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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-17 · Heft 7 (17.2.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 7 (17.2.1899)
Date
1899-02-17
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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ist es am 12. d. M. zu Demonstrationen gekommen, weil die Regierung die Errichtung eines Bismarck-Denkmals verboten hat. Was thaten nun die wackeren Teutschen am Sonntags Sie prügelten die Juden durch! 8. Budapest, 9. Februar. Ein recht.trauriges Bild bieten,, wie wir an dieser Stelle sehr oft ausgesprochen haben, die jüdische!» Schulverhältnisse im nordöstlichen Theile des Landes. Während die Kultusgemeinden in anderen Theilen Ungarns nahezu 600 öffentliche Volksschulen erhalten, finden wir z.B. im Märamaroscher Komitat, wo mehr als 40 000 Juden wohnen, keine einzige den staatlichen Anforderungen entsprechende jüdische Schule. Von 10 000 schulpflichtigen Kindern besuchen kaum 3000 die öffentlichen Staatsschulen, während die übrigen nur Winkelschulen frequentiren,in denen von „polnischen" Melamdim jüdischer Unterricht erlheilt wird. Wir konnten daher nur mit großer Anerkennung der Bestrebungen der Verwaltung des jüdischen Landesfonds gedenken, die es stch zur Aufgabe machte, diesem Uebel zu steuern, ohne auf die chassidischen Bewohner dieses Landcstheils einen Gewissenszwang auszuüben. Es wurden daher Schulen geplant, in denen der Religionsunterricht ganz und gar dem Ermessen des Lokalrabbiners und der Kultusgemeinde überlassen wird. Tie erste dieser Schulen sollte in Szlatina errichtet werden, wo auch schon ein passendes Schulgebäude mit einem großen Garten zur Verfügung stand. Doch als der Bevollmächtigte des Landesfonds im Orte erschien, um das Gebäude, deren Eigenthümer Juden sind, zu erwerben, erschien auch der M. Szigeter Wunderrabbi im Kreise seiner Gläubigen, um gegen die zu errichtende Schule, die das „Werk des Satans" zu werden drohe, eine fanatische Rede zu halten. „Der Satan", so sagte er, „weilt schon hier in der Stadt, um sein Netz auf die „giten Jiden" auszuwerfen." Nach seiner Rede, in der er Alle, die die Sache einer Schule fördern, in Acht und Bann that, waren die Besitzer des betreffenden Gebäudes nicht mehr dazu zu haben, es dem Landesfonds zu überlassen. Der Bevollmächtigte desselben aber, gegen den die fanatistrte Volksmenge eine drohende Stellung einnahm,!i ß stch nicht abschrecken und erwarb vom Awar einen passenden Baugrund. Hoffentlich wird bis zur Eröffnung der Schule der Widerstand der chasstdischen Bevölkerung gebrochen sein. — Im Scharoscher Komitat, wo die schulpflichtigen Kinder durch Winkelschulen dem öffentlichen Bolksschulunterricht entzogen wurden, sah stch die Komitatsverwaltung veranlaßt, gegen dieselben strenge Maßregeln zu treffen. Doch bleiben die Rellgionsschulen, deren Schüler öffentlichen Volksschulunterricht genießen, von denselben unberührt. Großbritannien. o. London, 11 Februar. Der Vorstand der United Synagogues hat in seiner Versammlung vom 7. d. ein sehr wichtiges Werk zu Ende geführt. Der Plan für die Besserung der Zustände im Ostend ist nach so vielen Hin- und Herberathungen, nach endlosen Debatten schließlich mit kleinen Abänderungen in der Form angenommen worden, in der er durch die vorberathende Kommission dem Vorstand unterbreitet worden ist. Sein Kernpunkt ist die Errichtung von umfassenden Baulichkeiten, unter denen eine große Synagoge sich befinden wird, die aber außerdem für viele Vereine, Unterrichtsanstalten rc. Platz bieten muß. Ferner wird die Anstellung von Dolmetschern empfohlen, die von einenj Spezialkomitee eine Autorisation erhalten sollen, dann die Errichtung eines Schiedsgerichts auf religiöser Grundlage, seiner soll die Errichtung von Sparvereinen, Versicherungsvereinen, Klubs für Knaben, Mädchen und Erwachsene rc. gefördert werden. Mit besonderem Nachdruck wird man bemüht sein, die technische Erziehung zu fördern, und zwar durch Errichtung von Klassen für den Handfertigkeitsunterricht in den jüdischen Schulen sowie durch Bezahlung des Schulgeldes für jüdische Schüler in bestehenden derartigen Anstalten und durch Propaganda bei den Eltern. Außerdem werden Besuchs-Komitees eingerichtet, die die Armen in ihren Wohnungen aufsuchen sollen, Krippen eröffnet, Auskunstsbüreaus für die Aus- und Einwanderung und den Geldwechsel geschaffen werden, und schließlich soll die allgemeine Bildung im Ostend durch geeignete Vorträge und Unterrichtsanstalten besonders für Englisch gefördert werden. So weitanssehend dieser Plan ist, und so große Kosten er auch erfordern wird, so dürfen die United Synagogues mit Muth an diese Arbeit Herangehen, denn ihre Finanzen sind in glänzender Verfassung- und an freiwilligen Hilfskräften wird es nicht fehlen. Die Einnahmen beliefen stch im Berichtsjahr auf ca. 640 000 Mark, die Ausgaben auf ca. 540 000 Mark, so daß ein Ueberschuß von rund 100 000 Mark dem Fonds zugeführt wurde. Dabei haben die United Synagogues noch ca. 60 000 Mark für Unterstützungen und 13 000 Mark für Religionsunterricht ausgegeben. Es mögen noch einige statistische Daten folgen. Hochzeiten wurden in diesen Synagogen geschloffen 904, gegen 878 im Vorjahre, ferner in den Synagogen der Federations Synagogues 135, gegen 74 im Vorjahre. Todesfälle von Juden gelangten 1853 zur Anzeige, gegen 1729 im Vorjahre. Von Nah und Fern. ----- Dr. Moritz Gumbinner, der bekannte Journalist, feierte am 12. d. M. unter allgemeiner Theilnahme seinen 70. Geburtstag. Der Verein „Berliner Presse" gab dem Jubilar ein Festbanket. — Professor Dr. Lewin, der bekannte Pharmakologe, hat sein Kolleg über „Arzneimittellehre" und „Toxokologie" schließen müssen. Der beliebte Lehrer, der infolge der interessanten Behandlung seines Themas die größte Anzahl von Hörern in feinem Fache hat, muß sich wegen eines Halsleidens bei Professor v. Bergmann einer Operation unterziehen. — Am 6. d. M. ist hier plötzlich infolge eines Herzschlages der Rechtsanwalt Carl Heilmann im Alter von 38 Jahren gestorben. — Der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Köln hat nun doch beschlossen, die Orgel in der neuen Synagoge nicht einzuführen. — Dr. Sigls „Vaterland" weiß aus Paris zu berichten: „Der vielgenannte und gewandte russische Botschafter in Paris, der jetzt in Pau in Südfrankreich lebende Baron von Mohren heim, der Schöpfer des russisch-französischen Bündnisses, war ein vom k. dänischen Hofe protegirter Jude, welcher Adel und Botschafterposten der Kaiserin-Mutter, geborene Prinzessin Dagmar, verdankte. . ." — Der russische Minister des Inneren hat verordnet, daß Dörfer von einer gewissen Größe in Zukunft Stadtrecht erhalten sollen. Diese Verfügung ist für die Juden im Ansiedlungsrayon von großer Tragweite, denn in den Dörfern durften sie nicht wohnen, wohl aber dürfen fie in den kleinen Städten wohnen. — Bemerkenswerth ist, daß in einer ganzen Reihe von Fällen russische Fabrikbesitzer, die jüdische Arbeiter beschäftigen, bei der Regierung petitionirt haben, man möge den jüdischen Arbeitern, die den Sabbath halten, erlauben, am Sonntag zu arbeiten. In Zerhossy, Gouvernement Kiew, ist den Leitern eine-r. großen Tabakfabrik, in der 600 Juden beschäftigt sind, diese Erlaubniß provisorisch gegeben. — Frau Baronin Hirsch hat dem jüdischen Frauenwohlthätigkeitsverein in Kowno 5000 Rubel geschenkt. — Die vom Prinzen Georg ernannte Kommission in Kanea hat in das neu ausgearbeitete Statut folgende Punkte ausgenommen: Alle religiösen Bekenntnisse werden in gleicher Weise anerkannt und durch die Gesetze geschützt. Alle Kretenser haben Zutritt zu den öffentlichen Aemtern, soweit sie zu deren Bekleidung befähigt und ihr moralischer Lebenswandel kein Hinderniß bildet. — Der algerische Abgeordnete Morinaud brachte einen Gesetzentwurf über die Aufhebung der Cremieux'schen Verordnung ein, die den algerischen Juden französische Bürgerrechte verlieh. — Das jüdische Hospital und Waisenhaus in London hat nach seinem letzten Bericht für 310 Kinder eine Ausgabe von ca. 170000 M , der nur 155 000 M. an Einnahme gegenüberstehen. — In Liverpool wurde zum Besten der Hebrew Charities ein großer orientalischer Bazar eröffnet, der eine Straße in Jerusalem vorstellt. Mehrere Damen der höchsten Aristokratie sind unter den Verkäuferinnen, während der Lord Mayor in eigener Person der feierlichen Eröffnung präsidirte — In Bombay fand am 17. v. M. die feierliche Einweihung des neuen Schulgebäudes statt. Lord Sandhurst, der Gouverneur von Bombay, präsidirte der Feier und hielt die Hauptrede, in der er darauf hinwiesdaß in der Sammelliste für die Schule auch nichtjüdische Namen reichlich und mit größeren Beträgen sich befinden. — In Quetta (Beludschistan) liegt eine größere Garnison englisch-indischer Truppen, unter denen auch eine Anzahl Juden, Bnei Israel, als Soldaten und Offiziere sind. Das letzte Chanukahfest wurde nun von den jüdischen Offizieren des 22. Bombay-Infanterieregiments dazu benutzt, alle Juden dieser Garnison freundschaftlichst zu einem Festessen zu vereinigen, denen der Major Benjamin präsidirte. — In Indiana wurde Leonard Levy zum Staatsschatzmeister ernannt. Er ist aber nicht — wie manche Zeitungen glauben — der erste Jude, welcher als höherer Staatsbeamter eine Anstellung in den Vereinigten Staaten erhalten hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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