Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 26 (1.3.1838)
- Date
- 1838-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Theologie. Zwei theologische Briefe. il. Antwort. (Schluß.) -- Wenn, m. Freund, der Scharfsinn, mit dem Sie in Ihrem .Schreiben die verschiedene Gestaltung des Judenthums in der Gegenwart aufgefaßt, mir nicht wenig zur Belehrung und Freude gereichte, so konnte ich dennoch nicht ganz ein Gefühl der Wehmuth, der Resignation ver- - kennen, das über dasselbe ausgehaucht war. Es ist jene edle Resignation, welche, wenn sie auch in der ersten Zuversicht zu den Wegen der waltenden Vorsehung, zu den hohen Kräften, die in der Menschheit liegen, und gerade im gewaltigen Ringen und Kämpfen ihre schönste Herrlichkeit offenbaren, eine unerschütterliche Stütze findet, dennoch vor dem Zwiespalte der 'Gegenwart sich zurückzieht. Aber eine jede Lebenserscheinung bietet uns dieselbe Zerrissenheit in ihrer Oberfläche, und es. ist das Gesetz des Lebens, daß das Werdende hieraus sich entwickle: ja, weil eben die Widerstrebung verschiedener Richtungen innerhalb eines einigen Gebietes, die besondersten Aeußerungen der Lebenskräfte gibt, können wir uns hierbei gründlich beruhigen. Haben Sie daher, würdiger Freund, die verschiedenen Gestalten des gegenwärtigen Judenthums nach-ihren Tendenzen und ihrem Inhalt scharfsinnig aufzustellen verstanden: so lassen sie uns heute dieselben in ihrem innern organischen Zusammenhänge auffassen, und da auch .'Sie es lediglich für Wahn anerkennen werden, daß durch jene Partheiung das Judenthum etwa auseinanderfalle, so wollen wir es uns deutlich machen, in wiefern diese einzelnen Typen Bedeutung haben für das gesummte Judenthum, und wohin sie es führen werden. Alle früheren Erscheinungen auf dem Gebiete der Religion, haben, sobald sie mit einem neuen in Berührung und Streit gekommen, eine Zeit lang einen Kampf auf Leben und Tod geführt, und sind darauf— abgetreten. So das Heidenthum gegen Chrrstenthum und Islam in allen Ländern und Nuancen. Das Judenthum aber, von dem sich das Christenthum nur sehr allmätig und leise abgelöst, so daß dies keinen Kampf innerhalb je^^rregr hatte, wurde, als es vom Christenthume bekämpft uMde, nur so bewahrt — daß es sich zurückzog, und da hier zugleich eine materielle Venachtheiligung ohne Gegenwaffe und Gegenwehr eintrat, isolirte sich das Judenthum in sich selbst so sehr, daß es endlich dadurch zu einer compacten Masse wurde, in welcher der Kern in tausend Schalen verborgen und geborgen lag — eine Verpuppung, in der der Lebensproceß nur negativ, ohne äußeres Merkmal, vor sich ging/ höchstens daß es sich, wie die Puppe, bei allzuharter Berührung — krümmte. Indem aber diese harte, unbewegliche Verhüllung des Judenthums nur durch todtgewordenes Wort und Buchstabenwesen — denn darin besteht jegliche Versteinerung des Geistes — geworden — mußte, sobald der Geist wieder frei werden sollte, eine neue Belebung des Wortes vor sich gehen. Das war denn das Amt der Biuristen, die, wenn sie auch den Geist des Judenthums noch nicht frei machen konnten, dennoch das scharfe Arzneimittel hergaben, durch das die compacte Kruste zersetzt zu werden begann. Wenn daher Alles, was zur Verhüllung des Judenthums in den Jahrhunderten der Stagnation gehörte, so wie was nur irgend dem vegetativen Leben des Judenthums damals entsproß, im Laufe der Zeiten einen nicht geringen historischen Werth behalten wird: so wird um so weniger jenen Biuristen ihre Bedeutsamkeit bestritten werden dürfen, je wichtigeres Moment sie für das Judenthum ausmachen — und zwar noch heute, da die Zersetzung noch lange nicht vollendet worden. Nachdem aber so dem Geiste der Bewegung und Belebung der freie Zutritt zu dem, was das starre Judenthum für eine zukünftige Entwickelung durch die Jahrhunderte der Dunkelheit unerschütterlich und unzerstört aufbewahrt hatte, geöffnet war, konnte man weder wünschen noch erwarten, daß hiermit alle Elemente der früheren Existenz hinweggeschafft und verschwunden waren. Man durfte es nicht erwarten, weil dies allen Gesetzen der Natur widersprochen; man durfte das aber auch nicht wünschen, weit einen Theils der Geist selbst erst reifen und das Leben sich entwickeln muß, dies aber nur an der Bekämpfung der zurückgebliebenen Masse geschehen kann, anderen Theils die Außenwelt . noch viel zu rauh und inconform ist, um ein reines Product nicht gleich wieder zu zerstören und zu entstellen — was beides sich auch an denen erwies, die solches wirk- _lich im Sinne hatten, wie an Friedländer und seinen Freunden. Haben sich daher unter dem mächtigen Einflüsse der Zeit jene vier Partheien im Judenthume, die Sie bezeichnen, herausgestellt, so ist auch die Nothwendigkeit aller dieser in der Zeit sehr leicht erweislich, so daß der überschauende Beobachter keine einzige entbehren möchte. Denn wenn die zweite Klasse, abstreifend alles Gewandliche und Zeitliche, zugleich den eigenthümlichen Boden der positiven Religion,