Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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:4 schriftlichen Religionsprüszulg für die israelitischen Schulamtskandidaten gestellten Aufgaben waren folgende: a) ans der systematischen Religioilslehre: Was versteht man unter Religion, und wie sollen wir dieselbe bethätigen? d) ans der Kirchengeschichte: Des Flavills Josephus Bedeutung als Feldherr und als Schriftsteller, c) aus dem Kirchen» dienst: Inhaltsangabe der wichtigstell Sabbathpsalmen. — In der mi'nldlichen Prnfnllg. die in Gegenwart der für die Neligionsprnsnng aller Konfessionen bestimmten Komniisston stattfalld, waren außer den gellannten Religiollsdisziplineu noch' Bibelknnde, Bibelübersetzen und hebräische Gralnmatik Gegenstüllde der Prüfung. Oesterreich - Ungar«. LI Wien, 16. Oktober. Aus Pol na kommt die Nachricht, daß sich der Verdacht der Thäterschaft nach anderer Richtung hilllwigt. Der Kuttenberger Staatsailwalt Dr. Schneider-Swoboda ist ilach Prag abgereist, um über den gegenloärtigen Stand des Polnaer Mordprozesses dem Präsidenten des Oberlandesgerichtes und dem Oberstaatsanlvalt Bericht zll erstatten. Die schon am Beginn der Unter-, snchung gepflogenell, aber wieder sallell gelasserlen Erhebungeil sind gegenwärtig wieder ausgenommen worden. Beinahe in allen größeren Genieinden haben V e r sa m m Ut u 9 e u stattgesunden, wo in energischster : Weise Protest gegen das Urtheil in Knttenberg erhoben wird. — Der Abgeordliete G re g 0 ri g und der Redakteur des „Deutschen Volksblatts" Hans Schwer haben der Staatsanwaltschaft eine recht originelle Straf-; anzeige wider den Oberrabbiner Dr. Gübemann erstattet. Diese geht dahin, daß Dr. Gndemann sich einer Beleidigung der katholischen Kirche schuldig geuiacht habe, indem er in der Protestversammlnng der Wiener israelitischen Kultusgemeinde die Beschnldigltng des Ritualmordes — er wird heute schon nur „Blutgebrauch" im „Volksblatt" genannt — als eine niederträchtige, schamlose Fälschung der Wahrheit bezeichnete. Insbesondere durch seine damit zusammenhängenden Aeußernngen über die Prozeßakten in Betreff Simons von Trient habe er ein solches Delikt begangen. Die Antisemiten werden im „Deutschen Volksblatt" aufgefordert, sich dieser Strafanzeige anzuschließen. Ueber den sonntägigen Exzeß in Pilsen wird von dorther gemeldet, daß Nachnlittags acht israelitische Schüler der deutschen Handelsschule im Parke des Vergnngungsortes in Lochotin bei Pilsen von etwa fünfzehn jungen Leuten, dem Anschein nach Mittelschülern, mit' Stöcken unter antisemitischen Ausrufen verfolgt wurden. Als die Handelsschüler den Verfolgern anszuweichen versuchten, riefen Letztere mittelst Signals noch ca. 20 Burschen herbei. Die Handelsschüler, die die Flucht ergriffen, wurden mit Steinen beworfen, einer derselben blutig verletzt und angeblich, noch anl Boden liegend, geschlagen. — Als ein Opfer seines Berufes ist hier der junge Arzt Dr. Boris Fan- Jung ans dem Leben geschieden; das Leichenbegänguiß des jnngell Gelehrten, der sich den Keim zum Tode am Krallkerlbette eines armen Kindes holte, gestaltete sich 311 einer großartigen und erhebenden Feier, nach einer ergreifenden Trauerrede des Dr. Gndemann sprach tm Namen der Nettnngsgesellschast Gras Lamezan; dem Begräbnisse wohnte auch eine Offiziersdeputation des Regimentes bei, dem Dr. Fall-Jung angehörte. Der Redakteur der „Katolicke Listy" Gustav T ouzil hat eine Allzahl voll Allsichtskarten, die sich auf den Mädchenmord in Polila beziehen, : heransgegeben. Eine dieser Allsichtskarten, Ulld zwar jene, die die Sektion, der Leiche der ermordetell Hrnza veranschaulichte, wurde von der Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt. Tonzil überreichte gegell die Konfiskation den Einspruch, über welchen gestern vor einem Spruchsenate des Prager Lalldesals Strafgerichtes verhandelt wurde. Der Gerichtshof gab dem Einspruch Folge und hob die Konfiskation aus. — Hier ist Herr Jakob Hubermann, der Vater des berühnlten Violinvirtuosen Bronislaw Hubermann, gestorben. Prag, 17. Oktober. Tschechische antisemitische Blätter, so die „Plzenske Listy", verbreiten das Gerücht, daß Hülsner für irrsinnig erklärt werden soll, und nehmen daraus Grund zu heftigen Angriffen gegell die Juden. Diese sollen natürlich die JrrsinnigkeitSerklärnng veranlaßt habeil, um einen Schnldigeil der verdienten Strafe zll entziehen. Nlln ist aber an der Sache selbst kein wahres Wort, rrnd damit fallen alle die böslvilligen Folgeruilgeil daraus von selbst. AüS Kllttellberg wird dagegen nunmehr bestätigt, daß die weitere gerichtliche Untersuchung gegell die Mutter der Hruza und gegen deren Bruder Johailn eingeleilet wurde, auf welchen gleich nach der Ent- . decknllg des Mordes der erste Verdacht, gesalleil ist. In dem Hänschen der Mutter Hrnza im Dorfe Wesnitz bei Polnn und bei JohannHrriH i im. delstschelv Dorfe Zbiretz bei Jglan lvnrden Durchsuchungen vorgellomlnen. Bei der Mutter Hruza wurde ein scharfes Messer, das allgeblich zum Schweineschlachten verrvendel sein soll, feruev ein Paar Handschuhe und ein Rosenkranz gefunden, die angeblich der Mutter gehören. Jul Prozeß ist jedoch voll der Mlltter behauptet worden, daß ein Paar Handschuhe ulld eill Rosenkranz abhanden gekommen seien, welche ihrer Tochter Amla gehörtell, und die sie aln Tage der Ermordullg trug. Das Messer, die Handschuhe itub der Rosenkranz wurden mit Beschlag belegt, ebenso zwei Unterröcke, die der Tochter gehörten und nun im Besitze ihrer Schwester »varell. Von Nah und Fern. ---- Nach eiller nerterlicheil Versügllllg des Kultllsministers ist bei der Nachprüfung im Hebräische 11 diejenige wissenschaftliche Prüfungskommission zuständig, in deren Bezirk eine Universität liegt, an lvelcher der Prüfende zllr Zeit der Meldung studirt, oder das Gymnasium belegen ist, an welchem er das Zengniß der Reife erlallgt hat. — Am 14. d. ist hier der bekannte Arzt Dr. I. Rosenthal nach kurzell Leiden im 52. Lebensjahre gestorben. — Der Kaiser voll Japan hat feinem hiesigen Konsul Karl Wolsfsohll das Kommandeurkreuz des Ordens znm heiligen Schatz verliehen. — Der Kaiser voll Rußlalld verlieh deul Bankier Ernst Kntznitzky zu Kattowitz wegen seiner großerl Verdiellste aus dem Gebiete des Bankuild Handelswesens beu Rang eines kaiserlich russischen Rathes VII. Klasse. Diese Auszeichllullg berechtigt znm Tragen eiller beftimmten russischen Uniform und qualifizirt zur Theilnahme an den russischen Hoffestell. — Der Hauptagitator der antisemitischen Partei in Mü nchen, Ingenieur W en ng, erhielt vom Alntsgericht in München ein Strafmandat über 50 Mk. wegen groben Unfugs. Es handelt sich mu einen „die Blntgreuel von Polua" überschriebenen Artikel, den Wenng in deur von ihm herausgegebenen „Deutschell Volksblätt" veröffentlichte. Wellllg hat gegen das Strafmandat Einspruch erhoben. Der König von W ü r t t e m b e r g hat demMitgliede der Jsrael.OberkirchenbehördeRegierllNgsrath Dr. S ch mal das Ritterkreuz I. Klasse des Friedrichsordens verliehell. — Der Ausschuß der „Gesellschaft zur Berbreiturlg von Bildnllg unter den Jllden R u ß l a n d s" macht bekailllt, daß im Dezember 1900 aus der Zeitli n - schell Stiftung 430 Rubel fällig werdeil für das beste Werk über die Geschichte der synagogalen Beredsamkeit in Rußlalld ulld Polen von den ältesten Zeiten bis zu den Tageil des Willlaer Gaolls. Das Werk kanil russisch oder hebräisch geschrieben fein. — Die Alliance Israeiiie Universelle hat, wie wir erfahren, einen inteveffaiiten Beschluß gefaßt. Sie entsendet einen Delegirten zu den Falaschas nach Abyssillien, den Rabbiner Rappoport, der sich zunächst nach Kairo begiebt und von dort aus seine Reise nach Tigrö und Amhara beginnt. Seitdem vor 30 Jahren der seitdem so berühmt gewordene Gelehrte Professor Halevy die Falaschas aufsuchte, ist dies der erste Versuch von jüdischer Seite, jene merkwürdigen Bekenner unseres Glaubens in Verbindung Nlit der jüdischen Gemeinschaft zu bringen. Dem jungeil nluthigen Reisellden wünschen lvir viel Glück zu feinem Unternehmen. — In dem Komplot gegen die französische Republik hat man bei der Haussuchung bei einem Antisemiten zwei hübsche Zeichnungen gesunden, die die besondere Aufmerksamkeit des Staatsgerichtshofes erregt haben. Auf der einen zieht der Herzog von Orleans hoch zu Roß durch die Champs Elysees in Paris ein, das andere stellt die Vertreibullg der Judeli aus Paris dar. — Oberst Goldsmid ist zum stellvertretenden General-Adjutanten in Aldershot destgnirt worden. — Ein christlicher Wohlthater, R ober t Ma cfi e, hat dem Board of Guardians in London 100000 Mark testamentarisch vermacht für die verfolgten Juden. Ebenso hat der Board zwei Millionen Mark von der Baronin Hirsch für sein Darlehensinstitut geerbt. — Der Krieg äußert seine .Wirkungen auch in den jüdischen Kreisen Englands. Durch die Einziehung der Reserven-znm Dienst sind auch eine Allzahl Juden aus ihren Stellnngen gerissen worden, itnb es ist eine Bewegung inr Gange, die Chefs und Arbeitgeber zu der Erklärung zu veranlassen, daß die jüdischen Soldaten nach Ablauf des Krieges ihre Stellungen wiedererhalten werden. — Auch die große Fabrikstadt M a n ch e st e r wird nächstens einen jüdischen Lord Mayor haberl. Dr. Drehfus, der den Bezirk Bradford Ward im Stadtrath vertritt, hat die besten Chancen, zunr erstell Bürgermeister gewählt zu werden. __ Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. BeranÜvortstch .für. die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.