llicht nur der Herausgeber des antisenlitischen „Deutschen Volksblatts", Weugg, sondern auch der verantwortliche Redakteur des „Bayerischen Vaterland", Sch 0 h in Mü n ch e n , ein Strafmarldat von 50 Mark erhaltell. Schoy hat ebenso wie Wengg Einspruch gegen das Mandat erhoben. Es kommen also Beide vor das Schöffengericht. — Nach dem statistischen Jahrbuch des Kölligreichs Ullgarns wurden von 8083 jüdischen Ehen nicht weniger als 2643 mtv standesamtlich geschlossen, d. h. 32,7 Prozent. Diese Ziffer erscheint unglaublich, und da an ihrer Nichtigkeit llicht zu zweifeln ist, weil sie der amtlichen Publikation entllollnnen ist, so niiiffen es ganz besondere Verhältnisse sein, die diesen Zustand herbeiführen. Gemischte Ehen zwischen Juden und Alldersgläubigen wurden 339 geschlossen, die säninitlich ohne kirchliche Einsegllllng stattfandeil. Dieses ist begreiflich, da vou jüdischer lvie von christlicher Seite die Mischehe vom religiösen Standpunkt verboten ist. — Bei Gelegenheit des jüdischen Neujahrsfestes hat der Metropolit von Rustschuk, Msgr. Bassili, den Judell eille große Aufmerksamkeit erwiesen. Er kam kurz vor dem Feste in die Schule der Alliance Israelite Universelle, in der die vorher benachrichtigten jüdischen Notabelu, die Rabbiner all der Spitze, versammelt waren, und beglückwünschte die jüdische Geuleinde zu den Fortschritten,-die sie in den letzten Jahren genlacht habe, iildem er zugleich Atterl ein glückliches neues Jahr wünschte. — Dem Genernl-Dragouiau David Effelldi Molecho in Ko ll st a u t ino p et lvurde letzthill der schwedische Sternenorden erster Klasse verliehen. Molecho Effeildi ist einer der hervorragendsten Linguisten des Oriellts. — Das Komitee der Chowewi Zion in Od e ssa wird in nächster Zeit eine Ausstellung der Produkte Palästilias veranstalten, die beträchtliche Dimensionen annehmen dürfte. — In Bielatscherkow hat eille christliche Dame, Frau Baranizkh, der jüdischen Gemeillde Grulld und Boden zur Errichtung einer Schule geschenkt sowie noch weitere 1000 Rubel baar. — In Schi ras würde das Judeuviertel kürzlich wieder angegriffen, weil ein Zauberer die Jude« dem Pöbel als die Verderber der Erilte denuuzirt hatte, und llur die ellergische Jnterventioll des Gouverneurs rettete die Bedrohten. Seitdem sind die Juden in Schiras iit ihren Häusern verbarrikadirt, und Niemand wagt sich alls die Straße. — Wie es heißt, hat Professor Schächter ln Cambridge einen Rus als Direktor an das Jewish Theological Seminary in New-Aork erhalten. Druck und Verlag von Ruoolf Alosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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