Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWWWMWWW^W^WWM^W^WWMWDWWW Oesterreich-Ungarn. D Wien, 29. Mai. Im Saale des Wissenschaftlichen Klub hielt am 25. d. M. der Verein zur Abwehr des Antisemitismus seine Jahresversammlung ab. Schon in einer früheren Versammlung hatte der Vereinsprästdent Baron Suttner, der bekanntlich anläßlich der Friedenskonferenz im Haag weilt, den Rechenschaftsbericht erstattet und konstatirt, daß der Verein durch die tristen Verhältnisse in Wien in der Entfaltung seiner Propaganda wesentlich behindert werde. Der Verein mußte sich daher daraus beschränken, auf litterarischem Gebiet eine rege Thätigkeit zu entfalten, und er könne nur die Hoffnung aussprechev, daß der Jndifferentismus der gebildeten Kreise bald weichen werde. In der gestern unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Dr. Freiherrn v. Seiller abgehaltenen Versammlung kritistrte Gemeinderath Dr. Stern in scharfen Worten das Vorgehen der gegenwärtigen Machthaber in der Gemeindeverwaltung und verurtheilte die Vergewaltigungen, welche jüdische Lehrer und Beamte ertragen müssen, nur weil fie Juden sind. Wenn Jemand Arbeit oder eine Lieferung bei der Kommune sucht, werde er um feine Konfession befragt, und wenn er ein Jude ist, sage ihm sogleich der Magistratsrath: Da haben Sie gar keine Aussicht. (Hört! Hört!) Da sei wohl die Staatsbehörde verpflichtet, einzuschreiten. Der Redner erzählt einen Fall, wo einem jüdischen Haustrer der Haustrpaß so lange beim Magistrat zurückgehalten wurde, bis derselbe abgelaufen war, und der Haustrer dann so behandelt wurde, als ob er ohne Paß haustren gegangen wäre. Sodann wendet sich der Redner gegen die hochoffiziöse „Wiener Abendpost", welche anläßlich des Mordes in Polna gemeldet habe, „die bisherigen Ergebnisse der Untersuchung haben keine Indizien dafür geliefert, daß wirklich ein Ritualmord verübt wurde". Wenn das ein offiziöses Blatt schreibe, dann dürfe man sich nicht wundern, daß es so dumme Menschen giebt, welche daran glauben und sich dadurch aufhetzen lassen. (Lebhafter Beifall.) Vorstandsmitglied Engel regt die Bereinigung aller liberalen Vereine an, um eine planmäßige, zielbewußte Aktion zu ermöglichen, und erklärt es für sehr wünschenswerth, daß die von Dr. Joseph Kopp verfaßte Schrift über das Märchen vom Ritualmord in einer Volksausgabe herausgegeben und verbreitet werde. (Beifall.) Der Redner erzählte, daß feit einigen Tagen in der Leopoldstadt Plakate affichirt seien, welche im Hinblick darauf, daß der Verwaltungsgerichtshof über die Beschwerde „des Lucian Brunner" entschieden habe, daß die Gemeinde Wien kein Geld für religiöse Zwecke zu vergeben habe, zu Beiträgen auffordern, um das Frohnleichnamsfest möglichst großartig zu gestalten. Solche Plakate befinden sich auch am Gebäude des Bezirksgerichts Leopoldstadt und des Polizeikommissariats, in der offenbaren Absicht, einen offiziellen Schein damit zu verbinden. Auf Intervention des Redners habe der amtirende Polizeibeamte die Entfernung der Plakate zugesagt, sie befinden sich aber heute noch dort. (Hört! Hört!) Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen wurden zum Präsidenten Freiherr v. Suttner, zu Vizepräsidenten Dr. Karl Ritter v. Kißling und Dr. Joseph Freiherr v. Seiller, zum Kasfirer August Breitling, zu Schriftführern Balduin Groller und F. R. Engel, zu Vorstandsmitgliedern Franz Frauenberger, Dr. Ferdinand Kronawetter, Karl Salava, Dr. F. M. Seberiny und Karl Wrabetz wieder-, Robert Nissek, Direktor des Lehrlingsheims, neugewählt. Es wäre sehnlichst zu wünschen, daß die sträfliche Apathie liberaler und jüdischer Kreise hier diesem Verein gegenüber unter den traurigen Verhältniffen, in denen wir hier leben, endlich einmal aufhören möchtet Don Nah und Fern. j ----- Am 23. d. ist hier Frau Sanitätsrath Esther Wiesenthal ß geb. Jacob, eine der Ehrendamen der Altersversorgungsanstalt, eine f treffliche und allgemein hochgeschätzte Frau, im 75. Lebensjahre ge-1 storben. — Justizrath Dr. Alfons Kempner hat den Rothen t Adlerorden III. Klasse erhalten. — Am 26. d. ist hier der praktische | Arzt Dr. Max Rawitzki, ein sehr gelehrter, streng religiöser und .humaner Mann, im 59. Lebensjahre gestorben. Seine Arbeiten über | talmudische Medizin in Virchows Archiv u. a. O. zeichneten sich durch 1? großes Wissen und Scharfsinn aus. Ehre seinem Andenken! —Der » antisemitische Kolporteur und „Redakteur" Albert Reumann-Fern- | thal stand am 8. Mai d. I. wieder einmal vor dem Schöffengericht § unter der Anklage, durch Belästigung von Passanten groben Unfug verübt zu haben. Das Urtheil lautete auf 10 Mark Geldstrafe. — In Wreschen ist am 21. d. Herr Robert Tieburth, der Jahre lang dem Vorstand und der Repräsentanz sowie dem Magistrat und dem Kreistag angehörte, nach langem Leiden gestorben. — Lehrer Rosenberg in Jaratschewo ist definitiv als Lehrer an der dortigen jüdischen Volksschule angestellt worden. — Der aus Ostrowo stammende und in Breslau domizilirende Kaufmann Moritz Warschauer hat dem Synagogenvorstande zu Ostrowo mehrere Ausstattungsgegenstände, darunter Kanzel- und Omeddecken, im Gesammtwerthe von circa fünfhundert Mark als Spende überwiesen. — Bei dem Schützenfest in Schubin wurde der Kaufmann Moritz Pelz Schützenkönig und der Glasermeister Hermann Arndt Schützenritter. —In Darmstadt ist der emeritirte Lehrer Moses Mannheimer im 90. Lebensjahre gestorben. Er war der Verfasser mehrerer wissenschaftlicher Werke und gab auch zuerst die Kreuzzugsberichte über Worms heraus. — In Nauheim ist am 19. d. der Neubau der israelitischen Kinderheilstätte, die die Baronin W. v. Rothschild begründete, mit 30 Kindern seiner Bestimmung übergeben worden. — In Schötmar (Lippe) feierte am 22. d. das Salomon Adler'sche Ehepaar in voller Rüstigkeit die goldene Hochzeit unter allgemeiner Theilnahme. Das Grafregentenpaar schenkte ihnen eine prachtvolle Zunz'sche Bibel mit eigenhändiger Widmung der Gräfin Karoline, begleitet von einem huldvollen Gratulationsschreiben. — Der Privatdozent der Geographie an der Universität zu Bonn, Dr. Alfred Philippson, der jüngste Sohn Ludwig Philippsons s. A., ist zum Professor ernannt worden. — In Stuttgart wurde von Herrn Kirchenrath Dr. Kroner ein Verein zur Förderung des Handwerks unter den Juden begründet. — Der hauptstädtische Advokat Dr. Ignaz Barna in Budapest wurde zum Richter an der königlichen Tafel in Budapest ernannt und der kodifikatorischen Abtheilung im Justizministerium zugetheilt. — Noch vor der Saurengurkenzeit kommt aus Rom die abenteuerliche Nachricht, daß man dort den siebenarmigen Leuchter des Tempels zu Jerusalem bei den Fundamentirungsarbeiten der Cavourbrücke über den Tiber im Schlamm vergraben gefunden habe. Der Leuchter, der noch sehr gut erhalten ist, bestehe aus Bronze und entspreche in Form und Aussehen genau dem, welchen seinerzeit Titus nach der Zerstörung Jerusalems nach Rom gebracht hat. — Der Sultan hat dem Advokaten Nareisse Leven in Paris als Präsidenten der Jewish Colonisation Association den Großkordon des Medschidje-Ordens verliehen und den Direktor der Gesellschaft, Dr. S.Sonnenfeld, zum Kommandeur desselben Ordens ernannt, in Anerkennung ihrer Verdienste um das große Unternehmen. — In Kiew ist nach zweimaliger Wahl nun doch Dr. Jampolsky zum Kronrabbiner gewählt worden. — In Kischinew ist am 17. d. der bekannte Judenchrist Josef Rabbinowitsch gestorben, den das Leipziger Institutum Judaicum 1882 für die Bekehrung der dortigen Juden ausgebildet hatte. — In Jassy kam es nach einer von antisemitischen Studenten veranlaßten Versammlung auf den Straßen zu Ruhestörungen, an denen sich die Theilnehmer an der Versammlung und andere Personen betheiligten. Fenster und Thüren einiger Läden wurden zertrümmert. Die Polizei und das Militär stellten die Ordnung wieder her. Einige Polizisten und mehrere Demonstranten erlitten Verletzungen, jedoch nicht schwere. Zahlreiche Personen wurden verhaftet, eine Untersuchung ist eingeleitet. — In Philadelphia wurde der siebzigste Geburtstag des Rev. Dr. Marcus Jastrow, des bekannten Lexikographen, namentlich von derRodeph Schalom-Congregation, deren Rabbiner er lange Jahre war, festlich begangen. Jastrow ist 1829 inRogasen geboren und war früher Prediger in Warschau und in Worms. — Rev. Dr. I. M. Wise in Cincinnati hat den Vorschlag gemacht, es möge dem im Haag tagenden Friedenskongreß ein Memorandum bezüglich der Lage der Juden in den verschiedenen Ländern überreicht werden, um den Kongreß zu einer Intervention in der Judenfrage anzuregen. — Nach einer neuen statistischen Aufstellung soll die Zahl der seit 1881 im Hafen von New-Iork gelandeten russischen Juden nicht weniger als 680 000 betragen, von denen mehr als 300 000 in New-Aork selbst geblieben seien. Diese Zahlen sind wohl übertrieben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die' Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.