Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1899)
- Date
- 1899-07-07
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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" rv*w* <*r^»W»g^^« wg^Twre^swpwwir«^ WM^ 4 Mals schloß die würdige Feier. — Der in dieser Woche verstorbene Kardinal Schönborn scheiterte s.Z. mit seiner gegen die österreichischen Antisemiten und Christlich-Sozialen geplanten Mission in Rom, wo der Staatssekretär Rampolla es sogar durchsetzte, daß er abreisen mußte, ohne den Papst öfter als einmal gesprochen zu haben. — In Prag ist eine Fusion von fünf Synagogen, und zwar der Neusynagoge, der Zigeunersynagoge der Pinkassynagoge, der Hochsynagoge und der Großen Hofsynagoge, zu Stande gekommen. Die Vorsteher einigten sich dahin, einen eventuellen Neubau der Kultusrepräsentanz als solchen zu überlassen und das gesammte Vermögen der einzelnen Synagogen der Repräsentanz zum Bau j neuer Bethäuser zu übergeben. Die Kultusrepräsentanz hat in ihrer Sitzung z am vergangenenSonntag einstimmig beschlossen, diefeWidmung anzunehmen, selbst zwei neue Bethäuser in Prag zu errichten, eines reformirter und eines orthodoxer Richtung, und die alten Bethäuser dann, wenn sie zur Demolirung bestimmt würden, zu übernehmen. — Der Kaiser hat dem Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Siegmund Fröhlich in Anerkennung seines gemeinnützigen Wirkens das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens verliehen. — Das Präsidium der niederösterreichischen Finanz-Landesdirektion hat die Konzipisten Dr. Rudolf Sieben schein, Dr. Julius Preßfreund und Dr. Salomon Kroch zu Steuer-Inspektoren ernannt. Der Kaiser hat die Vormerkung des kaiserlich königlichen Hauptmanns 1. Klasse Moritz Friedmann für Majors-Lokalanstellungen angeordnet. — In Budapest ist im Alter von 77 Jahren der Vater des Sektionsraths und Dichters Ludwig Doczi gestorben. Der Vater Doczis wird als eine bescheidene, stille, sympathische Persönlichkeit geschildert, dessen einzige Freude in seinen alten Tagen der Ruhm seines Sohnes war. — Zum Bezirksrabbiner in Loschitz (Mähren) wurde Dr. I. Bergmann vom hiesigen Seminar einstimmig gewählt. Großbritannien. b. London, 2. Juli. Hier fand in der vorigen Woche eine internationale Konferenz zur Verhütung des Mädchenhandels statt, zu der Delegirte aus den verschiedensten Städten des Kontinents und Großbritanniens hergekommen waren. Die Tageszeitungen haben über den Verlauf des Kongresses kurze Berichte gebracht, dabei begreiflicherweise übersehen, den Antheil, den jüdische Vereine und Persönlichkeiten an dem Kongresse hatten, gebührend hervorzu heben. Dennoch ist es gerade gegenüber den fortwährenden Beschuldigungen unserer Hasser, daß jüdische Händler vorzugsweise das schändliche Gewerbe des Mädchenhandels trieben, wichtig, zu betonen, daß an den Maßnahmen zur Bekämpfung desselben Juden in erster Linie betheiligt sind. Unter den vom Komitee zur Konferenz eingeladenen offiziellen^ Rednern befanden sich Lady Battersea, die Bizepräsideutin der jüdischen' > Gesellschaft zum Schutze von Frauen und Mädchen, und der Ober-'- rabbiner Dr. Adler. Lady Battersea gab ein Bild von der Thätigkeit ihres Vereins, dessen Arbeit keineswegs nur Jüdinnen zu gute kommts Vielmehr werden die nichtjüdischen Frauen und Mädchen, die den Beamten der Gesellschaft begegnen, befreundeten christlichen Vereinen überwiesen. Der Oberrabbiner begrüßte gerade von seinem jüdischen Standpunkt aus die Konferenz, wie dies vor ihm der Bischof von London und der Erzbischof von Westminster von ihren religiösen Gesichtspunkten aus gethan haben. Gerade die jüdische Religion perhorreszire das schreckliche Laster am meisten, denn die ersten Erfordernisse eines religiösen Lebens seien für das Judenthum Reinheit und Heiligkeit, deshalb hat sich schon vor 15 Jahren der jüdische Verein zum Schutze von Frauen und Mädchen gebildet, der zunächst den Mädchenhandel in der eigenen; j Gemeinschaft bekämpfen will. Aber die Vertreter des Vereins wissen^ sehr wohl, daß ohne eine Vereinigung der Kräfte aller der das Zie^ anstrebenden Vereine die Wirksamkeit des Einzelnen immer Stückwerk bleiben müsse. Der Oberrabbiner unterstützt daher den Vorschlag oorv Professor Burkhardt aus Berlin, nachdem eine internationale Organisation geschaffen werden sollte, welchem der Lage ist, fremde Regierungen und deren Polizei zu beeinflussen. In der Diskussion, welche diesen Reden - folgte, erkannte Lord Kinnaird das überaus nützliche Werk des jüdischen Vereins an, der thätiger gewesen ist als die National Vigilance" Association selbst, obwohl diese der größte englische Verein ist. Mr. W.;^ A. Coote, der Sekretär der obengenannten Gesellschaft, erklärt, büß die Leistungen des jüdischen Vereins nicht hoch genug geschätzt werden könnten, und bedankte sich bei demselben für eine Spende von 4600 M. ' zu den Kosten des Kongresses. Auch in der folgenden Diskussion haben die Leistungen, Methoden und Erfahrungen des jüdischen Vereins noch wiederholt eine wichtige Rolle gespielt. Von Nah und Fern. . — Am 24. d. fand zur Feier des 25 jährigen Doktorjubiläums des Herrn Professor Dr. G ab r ie l, außerordentlicher Professor der Chemie am I. chemischen Institut der Universität, ein Festkommers in den Viktoriasälen statt. Der Kommers, welcher von den Schülern des Jubilars veranstaltet wurde, war von mehreren Hundert Personen besucht. — Am 8. v. M. ist der bekannte Antiquar H. Fischelhier nach schwerem Leiden gestorben. Er besaß viele und sehr werthvolle hebräische Manuskripte und hat diese der großen Bibliothek vermittelt. — Am 24. v. M. ist in Hamburg Martin Berendsohn, der Chef der alten Buchhandlungsfirma Gebrüder Berendsohn, im 75. Lebensjahre gestorben. — In Mainz wollte Ahlwardt in der dortigen Stadthalle eine Versammlung abhalten. Die Genehmigung wurde jedoch städtischerseits versagt mit der Motivirung, die Stadthalle solle kein Tummelplatz für antisemitische Bestrebungen sein. — Der russische Generalstab hat die Verfügung erlassen, daß die jüdischen Soldaten gleichmäßig unter alle Regimenter der ganzen Armee vertheilt werden sollen, während sie bisher unter die einzelnen Regimenter ungleich vertheilt waren. — In den jüdischen Kolonien in und bei Nikolajew ist infolge der vollständigen Mißernte des Getreides eine Hungersnoth ausgebrochen. Da die lokale Wohlthätigkeit ganz außer Stande ist, durchgreifende Hilfe zu gewähren, hat sich unter dem Vorsitz des Bürgermeisters von Nikolajew, Dezenko, ein Komitee gebildet, das eine Sammlung veranstaltet. — In Bur gas ist eine antisemitische Zeitung, „Golgatha", gegründet worden, welche den Antisemitismus durch allerlei Lügen, wie Blutmärchen u. s. w., schürt. Der Antisemitismus nimmt in Bulgarien immer größere Dimensionen an. — Die Augen der ganzen Welt sind jetzt auf Rennes gerichtet, wo Kapitän Dreyfus dieser Tage eingetroffen ist und sein Urtheil erwarten wird. In Rennes, der einstigen Hauptstadt der Bretagne, giebt es nur elf ansässige Juden und doch ein antisemitisches Komitee und zwei antisemitische Blätter, welche sich eifrig bestreben, den Rassenhaß zu schüren. — Ueber das neue französische Ministerium schreibt Drumont: „Der wirkliche einzige Name des Kabinets Waldeck ist „das jüdische Ministerium". Es hat seit der Gründung der dritten Republik niemals ein tieferes, unbedingteres, frecheres jüdisches Ministerium gegeben als dieses." — Die Antisemiten, welche durch Dsroulödes Fernbleiben um die vorbereitete Kundgebung in Versailles gebracht worden waren, zogen vor die Synagoge, zertrümmerten mit Steinwürfen die Fensterscheiben, überfielen den eben heimkommenden Oberrabbiner Bloch, den sie erkannten, mißhandelten ihn mit Stockhieben, Fußtritten und Faustschlägen und prügelten auch den zur Hilfe seines angegriffenen Vorgesetzten herbeigeeilten Synagogendiener. Polizei war nicht zur Stelle, da sie durch die Bewachung des Hoche-Denkmals und der Bahnhöfe in Anspruch genommen war. — Den Preis der Akademie von Troyes für die beste Arbeit über die Geschichte der Juden in ^der Champagne hat der Grandrabbiner von Dijon, Gerson, erhalten. — In Algier sind die Antisemiten Max Regis und Laffise in drei Prozessen verurtheilt worden und haben außer kleinen Gefängnißstrafen und den Kosten noch Geldbußen auferlegt erhalten, die zusammen mehrere Tausend Francs ausmachen. Konsequent fortgesetzt, werden diese Prozesse die Antisemiten bald zwingen, eine gelindere Tonart anzuschlagen.— In London ist der Philanthrop Möses Boas am 25. v. Mts. gestorben. Holländer von Geburt^ war er besonders unter seinen dort wohnenden Landsleuten sehr beliebt; er erfreute sich aber in der ganzen Gemeinde großen Ansehens, so daß er den Vorständen vieler Wohlthätigkeitsvereine angehörte. — Die amerikanischen Zeitungen verzeichnen einen originellen Fall, der zeigt, wie wenig Ernst die dortige ethische Gesellschaft zu nehmen ist. Ein Jude, der eine Dame aus diesem Verein heirathete, wurde von dem Vorsitzenden der Gesellschaft mit ihr vermählt durch eine Ceremönie, die mit dem Gesang Ave Maria eingeleitet wurde. Mit Recht spotten die Zeitungen über diese Vermischung der Religionen in der angeblich religionslosen Gesellschaft. Druck und Verlag von Ruvols Mosse'iO Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.