Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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meinderathes der Beschluß gefaßt, daß das Schächten im Schlachthause und im Bereiche der Stadt Graz abgeschafft werde. Dieser Beschluß wurde jedoch bereits am 1. März desselben Jahres auf Grund einer von der dortigen israelitischen Kultusgemeinde überreichten Beschwerde vom damaligen Statthalter Baron Kübeck sistirt und die Durchführung des Beschlusses später vom Ministerium des Inneren verboten. Im Jahre 1894 lag auch dem niederösterreichischen Landtage ein Antrag auf Erlassung eines Schächtverbotes vor. Derselbe wurde jedoch vom Gemeinde- und Verfassungsausschufle abgelehnt. In der Begründung der Ablehnung wurde gesagt: „Man müsse vom Standpunkte der freien Religionsübung schwere Bedenken tragen, eine solche Einschränkung, wie sie der Antrag bezwecke, eintreten zu lassen, ehe nicht die zwingendste Nothwendigkeit dazu vorliege". Dem Grazer Gemeinderathe passtrte es kurze Zeit darauf, daß er selbst das rituelle Schächten im Großen anordnen mußte. Es kamen nämlich 2000 bosnische Soldaten in die Grazer Garnison, welche nur Fleisch von geschächtetm Thieren essen, und da mußte denn die Grazer Gemeinde, welche die Garnison gegen ein Relutum verpflegen muß, mit einem Fleischhauer die Lieferung von geschächtetem Fleisch abschließen. Als Schächter fungirte ein bosnischer x Soldat. Ob gerade der Wiener Gemeinderath dazu berufen ist und die Kapazität besitzt, eine Entscheidung in dieser Sache zu treffen, bleibt dahingestellt. — Vor einigen Tagen hat stch hier ein junger christlicher Lehrer erschossen, da er, als nicht zur antisemitischen Partei gehörend, bei den Lehrerbeförderungen übergangen wurde, was ihn um so härter traf, als er von seinem kargen Gehalte eine alte Mutter zu ernähren hatte. — Bis zu welchem Grade von thierischer Rohheit der Antij semitismus ausartet, beweist wieder ein entsetzenerregender Vorfall, der sich vor einigen Tagen in Prag abspielte: Ein elektrischer Wagen fuhr j von hinten absichtlich in einen jüdischen Leichenzug hinein. Entsetzt? stoben die Trauergäste aus einander. Diese sowie Passanten gaben begreiflicherweise ihrem Unmuth Ausdruck. Der Wagenleiter rechtfertigte sich, zur Rede gestellt, mit den Worten: „Wegen ein paar Juden bleiben wir nicht stehen". Sein Name wurde sofort festgestellt. Dieser Vorfall hatte eine nach Hunderten zählende Ansammlung zur Folge. Asien. 3. Jerusalem, 10. Februar. Das Ereigniß der letzten Wochen ist j der Besuch des Barons und der Baronin Edmund Rothschild.! Am 25. v. M. landete der Baron auf seiner eigenen Jacht in Jaffa. [ Er besuchte den Kaimakan und begab sich dann nach Rischon le Zion, wo er gründlich die Kellereien inspizirte und dann auf seine Jacht zurückkehrte. Am folgenden Tage besuchten der Baron und die Baronin Pethach Tikwah und empfingen dort Deputationen der Gemeinden von Jaffa und Jerusalem. Am 27. Januar besuchte dann der Baron Ekron, Waadel Chanin und Rechowoth und kehrte dann nach Rischon le Zion zurück, wo er mit seiner Gemahlin über den Sabbath blieb. Er betete Freitag Abend und Sonnabend früh in der Kolonistensynagoge zu Mincha in der Betstube der Tagelöhner, und nach Sabbath Ausgang versammelten sich alle Kolonisten in dem Volkshaus, wo er eine große Ansprache hielt. Schon im Laufe des Tages hatte er alle Kolonisten in ihren Häusern besucht, nur zwei Familien nicht, weil deren Häuser ihm für Bauernfamilien zu luxuriös erschienen. Auch im Volkshaus spracher energisch gegen den Luxus, tadelte, daß einige Frauen und Mädchen Hüte mit modernem Aufputz trugen, und erinnerte die Kolonisten daran, daß sie früher arm gewesen seien und daher jetzt ihre Mittel statt auf Luxus lieber auf die Unterstützung armer Tagelöhner rc. verwenden sollten. Vor allen Dingen ermahnteer sie, treu alle Vorschriften unserer heiligen Religion zu bewahren, und ging ihnen allen mit gutem Beispiel voran. Auf der Jacht des Barons wird nur koscher gekocht, alle Thüren j sind mit Mesusot versehen, eine kleine Synagoge ist vorhanden rc. In. der Kolonie ging der Baron trotz strömenden Regens ohne Schirm und beobachtete jede Tradition. Die Kolonisten wies der Baron darauf hin, daß es in Europa so schwer sei, alle Vorschriften zu beobachten, aber in Palästina sehr leicht, und deshalb müßten sie um so strenger in der Beobachtung aller Vorschriften sein. Im Ganzen war der Baron mit dem, was er gesehen, recht zufrieden und sehr heiter gestimmt. Er über-, gab den Kolonisten von Rischon le Zion die innere Verwaltung der^ Kolonie und versprach, sich der Kolonisten von Jehudije anzunehmen und^ dort Oelbäume pflanzen zu lassen. Zur Vergrößerung der Synagog^ in Rischon spendete er 25 000 Francs. Am Sonntag war der Baron einige Stunden in Jerusalem, besuchte dort den Pascha, den französischen Konsul, die beiden Oberrahbiner, das Rothschildhospital und die Klagemauer. Allgemeine Bewunderung hat der Ernst des Barons erregt, mit dem er sich um alle Details der Kolonisation gekümmert und die Verhältnisse jedes Kolonisten studirt hat. Nach einem kurzen Besuch in Sichron Jacob und Tantura kehrte der Baron am 31. Januar nach Frankreich zurück. Von Nah und Fern. — Am 18. d. fand die feierliche Promotion der ersten Doktorandin an der Berliner Universität, Fräulein Else Neumann, zum Dr. phil. statt. Die gelehrte junge Dame ist eine Tochter des Bankiers Max Neumann und eine Enkelin der bekannten Schriftstellerin Nahe! Meyer, deren Roman „In Banden frei" zu den besten Schöpfungen der jüdischen Belletristik gehört. — Herr Gustav Manheimer ist als ältester Chef der großen Konfektionsfirma B. Manheimer zum Kommerzienrath ernannt worden. — Der Hauptlehrer a. D. Moritz Siegmann ist am 18. d. Mts. im 85. Lebensjahre hier gestorben. — In Beuthen (Oberschlesien) ist Kommerzienrath Hermann Zerkowski im 66. Lebensjahre gestorben, der sich um den oberschlesischen Industrie bezirk mannigfache Verdienste erworben und lange Jahre dem Vorstand der dortigen jüdischen Gemeinde angehört hat. — Dem Abgeordneten Ahlwardt hat, wie das „Deutsche Blatt" vom 11. d. M. erfährt, die Regierung zu Weimar jedes weitere agitatorische Auftreten im Großherzogthum untersagt und im Falle der Weigerung mit sofortiger Ausweisung gedroht. Das Verbot wird mit dem antimonarchifchen Inhalt der Ahlwardt'schen Reden begründet. — Der kürzlich in Leipzig verstorbene Ferdinand Ascher, Bruder des ehemaligen Wiener Theaterdirektors Anton Ascher, hat sein ganzes Vermögen, 300 000 Mark, der dortigen jüdischen Kultusgemeinde hinterlaffen. — In Frankfurt«. M. ist am 11. nach langem, schwerem Leiden der Maler Hermann Junker gestorben, der als Schüler Oppenheimers dessen „Bilder aus dem jüdischen Familienleben" glücklich ergänzt und fortgeführt hat. — Der dritte Zionisten-Kongreß wird am 15. August in Basel eröffnet werden. Die Subskription auf die jüdische Kolonialbank findet in den letzten Tagen des März statt. — Die Resultate der russischen Volkszählung aus dem Januar 1898 sind allerdings zum größten Theil noch unbekannt, doch sind schon die Daten aus drei Gouvernements veröffentlicht worden, die ein Anschwellen der Ziffer der jüdischen Einwohner zeigen. Es sind Kiew mit 474 000 Juden, Wolhynien mit 460 000 und Podolien mit 377 000 Juden. Im Jahre 1891 schätzte man die Ziffer auf 350000, 340 000, 340 000, in Summa 1080000 Juden, jetzt sind es 1311000, also 231000 -211/2 pCt. Zunahme. - An Stelle des verstorbenen Oberrabbiners Elia Bourgel ist der Rabbiner Mardochai Samadja zum Oberrabbiner von Tunis gewählt worden, der stch bei den Israeliten der Regentschaft großen Ansehens erfreut. — Der frühere Maire von Algier, Max Rsgis, und der verantwortliche Redakteur des „Antijuif", Philippi, wurden von dem Schwurgericht des Jsöre-Departements abgeurtheilt wegen Preßvergehens und wegen Verherrlichung des Mordes und der Plünderung in Reden, die sie in Versammlungen in Paris und Algier gehalten haben. Die beiden Angeklagten erschienen nicht vor Gericht. Der Gerichtshof verurtheilte sie daher in contumaciam, und zwar Max Rcgis zu drei Jahren Gefängniß und 1000 Francs Geldstrafe und Philippi zu acht Monaten Gefängniß und 100 Francs Geldstrafe. — Im Nouveau Thöätre in Brüssel veranstaltete das Publikum während der Aufführung eines fünfaktigen Dramas „Der König von Rom" antisemitische Kundgebungen. Es erschollen die Rufe: „Nieder mit den Juden!" — Alfred Chotzner, der seit einiger Zeit im englisch-indischen Staatsdienst thätig ist, wurde jüngst von der englischen Regierüllg zum Verwalter eines ganzen Bezirks im westlichen Theile von Indien befördert. — Ein edler Christ Robert Maefie von Airds hat eine Summe von 100 000 Mark hinterlassen, welche seine Testamentsvollstrecker für arme Juden verwenden sollen. In einem Kodizill sagt der Erblasser: „Ich habe große Sympathie mit jenen armen Juden, die von mißgeleiteten Autokraten in Europa verfolgt werden, welche glauben, daß ihnen die Macht gegeben ist, die Welt nach ihrem Wunsch zu ändern und an einer anderen Stelle von „diesen Autokraten, die eine Einöde schaffen und dies Frieden nennen". Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.