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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-21 · Heft 16 (21.4.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 16 (21.4.1899)
Date
1899-04-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63« Jahrgang. Ar. 16. Allgemeine Berlin» 21. April 1899. ettung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner?9*. Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Expedition: iöerlin, Jerusalemerstr. 48/49. IAlle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. 3ttljltlt* Leitartikel r Frauenstudium. — Die Woche. — Abraham B. Gottlober. Von Albert Kat;. — Die neueste Verfügung in Sachen des jüdischen Religionsunterrichtes. Von Dr. Adolf Blumenthal. — Reichsländische Shnagogenverfassung. Von F. Geigel. — Brief aus Amerika. Von Prof. Dr. G. Deutsch. — Aus den Memoiren eines jüdischen Kaufmanns. — Feuilletonr Die Abtrünnige. III. Von Paula Faber. — Aus dem alten Berlin. Von David Hirschfeld. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Eulm a. W., Aus der Provinz Posen, Hannover, Köln, München, Nürnberg, Wien. — Bon Rah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Frauenstudium. Berlin, 18. April. fie Frage des Frauenstudiums an den deutschen Universitäten hat in jüngster Zeit mehrfach die maßgebenden Stellen beschäftigt und ist zu Gunsten der Frauen entschieden worden, welche Vorlesungen hören wollen. Unter den im letzten Wintersemester an den preußischen Universitäten studirenden 414 Frauen waren dem Bekcnntniß nach, soweit darüber Mittheilungen gemacht sind, 300 evangelisch, 24 katholisch, 88 jüdisch, dem Familienstande nach 374 ledig, 36 verheirathet, 3 Verwittwet. Da der Unterrichtsminister die maßgebenden Instanzen ermächtigt hat, in Zukunft genügend vorgebildeten Frauen die Erlaubniß zum Besuch der Universiiäts-Vorlesungen zu ertheilen, ohne daß in dem einzelnen Falle vorher die Genehmigung des Universitäts-Kuratoriums einzuholen ist, wird sich die Zahl der studirenden Frauen, und darunter auch der jüdischen, in Zukunft wohl noch wesentlich vermehren. Damit rückt die Frage auch in den Bereich des allgemeinen Interesses unserer Glaubensgemeinschaft als eine sehr gewichtige. Im Allgemeinen sind die Erfahrungen, welche in Rußland und in der Schweiz mit den studirenden Jüdinnen gemacht worden sind, durchaus günstig, obwohl in ersterem Lande in neuerer Zeit die Institute für höhere Frauenbildung jüdische Mädchen gar nicht oder doch nur zu einem sehr geringen Prozentsatz aufnehmen dürfen. Mit seltenem Eifer, ausdauerndem Fleiß und meist auch mit einer nicht gewöhnlichen Begabung haben es trotz der größten Entbehrungen einzelne arme Jüdinnen dahin gebracht, als Aerztinnen in dem weiten Lande jenseits der schwarz-weißen Grenzpfähle zu wirken, wo oft auf weiten Strecken keine ärztliche Hilfe anzutreffen ist. In Rußland hat jede Jüdin, die ein akademisches Diplom erlangt hat, auch in denjenigm Gouvernements das Aufenthaltsrecht, in denen sonst Juden das Wohnrecht versagt ist. Es ist daher leicht zu erklären, daß strebsame Mädchen, namentlich aus Orten des finsteren Chassidismus, sich gleichsam aus Nacht zum Licht zu den Frauenkursen der Universitäten, soweit sie sich ihnen erschließen, hindrängen, wenn sich auch gar manche arme Motte am Lichte die Flügel versengt. Viele jüdische Russinnen, welche kein Gymnasium absolviren können und daher in Rußland zu den Frauenkürsen nicht zugelassen werden, gehen nach der Schweiz. In Zürich z. B. besteht bereits ein internationaler Hilfsverein, der den ärmeren, oft sogar sehr armen Mädchens Unterstützungen gewährt. In Deutschland bestehen wohl Hilfsvereine für Studenten, nicht aber für studirende Frauen. Soweit uns bekannt, hat die vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund verwaltete Darlehnskasse für israelitische Frauen und Jungfrauen in einigen Fällen auch studirenden Frauen ihre Hilfe nicht versagt; es wäre indeß au der Zeit, daß auch die „Hilfsvereine für jüdische Studirende" in Berlin, Leipzig. Königsberg u. s. w. sich mit der Frage einer Statutenänderung nach dieser Richtung hin befaßten, — denn haben einmal die maßgebenden Stellen das Frauenstudium als nothwendige Folge unserer allgemeinen sozialen Verhältnisse anerkannt, so sind daraus (mit genauer Prüfung der Würdigkeit u. s. w.) auch von uns die nothwendigen Konsequenzen zu ziehen. Vom Standpunkt des Judenthums ans werden wir den sich entwickelnden Dingen allerdings etwas skeptisch gegenüberstehen. An „Blaustrümpfen" herrscht schon jetzt auch in unseren großstädtischen Kreisen kein Mangel, und die Naschim Zidkanijot, von denen wir erst jüngst sprachen, dürften uns aus diesen Bezirken zunächst wohl tr'icht erstehen. Vordem heirathete bei uns auch eine gebildete Frau oft einen weniger gebildeten Mann, wenn derselbe eine brave Stütze des Hauses zu werden versprach. Und umgekehrt war sehr oft die Frau die Ernährerin des Hauses, während der Mann den, Studium des Talmuds oblag. In sittlicher Beziehung mögen die einzelnen Studentinnen noch so hoch stehe» (es werden namentlich im Auslande leider auch Ausnahmen zu verzeichnen sein), für das Judenthum, dessen Herz die Familie bildet, werden viele dieser Frauen gerade nicht in erster Reihe als beste Errungenschaft zu bezeichnen sein. Doch auch wir müssen mit den sozialen Verhältnissen, wie sie einmal sind, rechnen. Die Schäden, die sich aus dem Frauenstudium ergeben, werden sich unzweifelhaft bald ausgleichen, und der Gewinn dürfte doch in vielen Beziehungen ein erheblicher sein. Am Ende ist auch diese Einrichtung keine neue in Israel. Die Ansicht, daß alles, was das Weib an Kenntnissen besitze, vom Nebel sei, und daß sich ihre Weisheit auf den Spinnrocken zu beschränken habe, war nicht einmal im talmudischen Zeitalter allgemein angenommen. Auch damals schon stand in dieser Frage Meinung gegen Meinung. Der Anschauung, daß, wer seine Tochter im Wissen unterrichte, sie zum Abfall führe, oder dem zornigen Ausruf gegenüber: „Mag das Feuer die Lehre verzehren, wenn sie nur nicht Gemeingut der Weiber wird", stehen andere Anschauungen und Aussprüche talmudischer wie rabbinischer Autoritäten gegenüber und

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