Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 24, Serlin» 16. Juni 1899. Gin unparteiisches Krgan für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Vrpedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums-, Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. 3ltl]rtlt. Leitartikelr Oösterreichische Zustände. — Die Woche. — Dr. Israel Hildesheimer. — Die Einweihung des neuen jüdischen Knrhofpitals in Kvlberg. — Dr. M. Kayserling. Bon Dr. Ludwig Pick. — Der Antheil der Juden au der Berliner Konfektion. 1. — Feuilleton: Der Herr Pfarrer hat das letzte Wort. (Schluß.) Bon Hermine Villinger. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Kosten, Aus der Provinz Posen, Leipzig, Frankfurt a. M., Bingen a. Rh., Wien. Prag - Smichow, Paris, New-York. — Von Nah und Fern. — Sprechsaal. — Briefkasten. — Miseetten. — Geschäftliche Notizen. Österreichische Zustände. Berlin, 12. Juni. ie Zustände in Oesterreich finden leider noch immer nicht die Beachtung, die sie erheischen. Tag für Tag erklärte man im niederösterreichischen Landtag den Juden den Vernichtungskrieg, sprach man dort ungenirt von Ritualmorden, ohne daß die Regierung auch nur mit den Wimpern zuckte. Die Sprache der Bierhausagitatoren, der antisemitischen Schmutzblätter wird immer wilder und aufreizender. Eine solche Saat muß doch einmal anfgehen — und wir fürchten, daß die Hetzen in Wien, Nachod, Polna und anderen Orten Böhmens oder Galiziens nur schwache Vorspiele dessen sind, was man noch zu gewärtigen hat, wenn diesem Treiben nicht Einhalt geschieht. Von Seiten der maßgebenden Persönlichkeiten geschieht aber so gut wie gar nichts, um dieses unerhörte Treiben zu paralysiren. Auch von jüdischer Seite wird nur wenig gethan. Man sage nicht, daß dies unmöglich sei. Gerade unter den zerfahrenen politischen Verhältnissen, die gegenwärtig in Oesterreich herrschen, könnten die Juden ihre berechtigten Ansprüche zu größerer Geltung bringen als je zuvor. Aber es rührt sich niemand von Denen, die berufen wären, das Wort zu führen! Unser Iwri-Mitarbeiter, dessen Briefe aus Oesterreich ein so charakteristisch treues Bild der Zustände der dortigen Juden bieten, entwirft in dem folgenden Brief eine Darstellung der Lage, die wohl geeignet ist, die allgemeine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch zu nehmen, als dies seltsamerweise bisher geschehen ist: Der verstorbene Professor des' römischen Rechts an der Wiener Universität Dr. Adolf Exner hielt einst eine Jnaugural-Rede, in welcher er unser Zeitalter als ein politisches bezeichnete. Es erhoben sich andere Stimmen, welche für das Beiwort „sozial" sprachen; andere wieder nannten unser Jahrhundert das des Berkehrs. Mit Verlaub möchte ich es das der „Schlagworte" nennen. Da taucht irgendwo im staatlichen oder gesellschaftlichen Leben ein solches Wort auf, mächtig wächst es empor, wie die „Fama" Vergils verbreitet es sich mit Blitzesschnelle, und tausende Mameluken sprechen, schreien,' trompetenes in die Welt hinaus.. Ein. solches Schlagwort wurde nun von unserem teutonischen Don Quixote, der aber nicht mager ist und auch auf keiner Rosinante reitet, dessen Gattin aber von Schmuel Leb Kohn in Pohrlitz in direkter Linie abstammt, ich weine von dem sattsam bekannten Georg, ehemals Ritter von Schönerer, ausgegeben und von seinem Sancho Pansa und hinkenden Boten, dem Herrn Wolf, seines Zeichens Herausgeber der „Ostdeutschen Rundschau", welche nicht nur alle Juden, sondern auch alle Tschechen in den Grund bohren möchte, ausgenommen und verbreitet, und nun stinimt der ganze Mamelukeuchorus in schriller Disharmonie ein, und Alle rufen sie wie aus einem Munde: „Los von Rom". — Was die Herren Deutsch-Nationalen mit diesem Rufe beabsichtigen, wissen sie vielleicht selber nicht, oder vielleicht nur zu gut. Wir wollen uns ihre Köpfe nicht zerbrechen; wir Juden haben mit der Abtrünnigkeit im eigenen Lager so viel zu thun, daß es uns nichts angeht, wenn die Katholiken und Protestanten auf einander schlagen, auf keinen Fall machen wir die Musik dazu. — Man verzeihe das naheliegende Gleichniß. Einige Katholiken rufen: „Los von Rom"! wie viele Juden schreien: „Los von Awrom"! Auch wegen dieses Kalauers bitten wir um Vergebung, aber die ganze „Protestantische Bewegung" in Oesterreich hat doch kaum irgend eine Bedeutung. Wolf und seine „Ostdeutsche" gegen Erzbischöfe und Bischöfe! Wer da weiß, wie in unserem lieben Oesterreich trotz vorübergehend freiheitlicher Bewegungen das ganze öffentliche und soziale Leben von diesen beeinflußt wird, dann muß man wehmüthig lächeln über die Leute, welche so wenig politische Einsicht haben, daß sie vermeinen, dem arnien deutschen Volke Hilfe bringen z» können mit ihren; Rufe: „Los von Rom". Wir Juden können dem ganzen Gezänk mit Ruhe zuschauen, wir haben die Treue der Kämpfer am eigenen Körper verspürt; wer aber noch ein wenig Mitgefühl für diese jetzt in arger Bedrängniß in Oesterreich lebende Nation sich bewahrt hat, der muß sagen: Aergeres hätten die deutsch-nationalen Helden ihrem Volke nicht anthun können, als daß sie die Parole: „Los von Rom" ausgaben. Und doch, welcher Apparat wird aufgeboten, um die „Bewegung" zu ersticken! Einige tausend Personen sind vielleicht zum Protestantismus übergetreten — und welche Machtmittel setzt man in Wirksamkeit, um der Abtrünnigkeit Einhalt zu thun! Wahrlich, wenn wir Juden noch eines Beweises bedürften, wie anderes Maß angelegt wird, wenn es sich um unsere Angelegenheiten handelt oder um die anderer Religionen, die „Bewegung" müßte uns die Augen öffnen. In öffentlicher Landtagssitzung nennt der Stampiglius-Schneider die Juden „Mörder", konstruirt sich „Ritual-Morde", beschuldigt arme jüdische Beamte der ärgsten Verbrechen — und dies alles findet keine Zurückweisung; diesem Schneider, dem Busenfreund;