Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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- 4 - senate des Wiener Landgerichtes die Verhandlung gegen den Wortführer der antisemitischen Opposition in der Genossenschaft der' Branntwein- Händler, Albert Kohlruß, statt. Kohlruß wird sich wegen Verbrechens der Diebstahlstheilnehmung zu verantworten haben, begangen dadurch, daß er im Verein mit mehreren Genossen gestohlene Waären ankaufte, deren Provenienz ihm bekannt war. — Am 13. v. Mts. brachte ein Wiener antisemitisches Blatt die Meldung, daß sich vor etlichen Nächten eine Gesellschaft jüdischer Studenten vor der Pfarrkirche zum heiligen Johann von Nepomuk anstößig benommen und derartiges öffentliches Aergerniß erregt habe, daß die Wache sie zum Polizei-Kommissariat abführte. Nach den eingeleiteten Erhebungen ist weder auf dem Polizei- Kommissariat Leopoldstadt noch bei der Polizei-Direktion über einen derartigen Vorfall eine Meldung eingelangt. — Der Kaiser hat die Penstonirung des Oberstabsarztes erster Klasse (Oberstenrang) Dr. Moritz Lein, Sanitätschef des 9. Korps, auf dessen Ansuchen bewilligt und demselben bei diesem Anlasse den Generalstabscharakter (Generalsrang) ad honores und den Orden der eisernen Krone, beides mit Nachsicht der Taxen, zu verleihen geruht. Nußland. T. Odessa, 25. April. Am 18. v. M? starb in Meran der Gehilfe des Chefs der Hauptdirektion der Transkaspischen Eisenbahn, der Ingenieur-Technolog Salomon Grigorjewitfch Margulies. Der Verewigte, aus Lublin in Polen stammend, verbrachte die ganze Dienstzeit in Samarkand, Aschabad und Kifll-Arward, wo er zuerst an dem Bau der Transkaspischen Eisenbahn theilnahm, und dann bekleidete er der Reihe nach bei dieser Bahn verschiedene wichtige Posten und endlich die hervorragende Stellung des Gehilfen des Chefs, die anstrengende Arbeit und Mühe wie auch gründliche und spezielle Kenntnisse erheischt. Die schwere zehnjährige Arbeit und die klimatischen Verhältnisse der Transkaspischen Provinz haben den festen Organismus des Mannes gebrochen und er starb in der Blüthe des Lebens, im 43. Jahre. Sein jüdisches Glaubensbekenntniß, dem der Heimgegangene mit allen Fasern seines Herzens bis zum letzten Augenblicke treu anhing, verhinderte es, daß er eine Stellung in einem milderen Klima erhielt. Der hervorragendste Zug seines Wesens war die pünktlichste und eifrigste Erfüllung seiner Amtspflichten, die. ihm im Verein - mit seinen großen technischen Kenntnissen die hohe Achtung seiner Vorgesetzten erwarb, trotz der Unabhängigkeit seines Charakters. Die seltene Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit, die ihn auszeichneten, haben ihm manchmal Widersacher geschaffen, aber die Weichheit seines Gemüthes und die innige Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit seinen Untergebenen und Arbeitern gegenüber haben ihm dagegen die allgemeine Sympathie erworben. Als man plötzlich den raschen Fortschritt der Krankheit wahrnahm, konnte die Umgebung nur mit großer Mühe den Dahingeschiedenen von der aufopfernden Arbeit zurückziehen. Auf die Eisenbahnstation begleiteten einige Tausend Arbeiter den geliebten Vorgesetzten, der ins Ausland ging, um Heilung für sein schweres Leiden'zu suchen. Der Verklärte starb in völliger Armuth, er hat gar keine Mittel zurückgelassen; dagegen ließ er hienieden ein gutes Gedächtniß zurück, als einer der wenigen unserer Glaubensgenossen, denen es beschieden war, ihre Kräfte dem Staatsdienst ganz und voll zu widmen. Gesegnet fei sein Andenken! Don Nah und Fern. Dem Bildhauer Alexander Jaray wurde vom Senat der königlichen Akademie der Künste in Berlin der Michael Beer-Rom-Preis im Betrage von 2250 Mark für den besten Entwurf zu einem Relief über dem Haupteingang eines Hospitals zuerkannt. Derselbe war früher Bühnenkünstler. - Dr. Emil Silberstein von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums ist zum Rabbiner in Czarnikaü gewählt worden. Dr. Silberstein war seit mehreren Jahren Religionslehrer an der 4. Gemeinde-Religionsschule. — Wegen der bekannten antisemitischen Reden des Grafen Pückler-Klein-Tschirne ist jetzt den Beschuldigten die Anklage zugestellt worden. Sie lautet gegen den Redakteur und Herausgeber der „Staatsbürger-Zeitung" und gegen den Redakteur und Herausgeber des „Deutschen General-Anzeigers". — In Namslau ist Herr I. Schön zum Kantor und Religionslehrer gewählt worden. — In Hannover soll ein jüdisches Mädchenheim für junge, der Schule entwachsene Mädchen begründet werden, die zur praktischen Ausbildung für Hans und Küche unter Leitung einer erfahrenen Dame und Mithilfe erprobter Lehrkräfte in allen Hausarbeiten unterrichtet werden sollen. — Das nach einem Steckbrief des Braunschweiger Staatsanwalts des Kindesmordes in Freeden-Erzhausen verdächtige Schnorrerpaar ist bereits verhaftet worden. In Oberhausen wurde der flüchtige Juda Seiden verhaftet, der in Gemeinschaft mit seiner inzwischen gleichfalls verhafteten Schwester Jetta Seiden das außerehelich geborene Kind der Letzteren getödtet hat. Die Letztere hat bereits gestanden. — In Niedaltorf (Bez. Trier) starb ein geachteter jüdischer Greis, Namens Isaak, der mehr als ein halbes Jahrhundert der bedeutendste Imker der Gegend war. Seine Bienenwirthschaft wird jetzt von dessen Sohn fortgeführt und bringt jährlich einen guten Gewinn. Der Honig wird seiner Vorzüglichkeit und Reinheit wegen mit Vorliebe gekauft. — Professor Dr. Ludwig Oelsn er in Frankfurt a. M. hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten — Die antisemitische Nachricht, daß in Mainz ein Dienstmädchen, das von seinem jüdischen Dienstherrn unsittlich belästigt wurde, in der Nacht vom 10. auf den 11. v. M. vom vierten Stock eines Hauses auf die Straße sprang und sich tödtlich verletzte, ist eine Lüge. Nach genauen Erhebungen der Mainzer Polizeibehörde ist der jetzt in Haft befindliche Mann nicht Jude, sondern Katholik. — Nicht der Erzbischof von München, sondern der Erzbischof Dr. Schork aus Bamberg hat bei der Kircheneinweihung in Nürnberg die bemerkenswerthe Rede über Toleranz gehalten. — Die Stiftung der Baronin Hirsch für München soll zur Begründung eines israelitischen Altersheims dienen, für das auch bereits anderweitig Mittel vorhanden find. — In Leipzig wurde am 27. d. M. eine israelitische Altersversorgungsanstalt feierlich eingeweiht. — Der Einjährig-Freiwillige Georg Goldstein, der in Zittau in Sachsen beim 102. Regiment, Prinz Luitpold von Baiern, diente, ist zum Feldwebel ernannt worden. — Professor Dr. Oskar Minkowski in Straßburg ist für den Lehrstuhl der experimentellen Pathologie an der deutschen Universität in Prag in Ausficht genommen. — In Csurog (Ungarn) wurde seitens der israelitischen Kultusgemeinde zum Präfidenten des jüdischen Schulstuhls Mathias Nagy, der dortige römisch-katholische Pfarrer, gewählt, der dieses Ehrenamt auch annahm. — Großes Aussehen erregt in Warschau die Verhaftung des Verlegers des verbreitetsten Tagesblattes „Kurjer Warszawski", S. Lewenthal, vermuthlich wegen Zeugnißzwang. Lewenthal ist einer der angesehensten Männer der Stadt und Vorsteher der jüdischen Gemeinde. — Im russischen Ministerium der Volksaufklärung wird gegenwärtig die Frage über Einführung des Unterrichts in der russischen Sprache in den hebräischen Talmud- Thora-Schulen (Cheder) ausgearbeitet. — Im Gouv. Kiew wohnen unter einer Bevölkerung von 3 576 125 Seelen 475 030 Juden, darunter 7129 Ackerbauer. — Die erste Jüdin aus Russisch-Polen, die zum Doktor der Philosophie promovirte, ist Frl. A. Weinstein, die diesen Titel von der Universität in Brüssel erhalten hat. — In Bulgarien wohnen nach den letzten statistischen Erhebungen 28 307 Juden. Seit 1896 hat sich ihre Zahl um 3000 Seelen vermehrt. Darunter sind 3500 Aschkenasim. Es erscheinen dort drei jüdische Zeitschriften: La Verdad, El Dia, El Amigo de Pueblo. — Die junge Königin von Holland hat jüngst die israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten in Amsterdam besucht und an die Kinder wie an die Greise und Greisinnen zahlreiche Geschenke vertheilt. — Die antisemitische „Libre Parole" in Paris fällt über den russischen Minister Witte her, der entweder Jude sei oder mindestens eine jüdische Frau habe und jedenfalls in Rußland das internationale Judenthum vertrete; er bekämpfe das Pündniß mit Frankreich, das ein ausgepreßter Schwamm sei und darum nach Judenbrauch von ihm weggeworfen werde. — In England wurde der dreihundertjährige Gedenktag Oliver Cromwells von jüdischen Gemeinden und Vereinen würdig gefeiert. — Der türkische Gesandte in Washington, Ali Ferug Bey, hat sich, sehr entschieden gegen die Zionisten ausgesprochen und es als eine Utopie erklärt, zu glauben, daß der Sultan auch nur ein kleines Stückchen Boden von Palästina hergeben würde, das den Mohamedanern ebenso heilig sei wie den Zionisten. — Ter amerikanische Einwanderungskommissar Po w der ly in New-Aork hat jüngst in einem Bortrag mitgetheilt, daß die Summe, welche die amerikanischen Juden in den letzten dreißig Jahren für Wohlthätigkeit aufgewendet, 50 Millionen Dollars übersteigt. — In Melbourne wurde Fräulein Constance Ellis zum Doktor der Medizin promovirt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.