Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 26 (1.3.1838)
- Date
- 1838-03-01
- Page
- Seite 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Soll ich seinen Charakter mit Einem Worte nennen, so ist er versöhnender Art; er wäre vielleicht der sicherste Uebergang von dem alten Unfuge beim Gottesdienste zu einer neuen, erhebenden Andacht bei demselben. -- Es ist ein großer Fehler von den Rabbinen, wenn sie bei der notwendigen Umgestaltung des Gottesdienstes sogleich zu hohe Forderungen stellen, und mit einem Male das Kind sammt dem Bade ausschütten. Der Jude, der durch Jahrhunderte an das ordnungslose, wilde Mitschreien im Gebete gewohnt war, wird sich nicht sogleich an einen deutschen, der hebräischen Sprache ganz fremden Gottesdienst gewöhnen können. Mag auch der gebildetere Theil unter unS, der, der neuern Generation angehörend, der älteren Weise sich nicht leicht anbequemen kann, sich an einem solchen mehr erbauen, mehr erhoben fühlen, als bei dem ältern, weil ihm eben jene ältere Sprache unbekannt geworden, und er im deutschen Choräle eine seiner Bildung und seinen Gefühlen mehr entsprechende Andacht findet: der Alte, der deutschen Sprache unkundig, wird und kann hierin keine Seelencrhcbung, keine Herzensandacht -finden, und ein großes Unrecht wäre es, wenn man auch nur einem geringen Theil der Gemeinde einen Gottesdienst formen wollte, der ihn nicht entsprechen könnte. Aber dasselbe Unrecht begeht man gegen den jüngern Theil, wenn man den Gottesdienst ganz unverbessert ließe, wenn man den Vorsängern ihre ererbten Rouladen und Liraden herauszuschreien und herauszugurgeln erlaubte, und der Gemeinde ein gellendes, verworrenes Accompagnement gestattete. Denn erstens ist ein erhebender Gottesdienst das einzige sichtbare Band, durch daS jener sich lobpreisende Theil mit dem Judenthume vereinigt bleibt, und ferner ist der eben jene Anstalt, durch dessen Verbesserung und Umgestaltung am sicherlichsten und förderlichsten auf eine allseitige Verbesserung und Umgestaltung im Judenthume selbst gewirkt werden kann. An dem Leben und regen Weben in der Wissenschaft, daS in der jüdischen Theologie sich jetzt offenbart, können die Wenigsten sowol aus Mangel an Kenntnissen, als der Berufsbestimmung halber, Theil nehmen; die Wissenschaft zu bebauen, zu pflegen, zu besorgen, zu hüten, bleibt Sache des Gelehrten, die Frucht nur reicht er dem Laien dar. Der Geist, der in ethischer und dogmatischer Hinsicht die Schule und den Religionsunterricht durchweht, kann nicht mehr auf Männer wirken, die der Schule entwachsen sind. Er wirkt und bildet füe dieZukunft, aus dieVergangenbeit zurück kann er keinen Einfluß üben. Also an diesen beiden für das momentane Judenthum höchst wichtigen Anstalten nimmt der alte Jude keinen Antheil, aber Antheil nehmen wird und muß er, schon seiner Religiosität halber, an dem Gottesdienste , und darum wird die SynSgoge im währen Sinne des Wortes die Schule, in der auch er erzogen, und für das Neuere, wahrhaft Gute gewonnen werden soll. Das kann aber nur dann geschehen, wenn derUnterncht von der Art ist, daß er ihn anzieht, und nicht ängstlich von sich scheucht. Es ist der Gottesdienst, und besonders bei den Juden aus dem Lande, das, woran er mit Leib und Seele hängt, und er fürchtet es als eine Sünde, eine Ändachtsstunde zu versäumen, und andererseits offenbart sich doch fast überall ein Streben, den Gottesdienst zu verherrlichen und zu ordnen. Daraus ergibt sich nun leicht, wie vortheilhaft man auf den Juden durch Verbesserung desselben einwirken könne, wenn man nicht gleich UeberspannteS von ihm fordert. Der Jude lernt dadurch an eine durch Religion geheiligte Umgestaltung seines ganzen Lebens sich gewöhnen, und wie viel ist dadurch nicht für unS rn jeder Beziehung gewonnen. Deshalb, sagte man mir auf meiner jüngsten Ferienreise, deshalb gefällt der Gotterdienst in München so sehr, weil er unS das Alte gelassen, und eS als ein Neues unö wiedergegeben hat. — Von diesem Gesichtspunkte aus ward nun hier der Gottesdienst geordnet. An den Wochentagen wird bei ruhigem, würdevollem Benehmen der Betenden das Gebet ganz nach alter Weise und Sitte, ohne Abänderung und Abkürzung verrichtet. An Sabbaten und Festtagen aber vertritt in den Responsionen bei den Benedeiungen, so wie bei den andern sehr zahlreichen und schönen Gesängen der Chor die Gemeine. Aber eben dieses Vertreten ist es, was den Zweck des Chores vernichtet. Er wird dadurch oft zur Unterhaltung, statt daß er die Gemeinde zum andächtigen Wettgesänge stimmen und aneifern sollte, wenn er neucanzonirte Gesänge mit dem Vorsänger vorträgt, und muß oft langweilen, wenn er die alten, allgemein bekannten, Jedermann geläufigen Lieder wiederholt. Die andachtvolle Beschäftigung der Gemeine, die Aufforderung, daß sie'., statt deS früheren Wirrwarrs, in kirchlichen Melodien, in schöner herzerhebender Harmonie ihr Gebet verrichte, das muß der Zweck deS Chores sein, nicht aber bloS eine theoretischkirchliche Vorstellung, bei welcher die Gemeinde sich entweder unterhält und Beifall zollt, oder sich langweilt, und von profanen Dingen schwätzt. Es ist dies besonders bei dem Durch dieCborresponsionen gedehnten Lee ha I)odi der Fall; und es wäre wirklich nichts schöneres, als eben ein solches Lied von der Gemeinde, durch Vorsänger und Chor unterstützt, vortragen zu hören. Ich erwähne besonders dies Gebet, weil ich mich von der Ausführbarkeit eines solchen Gedankens auf meiner Reife überzeugte. ES war im Markte Uhlfeld im Rezatkreise. Die freundlich schöne Synagoge war des Freitag Abends herrlich beleuchtet; dasMinchagebct und die gewöhnlichen Psalmen waren recitirt^ der Vorsänger bestieg den Almembar, ich sehnte mich nach der munchener GesangSweise, und darum graute mir heimlich vor dem häßlichen Geschrei, das nun losgehen würde. Aher nein, den herrlichsten Choral stimmte nun die Gemeine an, und eS herrschte dabei eine solche stille Feier, wie ich sie noch nie gesunden hatte.^ Denn eben diese Theilnahme der Gemeinde ist eS, was jede Störung verhindert, und was besonders dem protestantischen Gottesdienste feine einfache Würde und seine allergreifende Andacht verleihet, weil keine müßigen Zuschauer herumstehen, und jeder bei dem allgemeinen Beten, wenigstens äußerlich andachtslos dazustehen sich schämt. — Würde aber diesem abgeholfen, so könnre man oen münchener Gottesdienst, auS rechtangeführtem Standpunkte betrachtet, in dem jetzigen Momente der Krifls und Wiedergeburt, in vieler Hinsicht als Muster cwfstellen. Alle Lieder und Gesänge sind entweder besonders für die Synagoge kanzonirt; keine Stückchen aus Opern, keine Melodien, die man nach dem Gottesdienste in jeder Kneipe hören kann. — Besonders erhebend ist der Gottesdienst an den beiden Neujahrstagen und am Versöhnungstage, und der Grund davon scheint mir besonders in dem angedeuteten Umstande zu liegen, daß an diesen Tagen die Gemeinde mehr beschäftigt ist, und die Responsionen mit dem Chore vorträgt, und besonders der Akt der rmDJJ. durch die heilige Stille und den schönen Gesang dem Ganzen ein besondere Andacht verleihet. Dagegen ist der Frühgottesdienst am 9. Ab einer der andachtöloftsten, den man sich denken kann. Der ganze Unterschied von der alten Weise besteht darin, daß man statt auf Kiffen und Strohsacksn aus hölzernen Bänken sitzt, und sämmtliche statt von den inz*knen Gemeindegliedern, nur von den ' Vorsängern vorgetrageu werden. Die' Unordnung, die an diesem Tage, wenn es gegen Mittag geht, in der Synagoge herrscht, siicht grell ab gegen die Ordnung, welche sonst bei jeder Gelegenheit in derselben obwaltet. Denn Ruhe, Stille zu erhalten, wird von jedem der Gemeindeglieder, so viel möglich gefördert, und etwaige Störungen zu verhüten, sind fünf Synagogencommissairc aufgestellt. — DieCeremonien beim Gottesdienste sind ganz nach alter Art und Weift, nur daß die zahlreichen Mische-Berach aufgehört, und besonders das Aus- und Einheben der Tora feierlich begangen wird. Während nemlich der Chor mit dem Vorsänger das singt, besteigen zwei-der Commiffäre dieTreppen zur heiligen'Lade, öffnen an derselben beide Thvre, und erwarten hier das Individuum, das die Tora dem Vorsänger einhändigt, Hier singt der Vorsänger mit dem Chore die gewöhnlichen Gebete, und während sich der Zug zur Bima dann in folgender Ordnung in Bewegung setzt: der Vorsänger, Rabbine, Vorstand, der die Tora herausnimwt, die Vorsängergehilfen, die zwei Commissaire, singt der Chor das Ti” *“1*7; und in gleicher Prozession wird die Tora wieder in die Lade 'gebracht. — DaS ist das, was über unfern Gottesdienst besonders zu bemerken ist, und um dessen Einrichtung der Herr Rabbine Aub, und der Vorstand E. Mark sich rühmliche und bedeutende- Verdienste erwarben. — Druck von I. B. Hirschfeld.