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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-22 · Heft 38 (22.9.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Nnßlan-. © Kalisch, 17. September. Auch diesmalhat, wie so oft schon, in Polen der Versöhnungstag eine Katastrophe gebracht. In der alten Synagoge zu L ent schütz stieß am Vorabend des Jom Kipur kurz nach Beginn des Gottesdienstes eine alte Frau, die sich auf der ersten Galerie der Synagoge befand, wo ein starkes Gedränge herrschte, da daselbst mehrere Hundert Frauen zum Gebet versammelt waren, eine kleine brennende Lampe um, wobei sich das in derselben enthaltene Petroleum ergoß und in Brand gerieth. In Anbetracht der Gefahr, die ganz unbedeutend war, begannen die übrigen auf der Galerie befindlichen Frauen zu schreien, und bald ertönten die Rufe: „Feuer! Feuer!" im ganzen Gotteshause. Es herrschte sofort eine unbeschreibliche Verwirrung. Alles suchte so schnell wie möglich den Ausgang zu erreichen, um ins Freie zu gelangen. Die Frauen, auf deren Galerie das Unglück entstanden war, schrieen und drängten gewaltsam dem Ausgange zu, obgleich jede Feuersgefahr ausgeschlossen war, da man inzwischen die Flamme erstickt hatte. Auf der Treppe stürzten einige von der Galerie eilende Frauen und verbarrikadirten auf diese Weise mit ihren Körpern den Ausgang. Mit elementarer Gewalt stürzten die Uebrigen nach, und so kam es, daß die unten liegenden Frauen als Leichen aus der Synagoge getragen werden mußten. 31 Frauen in den verschiedensten Altersstufen fielen dieser Katastrophe zum Opfer. Gleichzeitig wurden in dem schrecklichen Gedränge fünf Kinder erdrückt, so daß die Zahl der Opfer 36 beträgt. Außerdem haben 15 Personen mehr oder weniger schwere Verletzungen davongetragen. - An dem Unglück trägt nur die Unbesonnenheit Schuld, da eine Brandkatastrophe völlig ausgeschlossen war. Am Orte der Katastrophe erschien sofort die alarmirte freiwillige Feuerwehr, welche die Leichen der erdrückten Frauen aus der Synagoge herausholte. Gleichzeitig wurden die Schwerverwundeten auf den Wagen der Feuerwehr nach Hause geschafft. Den Verwundeten wurde sofort ärztliche Hilfe zu Theil. Asten. GD Jerusalem, im September. Ueber den Stand des Hospitalbaues ist zu berichten, daß das obere Stockwerk zur Hälfte eben überwölbt ist, der Rest nahe der Ueberwölbung ist; sobald das Holz eintrifft, soll das Dach aufgesetzt werden. Im ersten Pavillon ist der Verputz nahezu fertiggestellt. Die für den Rohbau nöthige Arbeit nähert fich Gott sei Dank dem Ende und wird wohl bald ganz beendet sein, so daß die Eindachung noch vor dem Regen erfolgt. Was die Zahl der Arbeiter anbelangt, sei bemerkt, daß am 4. Tamus, 12. Juni, beschäftigt waren 152 Juden, 66 Nichtjuden, insgesammt 218 Arbeiter; am 17. Menschern Ab, 24. Juli: 146 Juden, 70 Nichtjuden, insgesammt 216 Arbeiter; am 8. Eid, 14. August: 150 Juden, 60 Nichtjuden, insgesammt 210Arbeiter; am24. Elul, 30. August 148Juden, 70 Nichtjuden, insgesammt 218 Arbeiter. Ein solcher Prozentsatz jüdischer Arbeiter war noch bei keinem größeren Bau beschäftigt. Erwähnt sei auch, daß eine Zahl (ca. 10) junger jüdischer Leute bei unserem Bau die bessere Steinhauerarbeit erlernte und so in Zukunft auch hierfür mehr jüdische Arbeiter vorhanden find, und die Betreffenden auf diese Weise ihren Unterhalt erwerben können. So ist in jeder Hinficht bei Ausführung des Spitalbaues für jüdische Arbeiter geleistet worden, was nur für sie geleistet werden konnte. Von Nah und Fern. -- Dem Direktor des Instituts für Serumforschung, und Serumprüfung zu Steglitz und außerordentlichen Professor an der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin, Geheimen Medizinalrath Dr. Ehrlich ist der königliche Kronenorden dritter Klasse verliehen. — Die Strafkammer in Gleiwitz verurtheilte den Strumpfwaarenfabrikanten Levisohn, weil er einer Vorladung vor Gericht auf den 5. September (jüdisches Neujahr), nachdem seine Bitte um Terminverlegung abschläglich beschieden, aus religiösen Motiven nicht nachgekommen war, zu 20 Mark Geldstrafe und zur Tragung fämmtlicher Kosten des Termins. —- Borkum wird noch völlig verjuden. Im „Deutschen Volksblatt" enthüllt ein Antisemit, daß alle drei dortigen Metzger Juden seien, und daß daher alle dortigen Badegäste „Judenfleisch" äßen. Fürchterlich! — Infolge des Ausbleibens der jüdischen Händler war der Pferdemarkt in Köln am Neujahrsfeste völlig geschäftslos. Die Geschädigten mögen fich beim Kölner Oberbürgermeisteramt bedanken. — Die „Welt" in Wien dementirt entschieden die von einer Missionszeitschrift aufgestellte Behauptung, das Aktionskomitee der zionistischen Partei habe Len Judenchristen, als diese anfragten^ ob auch ste in Palästina kölonistrt werden würden, die Antwort gegeben, daß dem Aktionskomitee die Religion gleichgiltig sei. — Dr. G. Farkas, außerordentlicher Professor an der Universität zu Klausenburg, ift jüm Ordinarius an der Universität in Budapest ernannt worden. — $>ie Wahl des bisherigen stellvertretenden Rabbiners Eh. L. Horowitz zum Oberrabbiner von Krakau ist von der Regierung endgiltig bestätigt worden. — Der berühmte, italienische Philologe Senator G. Äseoli in Mailand feierte jüngst unter allgemeiner Theilnahme seinen 70. Geburtstag. Unter den zahlreichen Adressen befand sich auch eine der jüdischen Gemeinde seiner Vaterstadt Görz. — Daß auch in Paris ein großer Theil der jüdischen Gemeinde der arbeitenden Klasse angehört, beweist am besten die Gründung eines Arbeitervereins unter dem Namen „Le Proletariat juif de Franke*, der schon eine Menge Mitglieder zählt. Der Verein ist offen sozialistisch, zugleich aber auch als Kampfmittel gegen die Antisemiten gegründet. — In Paris ist die Schwiegermutter des Barons Gustav Rothschild, Frau Anspach geb. Dreyfus, im 84. Lebensjahre gestorben. Sie war die Wittwe des Rathes am Kassationshof M. Anspach, der auch lange Mitglied des Ceütralkonsistoriums war. — Nach dem Muster des großen Berliner Corpus der lateinischen und griechischen Inschriften giebt die Pariser Akademie der Inschriften eine Sammlung der semitischen Inschriften (Corpus inscriptionum semiticarum) heraus. — In Nantes ist eine gerichtliche Untersuchung über die Thätigkeit der Antisemitenliga, der Nationalistenliga und der Liga der royalistischen Jugend eröffnet worden. — In St. Etienne wurden in den Redaktionen zweier antisemitischen Blätter und bei den vornehmsten Führern der Antisemitenliga Haussuchungen abgehalten. — Der König von Belgien hat sich in der vorigen Woche einige Tage inkognito in Amsterdam aufgehalten und bei dieser Gelegenheit die portugiestfche Synagoge besucht. — Im Alter von 76 Jahren ist der Doyen der holländischen Maler, David Bles, gestorben. Er war der erste moderne holländische Maler, dessen Porträt die italienische Regierung in den Uffizien aufstellen ließ. Sein Bild der jungen Königin von Holland erregte Aufsehen. — Der russische „Regierungsbote" berichtet, daß das Justizministerium ein Gesetz ausarbeite, welches eine bedeutende Einschränkung der jüdischen Advokaten beim Konkursverfahren einführen werde. Vorläufig ordnete das Ministerium an, daß kein jüdischer Advokat mehr als drei Konkursmassen verwalten dürfe. — Welche pekuniären Opfer die amerikanischen Juden für ihren Gottesdienst bringen, versteht man, wenn man die Annoncen zu den Feiertagen liest, in denen Synagogenplätze offerirt werden. So kosteten diese Plätze in der Adatb 4esehurun-Gemeinde: 1. Sitz 125 M., 2. Sitz 101 M. u. s. w. Der niedrigste Platz kostete-immer noch 34 M. pro Jahr, und dabei ist Adatb Jeschurun noch lange nicht eine der fashionabelsten Gemeinden, in denen die Plätze noch viel theuerer sind. — Philipp John, ein Knabe von 15 Jahren, ist zum Vizedirektor des jüdischen Waisenhauses in Chicago, in dem über 300 Waisen untergebracht sind, ernannt worden. Der Knabe übt auf seine ehemaligen Kollegen einen solchen Einfluß aus, daß man ihn für geeigneter für das verantwortliche Amt als einen Erwachsenen hält. — Die jüdische philanthropische Gesellschaft in Kimberley erstattete ihren Jahresbericht, der ein deutliches Bild von der Verschlechterung der Zustände in Südafrika giebt. Nicht weniger als 4100 Mark mußte die Gesellschaft an durchreisende arme Glaubensbrüder vertheilen. Sie konnte ihren Aufgaben nur dadurch gerecht werden, daß sie von Oberst Harris 2000 Mark, von der de Beers Minengesellschaft 1400 Mark erhielt. — An der Universität Bombay ist jetzt auch ein Lehrstuhl für Hebräisch und hebräische Litteratur eingerichtet. Derselbe ist provisorisch aufzwei Jahre Mr.Ezekiel MoseS übertragen worden« — 5S)te Melbourne Jews Philanthropie Society hatte 1898 nicht weniger als 650 Fälle zu erledigen, wozu sie ca. 18,000 Mark verausgabte. In der Einnahme von 23,000 Mark ist ein Zuschuß von 10,000 Mark seitens des Gouvernements enthalten. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauch Witz in Berlin.

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