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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-23 · Heft 25 (23.6.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 allein seine unansehnliche Gestalt stand dem im Wege, und er widmete sich deshalb dem Synagogengesang. Nachdem er als Kantor in einigen Orten Ungarns gewirkt, kam er vor 30 Jahren nach Wien, und seither war er Kantor der hiesigen Gemeinde im Leopoldstädter Tempel. Er hat noch eine Reihe von Jahren hier neben dem berühmten Salomon Sulzer gewirkt. Bis in die letzte Zeit hatte sich Goldstein eine merkwürdige Frische seiner Stimme bewahrt. Er hat ein Requiem, ferner liturgische Gesänge, sowie eine komische Oper „Studenten am Rhein" komponirt. Als Goldstein im Frühjahr 1898 fein vierzigjähriges Amtsjubiläum feierte, wurden ihm aus den musikalischen Kreisen Wiens Huldigungen in reichem Maße zu Theil. Am Vormittag hatte er noch im israelitischen Tempel in der Leopoldstadt beim Sabbathgottesdienste gewirkt, und Abends wollte er mit seiner Gemahlin nach Baden, wo er vor einigen Wochen Sommeraufenthalt genommen hatte, zurückkehren. Ehre seinem Andenken! — In Pest ist der bekannte Komponist Wilhelm Rosenzweig nach kurzem Leiden gestorben. Mehrere seiner Werke, so die Walzer „Ob ich dich liebe" und „Schau mir ins Auge", haben einen Weltruf erlangt; kurz vor feinem Tode beendete Rosenzweig eine Operette, die im Herbst hätte zur Aufführung gelangen sollen. Rußland. *** Warschau, 16. Juni. Aus weiter Ferne geht uns nachstehender interessanter Bericht zu. Chajim Chiskijahu Madeini, Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Karasubazar in der Krim, wikd demnächst seinen bisherigen Wirkungsort verlassen und nach seiner Geburtsstadt Jerusalem übersiedeln. Ueber die Bedeutung dieses Mannes, dessen Namen wir jetzt zum ersten Male hören, wird der Zeitschrift „Krim" berichtet: „Chacham Madeini, obwohl er ein zurückgezogenes Leben führt, die vier Ellen der Halacha nicht verläßt und nur in der Sprache der Propheten redet, ist nicht blos in seiner nächsten Umgebung bekannt, sondern auch in einem großen Theil des russischen Reiches, ja selbst im Auslande. Was für eine Autorität er bei den dortigen Juden genießt, ist daraus zu ersehen, daß viele Gemeinden keinen Rabbindr engagiren, der nicht von ihm ein Diplom besitzt, daß kein Rabbiner es wagt, ein Buch zu veröffentlichen, das nicht Chacham Madeini vorher begutachtet. Wegen seiner außerordentlichen Klugheit wenden sich in schwierigen Fällen, wenn sie eines Rathes bedürfen, auch reiche Kausleute an ihn und befolgen streng seine Weisung. Auch von NichtjudAi wird Chacham Madeini hochverehrt. Professor Chwolson aus Petersburg kam einst direkt nach Karasubazar, um die Bekanntschaft dieses Gelehrten zu machen. Als einst der General Rop Karasubazar passirte und von seinem Adjutanten auf Chacham Madeini aufmerksam gemacht wurde, ließ er es sich nicht nehmen, diesen Rabbiner persönlich aufzKsuchen. Er unterhielt sich durch einen Dolmetscher mit ihm längere Zeit, und so oft er später auf Chacham Madeini zu sprechen kam, sagte er: „So ungefähr wie dieser Mann müssen die in der heiligen Schrift erwähnten Patriarchen ausgesehen haben." Und in der Thal verdient dieser Mann, der in Jerusalem, von welcher Stadt aus das Licht dir Lehre für die ganze Welt ausging, geboren und erzogen wurde, insbesondere aber wegen seiner altjüdischen Lebensweise, als Patriarch ängesehen zu werden. Mit 19 Jahren wurde er als Chacham von Jerusalem nach Konstantinopel berufen, wo er 20 Jahre lang segensreich wirkte. Seit feinem 39. Lebensjahre wirkte er als Rabbiner in Karasubazar bei der jüdischen Gemeinde der Krimczaken. Da sich Chachaüi Madeini des Rufes außerordentlicher talmudischer Gelehrsamkeit erfreu!, wenden sich an ihn mit talmudischen Fragen nicht blos viele Rabbiner Rußlands, sondern auch des Auslandes, so daß er trotz seines kargen Einkommens — er erhält von der Gemeinde nur 40 Rubel monatlich — genöthigt ist, ein Büreau zu unterhalten, um die an ihn gelangenden zahlreichen Briefe pünktlich beantworten zu können. Es darf hier nicht unerwähnt bleiben, daß er selbst sich dieses geringe Gehalt von der Gemeinde ausbedungen hat und nie dazu zu bewegen war, eine Zulage oder Gratifikation anzunehmen. Bor einigen Jahren erging an ihn der Ruf einer Großgemeinde, die ihn gern zum Rabbiner haben wollte und ihm ein Jahresgehalt von 12000 Rubel in Aussicht stellte. Allestr er zog es vor, in seiner armen Gemeinde zu verbleiben, um nicht rn seinem Studium der Thora gestört zu werden. Die Resultate seines Studiums und seiner Forschung sind in zwei Werken niedergelegt, däe in einer großen Anzahl von Exemplaren unter den dortigen Rabbinenr verbreitet sind. Insbesondere zeichnet sich Chacham Madeini durch seine Liebe für das Handwerk aus. So verheirathete er seine zwei Töchter an Handwerker und läßt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne auf die Bedeutung des Handwerkes für die Juden aufmerksam zu machen. Die Uebersiedelung dieses Mannes nach Jerusalem ist für die KriPMakeri- Gemeinden ein unersetzlicher Verlust, da die Mitglieder dieser GeReinden auf einemsehr niedrigen Bildungsniveau stehen, und Chacham Madeini sich stets bemüht hat, veredelnd und versittlichend auf sie zu wirken. Bei dieser Gelegenheit wollen wir unser Befremden darüber nicht verschweigen, daß der Verein zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland die Krimczaken-Gemeinden in keiner Weise fördert. Die Gründung von Schulen wäre hier sehr am Platze. Aus zuverlässiger Quelle wissen wir, daß die Kaiserin Katharina II., als sie einst die Krim besuchte und Gelegenheit hatte, von dem Lebenswandel dieser Juden und ihrer Liebe zu physischer Arbeit Kenntniß zu erlangen, ihnen volle Bürgerrechte, ohne jegliche Begrenzung verlieh. Leider haben diese Juden infolge ihres niedrigen Bildungsniveaus es nicht verstanden, von dieser Begünstigung Gebrauch zu machen, die mit der Zeit gänzlich in Vergessenheit gerathen ist. Chackam Madeini steht jetzt im 67. Lebensjahr. Die Segenswünsche seiner Gemeindemitglieder begleiten ihn in das gelobte Land. Don Nah und Fern. — Der Kaiser hat Herrn Alexander Meyer Co hn, Mitinhaber des Bankhauses Meyer Cohn, hier, den Rothen Adlerorden 4. Klasse verliehen. — Der General - Postkafsenbuchhalter Rechnungsrath Cohn wird am 28. Juni sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum begehen. — Das „Volk" des Herrn Stöcker sagt über die „Pückler-Reden": Wir mögen den Ausdruck unserer Ueberzeugung nicht zurückhalten, daß solche Reden auf die Dauer mehr schaden als nützen." — Das einzige antisemitische Witzblatt, „Deutscher Michel", ist eingegangen. — Nachdem Bericht des Rabbiners Dr. S. Bamberger über die rituelle Verpflegung der vier jüdischen Insassen des Landarmenhaus.es in S chr imm in der Zeit vom 1. Mai 1899 bis zum 30. April l. Js. betrugen die Einnahmen 926,90 Mark, die bis auf 10,38 Mark verausgabt wurden. — Der Arbeiter Anders aus Westfalen wurde in das Gefängniß zu Ly ck eingeliefert; er ist verdächtig, vor 13 Jahren bei Prostken eine russische Jüdin ermordet und beraubt zu haben. — Professor Hermann Cohn, der bekannte Forscher auf dem Gebiet der Augenheilkunde und Professor an der Universität Breslau, feierte am 16. d. sein 25jähriges Professoratsjubiläum. — Der Redakteur der sozialistischen Zeitschrift: „Der Proletarier", Feldmann in Oberlangenbielau, wurde wegen Aufreizung zum Klassenhaß durch Veröffentlichung der Pückler-Reden unter Anklage gestellt. — In Minden wollte dieser Tage Herr Ahlwardt einen Vortrag halten, mußte ihn aber absagen, da der Besitzer des Saales die bereits ertheilte Erlaubniß in letzter Stunde zurückgezogen hatte, „im Interesse des guten Einvernehmens unter den Mitbürgern in konfessioneller Beziehung". Ahlwardt hat infolgedessen den Besitzer wegen Geschäftsschädigung und entgangenen Gewinnes verklagt. — Aus Anlaß des Gesangswettflreits deutscher Männer-Gesangvereine in Kassel hat der dortige Stadtverordnete Georg Rosenzweig den Kronenorden IV. Kl. erhalten. — In Heidelberg ist am 16. d. M. der Bezirksrabbiner Dr. Hillel Sondheimer nach schweren Leiden gestorben. Die Beerdigung fand am 19. d. M. statt. Ein Nekrolog folgt in nächster Nr. — In Planegg bei München wurde am 18. d. M. die erste baierische Volks- Heilstätte für Lungenkranke eröffnet, für die die Schloßherrin von Ptanegg, Baronin Hirsch, s. Z. 100 000 M. gespendet hat. — In Ober endin gen starb vor einigen Wochen der Gemeinderath Seligmann Dreyfuß, der sich um die Gemeinde viele Verdienste erwarb, und dessen Tod allgemein betrauert wurde. — In Brest kam es zu zwei Duellen zwischen Lehrern und Seeoffizieren. Bei dem einen verwundete Professor Levy den Leutnant Amingue und bei dem anderen Leutnant Jacoby den Professor Gaucher. — Zur Dreyfus-Sache sagt das „Volk", daß Oberst Saxee in Rennes, der den Vorsitz hätte führen sollen, bekanntlich ein Gegner von Dreyfus ist. Ob das wahr ist, muß sich erst zeigen. „Zunächst liegt der Verdacht sehr nahe, daß Herr Saxce eigentlich Sachs heißen, aus dem Elsaß stammen und ein Glaubensgenosse der Herren Picquart und Dreyfus sein wird, und daß man das Gericht nach Rennes verlegt häbh um gerade ihm den Vorsitz in die Hände zu spielen." Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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