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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-03-06 · Heft 28 (6.3.1838) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 28 (6.3.1838)
Date
1838-03-06
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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111 sich gezwungen sichen, ihr Handwerk aufzugeben und sich dem Trödel zuzuwenden. Das unsere Gemeinde Aerzte, Juristen und vielen andern Fächern des Wissens sich widmende Männer Ln sich faßt, ist bekannt. Von den religiösen Anstalten und Angelegenheiten unserer Gemeinde läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß es leider bisher an solchen Institutionen gänzlich fehlte, welche einem Gemeinverbande das regste religiöse Interesse, den wahren Halt und Zusammenhang, das begeisternde Mit- und Jneinanderwirken verleihen. Und erst in neuesterZeit tauchte ein kleines Flammchen religiösen Interesses inmitten der Finsterniß auf, von dem zu wünschen wäre, daß es bald zur hellsten Leuchte werde. Wie überall, so theilt sich auch die hiesige Gemeinde in strenggläubige Orthodoxen und in aufgeklärte Fortschreitende; wie meist überall gehören auch hier dieRabbinen der ersteren Classe zu, und lassen die andere sich ganz entfremden. Trotz der langst von der Regierung erlassenen weisen Verordnung, daß nur diejenigen Candidaten zum Rabbinat zuzulassen seien, die außer ihrer hebr.-theologischen Bildung auch die philosophischen Studien an einer Universität absolvirt haben, werden doch nur immer die am Wenigsten erleuchteten Männer gewählt, weit bei der Indifferenz der Reicheren und Aufgeklärten, nur die Orthodoxen die Wahl bestimmen. Daß der Rabbi, im talmudischen Fache wohl bewandert, eine tüchtige Derascha nach ihrem Sinne halten könne, ist die einzige Forderung der Wähler; daß er ein gebildeter, der neueren Schule angehörender Mann mit versöhnenden Gesinnungen fti, daß er die Fähigkeit habe, durch, deutsche allgemein verständliche, die Moral und das religiöse Gefühl erweckende Rede auf die Volksbildung wohlthätig einzuwirken, daran ward nie gedacht und die Pretrnsion nie gemacht. So hatten und haben wir noch ein geistliches Collegium , Bel - Din genannt, welches aus drei Rabbinen besteht. Ihr Vorsitzer Herr Samuel Kau der ist ein würdiger Greis, dessen friedliebendes und versöhnendes Benehmen alle Anerkennung und allgemeine Achtung verdient, und von dem wir die Ueberzeugung haben, daß er, zwei Decennien jünger, sicher selbst die Initiative der Reform ergriffen haben würde. Jedenfalls aber muß ihm zum Lobe nachgesagt werden, daß er keiner Verbesserung hindernd in den Weg tritt. ~ Von seinen College» ist der eine, vor Kurzem erwählte Herr Teweles, ein sehr betagter Mann, von dessen Wirksamkeit sich noch gar nichts sagen laßt, der dritte, ^Herr S. j Freund-, obzwar noch jung und Mann von Kopf, doch ganz den Orthodoxen angehörend. Jedenfalls bleibt die Stellung solcher Männer für sie selbst und ihrer Gemeinde gegenüber sehr traurig. Innerlich bei aller Condescendenz fest und starr am Alten nicht nur demGeiste, sondern meist der Form nach hattend, sich jedem Fortschritt opponirend, wenn auch manchmal zur Nachgibigkeit gezwungen, sehen sie den gebildeteren und reicheren Theil der Gemeinde sich entfremdet, und haben sich es selbst vorzuwerfen, wenn Irreligiosität, Indifferenz und endlich Abtrünnigkeit überhand nehmen, wenn alle Bande sich lösen, wenn die jüngere Generation insbesondere allem religiösen und nationellen Interesse sich abwendet, und ihre Autorität und ihr Einfluß endlich blos auf den ärmeren und ignoranteren Theil det Gemeinde sich beschränkt. Wenn dieses Bild auf alle größere Gemeinden paßt,, so hat Präg dazu gesessen. — Aehnliche Ursachen müssen aber auch gleiche Folgen haben. — Unsere Jugend, einst eine der intelligentesten, im hebräischen Fache intellectuell gebildet, ging der Verflachung entgegen. — Keine religiöse Erziehung, kein Studium der Bibel mehr. — Unsere Feste, unsere Bußtage wurden nur von Wenigen noch gehalten, deren Ursprung den Wenigsten noch bekannt. — Unsere Gotteshäuser waren leer, weder Jung noch Alt unsrer Rei-. chern, sogenannten Aufgeklärtem, war da zu sehen, unsere Frauen und Mädchen, aller Religion, jeder geistigen Erhebung bar. Und warum dies Alles, woher diese Entfremdung, dieft Abwendung? Weil der jüngern Generation, die das Alte in seinen unzeitgemäßen Formen lächerlich anstatt ehrwürdig,, unwürdig anstatt erhebend fand, nichts Besseres geboten wird, ja aller mögliche Widerstand entgegen gehalten wurde^ um die Bestrebungen zur Erzielung einer würdigen Reform nieder zu drücken. Daß es bei solch religiösem Jndifferentismus auch bald zu gänzlicher Entsremdung aller nationellen Angelegeyheitew und Interessen, ja zur successiven Abtrünnigkeit kommen mußte, ist nur natürlich.' Was soll aber den Israeliten bei den vielen Lasten, die er zu tragen hat, bei so mannigfachen Schranken und Hemmnissen, die seinen Bestrebungen sich entgegen stellen, anders aufrecht, standhaft und treu erhalten, wenn nicht das begeisternde Bewußtsein, die feste Ueberzeugung der Erhabenheit seines Glaubens, das felsenfeste Vertrauen auf den Lenker der Schicksale Israels, dev es bis hieher geleitet, und es sicher noch zum Lichte und zur Freiheit führen wird. So wie es aber von jeher immer kn Israel Männer gab, .die sich vor den Riß stellten, so hat es auch in un-

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