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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-21 · Heft 29 (21.7.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 29 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Nnßland. ,.*T. Odessa, 13. Juli. Der bekannte Chacham der Krimtschaken, CH. Medina, über den Sie kürzlich berichtet, verließ dieser Tage seine Gemeinde und zieht nach Palästina, um den Rest seiner Tage in Jerusalem zu verleben. Der Einzug desselben in Simferopo am 18. d. M. zeigte deutlich, welche Sympathien der ehrwürdige Chacham in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung in der Krim genießt. Alle eilten, den Greis zu begrüßen, der von der außerordentlichen Auf merksamkeit, die ihm zu Theil wurde, sichtlich ergriffen war. Viele der Simseropoler Krimtschaken gingen ihm zu Fuß entgegen, begleitet von ihren Frauen und Kindern. Der ganze Zug bot ein farbenreiches Bild, und vom schönsten Wetter eines südlichen Sommerabends begünstigt, erreichte derselbe gegen 8 Uhr die Hauptsynagoge. Bon der Reise ungemein ermüdet, war es dem ehrwürdigen Chacham nicht möglich, sich persönlich an das Volk mit einer Ansprache zu wenden, und ersuchte er den Ortsrabbiner, Allen seinen innigsten Dank für die herzliche Aufnahme auszudrücken. Im Vestibül des Hotels begrüßten die Vertreter der Ortsgemeinde der Krimtschaken, mit den Mitgliedern der Verwaltung des Krimer jüdischen Bethauses an der Spitze, in feierlicher Weise ihren geliebten Lehrer — nach der Landessttte — mit Brod und Salz. Der zweitägige Aufenthalt des Chachams war eine ununterbrochene Reihe von Ovationen. Von früh Morgens bis spät des Abends drängte sich in den Räumen seiner Wohnung eine große Menge Menschen. Es war rührend, zu sehen, wieder schwache, unbehilfliche Greis Jedemzuhörte, Allen seinen Segen mit derselben Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit gab. Besonders rührend aber war der Abschied des Chachams im Bethause. Das war in der That ein Bild längst verschwundener Zeiten: Die ganze Straße war mit frischem Grase beschüttet, der Chacham ging unter einem reichen, mit Gold gestickten Baldachin, währenddessen der Chor die zu dieser Gelegenheit in hebräischer Sprache verfaßte Begrüßungshymne anstimmte. Nach dem Abendgottesdienst begannen die Abschiedsreden und Ansprachen der Schüler, theilweise in hebräischer Sprache, theilweise wieder im tartarischen Jargon. Der ehrwürdige Rabbi, mit seinem langen, schneeweißen Barte, mit den edlen Zügen seines blassen Gesichtes, mit der sephardischen Kopfbedeckung, in einem weißen Talar saß in einem Lehnstuhl und hörte aufmerksam seinen geliebten Schülern zu. Jetzt beginnt das Abschiednehmen vom theuren Lehrer. Die Schule des Chachams war stets von einer streng disziplinirten Richtung, seine Schüler verstehen vorzüglich die hebräische Sprache und drücken sich in derselben sehr leicht mit sephardischer Aussprache aus, sie kennen gründlich den Talmud und die rabbinische Litteratur, aber nicht einseitig, nicht nur mit der Kasuistik, zeichnen sich durch Bescheidenheit, durch Lebenseinfachheit und Liebe zur Arbeit und zum Handwerk aus. Der Chacham selbst verheirathete seine Töchter mit Handwerkern aus der Zahl seiner Lieblingsschüler. Bor seiner Abreise gab man dem Chacham ein Abschiedsfrühstück, bei dem viele Trinksprüche gehalten wurden, und der Chacham sprach in längerer Rede, in welcher er den Wunsch ausdrücktH daß seine Gemeinde in Frieden und Eintracht leben, daß sie alle Bürgerpflichten streng erfüllen, daß sie die Landesgesetze und die Regierungsverfügungen stets heilig halten, daß sie den Kaiser lieben und für sein Heil wie für das Vaterland beten, daß sie die russische Sprache erlernen, zu welchem Behufe sie Gemeindeschulen gründen sollen. Seine Rede hielt der ehrwürdige Chacham in hebräischer Sprache. Einige Stunden vor seiner Fahrt zum Bahnhofe wuchs die Zahl Derjenigen, die des Segens des Chachams harrten, in solchem Maße, daß man gezwungen war, den Zugang zum Hotel vollkommen abzusperren. Der Chacham begab sich mehrere Mal auf den Balkon und ertheilte von dort aus seinen Segen der aus der Straße harrenden Menge. Am Bahnhof selbst war eine solche Zahl von Begleitern, daß es ihm nur mit der größten Mühe und Anstrengung gelang, den Wagen zu besteigen. Tausende waren gekommen, um von dem greisen Rabbi Abschied zu nehmen für immer. Don Nah und Fern. Dem Rechtsanwalt und Notar Dr. Philipp Fraenkel ist der Charakter als Justizrath verliehen worden. —Zum stellvertretenden Vorsitzenden der Genossenschaft der Mitglieder der Akademie der Künste, Sektion der bildenden. Künste, ist in der letzten Sitzung Professor Louiz > Jacoby gewählt worden. — Der hiesige Nervenarzt Dr. Albert Moll ist von der Academy of Medicinal in Chicago zum Mitglied ernannt worden. — Landgerichtsrath Boisly ist zum Landgerichtsdirektor in Halberstadt befördert worden. Herr Boisly war es bekanntlich, so schreibt das hiesige Antisemitenblatt, der in dem Pückler- Prozeß gegen das genannte Blatt mit so großem Nachdruck die Ansicht vertrat, daß die Juden Deutsche seien. — Als ein Opfer seines Berufes ist in Rummelsburg der praktische Arzt Dr. Hermann Jsaac im 32. Lebensjahre gestorben. Er war vor einigen Tagen nach einem Besuche bei dem an Diphtheritis und Scharlach erkrankten Kinde der Schuhmacher Eichler'schen Eheleute sofort erkrankt und mußte ein Krankenhaus aufsuchen, wo er seinen Leiden erlag. — Der Oberlehrer Dr. Benno Mendelsohn am Realgymnasium in Posen hat das Prädikat „Professor" erhalten. — Geheimer Sanitätsrath Dr. Rehfeld in Posen ist nach 56jähriger Thätigkeit als Arzt nunmehr in seiner Eigenschaft als Mitglied des Medizinalkollegiums aus dem Staatsdienst geschieden. Aus diesem Anlaß ist ihm der Kronenorden 2. Klasse verliehen worden. Dr. Rehfeld ist87Jahre alt. — Dem Bayreuther Stipendienfonds, der es sich zur Aufgabe macht, nach der Weisung Richard Wagners bedürftigen Musikern und Freunden der Waguer'schen Kunst den Besuch der Festspiele zu erleichtern, hat Kommerzienrath Bernhard Loefer bei Gelegenheit des 25jährigen Bestehens seiner Fabrik eine Bayreuther Stipendienstiftung von 10 000 Mark gemacht, und zwar so, daß jährlich aus deren Zinsen 600 Mark an den Stipendienfonds zur Auszahlung kommen. — Rabbiner Dr. Freund in Görlitz feierte am 19. d. M. seinen siebzigsten Geburtstag unter allgemeiner sympathischer Theilnahme. Bericht folgt in nächster Nummer. — Der Gemeinderath in Lemberg hat beschlossen, Frau Karolina Oberhard, eine Jüdin, zur Ernennung als Direktorin der Czackid Mädchenbürgerschule dem Landesschulrath vorzuschlagen. Wer die Verhältnisse der genannten Mädchenschule, welche ausschließlich von jüdischen Kindern besucht wird, kennt, weiß, daß nur eine jüdische Direktorin dort zum Wohle der Schule wirken kann. — Bei den letzten Wahlen in Amsterdam sind4Juden in den Stadtrath neu gewählt worden.— Professor Dr. B.I. Stockvis, einer der ersten Aerzte von Amsterdam, hat das Kommandeurkreuz des Nassau-Oranienordens erhalten. — Der Preis Lourigeus in Bvyonne, der für diejenige Person bestimmt ist, welche sich um den Unterricht das größte Verdienst erworben hat, ist diesmal an den Dr. Camille Delvaille, den Präsidenten des israelitischen Konsistoriums, gefallen. Bei der Verleihung wurden die Verdienste des Empfängers sowohl um die jüdischen wie um die öffentlichen Schulen rühmend anerkannt. — Vor dem Hause eines Universitätsprofessors in Rennes fand eine unbedeutende antisemitische Kundgebung statt. Die Polizei zerstreute die Lärmer. Es wurden fünf Verhaftungen vorgenommen. — Die antisemitische Liga will eine Anzahl von Arabern aus Algier nach der Hauptstadt der Bretagne schaffen lassen, um sie dort bei Straßentumulten zu verwenden; die Royalisten sparen kein Geld, um die nöthige Anzahl von „Camelots" nach Rennes zu schicken. — Rabbiner Professor Klein in Stockholm und Dr. Sterzel, der Prediger der dortigen deutschen Kolonie, wollten dieser Tage mit einem Dampfer nach Riga fahren, um einen auf l'/s Tage berechneten Besuch zu machen. Dem Professor Klein wurde jedoch vom betreffenden Konsulat mitgetheilt, daß Rabbiner und katholische Priester den bestehenden Gesetzen gemäß nicht nach Rußland hinein dürfen. So mußte Dr. Sterzel die Reise allein machen. — In New-Aork soll im nächsten Jahre eine Religionskonserenz tagen, zu der alle im Staate New-Uork vorhandenen Religionen und Sekten eingeladen werden sollen. Dem vorbereitenden Komitee gehören von jüdischen Persönlichkeiten an: Rev. Dr. G. Gottheil und Rev. S. S. Wife. Die Konferenz ist aber nicht dazu bestimmt,-Religionsgespräche zu führen, sondern Dinge zu erörtern, die alle Religionsgesellschaften gleichmäßig angehen. — Die Medaillen für die Soldaten, welche in dem Aufstand der Matabele im Jahre 1696 gefochten haben, sind jetzt zur Verkeilung gelangt. Unter unseren Glaubensgenossen in Buluwayo sind mit diesen Medaillen ausgezeichnet worden: Leutnant Hirschberg, Sergeant Harry M. Zeffert, Sergeant A. Tayfalt, Korporal M. D. Löwenstark, die Reiter M. I. Löwenstark, R. D. Hansen, H. Rosenberg, Samuels, D. Batt, Berger, Lewis und die Kanoniere Solomon Jacobs und N. Platnauer. Interessant ist, daß im ersten Metabelekrieg im Jahre 1893 ein Jude, der Kavallerist Wallers, das erste Opfer dieses Krieges war. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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