Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-10 · Heft 10 (10.3.1899) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 10 (10.3.1899)
Date
1899-03-10
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228322--55331-3291525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

einer Erkältung an einem Lungenkatarrh — es war dies seine erste und letzte Krankheit. Sein Lebenslicht erlosch vorgestern wie ein Lämpchen ohne Oel. Er hinterließ ein Testament, in welchem er seine Frau — sie ist seine zweite Frau und eine Matrone von 76 Jahren — zur Erbin seiner kleinen Habe einfetzte.— Ein trauriges Zeichen der Zeit: Gestern standen in den hiesigen Blättern nebeneinander die Anzeige der Vermählung eines Fräuleins Albertine Brandeis, die auf der — Pariser Nuntiatur stattgefunden, und die Todesanzeige der einst so gefeierten Freifrau v. Gablenz-Eskeles! Die Familien Eskeles und Brandeis waren einst die ersten und frömmsten jüdischen Familien Wiens. Auch aus dem Hause Wilhelms v. Gutmann, des früheren Präsidenten unserer Gemeinde, sind in diesen Tagen ein Sohn und eine Tochter zugleich zum Taufbecken geschritten. — Hier ist der populäre Romanschriftsteller Samuel Buchbinder vor Kurzem gestorben. — Der. Kaiser hat dem Redakteur des Telegraphen-Büreaus Leopold Pollak den Titel eines kaiserlichen Rathes taxfrei verliehen. 6. Budapest, 17. Februar. Die Mitglieder der Israelitischen ungarischen litterarischen Gesellschaft haben nebst dem reichhaltigen Jahrbuch für 1599 ein lesenswerthes Studienwerk des Steins amangerer Rabbiners Dr. B. Bernstein über den 1848/49« un--! garifchen Freiheitskampf und die Juden zugeftellt erhalten. Zu diesem kostbaren Werke, in dem wir viele sehr interessante und authentischem Daten über die Theilnahme der Juden an dem Freiheitskampfe finden^ schrieb kein Geringerer als der Altmeister Maurus Jokai das^ Borwort. In diesem heißt es unter anderem: „Es wäre eine traurige- Erscheinung, wenn man in Ungarn noch jetzt darüber rechten müßte, ob . die menschlichen und bürgerlichen Rechte zum Gemeingut sämmtlicheri Einwohner des Vaterlandes werden sollten; dies bestimmen unsere Gesetze, und die Gefinnungstüchtigkeit des Volkes macht fie noch wirk-; samer. Nun aber sichert außer den ewigen Lehren der Logik und den idealen Auffassung der Wahrheit auch die ins Blut übergegangen^ Sachlage die Unveränderlichkeit des geschriebenen Gesetzes/ In Ungarn^ war das Volk der Religion Mosis, der hebräische Stamm, stets der^ eifrigste Anhänger der ungarischen Staatsidee und der Freiheit und istr es auch immerdar geblieben. Im Zeitalter der schwersten Prüfungen, während des 1648/49 er Freiheitskampfes haben die Juden den besten Beweis dafür geliefert. Als andere Volksstämme fremder Zunge des Vater-; landes, mit welchen dieses die ungarische Freiheit getheilt hat, deren^ Söhne es aus der Hörigenschaft befreit und auf ihrem Boden zu Herren gemacht hat, die Waffen gegen das Vaterland ergriffen, brachte der; hebräische Stamm der ungarischen Nation Gut und Blut, sein Vermögen und seinen Geist zum Opfer für die Bertheidigung der verfassungsmäßigen Freiheit; der hebräische Stamm, welchen die Gesetzgebung allein außerhalb der Schanzen der Verfassung vergessen hat,' jenes jüdische Volk, das allein kein Bürgerrecht, keine Gleichheit unters den Millionen des Vaterlandes bekommen hat. Dennoch liebte es seiw Vaterland. Die zahlreichen Daten dieser bewunderungswürdigen Vater-! landsliebe finden wir in diesem Buch gesammelt. Ich, der ich bi$j glorreichen und trauervollen Ereignisse dieser lehrreichen Vergangenheit in der unmittelbaren Nähe der damaligen leitenden Kreise miterlebtr habe, kann nur bezeugen, daß diese Daten der Wahrheit entsprechen.' Die Geschichtsschreibung schuldet der Hand, welche fie gesammelt und gesichtet hat. Dank. Das ungarische Publikum wird viele beherzigens»! werthe Lehren aus ihnen ableiten können. Den ungarischen Juden wird' daS befolgenswerthe Beispiel ihrer Altvorderen wie die biblische Feuersäule voranleuchten. Heil dem Leser!" Dieses vom Dichterfürsten so warm empfohlene Werk des Steinamangerer Rabbiners Dr. B. Bernsteins wird in kurzer Zeit auch in deutscher Sprache erscheinen. Neuei Daten, die in der ungarischen Ausgabe nicht verwerthet wurden, wären dem gelehrten Autor gewiß erwünscht. — Die Verwaltung dess^ jüdischen Landesfonds errichtet, wenn es durch den Widerstand der? chassidischen Kreise nicht unmöglich wird, in Szlatina, MunkaeS, Vereizke' und Szolyva je eine Volksschule in Verbindung mit einer Gartenbaus und einer Gewerbeschule. — In Temesvar bestapd eine Sefardengemeinde, die ihre Auflösung und ihren Anschluß an die innerstädter^ Kultusgemeinde beschloß. ' ' ' Amerika. B. New-Uork, 22. Februar. Der bekannte New-Iorker Mäeenas Jacob A Schiff hat dem jüdischen JünglingsvereinYoungMen’sHebrew Association den Betrag von 150060 Dollars zur Errichtung eines Hauses geschenkt. Frau Esther Hermann hat dem Verbände wissenschaftlicher Vereine den Betrag von 10000 Dollars geschenkt. Das Mount Sinai Hospital, dessen Belagraum von etwa 200 Betten sich als zu klein für die Bedürfnisse erwies, wird einen Neubau errichten. Der Bauplatz wurde bereits gekauft. Bon der für den Bau erforderlichen Summe von 1200000 Dollars sind 950000 Dollars (vier Millionen Mark) bereits gezeichnet. Interessant dürfte es in dieser Verbindung sein, zu bemerken, daß auch die russisch-polnische Kolonie New-Aorks sich von der unsystematischen Wohlthätigkeit zur Errichtung von Anstalten aufzuschwingen beginnt. Seit mehreren Jahren besitzen sie bereits ein Hospital im sogenannten Ghetto, und kürzlich haben sie auch ein Altersversorgungshaus errichtet. Von Nah und Fern. Am 3. d. ist hier der Lehrer Ad. Wolfs, früher an der jüdischen Schule zu Gleiwitz, ein trefflicher und wahrhaft frommer Mann, im 63. Lebensjahre sanft verschieden. Ehre seinem Andenken! — Zum Andenken an seine im Januar dieses Jahres verstorbene Gemahlin hat Herr Philipp Freudenberg, Seniorchef der Firma Herrmann Gerson, eine Stiftung ins Leben gerufen, deren Zinsen zur Penstonirung von bei ebengenannter Firma langjährig Angestellten sowie zur Unterstützung von Wittwen und Waisen derselben verwendet werden sollen- Herr Freudenberg hat dieser Stiftung zunächst ein Kapital von 56 000 Mark überwiesen. — Dem Seniorchef der früheren Bankfirma A. Ruß jr., Herrn Ad. Ruß, einem der geachtetsten Mitglieder unserer Gemeinde, der vor einem Jahre unter allgemeiner Theilnahme feinen 70. Geburtstag gefeiert hat, ist der Rothe Adlerorden 4. Klasse verliehen worden. — Die Nachricht, daß Graf Pückler in Kl. Tschirne nicht mehr als Amtsvorsteher fungire, wird vom „Niederschlefischen Anzeiger" für unrichtig erklärt. Das hiesige Antisemitenblatt ist übrigens am 1. d. Mts. wieder wegen eines Artikels über die sattsam bekannte Rede des Grafen Pückler konfiszirt worden. — Auch in Glog au ist die neue antisemitische Rede des Grafen Pückler in Klein-Tschirne beschlagnahmt worden. Eine dortige Druckerei hatte die Herstellung der Flugblätter übernommen, die in größerer Zahl auf Grund des A 130 des Strafgesetzbuchs (Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten) konfiszirt wurden. Gegen den Grafen Pücklcr selber ist das Strafverfahren eingeleitet worden. — In Straß bürg i. Elf. ist am 9. d. M. der Oberstabsarzt Dr. Ehrlich von einem Schlaganfall tödtlich getroffen worden. Die Leiche wurde zur Beerdigung nach Berlin gebracht. — In Lemberg sind 1896 vom Juden-zumChristen- ^thum 36 Personen übergetreten, von denen 28 (II Männer und 9 Frauen) zur römisch-katholischen, 1 zur griechisch-katholischen, 7 (5 Männer und 2 Frauen) zur evangelischen Kirche übergingen. — Der XII. internationale Orientalisten-Kongreß soll in Rom Anfang Oktober stattfinden. Präsident des Organisationskomitees ist Graf Angelo de Gubernatis, Professor des Sanskrit in Rom, Generalsekretär des Kongresses ist der Graf Francesko Lorenzo Pulls, Professor des Sanskrit in Pisa. — H. Wolff-Ferrari hat das Hohelied in einem Oratorium „Sulamit" bearbeitet, das in Venedig mit großem Erfolg zur Aufführung gelangte. — Die französische Regierung beabsichtigt, gegen die Häupter und Führer der Antrsemiten-Liga gerichtlich vorzugehen. Der kürzlich verstorbene Lord Her schell, der Führer der liberalen Partei im englischen Oberhaus, stammt aus einer jüdischen Familie, obwohl fein Vater sich hatte taufen lassen, ehe der jetzige Lord Herfchell geboren wurde. Dieser Vater, der in Strelno bei Thorn geboren war, ließ sich in London mit seinem Bruder taufen. Beide Brüder wurden Geistliche, wie ja bekanntlich ziemlich viele Geistliche der englischen Kirche getimfte Juden sind. — Eine interessante Wahl hat kürzlich in Hythe stattgefunden. Es wurde in das englische Unterhaus gewählt Sir Edward Sasson, der Schwiegersohn des Baron Gustav Rothschild, als liberaler Unionist. Sein Gegenkandidat war Sir Israel Hard ein hervorragender Radikaler, der 1898 Stimmen erzielte, gegen 2425 Stimmen, die auf Sasson fielen. Seltsamerweise find beide Kandidaten Juden. — Dr. Julius Friderieia in Kopenhagen ist zum ordentlichen Professor der Geschichte an der dortigen Universität ernannt worden._•_ . Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.