Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 auf das gute Herz des Dahingeschiedenen Hinweisen, welche Eigenschaften ihm die allgemeine Hochachtung und ungetheilte Werthschätzung aller Kreise verschafften. In den Straßen, welche der Leichenzug passtrte, waren alle Geschäftsläden als Zeichen der Trauer geschloffen.— Die jüdischungarische Litteraturgesellschast hatte vor Kurzem eine Krise zu überstehen. Es wurde nämlich ein Werk über die Geschichte der jüdischen Religion mit der Bitte eingereicht, die Herausgabe desselben zu unterstützen. Auf Antrag des Referenten, der wohl die Richtung desselben nicht billigte, aber die Herausgabe vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet befürwortete, wurde der Beschluß gefaßt, der Herausgabe desselben die Unterstützung angedeihen zu lassen. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Samuel Kohn, gab seine Demisfion. Seinen Standpunkt billigten zahlreiche Mitglieder der Gesellschaft, und so drohte derselben eine Krise, die ihren weiteren Bestand gefährdete. Der Autor des Werkes sah sich infolgedessen veranlaßt, sein Werk zurückzuziehen. An Stelle des Vorsitzenden, Rabbiners Dr. S. Kohn, der bei seiner Demission verharrte, wurde Kgl. Rath Dr. PH. Weinmann zum Vorsitzenden gewählt. Zweiter Präsident wurde Prof. Dr. Wilhelm Bacher. Von Uoh und Fern. — Dr. med. Martin Mendelsohn, Privatdozent an der Universität, Generalsekretär der Ausstellung für Krankenpflege, ist zum Professor ernannt worden. — Eine außerordentliche Auszeichnung ist dem Dr. med. L. Feilchenfeld zu Theil geworden. Der Präsident der französischen Republik ernannte ihn unter Verleihung. des Ordens der Ehrenlegion zum Offizier der französischen Akademie. — Dr. med. Theodor S. Flatau ist als Lehrer der Stimmphysiologie und der Gesangshygiene an die königliche akademische Hochschule für Musik berufen worden. — Die Statistik der Reichstagswahlen von 1898 in Bezug auf die für die einzelnen Parteien ent- ., fallenden Stimmen, geordnet nach der Größe der Gemeinden, ergiebt das Resultat, daß bei den Antisemiten die größeren Gemeinden nur wenig vor den anderen Gemeinden hervortreten. Im ganzen Reiche entfallen auf sie 3,67 v. H. aller Stimmen, in den kleineren Gemeinden 3,36, inj den mittleren 3,17 und in den größeren 4,43. In 22 Großstädten i vereinigten die Antisemiten Stimmen auf sich, doch ist ihr Antheil an! der Gesammtzahl aller Stimmen meist nur sehr gering. Am größten; war er in Dresden mit 20,67, dann folgen Barmen mit 12,66, Berlin' mit 11,36, Leipzig mit 10,79, Magdeburg mit 9,40, Elberfeld mit 8,12, Hamburg mit 6,90, Altona mit 6,60, Hannover mit 5,04, Braunschweig mit 4,59, Charlottenburg mit 4,42, Frankfurt a. M. mit 3,92 und Stettin mit 3,45 v. H. Aachen, Düsseldorf, Chemnitz, Nürnberg, Stuttgart' und Straßburg hatten gar keine antisemitischen Stimmen. — Am 22. d. ist hier Dr. med. Josef Horvath, k. Rath, nach langen schweren Leiden! im 50. Lebensjahre gestorben. Er war eines der bekanntesten Mitglieder! der hiesigen österreichisch-ungarischen Kolonie und gehörte dem Vorstand ' des Ungarvereins an. — Anläßlich des 25 jährigen Jubiläums des Bestehens der Cigarrenfabrik von Löser & Wolf in Elbing hat der Chef, Kommerzienrath Bernhard Loeser, hier eine Stiftung von 100 000 Mark zum Wohle seiner Arbeiter begründet. — Die feierliche Einweihung des neuerbauten Kurhospitals in Kolb erg findet zugleich mit der 25jährigen Jubelfeier dieser Anstalt am 9. Juni statt. — Die Staatsanwaltschaft in G log au hat gegen das freisprechende Urtheil der dortigen Strafkammer im Prozeß des Grafen Pückler-Kl. Tschirne und den Geschäftsführer Schliebs beim Reichsgericht Revision eingelegt. Man erfährt bei dieser Gelegenheit aus gut antisemitischer Quelle, daß die Klage gegen den Grafen „auf höhere Weisung" erfolgt fei. — Gegen die zwei Berliner antisemitischen Blätter wird übrigens wegen Abdrucks der Rede des Grafen Pückler am 3. Juni vor der 9. Strafkammer des Landgerichts I in Berlin verhandelt werden. — Dem Oberbibliothekar an der königlichen Universitätsbibliothek zu Halle a. S. Dr. Max Perlbach ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden.— In Schwerin a. W. hat am zweiten Tage des Wochenfestes nach ■ längerer Pause wieder eine Mädcheukonfirmation, die der Kultusbeamte A. Wolfgang feierlich vollzogen hat, stattgefunden. — Das antisemitische „Deutsche Bolksblatt" in München hat das Kolnidre-Gebet in gehässigster ' Weise besprochen. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen; Glaubens" ist gegen diesen Artikel vorgegangen. Die Staatsanwaltschaft zu München erhob die Anklage, jedoch die Strafkammer und das Oberlandesgericht haben es abgelehnt, die Sache vor das Schwurgericht zu verweisen. In der Begründung dieses Beschlusses wird ausgesprochen, daß zwar das Kolnidre-Gebet den ihm unterlegten Sinn nach Ansicht des Gerichts nicht habe,, eine Mißdeutung desselben aber nicht ausgeschlossen sei. — In Baiern sind Alexander Dinkelsbühler im 3. Infanterieregiment und Ernst Samuel im 1. Feldartillerieregiment aus München, ferner Georg Meyer aus Nürnberg im 2. Feldartillerie - regiment zu Reserveleutnants befördert worden. —In Laupheim ist der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Rechtsanwalt Heumann, im 64. Lebensjahre, allgemein betrauert, vor Kurzem gestorben. — Die amtliche Aufforderung des Landrathes in Diez (s. Nr. 18) hatte folgende Begründung: In Nassau wird als Kultussteuer ein gewisser Prozentsatz der Staatssteuer erhoben. Der Landrath muß die Staatssteuer der Juden kennen, um sie den israelitischen Kultusvorstehern mittheilen zu können. — In Kopenhagen wurde das von dem jüngst verstorbenen D. I. Fränkel begründete Altenheim in Gegenwart der Behörden feierlich eingeweiht. — Im H a a g ist der langjährige Vorsteher der jüdischen Gemeinde D. Polak-Daniels gestorben. Er war einer der angesehensten Männer der Stadt. In seiner Sukah hat am letzten Laubhüttenfest die Königin von Holland gespeist. — Die Akademie der Wissenschaften in Brüssel hat an Stelle Gladstones den bekannten Rechtslehrer Staatsrath T. M. C. Asser in Amsterdam zum Mitglied erwählt. — Leon Kahn, der Generalsekretär des Centralkonsistoriums in Paris, ist zum Offizier der französischen Akademie ernannt worden. — Ed. Drumont hat sich an den Pariser Magistrat mit der Bitte um Ueberlassung eines Platzes für ein Denkmal des Antisemitenhäuptlings Marquis de Morös gewandt. Das Gesuch wurde mit Entschiedenheit abgelehnt. In Paris fand am 12. d. M. ein Duell zwischen dem jüdischen Rechtskandidaten Wertheimer und einem Mitglied der leunesss antisemite, Frederic Dubar wegen der „Affäre" statt. Der Antisemit wurde schwer verwundet. — Der russische Finanzagent Arthur v. Raffalowitfch in Paris, dessen Theilnahme am Friedenskongreß englischjüdische Blätter melden, ist nicht mehr Jude. — In Florenz ist der ehemalige Rabbiner Leone Racah im 59. Lebensjahre gestorben. Er war ein tüchtiger Gelehrter und hat mehrere Schriften aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte herausgegeben. Racah sollte an dem Rabbinerseminar in Florenz eine Stelle bekleiden. — Der Nationalökonom Enrico Cavalieri in Ferrara hat den französischen Orden der Ehrenlegion für feine Verdienste um das Zustandekommen des italienischfranzösischen Handelsvertrages erhalten. — In London wurde am 14. d. M. eine jüdische Taubstummenanstalt feierlich eingeweiht. — In London ist Henry L. Raphael, einer der angesehensten Männer der City und der jüdischen Gemeinde, im 67. Lebensjahre gestorben. — Lazar Brodski in Kiew erhielt den Wladimirorden IV. Klasse, Dr. I. Selig in Moskau den AnnaordenHI.Klasse, Dr. RaphaelKatz und Dr. Moses Krebs in Petersburg den Stanislausorden III. Klasse. In Petersburg hat sich ein Damen-Komitee gebildet, welches eine Geldkollekte veranstalten will und bereits die ersten Schritte hierzu mit Genehmigung der Regierung gethan hat. Aus dem zu erlangenden Kapital soll in Petersburg ein Heimathshaus für jüdische Krankenpflegerinnen errichtet werden, die hier ihre Ausbildung, Wohnung und Verpflegung erhalten sollen. — In Belgrad erhielt der Gemeindevorsteher S. Scheinesohn den Takowaorden. — Das Zuchtpolizeigericht von Algier verurtheilte den Bürgermeister von Algier, Bo inot, wegen seines Verhaltens bei den Kundgebungen während der Anwesenheit Drumonts zu zwanzig Tagen Gefängniß. Der Vertheidiger Voinots legte gegen das Urtheil Berufung ein. — Während die englischen Blätter von der traurigen Lage der Juden in Persien, namentlich in Schiras, berichten, meldet der Direktor der Allianceschule in Teheran, I. Cazös, daß sich deren Lage in letzter Zeit wesentlich verbessert habe. — Max Regis ist vom Appellgericht in Algier wegen Verleumdung der jüdischen Einwohner Bualin, Seligmann und Tizza zu 5 Tagen Gefängniß und 50 Frcs., 10 Tagen Gefängniß und 100 Frcs. und 300 Frcs. Geldstrafe verurtheilt worden. — Im jüdischen Hospital Beth-Jfrael in New-Aork, dem zweitgrößten, konnten 1898 von 1009 angemeldeten Kranken nur 414 Aufnahme finden. Außerdem wurden in der Poliklinik 30 000 Konsultationen abgehalten und 38 000 Rezepte gegeben. Einnahmen und Ausgaben balaneiren mit 15 000 Dollars, und die Kosten eines Kranken beliefen sich auf l3/10 Dollars pro Tag. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.