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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-21 · Heft 16 (21.4.1899) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 16 (21.4.1899)
Date
1899-04-21
Page
Seite 184 (sequence 4)
Language
German
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v*m B«»-i k'U'U'W I'IU UlPUfc w __ 184 - ihn der die Juden Polens damals umhüllenden Finsterniß entriß. Schon im Jahre 1826 sehen wir Gottlober in der Reihe der ersten Kämpfer für Bildung und Civilisation, die nach einer langen Nacht des Aberglaubens und der Unwissenheit die Morgenröth« einer neuen Zeit für die russischen Juden in diesem Jahrhundert heraufgeführt haben. In dieser Kampfesstellung ist er bis zu seinem Tode geblieben. Seiner im Jahre 1826 erschienenen ersten Schrift Pirche Abib (Frühlingsblüthen) folgte bald darauf eine große Anzahl von Werken, theils Uebersetzungen wie: Mendelssohns Jerusalem, Nathan der Weise, Aus Aegypten von Ludwig August Frankl, und theils originale Arbeiten, von denen wir nur seine Studien zur Geschichte der Kabbala und des Chassidismus sowie des Karäerthums erwähnen. Von 1866 bis 1872 wirkte Gottlober als Dozent an der Rabbinerschule in Zitomir, und als diese wie die in Wilna und Warschau von der Regierung geschloffen wurde, widmete er sich ausschließlich dem schriftstellerischen Beruf und entwickelte eine litterarische Thätigkeit, die ihm einen großen Kreis von Verehrern und Freunden zuführte und seinen Namen populär machte. 1875 begann er mit der Herausgabe seiner Monatsschrift „Haboker Or“, die im Gegensatz zu der von Peter Smolensk! in Wien redigirten Monatsschrift „Hascliacliar“, welche um diese Zeit die nationaljüdische Fahne entrollte und in dem bekannten Aufsatz: „Es ist Zeit, zu pflanzen!" gegen die sogenannte Berliner Schule und alle seit Mendelssohn errungenen Fortschritte sich wendete, für den entschiedenen Fortschritt lind die Fortentwickelung des Judenthums im modern'.- reformatorischen Sinne eintrat. In einer Reihe von glänzend geschriebenen Aufsätzen unter dem Titel: „Es ist Zeit, das Gepflanzte zu entwurzeln!" trat er gegen Smolensk! und seinen Anhang in sehr scharfer Weise auf. Von Gottlober stammt auch das bekannte Epigramm: ll'VVN p min b'Z'D p nttfö d’ti nn nsND ns3 siQ'L p nra ttrtpa rb nwr crrsö p nwi Mose b. Amram empfing die Thora vom Himmel. Mose b. Maimon hat ihr den Geist des Lebens eingehaucht. Mose b. Menachem hat ihr ein Heiligthum in Zion errichtet. Wir fühlen uns nickt berufen, auch fehlt es uns an Zeit und Muße, eine ausführliche Biographie dieses Mannes, dessen Geist und Feder ausschließlich im Dienste des Judeuthums stand, heute unter dem frischen Eindruck der Todesnachricht schon zu schreiben. Uns kommt es hauptsächlich darauf an, unsere westeuropäischen Glaubensgenossen, die deir Namen Gottlober leider vielleicht zum ersten Male hören, auf das Leben und Wirken dieses dem Dasein nunmehr entrisienen Mannes hinzuweisen, der ein ganzes Menschenalter. zuweilen unter den größten Entbehrungen und sicher unter den härtesten Kämpfen, für die Befreiung seines Volkes aus geistiger Knechtschaft, für Kultur und Freiheit gekämpft und — gelitten hat! Es war eine große Zeit, als Gottlober und seine Genossen in Rußland auftraten und dort den Kulturkampf für die neuen Ideen in jüdische Kreise trugen. Die hebräische Sprache erlebte durch sie eine neue Renaiffance, von der das Geschlecht moderner Tempelstürmer, die sie aus unseren Synagogen ganz verbannen wollte, keine Ahnung gehabt hat. Von dem Beispiel der Schüler Mendelssohns, der Measfim, angeregt, aber in ihrer Bildung und in ihren Anschauungen über das Judenthum reifer und positiver als Jene, haben Männer wie Gottlober, Rabbinowitsch, Schulmann, Finn, Gordon, Smolensky, Kaplan, Slonimsky, Reifmann und viele Andere, die die hebräische Sprache mit seltener Virtuosität behandelten, nicht nur allgemeine Kenntnisse zu verbreiten und die Fortschritte der Wissenschaften in populären Darstellungen nutzbar zu machen verstanden, sie haben darüber hinaus dem menschlichen Gedanken neue Kreise und Gebiete erschlossen, in denen sich die neuhebräische Litteratur und Poesie zu der Blüthe entwickeln konnten, in der wir sie heute sehen und bewundern. Darum müssen jene Männer, unter denen Gottlober ohne Frage einen ersten Rang einnimmt, in der Geschichte des neueren Judenthums und seines geistigen Lebens mit hoher Anerkennung genannt werden. Gottlober war in erster Reihe Schriftsteller. Aber auch als Dichter hat er in der heiligen Sprache Töne gefunden, die noch lange nachklingen werden in den Herzen. Sein Gedicht „Mutterklage" ist eines der rührendsten und innigsten in der neueren hebräischen Poesie. Die Trauer um Zion, das Weh über den Niedergang Israels, die Hoffnung auf seine große Zukunft bewegte auch die Saiten seiner Leier in wehmüthigen oder jubelnden Akkorden. Der modernen zionistischen Bewegung stand Gottlober fern, aber er war ein Jude, der das Judenthum, seine Geschichte und sein Schriftthum kannte, und als solcher hat er in der Sprache Zions seinem Volk herrliche Lieder gesungen und die Parole: Vorwärts! ausgegeben. Ehre seinem Andenken! Nie neueste Verfügung in Sachen des jüdischen Neiigionsunterrichtrs. Von Dr. Adolf Blumenthal in Ratibor. f er Herr Kultusminister hat unter dem 14. Marz 1899 an alle Provinzial-Schulkollegien der preußischen Monarchie die folgende Verfügung erlassen: Berlin, den 14. März 1699. Der Erlaß vom 18. Januar 1876 — U. II 6505 - stellte fest, daß weder die jüdische Religionslehre unter die Gegenstände der Abiturientenprüfung aufzunehmen noch ein Urtheil über die Semestralleistungen in das Maturitätszeugniß zu setzen ist. Im Anschluß daran wird in diesem Erlaß auch bemerkt, daß es selbstverständlich dem jüdischen Religionslehrer unbenommen bleibe, jedem Schüler, der es wünscht, über seine Gesammtleiftungen in der jüdischen Religionslehre ein Schulzeugniß selbständig und ohne daß im Maturitätszeugniß darauf irgend Bezug genommen wird, auszustellen. In Berücksichtigung des von einem jüdischen Vater bei bestimmtem Anlaß deshalb an mich gerichteten Gesuches habe ich es für angezeigt gehalten, eine Abweichung von der letzterwähnten Bestimmung insofern zuzulassen, als die Aufnahme eines besonderen Hinweises auf das besondere Zeugniß des jüdischen Religionslehrers in das Reifezeugniß von mir gestattet werden kann. Um die Gleichmäßigkeit des Verfahrens in dieser Hinsicht zu sichern, veranlasse ich das königliche Provinzial-Schulkollegium, die Direktoren der höheren Lehranstalten seines Bezirkes dahin anzuweisen, daß einem Schüler, welcher bis zu seinem Abgänge von der Schule an dem bei dieser eingerichteten jüdischen Religionsunterricht ordnungsmäßig theilgenommen hat und ein ihm über seine Gesammtleiftungen in der jüdischen Religionslehre von dem jüdischen Religionslehrer selbständig ausgestelltes Schulzeugniß vorlegt, auf Wunsch ein kurzer Hinweis auf dieses Zeugniß (z. B. „Siehe das ihm von dem.ausgestellte Zeugniß") in das Reifezeugniß unter „Religionslehre" einzutragen ist. Dementsprechend ist auch beider Ausfertigung von Abgangszeugnissen jüdischer Schüler zu verfahren. Diese Verfügung weckt in uns die entgegengesetzten Empfindungen der Freude und des Unbehagens. Es ist ein Schritt auf dem Wege, aber nur ein kleiner. Wir wissen es zunächst dem Minister Dank, daß er allen religiösen Fragen innerhalb der verschiedenen Kon-

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