Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-04 · Heft 31 (4.8.1899) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 31 (4.8.1899)
Date
1899-08-04
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228343--55688-3291915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

4 läßt und unter anderem Folgendes sagt: „Das jüdische Volk ist eines der bescheidensten, das neben den größten moralischen und geistigen Mächten der hellenischen Kultur und der Geschichte einen würdigen Platz einnimmt. Sein Gott: der nationale Gott wurde der Gott der Monotheisten, der Menschheit. Diese im Edlen so zähe Rasse war derart bestrebt, zu bestehen, der großen Menschheit von Nutzen zu sein, daß weder die peinlichen Unglücksfälle noch das ihr zu Theil gewordene bittere Loos, aber auch nicht die Schicksalsschläge vieler Jahrtausende im Stande waren, ihre Hoffnung, ihren Glauben an eine höhere Macht zu erschüttern, oder zu vernichten. Israel war während seiner fünstausendjährigen Geschichte immer religiös »nd fromm, pietätvoll und andächtig auch in seinen profanen Beziehungen. Als diese Nation aufhörte, zu sein, war fie nur als Nation vernichtet, doch die Rasse vermehrte sich und vertheilte sich in alle Theile der Welt, wo sie nur dem Guten und Segensreichen Verbreitung verschaffte. Die unter den Fremden ansässigen Juden sind zwar nicht mit den betreffenden Völkern verschmolzen, doch haben fie, die Ausübung ihrer nationalen Religion, die Heilighaltung ihrer erhabenen Sittengesetze nicht vergessend, aus dem Innersten ihres Herzens für das Wohlsein jener Nation gebetet, deren Gesetze ihnen Schutz gewähren sollten, der ihnen aber — und das ist eine Schande der ganzen Menschheit! — sehr oft versagt wurde. Die praktische Intelligenz, Standhaftigkeit, Geschicklichkeit und Nüchternheit, Gottesfurcht und weise Selbstmäßigung dieser Rasse kann den Völkern und Nationen zum Vorbild dienen. Die Hab- und Gewinnsucht, die bei 'anderen Völkern und Nationen die höheren Ideen unterdrückt und die Quelle alles Göttlichen austrocknet, war nicht im Stande, ihre Religion zu beherrschen und die edlere Moral zu ersticken." Großliritanrncn. F. London, 28. Juli. Eine der ersten Autoritäten in allen Dingen, die di« türkischen Verhältnisse in Palästina angehen, ist unzweifelhaft der General Wilson, der so viel in der Türkei gelebt hat und erst jetzt wieder von einer Reise nach Palästina zurückgekommen ist. Es ist deshalb mit Dank zu begrüßen, daß „Jewish Cronicle" Gelegenheit genommen hat, den General über die Verhältnisse der türkischen Behörden zu den jüdischen Kolonisten interviewen zu lassen. General Wilson erklärte, daß sich seit ganz kurzer Zeit das Benehmen der Türkei gegenüber den jüdischen Kolonisten zum Schlechteren geändert habe. Nicht allein, daß ihnen der Kauf von Land und die Bauerlaubniß erschwert worden sei, so seien ste auch aus den jenseits des Jordan gelegenen Kolonien ausgewiesen worden. Befragt über den Grund zu dieser ausfälligen Aenderung, meinte General Wilson, daß ste ausschließlich auf die persönlichen Ansichten des Sultans zurückzuführen seien, die derselbe sich nach Kenntnißnahme der Herzl'schen Broschüre „Der Judenstaat" gebildet habe. Der Sultan sei eine der mißtrauischsten und furchtsamste« Personen, und die Agitation für die Erwerbung Palästinas, welche einige Zionisten betreiben, habe den Sultan argwöhnisch gemacht» Keineswegs ist der Sultan den Juden als Juden feindlich, sondern nur den Bestrebungen des politischen Zionismus. So große Furcht habe er vor der Bewegung, daß seine Spione bei jeder großen zionistischen Versammlung anwesend seien, und daß, alles, was in dieser Frage geschrieben wird, in das Türkische übersetzt und nach Konstantinopel geschickt wird. Auf die Frage des Interviewers, wie lange die ungünstige Stimmung der Regierung dauern könne, antwortete General Wilson^ daß sich dafür natürlich kein bestimmter Termin festsetzen lasse, daß es aber jedenfalls schwer halten werde, den gegenwärtigen Sultan von der Jrrthümlichkeit seiner Auffassung zu überzeugen. - Don Nah und Fern. Die Rechtsanwälte Bernhard Breslauer, Kempner und Samter sind zu Justizrathen ernannt worden. — Ein Geschenk von 25 000 Mark zu wohlthätigem Zweck hat der Rentier Nathan Bernstein aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages der Stiftungsdeputation der Stadt überwiesen. — Der spanische Konsul Dr.Walter S obernheim hat das Ritterkreuz des kgl. spanischen Ordens Jsabellas der KatholischenderKommerzienrath Hugo Landau das Komwandeurkreuz des fürstlich bulgarischen Civil-Verdienst-Ordens, die Direktoren der Breslaues Diskontobank Ernst Friedländer und Dr. Kurt Sobernheim das Offizierkreuz desselben Ordens erhalten. — Wie aus Swinemünde gemeldet wird, hat dort ein Berliner Primaner, Julius Schlesinger, ..einen Leutnant, der sich zu weit ins Meer hinaus gewagt hatte, aus Lebensgefahr gerettet. Der junge Mann hielt den finkenden Offizier so lange über Wasser, bis noch ein zweiter Herr zu Hilfe kam, und ein Rettungsboot schließlich den Gefährdeten aufnahm. — Der Bankier Rudolf Sülzbach' in Frankfurt a. M. hat das Komthurkreuz I. Klaffe des sächsisch-ernestinischen Hausordens erhalten. — Als ein Zeichen der „Verjudung" der Landwirthschaft ist es wohl anzusehen, daß auf der landwirthschaftlichen Ausstellung in Hanau von elf Preisen zehn an Juden verliehen wurden. — Wie aus Karlsruhe gemeldet wird, sind in der Statistik des Oberkirchenraths für die 6 letzten Jahre 52 Uebertritte vom Judenthum zum Protestantismus verzeichnet. — Die württembergische Kammer der Abgeordneten hat die Alterszulage von 6000 Mark für Rabbiner, Lehrer und Vorsänger einstimmig angenommen. Das Anfangsgehalt beträgt jetzt für Rabbiner 2200 Mark, für Lehrer 1200 Mark. — Der russische Unterrichtsminister hat in den Katechismus eine Verballhornifirung der zehn Gebote eingeführt. Danach lautet jetzt das 5. Gebot: Du schuldest Ehrfurcht und Gehorsam Deinem Vater und Deiner Mutter sowie dem Kaiser und seinen Beamten, damit Du glücklich seiest und lange lebest auf der Erde. — Wie der „Vorwärts" meldet, wurde vor einigen Tagen in Witebsk auf die Anzeige eines Spions ein jüdischer Arbeiter auf der Straße verhaftet. Im Gefängniß wurde er einer schrecklichen Folter unterworfen und starb an den Qualen nach zwei Tagen. Die jüdischen Arbeiter und Arbeiterinnen veranstalteten eine Demonstration, zertrümmerten ein Haus, in welchem der Spion wohnte, und geriethen in heftige Zusammenstöße mit der Polizei.. Die Einwohner der Stadt sind durch dieses Ereigniß sehr aufgeregt. Der Verstorbene hinterließ einen Vater, einen alten Arbeiter, der bei der Nachricht über den Tod des Sohnes den Verstand verloren hat. — In Warschau sind jetzt für die Melamdim (Lehrer in den Chedarim) obligate Unterrichtskurse in derrussischen Sprache und Arithmetik eingeführt worden. Rumänien hat einen neuen Beweis seines Judenhasses gegeben. Die fremden, d. h. die jüdischen Studenten, haben künftig neben den Kollegiengeldern noch in jedem Semester eine Abgabe von 50 Francs zu zahlen, wodurch den Armen das akademische Studium noch mehr erschwert werden soll. — Professor Hartwig Derenbourg in Paris ist zum Officier de l’Instruction publique ernannt worden. — Auf die Denunziation der antisemitischen Presse eröffnete die französische Regierung eine Enquete gegen den Professor Weill am Voltaire-Lyceum. Die Untersuchung ergab, daß Weill keineswegs seinen Schülern die Aufgabe stellte, den 14. Juli zu behandeln mit einer Apotheose aufDreysus und Picquart. Dagegen sagten einzelne Schüler aus, daß Weill im Unterricht über die Affäre Dreyfus gesprochen habe, um die Angelegenheit unzweideutig aufzuklären. Die Regierung suspendirte Weill und verweist ihn vor den Disziplinarrath der Akademie. — Aus Marokko kommen wieder schlechte Nachrichten. In Ulad Tash ist ein jüdischer Pantoffelhändler mit seinem Sohn und Schwiegersohn beraubt und ermordet worden. Einige Paar Pantoffeln waren die ganze Beute, um derentwillen drei Personen ihr Leben lassen mußten. Die Behörden haben den Mörder ermittelt, das geraubte Eigenthum bei ihm gefunden und konfiszirt, aber von einer Bestrafung verlautet nichts. — Zu Gunsten des Metropolitan Hospital in London hat sich ein Frauenverein gebildet, an dessen Spitze Prinzessin Luise steht. Von jüdischen Notablen gehören demselben an als Vizeprästdentinnen Louisa Lady de Rothschild und Mrs. Leopold de Rothschild, als Ehrenschatzmeisterin Lady Battersea. — In Blackburn (England) hat sich eine jüdische Gemeinde gebildet, die natürlich auch einiger Thora-Rollen bedarf. Die erste wurde von Mrs. Shield, einer Christin, geschenkt, eine zweite von einem Mitglieds der Gemeinde. — In Hebron ist der allgemein beliebte Oberrabbiner der sephardischen Gemeinde, Elia Mani, ein frommer, wohlthätiger und gelehrter Mann, im75.Lebensjahre gestorben. — Dr. I. D'Arbela, Arzt am Rothschild-Hospital in Jerusalem, hat den türkischen Medjidi-Orden III. Klasse erhalten. — Die Juden in Brooklyn bei New-Uork haben infolge der andauernden und von der Polizei stillschweigend geduldeten Angriffe zur Selbsthilfe gegriffen. Sie bildeten aus ihrer eigenen Mitte ein Hilsskorps, das bereits Erfolge aufzuweisen hat. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.