Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWM 182 — was noch wichtiger ist — zahlreiche Namen und Beispiele, die den Beweis liefern, daß es auch in jener Periode nicht an Frauen fehlte, die eine große Bildung hatten und eine so ausgebreitete Kenntniß des Gesetzes besaßen, daß sie sogar sehr gelehrte Männer beschämten. Gelehrte Frauen hat es immer in unserer Mitte gegeben, Aerztinnen sogar während des ganzen Mittelalters und Schriftstellerinnen in jeder Zeitperiode. Aber auch für die Arbeit als Setzerinnen und Drnckerinnen haben sich Frauen und Mädchen als besonders tüchtig erwiesen. So hat man, ohne große Worte und schöne Phrasen, diese soziale Frage in Israel schon vor Jahrhunderten praktisch gelöst. Und doch ist gerade der Ruhm des jüdischen Familienlebens die schönste Zier unserer Ahnen geblieben. So dürfen wir hoffen, daß auch die Frauen und Mädchen, welche sich in Zukunft dem Studium der Wiffenschaft und gelehrten Bernsen zuwenden, nach jenem Ideal des jüdischen Weibes streben werden, das im Familienleben sein höchstes Glück sah, ohne daß deshalb dessen geistige Sphäre jemals engherzig eingeschränkt worden wäre. Me Woche. „ Berlin, 19. April. den konservativen Blättern hat man dieser Tage der sogenannten Berliner Bewegung den Nekrolog geschrieben. Trotz aller Arbeit ist es dieser Agitation während fünfzehn Jahren nicht gelungen, auch nur ei» einziges parlamentarisches Mandat weder unter, dem allgemeinen Wahlrecht noch unter dem Dreiklaffenwahlsystem zu erringen. Auch selbst die „Kreuzzeitung" erklärt, daß der Ausgang des Wahlkampfes in Berlin II, dem Wahlkreise, den Stöcker einstmals „seinen" Wahlkreis zu nennen pflegte, einer vollständigen Abdikation der Berliner „Bewegung" gleichkomme. In der Hauptstadt des Deutschen Reiches hat der politische Antisemitismus seit seinem mehr als zwanzigjährigen Bestehen noch niemals einen vollen Wahlerfolg aufzuweisen gehabt. Es ist begreiflich, daß die Antisemiten jetzt darüber nachgrübeln, warum sie in Berlin so gar keine Erfolge erringen, während sie in Wien und Paris die Herren der Situation seien. Dabei kommen die ergötzlichsten Dinge zur Sprache. Eine wehmüthige Betrachtung über die Frage in der „Deutschen Reform" schließt mit dem Geständniß, daß die Vereine aller antisemitischen Richtungen zusammengenommen noch nicht 1500 Mitglieder in der Zweimillionenstadt aufzuiveisen haben. Unter diesen Umständen bat wohl auch der von Magdeburg ausgehende Plan der Gründung eines allgemeinen deutschen Antisemitenbundes nur geringe Aussicht auf Realisirung. Der Parteivorstand selbst hat sich schon dagegen ausgesprochen und erklärt, daß jede weitere Förderung dieser Pläne in bewußtem Gegensatz zur Partei erfolgen würde. Es bleibt also alles beim Alten. Uns kann's recht sein. * Ein Richter im reußischen Lande hat jüngst (siehe die Korrespondenz Berlin über den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) den Eid eines Juden in verletzender Weise als minderwerthig bezeichnet. Vielleicht zu derselben Stunde, jedenfalls zu derselben Zeit, hat ein anderer Richter, und zwar in Prag, bei der Vernehmung gleichfalls eines jüdischen Zeugen weitere Beweise mit dem Bemerken zurückgewiesen, er habe die volle Ueberzeugung von der Richtigkeit der eben gemachten Aussage, zumal er wiffe, mit welcher Gewissenhaftigkeit bei den Israeliten ein Eid aufgefaßt werde. Diese diametral entgegengesetzte Auffaffung zweier Richter über den Eid der Juden ist entschieden sehr merkwürdig. Nur hätte man allerdings eher die erstere im alten Böhmerlande und die zweite im modernen Deutschland gesucht. Aber man kann sich zuweilen auch irren. * In Oesterreich herrscht seit einigen Wochen eine Bewegung, deren Parole lautet: „Los von Rom", und die den Uebertritt der deutsch-nationalen Oesterreicher vom Katholizismus zur evangelischen Kirche bezweckt. An sich geht uns ja diese Bewegung absolut nichts an, aber sie giebt uns doch Gelegenheit zu einer Erwägung, die wir bei diesem Anlaß nicht unterdrücken wollen. Unter den Argumenten, die von katholischer Seite und auch von evangelischen Geistlichen gegen diese Agitation geltend gemacht werden, steht in erster Reihe dieses, daß es unsittlich sei, aus politischen ökonomischen, überhaupt aus anderen als religiösen Gründen zu einem neuen Glauben überzutreten, und daß es unchristlich sei, einen solchen Uebertritt zu befördern. Unstreitig wird jeder religiöse Mensch dieses Argument durchaus billigen, aber die Frage wird wohl gestattet sein, ob die frommen geistlichen Herren in Oesterreich sowohl wie in Deutschland ihren Amtsbrüdern, die gerade in unserer Zeit den Sport der Juden- - taufen, von denen sie genau wissen, daß sie meist nicht aus religiösen Gründen erfolgen, mit solchem Eifer betreiben, nicht dieselben Argumente Vorhalten möchten? * Die von uns in voriger Nummer unter Korrespondenz Wien erwähnte mehr als seltsame Meldung des k. k. Telegraphen- Korrespondenz-Bllreaus aus Polna in Böhmen, die auch Wolf und Reuter natürlich weiterverbreitet haben, erregt besonders die Empörung der liberalen Presse in Oesterreich. Wie kommt ein offizielles, vom Staat erhaltenes Büreau dazu, der Meldung von der Verhaftung eines „muthmaßlichen Mörders" deffen Konfession anzufügen und dadurch dem Radauantisemitismus Handlangerdienste zu leisten? Derartige Dinge sind natürlich nur in Oesterreich möglich. Aber es kommt noch bester: Der Nachricht des Telegraphenbüreaus fügte das antisemitische „Deutsche Volksblatt" die kuriose Meldung hinzu: Dem Abgeordneten Schneider sei nämlich aus Polna schon Ende voriger Woche mitgetheilt worden, daß der Jude Leopold Hülsner zwar verhaftet, dann aber von dem jüdischen Richter, der den Fall zu untersuchen hatte, freigelaffen wurde. Die Erregung der Bevölkerung datire nach den Informationen des Abgeordneten Schneider daher, daß die Bevölkerung aus diesem Umstande darauf schloß, daß der Fall vertuscht werden solle. Eine Ansicht, welche dadurch immerhin eine gewiffe Bekräftigung erfuhr, da die tschechisch-antisemitische Zeitung „Cesk Zajmy", welche den Fall mittheilte, merkwürdigerweise konfiszirt wurde. Der Herausgeber dieses Blattes, Herr Jaromir Husek, wandte sich deshalb an den Abgeordneten Schneider mit der Bitte, dem Justizminister den Fall mitzutheilen und denselben ersuchen zu wollen, in dieser Affäre, welche die Bevölkerung außerordentlich errege, energisch einzuschreiten und eine gründliche Untersuchung anzuordnen. Nach dem Wortlaut des amtlichen Telegramms hat dieser Schritt auch Erfolg gehabt und die abermalige Verhaftung des von der Volksstimme des Mordes beschuldigten Juden bewirkt. Wir sehen hier, bemerkt die „Oesterreichische Wochenschrift" mit Recht, das merkwürdige Schauspiel, daß strafgerichtliche Untersuchungen in Oesterreich unter der unmittelbaren Kontrole des Abgeordneten Ernst Schneider stehe». Herr» Schneider wird aus der Provinz von antisemitische» Journalisten über die Verhaftung und Freilassung eines des Mordes verdächtigten Juden berichtet, Herr Schneider wird darauf aufmerksam gemacht, daß der Richter, welcher den Verdächtigen freiließ, ein Jude sei, und Herr Ernst Schneider intervenirt