Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1899)
- Date
- 1899-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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36. Jahrgang. Nr 11. Kerlin» 17. Mär; 189V. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nadüiner ®r- Ludwig Philippfon-Konn. Verlags-Erpedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel r Professor Steinthal. — Die jüdischen Lehrkräfte an den Perliner Gemeindeschulen. — Die Woche. — Aus dem Abgeordnetenhause. — Jahresversammlung des Vereins israelitischer Lehrer Oberschlesiens. — Zur Einführung des bürgerlichen Gesetzbuches. Von Landgerichtsrath Eduard Silbermann. — Feuilleton: Die Rose von Saron. XXXVII. — Thut nichts, der Jude wird verbrannt!—Litterarische Mittheilnngen.—Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Charlottenburg, Potsdam, Mhslowitz, Breslau, Sorau N -L., Leipzig, Chemnitz, Bocholt, Düsseldorf, Köln, Grünstadt, Wien, Paris, London, New-Pork. — Bon Nah nnd Fern. — Briefkasten der Redaktion.—Geschäftliche Notizen. ^Professor Steinthal.^ Berlin, 14. März. enn uns jemals die Schwere des publizistischen Berufes fühlbar geworden, so ist es in diesem Augenblick der Fall, wo wir einem der edelsten nnd besten Menschen unserer Zeit, unserer Glaubensgemeinde vor allem, das letzte Lebewohl Nachrufen sollen. Profeffor Steinthal ist in der Nacht vom 13. zum 14. d. M. nach langen Leiden an den Folgen einer Lungenentzündung im 76. Lebensjahre gestorben. Weithin wird diese Trauerkunde Schmerz und Theilnahme erregen. Was wir an Steinthal besessen, das wiffen wir »och nicht alle, was wir an ihm verloren haben, das wird uns gar bald kund werden. Auf verschiedenen und weit auseinanderliegenden Gebieten hat der Verewigte Großes, ja Unvergängliches geleistet. Aber alles, was er geschaffen, ist dem Judenthum zu gute, gekommen, das er liebte mit allen Fasern seiner reinen Seele, mit allen Gedanken seines hohen Geistes. Er ist als Sprachforscher einer der Ersten in Deutschland gewesen. Mit seltener Klarheit ist er dem Urgeheimniß der Sprache nachgegangen und hat die geheimen Pfade, auf denen sie zu den Menschen gekommen, mit Hellem Verstände erleuchtet. Mit kühnem Forschergeist ist er in das Reich des philosophischen Gedankens eingedrungen und hat dort jene Lehren der Weltweishcit entdeckt, die die Harmonie mit Gott und die Liebe der Menschen zu einander verkünden, die ihren Quellpunkt in der Lehre des Judenthums haben. Von den Höhen der Sprachwiffeuschaft, aus den Tiefen des philosophischen Gedankens hat er, wie einer seiner besten Beurtheiler an Steinthals siebzigstem Geburtstage treffend ausführte, das Seelenleben der Menschen mit dem freien Sinn des unbefangenen Denkers zu erforschen und den psychischen Charakter der menschlichen Gesellschaft als einer trotz aller Verschiedenheiten doch einigen Völkerfamilie zu erklären verstanden. So ist von seiner überreichen Geistesarbeit ein Heller Strahl auf das Judenthum zurückgefallen, das er kannte und liebte wie Wenige, und dem er vor allem jene Kraft und Freiheit wiedergeben wollte, deren es bedarf, die es begehrt und erheischt. Wie einer der alten Propheten Israels, so stand er seit Jahren auf der Warte der Zeit und sprach in begeisterter Rede, in Zorn und Liebe, mit Kraft und Muth erhabene Mahnungen, hochsinnige Tröstungen, Worte der Wahrheit und des Friedens zu seinem armen Israel. Unvergessen werden diese Erzeugniffe seines Geistes bleiben allen unseren Lesern, die sie mit Rührung und Erhebung, mit Andacht und inniger Verehrung in sich ausgenommen haben. Aber kein Tropfen Gift ist in sein Blut gekommen, auch selbst nicht in der trübsten Zeit der Verhetzung. Rein und unbefleckt vom Haffe ist er durch dieses Leben gegangen, wie einer jener alten Patriarchen, von deren Leben und Wirken uns die heilige Geschichte kündet. Nur gegen den Abfall, nur gegen die Treulosigkeit ist sein Zorn entbrannt, und nur gegen die Ueberläufer fand er Worte heiligen Zornes, tiefster Entrüstung. Sonst aber hatte er den Bund des Friedens mit dem Leben, mit der Menschheit, mit der vollen Klarheit des Denkers längst geschlossen. Und was sollen wir erst von dem Menschen selbst sagen? Wie das Wort, so der Mann. Wie sein Schaffen rein und wahr, kraftvoll und zielbewußt, so war auch sein Charakter, in dem sich die besten Tugenden, deren ein Weiser sich rühmen mag, zu schöner Harmonie vereinigten: Tiefes Gefühl, reine Gesinnung, unerschütterliche Wahrhaftigkeit, lautere Bescheidenheit, feste Treue, männlicher Muth und ein edles, wahrhaft kindliches Herz. So war Steinthal, so hat er unter uns gelebt, so ist er von uns geschieden! „Weh, die ganze Welt beklagt den Tod eines Großen!" heißt ein talmudischer Spruch, dessen ganze schmerzerfüllte Bitterniß wir in diesem Augenblick voll empfinden. Ein Hohepriester im Tempel der Wissenschaft und der Humanität, ein Patriarch unserer Glaubensgemeinde ist von uns gegangen, da Gottes unerforschlicher Rathschluß ihn in ein besseres Jenseits berufen. Wir aber stehen zagend und klagend an feiner Bahre. Noch ist der Schmerz zu groß, um die Bedeutung dieses Lebens nach seinem vollen Werth ermessen und schildern zu können. Wir können heute nur in Treue und Trauer geloben, das Andenken des ausgezeichneten Mannes, des großen Lehrers, immerdar hoch in Ehren zu halten. Du aber zieh hin in das Land der Klarheit, edler Meister, das Dir verheißen nach dem Wort der Schrift: „Denn die Einsichtigen werden leuchten wie der Glanz des Firmaments, und die, so Viele zur Erkenntniß führen, wie der Sterne Chor für und für". Dein Andenken wird gesegnet bleiben in Israel, Dein Werk bleibt bestehen in der Menschheit, unvergangen, unvergänglich, von Deinem Schaffen wird man noch sprechen in fernen Zeiten. Heil Deinem Namen, er wird ewig leben!