Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 der Universität Wien zur Zierde gereicht habe. Mit der Abfingung des „Gaudeamus“ durch den akademischen Gesangverein schloß die erhebende Feier. — Der antisemitische Defraudant Dr. A. Hödel, Bürgermeister oan Wölkersdorf, hat schnell Nachahmer gefunden: im christlichen Waidhafen an der Ibbs wurde der dortige Armensekretär wegen Unterschlagung von Armengeldern vom Amte suspendirt. — In Kärnthen ist Herr Simon Fisch Hof, der Bruder Adolf Fischhofs, im 72. Lebens-- jahre verschieden. — Der Ministerpräsident hat den Mitarbeiter der „Wiener Zeitung" Dr. Egon Zweig zum Ministerialkonzipisten im Ministerraths-Präfidium ernannt.— Am 19. d. M. fand in Prag eine Versammlung des Gemeindebundes für das Königreich Böhmenstatt. Seit Erlassung des Gesetzes vom März 1890 zur Regelung der Kultusgemeinde-Angelegenheiten hat sich das Bedürfniß fühlbar gemacht, einen Gemeindebund zu gründen, der in erster Linie die Aufgabe haben soll, jenen kleinen Gemeinden, welche sich selbst nicht helfen können, ein unterstützender Faktor zu sein. Die in Deutschland geschaffene Ber-" einigung der Gemeinden gab vor zweieinhalb Jahren den Impuls, auch in Böhmen eine Vereinigung zu schaffen; die erste Aktion des Gemeindebundes war die Pensionirung der Kultusbeamten respektive Versorgung der Wittwen und Waisen. Am 4. November v. I. hielt der Verband, unter Vorsitz des Herrn Dr. L. Bendiener, eine diesbezügliche Berathung ab. Die Prager Kultusgemeinde verpflichtete sich, ein Drittel des Betrages zu leisten, und bis jetzt hat der Verband erst 19 Gemeinden zu verzeichnen; trotzdem verfügt er über ein Kapital von 3471 Gulden.. Ferner besteht in dem Gemeindebund ein Rechtsschutzkomitee, das den Zweck hat, alle gegen Juden angewendeten Rechtswidrigkeiten zu bekämpfen. Amerika. 8. New-Uork, 13. März. Der 80. Geburtstag des Seniors unserer amerikanischen Rabbiner, Dr. Jsaac M. Wife, ist in dieser Woche in der glänzendsten Weise gefeiert worden. Indem ich mir einen ausführlichen Bericht Vorbehalte, bemerke ich nur, daß aus diesem Anlaß eine außerordentliche Sitzung der Centralkonferenz der amerikanischen Rabbiner in Cincinnati stattgefunden hat, die der greise Präsident in wunderbarer Geislesfrische mit einer seiner ausgezeichneten Jahresbotschasten eröffnet hat. Auch das Hebrew Union College hat ein großes Fest veranstaltet. Wir kommen auf alles ausführlich zurück. — Die Baron Hirsch-Gewerbeschule ist am 24. v. Mts. ohne Sang und Klang in ihrem neuen Gebäude wieder eröffnet, worden. Die Errichtung des neuen Gebäudes war nöthig, weil das alte sich als ungenügend auswies, ermöglicht wurde es aber durch eine neue großherzige Spende der Baronin Hirsch, die 650 000 Mark hergab. In dem neuen Gebäude sind für jeden der fünf Zweige, die gelehrt werden, besondere Abtheilungen geschaffen, also für Zimmerei, Hausmalerei, Schildermalerei, Bleigießerei und Maschinenbau. Eine Dynamomaschine liefert die Kraft zum Betriebe aller Maschinen, das elektrische Licht rc. Außerdem sind eine Reihe von Klassenzimmern für den theoretischen Unterricht vorhanden und eine große Aula für 400 Personen zu Vorlesungen. In den Räumen für Maschinenbau können 120, in der Zimmerei 104, in der Bleigießerei 66, in den beiden Malklassen ca. 100 Schüler unterrichtet werden. Die große Anstalt ist wahrlich des Mannes würdig, dessen Namen sie trägt. — In mehreren Synagogen wurden am 29. v. M. Predigten gehalten und Sammlungen veranstaltet, um für die indem Kriege gegen Spanien gefallenen jüdischen Soldaten ein Monument zu errichten. Mit besonderem Eifer nehmen sich Dr. Krauskopf, Dr. Berkowitz und Jliowizi, die drei' Resormprediger, dieser Bewegung an. Von Nah und Fern. ----- Der bisherige Hilfslehrer Dr. Heinrich Oppler ist zum Oberlehrer am königlichen Friedrich - Wilhelms - Gymnasium befördert worden. — Das sechzigjährige Jubiläum der Omnibusse in Berlin erinnert daran, daß zwei Juden die Begründer dieser Institution warem 29. Oktober 1639 erhielt Geheimer Kommerzienrath He noch die erste und sieben Jahre später I. M. Heckscher die zweite Konzession. — Der Fabrikbesitzer, Provinziallandtags - Deputirte und Vorsitzende des Repräsentantenkollegiums der jüdischen Gemeinde zu Jnowrazlaw Julius Lewy hat den Titel Kommerzienrath erhalten. — In Breslau feierte der Gutsbesitzer Dr. Friedländer-Kentschäu sein 25 jähriges Jubiläum als Amtsvorsteher unter lebhafter Theilnahme der betreffenden Kreise. — In Eschweiler hat die Stadtverordnetenversammlung die vorgeschlagene Einschränkung des Schächtens mit 14 gegen 1 Stimme verworfen. — In Weener ist bei einem Fest des Synagogenchors der emeritirte Lehrer D. de Vries, ein allgemein geachteter Mann, von einem Herzschlag getroffen worden. Der Verstorbene war 38 Jahre lang Lehrer der dortigen jüdischen Schule. — Der von dem Privatier Lazarus Schwarz in Nürnberg letztwillig mit einem Kapital von 400 000 Mark begründeten Stiftung zur Errichtung einer Altersversorgungsanstalt für dürftige Israeliten und der von demselben Stifter mit einem Kapital von 11000 Mark begründeten Stiftung zur Unterstützung dürftiger Israeliten wurde die landesherrliche Bestätigung ertheilt. — In Stuttgart ist am 27. d. M. der Geheime Hofrath Albert v. Kaulla, Direktor der Württembergischen Hofbank, gestorben. — In Frankreich hat der Kriegsminister und ebenso der Marineminister verfügt, daß allen jüdischen Soldaten, die Pessach feiern wollen, der nöthige Urlaub auf ihr Ersuchen gewährt werde. So selbstverständlich diese Bewilligung ist, so hat sie doch in der gegenwärtigen Zeit einige Bedeutung als Symptom dafür, daß der Antisemitismus in der Regierung wenigstens noch nicht allzu stark ist. — Zur Weltausstellung von 1900 bereitet die Sorbonne einen eigenartigen Kongreß vor; das Thema ist „Geschichte der Religionen", also kein Religionskongreß, der auf der Weltausstellung in Chikago ein Ende mit Schrecken nahm. Nicht Priester, nur Männer der Wiffenschaft sollen die Geschichte der Religionen erörtern, für die verschiedenen Kulte sind acht Abtheilungen vorgesehen: 1. Barbarische Kulte, Amerika vor Columbus, 2. Aeußerster Orient, China, Japans Indo-China, 3. Judenthum und Islam, 4. Aegypten, 5. Hindus und Iran, 6. Römer und Griechen, 7. Germanen, Kelten, Slaven, 8. Christenthum. An der Spitze des Unternehmens steht Albert Reville, der französische Geschichtsforscher, nebst 40 anderen französischen Gelehrten. — In Paris ist der Divisionsgeneral Levy-Alvares im Alter von 73 Jahren gestorben. Er war früher Korpskommandant in Algier und dann Gouverneur in Lille. — In Paris hat eine Gruppe angesehener Katholiken ein „Comite Catholique po’ur la defense du droit“ zur Bekämpfung des Antisemitismus innerhalb der Kirche gebildet. — Commanditore Leone Ottolenghi in Asti (Piemont), ein in ganz Italien bekannterund geschätzter Philanthrop, wurde vom König Humbert von Italien in den Grafenstand erhoben. Die Behörden von Asti, Bürgermeister und Präfekt an der Spitze, erschienen im Haufe des Ausgezeichneten, beglückwünschten ihn, und die Bevölkerung bereitete ihm herzliche Ovationen. — Die neue Gemeinde des Tempel Sinai in Hartem, welche aus den wohlhabenden Mitgliedern der „Congregation Ansche Chefed" gegründet worden, hat als Prediger Rev. Dr. M. Kopfstein und als Kantor und Chordirigenten Rev. Osias Hochglück von der Congregation Ansche Chesed gewonnen. — Nachdem bei der letzten Nachwahl zum englischen Unterhaus in Hythe ein jüdischer Abgeordneter gewählt wurde, zählt das Unterhaus gegenwärtig neun jüdische Mitglieder. Und dabei bilden die Juden etwa 1 pro Tausend in Großbritannien. — In London ist am 18. d. M. George Gareia Wolf im Alter von 71 Jahren gestorben. Derselbe war lange Zeit das älteste Mitglied für Kimberley im Cap- Parlament. — Der Sultan von Marokko hat angeordnet, daß den Juden in Mogador Bauplätze zur Errichtung neuer Häuser angewiesen werden, da das alte Judenviertel sie nicht mehr fassen kann. — Mr. Charles H. Lauchheimer in Baltimore ist zum Major und Adjutanten des Marinekorps der Bereinigten Staaten befördert worden. — In Pretoria lebt seit 1876 ein angesehener englischer Jude, der seit Kurzem von dem König von Portugal in den Grafenstand erhoben worden ist. Edward Cohen ist seit vielen Jahren portugiesischer Generalkonsul gewesen, und erst seit einigen Monaten hat er dieses Amt niedergelegt, weil er mit den portugiesischen Behörden der Ostküste in Streitigkeiten gerathen war. Edward Cohen ist Ritter mehrerer portugiesischer Orden und erhielt bereits früher den Titel eines Barons. Mit dem portugiesischen Grafenstand ist die Würde eines Oberhausmitgliedes verbunden. Es ist also jetzt in Portugal ein jüdischer Pair! Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.