Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Iaßrgartg. Nr. 9 Serlln, 3. Mär? 1899 eilung öes Audeiühums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nadtnner Dr. Ludwig Phttippson-Konn. Verlags-Expedition: töerlin, Jerufaiemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post'oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Me Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikelr Was lernen wir ans unserer Geschichte? — Die Woche. — Was ist vom Antisemitismus zu halten? Von Dr. F. Neuß. — Ein jüdischer Arzt. — Protokoll der Jahresversammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Ostseeprovinzen. — Das Licht als Metapher in der Bibel. II. Von Dr. M. Güdemann. — Feuilleton: Die Rose von Saron. XXXV. — Litterarische Mittheilungeu. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Schneidemühl, Leipzig, Hamburg, Cassel, Frankfurt a. M., Straßburg i. E., Wien, London, New-Pvrk. — Bon Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. — Briefkasten der Redaktion. Mas lernen wir ans unserer Geschichte % Berlin, 28. Februar. f ie großen Erfolge, welche die Bewegung der Litteraturvereine gerade in diesem Winter errungen hat, die eifrigen Bemühungen, die überall, namentlich aber in Preußen, in letzter Zeit gemacht wurden, den Religionsunterricht zu heben und auszubreiten, legen die obige Frage wohl sehr nahe und erheischen eine ausreichende Erklärung derselben. Man muß sich vor allem immer gegenwärtig halten, was mit der größtmöglichen Ausbreitung der Kenntniß der jüdischen Geschichte gewonnen wird^ Zunächst und hauptsächlich muß sie zur inneren Erstarkung des Judenthums führen. Das wäre eine unschätzbare Errungenschaft. Denn gar mancher Jude, der den tiefen Sinn, den erhabenen Geist der jüdischen Religion, des Judenthums überhaupt nicht kennt, die Weihe des jüdisch-religiösen Wesens »nd Lebens nicht versteht, kommt sich selbst und es kommt ihm auch das ganze Judenthüm inmitten einer modernen Welt, die gleich fertig ist mit dem Urtheil, daß dies oder jenes im religiösen Leben ein überwundener Standpunkt sei, — zumal dasselbe weder das Pulver noch die Eisenbahn oder die elektrischen Werke erfunden, — als eine veraltete Erscheinung, als ein sonderbares geschichtliches Räthsel vor. Diese „veraltete Erscheinung" empfindet er als ein unerträgliches Gekcnnzeichnetsein, und dieses „sonderbare, geschichtliche Räthsel" erfüllt ihn mit innerem Unwillen. Unkenntniß von dem wahren Wesen, der wahren Steüung, Leistung und Bedeutung des Judenthums in der Geschichte der Menscheit hat seine Entfremdung, die Kälte und Gleichgiltigkeit gegen seinen Stamm und seinen Glauben, von dem er nur das Bewußtsein hat, daß er der Geburt nach ihm angehört, zur Folge. Man muß sich hüten, ihm allein die Schuld an seinem unbehaglichen und unzufriedenen Gemüthszusland zuzuschreibe». ■, Der Talmud sagt: „Der Gebundene kann sich von seinen Fesseln nicht selbst befreien"'; die Unkenntniß macht ihn zu einem Gebundene», der bei jeder Bewegung religiöse Feffeln empfindet, bei jedem Schritt auf Hemmnisse, ans Zweifel und Räthsel stößt, bei jedem Aufblick nur Schranken und eine eng begrenzte, in sich verschloffene Welt im Judenthnm sieht, die mit der Außenwelt in keiner oder doch nur sehr loser Berührung steht. Der Unterricht in der Religion, Geschichte und Litteratnr des Judenthums war bei ihm vielleicht ein sehr mangelhafter, nnmethodischer und unrationeller. Das Wenige, das er in der Kindheit gelernt, hält nicht Stand gegen die äußeren, religionszersetzenden Einflüsse sowie gegen die theils leichtfertigen, theils absichtlich und systematisch ans Untergrabung der jüdischen Weltanschauung ausgehenden oberflächlichen Raisonnements über das Judenthnm. So kommt es, daß er sich jetzt in einem Zustande religiöser Stumpfheit befindet. Aber das Bestehen eines jüdischen Geschichts- und Litteraturvereins in der Gemeinde übt auf alle Schichten derselben seine Anziehungskraft aus. Interessante Vorträge und Diskussionen erwerben ihm immer mehr Anhänger, Freunde und Förderer. Die Blasirtheit macht bald warmem Jntereffe Platz; an die Stelle der verdrießlichen Unzufriedenheit mit sich selbst, an Stelle der Mißachtung aus Unkenntniß tritt die heilkräftige Einsicht in das wahre Wesen des Judenthums und in seine hohe Bedeutung für die Welt, die heilkräftige Einsicht, aus welcher die goldene Frucht der Liebe zum Judenthnm, der Selbstachtung und des erhebenden Selbstgefühls hervorsprießt. Wir können ferner unsere Gegner und Feinde mit ihren Verleumdungen ans keine wirksamere und zugleich edlere Weise aä absuidum führen, als wenn wir unter der neuentfalteten Fahne der Pflege unsres Geisteslebens uns zusammen finden, um die alten und neuen Schätze unserer Geschichte uns zu eigen zu machen. In der reichen, alle edlen Menschenziele sowohl materiell als auch ganz besonders geistig fördernden Arbeit des Judenthums in der alten und neuen Zeit liegt ein kostbares Pfand seines dauernden Fortbestandes, eine sichere Gewährseiner ununterbrochenen Lebens- »nd Entwickelungsfähigkeit. Ist ja die Wiedergeburt, die Verjüngung und Erstarkung des Judenthums nach der so oft erfolgten Zertrümmerung seines Lebensglückes gerade aus dem unversiegbaren Quell der Geschichte hervorgegangen. Dafür sind zwei Beispiele aus der alten und neueren Zeit zu eklatant, als daß sie nicht sofort in die Augen fielen. Die Wiederherstellung des Judenthnms durch Rabbi Jochanan b. Sakkai, indem er das geistige, ideale Jerusalem, den geistigen Brennpunkt des Judenthums, dem alle Herzen und Geister der Versprengten mit erneuter Hoffnung sich zuwandten, vor dem Untergang bewahrt »nd weiter .fortgebildet, zweitens die Befreiung Israels durch Moses Mendelssohn aus Knechtung, Mißverständniß und Mißachtung, indem er das Alte modern belebt und den infolge der gedrückten Verhältnisse beengten Horizont des wissenschaftlichen Strebens unter den deutschen Inden zugleich erweiterte.